Debatte um frühzeitigen Ferienstart: Kann man sich den letzten Schultag vor den Ferien schenken?
Wegen dieser Frage steht Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin in der Kritik. Ja, Familienurlaub ist ein Härtefall. Es geht aber auch ums Prinzip. Ein Pro & Contra.
D a nimmt die Justizministerin von Mecklenburg-Vorpommern ihr Kind einen Tag vor Ferienbeginn aus der Schule, um in den Urlaub zu fliegen. Darf sie das?
Ja.
Das deutsche Schulgesetz ist sehr – nun ja, deutsch: Am letzten Schultag vor den Ferien das Kind aus der Schule nehmen? Nur mit Härtefallantrag! Ist die Oma gestorben? Nein? Dann sorry, Anwesenheitspflicht. Auch wenn die an letzten Schultagen oft nur darin besteht – Achtung, nichtrepräsentative Erhebung auf Basis persönlicher Betroffenheit –, ein bis drei Unterrichtsstunden mit Filmen oder Spielen zu füllen. An die sich das weit vor dem Mittagessen wieder zu Hause auftauchende Kind auf Nachfrage auch nicht erinnert.
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Nun hat Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Jacqueline Bernhardt (Linke) offenbar Konsequenzen aus dieser Tatsache gezogen: Sie bat um eine Schulbefreiung für ihren Sohn für den letzten Tag vor den Winterferien, um den Abflug in den Familienurlaub nicht zu gefährden. Die Schule gewährte ihr das. Natürlich fliegt der Ministerin das jetzt um die Ohren, denn genau: Eine Pauschalreise ist nun mal kein Härtefall. Und hat da vielleicht eine Ministerin eine Vorzugsbehandlung bekommen? Politisch sieht das alles mindestens ungeschickt aus.
Statt sich aber nun mit Moraldebatten aufzuhalten: Gebt endlich den letzten Schultag frei für gewöhnliche Urlaubsanträge (die die Schule immer noch ablehnen kann). Davon mal abgesehen: Familienurlaub ist kein Härtefall? Doch, natürlich ist er das. Wir hören gerade von konservativer Seite, dass wir immer mehr arbeiten sollen, raus aus der Teilzeit allesamt, besonders die Frauen! Wer sich permanent anstrengen soll, braucht irgendwann eine Pauschalreise. Wenn Vollzeit in Teilzeit arbeitenden Familien (Job, Kinder, Haushalt) das durch unflexible Ferienregelungen erschwert wird, dürfte das die Arbeitsmoral jedenfalls auch nicht gerade heben.
Anna Klöpper
Nein.
Es mag spießig klingen, am letzten Schultag vor den Ferien streng auf der Schulpflicht zu beharren. Natürlich wird kein Schulkind im späteren Leben scheitern, wenn es ein paar Stunden Unterricht versäumt. Aber ganz egal ist es eben auch nicht. Es geht ums Prinzip und eine politische Vorbildwirkung. Wer den weltweiten Verfall der regelbasierten Ordnung beklagt, darf auch bei der vorzeitigen Schulbefreiung für den Sohn der Justizministerin von Mecklenburg-Vorpommern nicht schweigen.
Gerade weil sich jeder längere Ferien wünscht und gerne früher als erlaubt abdüsen würde, ist es keine lässliche Lappalie, wenn sich ein Regierungsmitglied Extrawürste gönnt, die dem Wahlvolk versagt werden. Zum Glück hat das auch die zuständige Justizministerin erkannt und den Vorgang kritisiert, obwohl sie in derselben Linkspartei ist wie ihre Kabinettskollegin. Dass Rechte jetzt den Fauxpas der linken Früh-Urlauberin zur Staatskrise aufbauschen, um daraus im Wahlkampf politisches Kapital zu schlagen, kann kein Grund sein, den Fall als Kleinigkeit abzutun. Den Eindruck, dass sich hochrangige PolitikerInnen mehr herausnehmen, als in den Regeln steht, dürfen gerade Linke nicht erwecken, wenn sie glaubwürdig bleiben wollen.
Die weit verbreitete Haltung, es sei wurscht, ob man am letzten Tag vor den Ferien noch in die Schule geht, ist auch ein Zeichen für mangelnden Respekt. Denn LehrerInnen müssen ja auch kommen, obwohl sie ebenfalls sicher lieber früher abhauen und billigere Flüge nutzen würden. Es wäre also ungerecht, wenn man den letzten Schultag freigibt. Und ein seltsames Signal. Was sollen Kinder daraus lernen? Dass es egal ist, ob man einen Tag früher oder später Urlaub macht? Das würde auch meiner Chefin bei tazeins wahrscheinlich nicht gefallen. Oder?
Lukas Wallraff
Anm. der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es in der Unterzeile versehentlich, dass es um die Bildungsministerin ginge. Tatsächlich dreht sich die Deabtte – wie im Text richtig erwähnt – um die Justizministerin. Wir lernen: nicht alles, was an Schulen passiert, hat mit Bildung zu tun.
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