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US-israelische Angriffe auf IranTrumps Krieg steckt voller Widersprüche

Leon Holly

Kommentar von

Leon Holly

Die USA wollen das Regime in Iran nur mit Luftangriffen und ohne Bodentruppen stürzen. Trump läutet damit eine neue Phase des MAGA-Imperialismus ein.

Trümmer in Teheran nach einem US-israelischen Angriff auf eine Mädchenschule Foto: Iranian Students' News Agency/AP

D as Motto „Make America Great Again“ wird oft als Zurückhaltung vor Kriegen im Ausland interpretiert. Dieses Missverständnis hat US-Präsident Donald Trump spätestens in seiner zweiten Amtszeit ausgeräumt. Mit den amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf Iran am Samstag hat der MAGA-Imperialismus die nächste Eskalationsstufe erreicht.

Mit tief in die Augen gezogener weißer Schirmmütze rief Trump in der ersten Videobotschaft nach Beginn seiner „Operation Epic Fury“ ein neues Ziel aus: den Regimewechsel. Großflächige Angriffe auf iranische Raketenstellungen und Seestreitkräfte würden ausgeführt. Mehrtägige Bombardierungen sollen das Regime in Teheran so schwächen, dass die Bevölkerung es in einem Aufstand abschütteln kann.

Damit ist der Krieg gegen Iran für Trump etwas gänzlich Neues: Der Präsident und seine Verbündeten scheinen tatsächlich den Kollaps der Islamischen Republik herbeiführen zu wollen.

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Auch beim Angriff auf Venezuela zielten die USA auf einen unliebsamen Diktator ab. Jedoch sprachen Trump und Co. im Anschluss an die Entführung Nicolás Maduros nie von einem Regimewechsel – das chavistische System sollte vielmehr erhalten bleiben, und die Nachfolger des Machthabers sollten durch Drohungen gefügig gemacht werden. Anders nun in Iran.

Zivilisten unter Beschuss

Der Ausgang des Krieges ist mehr als ungewiss. Im großen Unterschied auch zur Invasion des Irak 2003, bei dem die USA und ihre Verbündeten völkerrechtswidrig ein Land im Nahen Osten angriffen, um dessen brutale Diktatur zu stürzen, setzen die USA gegen Iran keine Bodentruppen ein. Kein Territorium soll erkämpft und gehalten werden.

Da eine langjährige Besatzung viele Soldaten und Ressourcen erfordert, beschränkt sich Trump im Iran auf Luftangriffe – mit der Hoffnung, dass der iranischen Bevölkerung der Regimewechsel „on the ground“ gelingt.

Das wird viele Zivilisten das Leben kosten. Mehreren Quellen zufolge tötete eine Bombe, die am Samstag in einer Mädchenschule in Teheran einschlug, dutzende Menschen. Nachdem das Regime im Januar tausende Demonstrierende erschossen hat, kommt die Gefahr jetzt von oben.

Trumps Ansprache vom Samstagmorgen offenbarte so auch mit Blick auf die Zivilbevölkerung eine gewisse Widersprüchlichkeit. Der Präsident rief die Iraner einerseits auf, sich zu erheben, sagte aber auch: „Verlassen Sie Ihr Zuhause nicht. Draußen ist es sehr gefährlich. Überall werden Bomben fallen.“ Weil Trump offenbar um die Waghalsigkeit seiner Kriegsziele weiß, erdreistete er sich auch noch, die Iraner vorab für ein mögliches Scheitern verantwortlich zu machen – wenn sie diese „Chance“ zum Sturz der Mullahs nicht nutzen.

Trump und seinen Militärs ist bewusst, dass sich die iranische Führung in den letzten Monaten auf massive Gegenschläge gegen Israel und US-Militärbasen in der Region vorbereitet hat – und diese Angriffe folgten am Samstag prompt. So stellte der Präsident das amerikanische Volk in seiner Rede auch auf Verluste unter US-Amerikanern im Nahen Osten ein.

Unmut bei MAGA

Für Trump ist das ein heikler Punkt. In vergangenen Kriegen – etwa bei der Entführung Maduros oder den Luftschlägen gegen iranische Nuklearanlagen vergangenen Sommer – ist Trumps Anhängerschaft ihm im Großen und Ganzen gefolgt. Doch wenn die USA durch die Gegenangriffe echte Verluste hinnehmen müssen, könnte die Stimmung kippen.

Für die Betriebstemperatur der MAGA-Bewegung sind die Kriegsziele entscheidend. In seiner Rede verwies Trump auf die lange Feindschaft der USA mit der islamistischen Führung in Teheran. Bei vielen Konservativen und Rechten zieht das durchaus.

Doch einige Vordenker der Bewegung, wie etwa der rechte Talkshow-Host Tucker Carlson, haben in den letzten Wochen deutliche Zweifel vorgebracht, dass ein Krieg gegen Iran wirklich im Interesse der USA liegt.

Im nächsten Schritt unterstellen sie oft, die USA würden in Wahrheit nur für die Interessen Israels kämpfen – und von dort ist es nicht mehr weit zu der Erzählung, Trump opfere amerikanische Patrioten für einen „jüdischen Krieg“. Berechtigte Kritik an Netanjahus Kriegstrommelei wird so zum Einfallstor für jenen Antisemitismus, der in der amerikanischen Rechten mittlerweile kaum noch einzuhegen ist.

Ein blutiger Niedergang

Die Kriegslust der Trump-Regierung in Washington kann auch die glühendsten MAGA-Patrioten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das US-Imperium im Niedergang befindet. Nur bedeutet der zunehmende Bedeutungsverlust der USA nicht automatisch eine Politik des Isolationismus.

Anstatt sich zurückzuziehen und sich um ihre heimischen Probleme kümmern, verfolgen die USA mit immer brutaleren Mitteln ihre Ziele. Der weitere Abstieg kann noch viel blutiger und schmutziger werden.

Gewiss, in der US-Rechten gibt es auch eine radikal-isolationistische Strömung, und einiges deutet darauf hin, dass sie stärker wird. Doch „America First“ hieß tatsächlich nie nur nach innen schauen, sondern immer auch: amerikanische Stärke. Wenn der Anspruch auf Vorherrschaft auf die objektiven Bedingungen des imperialen Verfalls prallt, dann kommen ganz neue Monster zum Vorschein.

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Leon Holly
Schreibt über gesellschaftliche Konflikte und internationale Politik, mit besonderem Fokus auf die USA und die Levante. Von 2023 bis 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Davor Studium der Politikwissenschaft und Nordamerikastudien in Berlin und Paris.
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12 Kommentare

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  • Es bestürzt mich zutiefst, dass es allen Ernstes Menschen gibt, die daran glauben, dass es für irgendein Volk letztendlich positiv sein könne, wenn ein Quartalsirrer beschließt dessen Territorium zu bombardieren.



    Dass es Trump in keiner Weise um die Bevölkerung des Iran geht dürfte auch dem Letzten klar sein, der nicht versehentlich im Bible Belt seinen Trailer stehen hat und auf Trump-Bettwäsche schläft.



    Was denn, wenn Agent Orange seine Ziele nicht innerhalb weniger Tage erreicht sieht? Gestaltet er dann dieses Riesenland zu Gaza 2 um? Zurück in die Steinzeit - wie ein US-Militär das dereinst mit Vietnam vor hatte?



    Das einzig Gute, das aus diesem Krieg hervorgehen könnte, wäre das diese US-Regierung sich daran derartig verhebt, dass ihr der amerikanische Wähler den Daumen senkt...

  • In Deutschland sollte nicht vergessen werden, dass auch hier eine Diktatur 1945 mit Waffengewalt beendet wurde und dadurch erst (wieder) - zumindest in D-West (BRD) - eine (bis dato) anhaltende Demokratie besteht. Ob und wie das im Iran möglich ist, kann ich nicht beurteilen. Den Hinweis auf die deutsche Geschichte wollte ich jedenfalls in die Gedanken einbringen...

    • @HopeDrone:

      Die deutsche Diktatur wurde deshalb mit Waffengewalt beendet, weil sie zuvor ihre eigenen Waffen gegen fast die ganze restliche Welt erhoben hatte. Und damit völlig zurecht, schon, weil das auf anderem Wege wohl kaum möglich gewesen wäre. So weit ich erkennen kann ist das hier nicht der Fall. Wenngleich die großmäuligen alten Herrschaften mit den Turbanen recht häufig gerne mit Vernichtung drohten. - Schätze, Sie bemerken den Unterschied dann doch...

      Wie Trumps "Experiment" im Iran ausgeht kann leider noch niemand beurteilen. Vielleicht wäre es ja sonst irgendeinem seiner "Berater" möglich gewesen dem Typen aus Gottes eigenem Land sein militaristisches Vorgehen auszureden. Wenns um Eigennutz geht - besonders finanziellen - kann er ja recht sensibel sein.

      • @Der olle Onn:

        Der Unterschied war/ist mir durchaus bewusst. Wollte eben nur bemerken, dass ein Regimewechsel grundsätzlich auch mit Waffengewalt von außen möglich ist.



        Die mutige Bevölkerung stand ja zuletzt trotz großer Gefahr immer wieder gegen das Regime und für Freiheit auf. Ich wünsche den Iraner-innen, dass sie das bald erreichen werden!

  • Wenn der Iran-Coup gelingt, bedeutet das natürlich einen Booster für Trump. Viele Anhänger, die in den letzten Monaten zu Zweiflern wurden, werden ihm dann erneut zujubeln.

    • @Il_Leopardo:

      Das könnte leider genauso passieren. Da verstehe einer die Amerikaner und ihren Nationalismus...



      Wenn der Lamettamann aus dem Weißen Haus anderen Nationen ungestraft auf die Köpfe hauen kann, wähnt sich scheinbar selbst der Benachteiligtste in seiner Bevölkerung den großen Starken des Planeten zugehörig.

  • Wir erleben den moralischen und physischen Bankrott einer Weltordnung, die von Egomanen in Trümmer gelegt wird. Ob Putin mit seinem blutigen Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine oder Trump mit seiner rücksichtslosen „America First“-Abrissbirne gegen internationale Stabilität: Diese Despoten teilen die gleiche Sprache der Gewalt und Verachtung. Sie spielen mit dem Schicksal von Millionen, als wäre die Welt eine private Arena für ihren Größenwahn.



    ​Während ganze Regionen in Schutt und Asche versinken und die mühsam aufgebauten diplomatischen Brücken brennen, feiern sich diese Brandstifter als Retter. Es ist ein zynischer Tanz auf dem Vulkan, der die Zukunft ganzer Generationen verfeuert. Wer Nationalismus über Menschlichkeit und Despotie über das Völkerrecht stellt, führt uns direkt in die Barbarei. Wir dürfen nicht länger schweigend zusehen, wie zwei Männer die Welt in Geiselhaft nehmen und die Freiheit auf dem Altar ihrer Machtgier opfern. Der Widerstand gegen diesen globalen Wahnsinn ist keine Option, sondern eine Überlebensfrage!

  • Nur aus der Luft angreifen? Als die USA die Kurden in Syrien gegen den IS unterstützten, war das ein solidarisches Eingreifen. Wie weit das iranische Volk seines Selbstbewusstseins beraubt wurde durch die schiitische Islamismus-Ideologie und ihre Islamwächterblockwarte, wissen weder taz-Kommentatoren noch US-Präsident Trump. Trump versucht also einfach, die Iraner zu ihrem Glück zu zwingen, ohne wissen zu können, ob die dazu eingesetzten Bomben auf fruchtbaren Boden fallen in Bezug auf daraus, ja ausgerechnet daraus folgende Volkserhebung.

    Luftangriffe waren auch vor Kurdistan schon wiederholt die US-Strategie in der Region. Gegen Saddam Hussein wurden unverholen von Bush senior die Laserbomben und von Bush junior die Marschflugkörper getestet! Bush senior war immerhin noch ein vernünftiger Republikaner, Bush junior entfachte bereits neuen US-Nationalismus (Heimatschutzministerium), begleitet von Sarah Palins Tea-Party-Bewegung. Stärker als Palin erwiesen sich Fox-News, Breitbart & Co, um Trumps Präsidentschaft endgültig einen pseudokonservativen destruktiven Impetus zu verpassen, von dem die USA sich erst nach Jahrzehnten erholen können.

  • sehe es schlichter.

    Trump ist in den Umfragen abgestürzt und mit seinen Zöllen gescheitert; seine Beteiligung an Epsteins Verbrechen wird immer offensichtlicher. Kurz gesagt, er ist innenpolitisch, außenpolitisch und persönlich angeschlagen. Mit einem Amoklauf in Gestalt eines völkerrechtswidrigen Angriffskriegs reagiert er darauf.

    Innenpolitisch, indem er die Haudrauf-Instinkte menschenverachtender, rassistischer Primitivlinge, die seine wichtigste Unterstützerbasis (auch in Deutschland, aber das interessiert ihn nicht) darstellen, bedient.



    Außenpolitisch, indem er die speichelleckerischen Reflexe seiner rückgratlosen Vasallen, u.a. Deutschland, hervorruft.



    Und persönlich, indem er seine eigenen niederen Gelüste nach Gewalt und Dominanz befriedigt.

    Es gibt zur Zeit keinen Grund zu der Annahme, dass ihm dies nicht gelingt.

  • "So stellte der Präsident das amerikanische Volk in seiner Rede auch auf Verluste unter US-Amerikanern im Nahen Osten ein."



    Da gerät gerade etwas außer Kontrolle.



    Die FIFA muss unverzüglich die WM-Ausrichtung wegen Sicherheitsbedenken überprüfen, vielleicht ganz grundsätzlich sofort in Frage stellen, ob man die physische und psychische Gesundheit aller Beteiligten, auch der multikulturell engagierten Fans, garantieren kann.



    Ein kritischer Blick auf die Teilnehmer und ihre politische "Lagerzugehörigkeit" reicht.

  • Die USA entfernen sich immer weiter von den Errungenschaften der Aufklärung, der Zivilisation, des Humanismus. Ein solcher Zynismus wie ihn das Trump-Regime an den Tag legt, gepaart mit kaum zu übertreffender Selbstsucht gehört in die finstersten Abschnitte der Menschheitsgeschichte. Wo bleiben nur die aufrechten Leute, die sich (noch) nicht diesem Trend hingeben wollen??

  • Wir haben in den 1950er bis 1970er-Jahren in Mittel- und Südamerika gesehen, was passiert, wenn die USA rechtsextreme Marionetten zur Macht verhelfen. Die Abholzung der Regenwälder oder der aufblühende "Narco-Kapitalismus" sind noch garnichts, es gipfelte bis in die Konzentrationslager vom neoliberalen Pinochet, wo sogar ein Fußballstadion zu einem Lager umgestaltet wurde.

    Der Iran soll also auch zur Marionette werden. Manche Golfstaaten sind es bereits, Öl und Geld fließen im Übermaß hin und her, die Völker haben darunter zu leiden. Einfache Beduinen oder Frauen haben nichts zu sagen, Einspruch und Klagen werden verboten, und das ist den Machthabern nur recht so.

    Läuft also gut für die neue Weltordnung.