Merz' Beschwerde über Krankenstand : Zu wenig Erholung macht krank
Mit seinen Aussagen zu Krankmeldungen und Arbeitszeit ignoriert der Kanzler arbeitspsychologische Erkenntnisse – Zeit für einen Crashkurs.
Foto: MacRein/picture alliance
M enschen, die permanent Unreflektiertes von sich geben, sind bisweilen etwas anstrengend. Einer dieser Menschen ist Friedrich Merz. Seine jüngste Aussage, sinngemäß: Menschen, die sich krankmelden, sollten dies bitte lassen. Diese Forderung passt zu Merz’ Ansicht, dass die Deutschen generell mehr arbeiten sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Es ist erstaunlich, dass Merz bei seinen Forderungen wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeits- und Gesundheitspsychologie ignoriert. Denn sonst würde er wissen, dass ein hoher Krankenstand ein Hinweis auf Arbeitsüberlastung ist. Er würde auch wissen, dass mehr Arbeitszeit nicht automatisch mehr Output bedeutet, sondern gar das Gegenteil, insbesondere bei Wissensarbeiten. Dass generell nicht Druck, Kontrolle und das Ermahnen, sich zusammenzureißen, zu einer besseren Arbeitsleistung führen, sondern Wertschätzung, Motivation, körperliches und seelisches Wohlbefinden. Dass die Menschen dafür auch Erholung, Bewegung und ein erfülltes Leben neben der Arbeit benötigen, für das sie die entsprechende Zeit brauchen.
Beispiel Erholung: Bei einer hohen Arbeitsbelastung wird das Stresshormon Cortisol vermehrt ausgeschüttet, wodurch die Regeneration gehemmt wird; mehr Erholungszeit wird benötigt. Durch Mehrarbeit ist die Erholungszeit aber zusätzlich verkürzt. Zu wenig Schlaf, Erholung und Bewegung führen zudem zu einer erhöhten Infektanfälligkeit, da das Immunsystem geschwächt wird (Stichwort Erkältung, häufigster Grund für eine Krankschreibung). Zum anderen führt es zu einer kognitiven Verlangsamung. Die Folgen sind beispielsweise Unaufmerksamkeit, Lustlosigkeit, weniger Kreativität. Die Arbeit wird weniger schnell und gut erledigt. Zudem steigt das Risiko für Unfälle und Fehlentscheidungen – sehr teuer für Unternehmen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Dies sind nur wenige der vielen Beispiele dafür, welchen immensen Einfluss Arbeits- und Erholungszeit auf Gesundheit und Arbeitsergebnisse haben. Erholung ist ein wesentlicher Faktor einer funktionierenden Wirtschaft, kein ärgerlicher, unnötiger Kostenfaktor, den man zusammenstreichen kann.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert