taz-Autor:in macht Werbung für Luxusmarke: Nur noch Gucci, Bratan

Wenn Linke Luxus leben, regt das sowohl Rechte als auch Linke auf. Doch wer mit einer Doppelmoral argumentiert, hat Kapitalismuskritik nicht kapiert.

Ein Schaufenster mit dem Foto von hengameh Yaghoobifarah

Hengameh Yaghoobifarah wirbt für das Kaufhaus des Westens Foto: Christophe Gateau/dpa

Taz-Kolumnist:in Hengameh Yaghoobifarah wirbt für das KaDeWe in Berlin, für einen Ledermantel der Marke Marni (3.900 Euro) und für Ankle Boots (459 Euro). In einem dazugehörigen Video sagt Yaghoobifarah: „Luxus ist geil, solange alle Luxus haben können.“ Die Werbefotos, die seit Mittwoch rumgeistern, sind mit dem Slogan „Alles allen“ garniert. Und im Netz ist die Aufregung mal wieder groß.

Manche finden die Fotos toll, wie auch die sogenannte Polizeikolumne, die im Sommer für Aufsehen gesorgt hatte. Andere mögen die Fotos, obwohl sie die Kolumne kritisch sehen. Und wieder anderen, Polizeigewerkschafter und Welt-Chefredakteure inbegriffen, gefällt weder Kolumne noch Werbung.

Ihre Kritik: Wie kann sich eine Person kapitalismuskritisch geben und für Luxusartikel werben? Auch manche gewissenhafte Linke finden deshalb, dass hier mit dem Aushalten kapitalistischer Widersprüche übertrieben wurde. Andere stellen triumphal fest, dass es sich einfach um einen gelungenen Werbecoup für beide Seiten handele.

Doch wenn all diese denken, sie könnten Linke der Doppelmoral überführen, dann zeigen sie meistens nur, wie wenig sie von deren Kritik am Status quo verstanden haben. Menschen vorzuwerfen, sie würden den Kapitalismus kritisieren und trotzdem am Kapitalismus teilnehmen, ist lächerlich.

Reinheit des linken Daseins

Wenn die vermeintlich verlogenen Linken also kapitalistisch sind, weil sie Werbung machen oder teure Uhren tragen, wo sind dann die aufrichtigen Linken? Nach der Logik genannter Kritiker müssten diese imaginierten, aufrichtigen Linken alle irgendwo jenseits der Zivilisation Subsistenzwirtschaft betreiben, Felder bestellen, Vieh halten und jagen gehen, um zu überleben.

Jene Linke, die bald wirklich Subsistenzwirtschaft betreiben könnten, kämpfen heute noch auf Twitter und Co um die Reinheit des radikalen Linksseins. Sich als Linker möglichst widerspruchsfrei durch eine widerspruchsvolle Welt zu bewegen ist nicht gratis.

Das wissen wir auch von Diskussionen über Fairtrade oder Flugscham. Wer genug Mittel hat, um seinen Prinzipien getreu Geld zu verdienen und zu konsumieren, der möge das tun. Wenn er aber mit dem Finger auf andere zeigt, dann offenbart das selbstgerechte Ignoranz.

In ihrer intendierten provokativen Wirkung ähnelt die Werbekampagne deshalb, das hat eine Kollegin von der Berliner Zeitung auch festgestellt, dem zeitgenössischen deutschen Gangstarap. Wie Capital Bra sagt: „Nur noch Gucci, Bratan, ich trage nur noch Gucci.“

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