Kontroverse um Sarah-Lee Heinrich: Ich weiß, was du mit 14 gesagt hast

Gegen die Vorsitzende der Grünen Jugend gibt es einen Shitstorm wegen Tweets, die sie mit 14 schrieb. Was sie schrieb, ist Problem der Gesellschaft.

Sarah-Lee Heinrich, neue Bundessprecherin der Grünen Jugend, spricht beim 55. Bundeskongress der Grünen Jugend unter dem Motto "Keine Zeit für kleine Schritte - Zukunft erkämpfen". Sie lächelt an der Kamera vorbei und hält die Hände in der Luft

Sarah-Lee Heinrich steht für Tweets in der Kritik, die sie mit 14 Jahren schrieb Foto: picture alliance/dpa/Bodo Schackow

Ich weiß, was du mit 14 gesagt hast. In dein Freundschaftsbuch hast du eine Liste aller Klas­sen­ka­me­ra­d:in­nen geschrieben, hinter jeden Namen einen Doppelpunkt, dann eine Schulnote. Ich weiß, dass Sabrina von dir eine 5 bekommen hat, obwohl du nichts gegen sie hattest, aber sie bekam die 5, weil niemand sie mochte, und du wolltest zur Mehrheit gehören, das erschien dir besser. Mirko hatte sogar eine 6, das war seine Note als Gesamtpaket Mensch, weil er den Inhalt von Tintenpatronen in abgestandenes Bockwurstwasser kippte und das Zeug vor der ganzen Klasse runterwürgte.

Ich weiß, was du mit 14 mal gesagt hast. Dass Frauen mit hohen Stiefeln aussehen wie Nutten, und dass unsere Kunstlehrerin Frau B. keinen Mann abgekriegt hat wegen ihrer ­Achselhaare. Du hast auch gesagt, dass dich das ständige Thema Nationalsozialismus langweilt, und dass du Jungs vom Bauchnabel abwärts ekelhaft findest. Einmal hast du deinen Vater nach seiner Nachtschicht angeschrien, dass es scheiße ist, wie wenig Geld ihr habt. Und einmal, auf Klassenfahrt, sagtest du, dass Tobi unsterblich in dich verliebt ist, weil ihr euch dreieinhalb Minuten mit Küchenhandtüchern durchs Schullandheim gejagt habt.

Als du 14 Jahre alt warst, hast du gesagt, dass es dich ankotzt, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden. Du hast gesagt, dass es furchtbar ist, dass es Hunger gibt, obwohl doch genug zu essen da ist. Du warst entsetzt, dass in Fabriken Waffen produziert werden. Du konntest nicht verstehen, warum nicht alle Menschen gut sind. Beinah musstest du weinen deswegen. Wirklich geweint hast du, als Tobi eine Freundin hatte, da hast du gesagt, dass du niemals wieder in der Lage sein würdest, zu lieben. Außerdem: dass Maryams Arme schön aussehen, weil darauf dunkle Haare Muster bilden. Und: dass du das Gedicht mit den blühenden Zitronen magst, weil es sich anfühlt wie Nachmittagssonne auf Mallorca.

Viele Dinge, die du damals gesagt hast, waren falsch, manche sehr schön, einige sehr hässlich. Die Dinge, die du gesagt hast, passen nicht zusammen, schließlich warst du 14, da hast du als Mensch nicht mal zusammengepasst, und 14 Jahre später beschleicht dich das Gefühl, dass du dich ein Leben lang in dir selbst verkanten wirst.

Wir haben mit 14 hässliche Dinge gesagt. Frauen-, behinderten-, queerfeindliche. Rassistische, antisemitische. Wir wissen, dass wir diese Dinge denken und aussprechen konnten, weil sie zu oft mit „normal“ oder „nur Spaß“ abgetan werden, nicht nur auf Schulhöfen, auch in Büros, WG-Küchen und Zeitungen. Wir wissen, dass strukturelle Probleme nicht individuell lösbar sind.

Wir wissen, dass Welten liegen zwischen dem, was einer Schwarzen Frau droht, wenn sie etwas Falsches sagt, und dem, was einem weißen Mann droht. Wir wissen, was manch ei­ne:r mit 53 Jahren sagt, berechnend, gehässig, mündig. Gespaltene Zungen formen wieder Hufeisen. Ja, wir wissen das.

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Redakteurin der taz am wochenende. Schreibt alle 14 Tage die Kolumne poetical correctness für taz2.

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