Menschenfeindliche Verkehrspolitik: Nicht nur ein Unfall, sondern unterlassene Hilfeleistung
Ein elfjähriger Junge wird in Hamburg beim Radfahren von einem Lkw-Fahrer getötet. Sein Tod zeigt, wie gefährlich die Straßen für Kinder sind.
A m Mittwoch, während Deutschland über den Tankrabatt diskutierte, wurde in Hamburg der elfjährige Simon von einem rechts abbiegenden Lkw getötet. Er war mit dem Fahrrad unterwegs und trug einen Helm. Seine Kopfverletzungen waren so schwer, dass er am Unfallort starb. So berichtet es der NDR.
Der Lastwagen hatte eine Kamera, um den toten Winkel zu überblicken. Ob sie eingeschaltet war und was genau passiert ist, das ermittelt die Polizei. Am Unfallort liegen Blumen und ein Kuscheltier, Simba aus „Der König der Löwen“. Simon ist der zweite getötete Radfahrer in Hamburg in diesem Jahr.
Ich bin wenige Meter vom Unfallort aufgewachsen, als Kind oft über diese Kreuzung gefahren. Vor allem aber trifft mich die Nachricht, weil mein Sohn, der ein paar Jahre jünger ist als Simon, etwas Ungeheuerliches vorhat: Er will sein Recht wahrnehmen, sich allein mit dem Fahrrad durch Berlin zu bewegen.
Am Donnerstag habe ich ihn zum Fußballtraining gebracht, beim Abschied sagte er: „Papa, du musst mich nicht abholen. Heute komme ich allein nach Hause.“ Ich stammelte, dass er sein Notfallhandy nicht dabeihat. Und dachte: Das hilft ihm auch nicht gegen einen Lkw.
Es muss jemand getötet werden, bevor sich etwas ändert
Der Fußballplatz ist nicht weit entfernt. Aber man muss über eine vierspurige Straße, an der ein weißes Fahrrad steht. Hier wurde ein Radfahrer von einem Lastwagen getötet. Am Abend saß ich zu Hause und wartete auf meinen Sohn. Ich sah auf die Küchenuhr und wurde nervös. Im Kopf ging ich die Strecke durch.
Nach der großen Kreuzung muss er an sieben Baustellen vorbei. Rohre sollen ersetzt und Gehwege erneuert werden. Seit Wochen passiert nichts. Alle paar Meter muss er um eine Baustellenabsperrung herumkurven. Einen ordentlichen Radweg gibt es nicht. Zum Teil ist der verbliebene Gehweg so eng, dass kein Kind mit dem Fahrrad durchkommt, geschweige denn jemand, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Man muss auf die Straße ausweichen oder auf die falsche Straßenseite wechseln.
Es ist eine Straße, die dazu einlädt, eher 70 als 50 zu fahren. Am Zebrastreifen fahren viele schnell weiter, statt zu bremsen, auch wenn Fußgänger und Radfahrer schon warten, um die Straße zu überqueren. Eine Ampel würde hier erst gebaut werden, wenn die Straße ein Unfallschwerpunkt wäre. Es muss also jemand getötet werden, bevor sich etwas ändert. So sieht es, kurz zusammengefasst, die Straßenverkehrsordnung vor.
Die Zukunft der Automobilbranche ist im Zweifel wichtiger
In Helsinki gibt es keine Verkehrstoten, seitdem flächendeckend Tempo 30 eingeführt wurde. Und in Berlin? Hängen Plakate mit den selbstgefälligen Gesichtern von CDU-Politikern. Dazu die Zeile „Auto verbieten verboten“.
Ist Verkehrsunfall da noch der richtige Begriff? Besser wäre es, von unterlassener Hilfeleistung zu sprechen. Die Mopo berichtet, dass bei mehreren Hamburger Radtoten die Fahrradwege nicht ordentlich markiert waren, die Lkw-Fahrer sie womöglich nicht gesehen haben. Der rot-grüne Senat hat den Bau von Radwegen gestoppt, aus Angst um Parkplätze. Genau wie der Berliner Senat, der zudem Tempo-30-Zonen wieder aufgehoben hat.
Die größte Angst von Eltern ist, dass ihren Kindern etwas zustößt. Und das Gefährlichste, was meine Kinder machen, ist, sich durch ihre Stadt zu bewegen. Politiker, die mehr Sicherheit im Straßenverkehr aktiv verhindern, denen die Raserei und die Zukunft der Automobilbranche im Zweifel wichtiger sind, tragen dafür eine Mitverantwortung.
Eine Viertelstunde später als erwartet kam mein Sohn vom Fußballtraining nach Hause. Er war so fröhlich, wie man ist, wenn man etwas allein geschafft hat. Und weil sein Trainer noch eine Runde Eis ausgegeben hat.
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