Schulstreik gegen die Wehrpflicht: Der Herr Oberstudienrat ist entsetzt
Der niedersächsische Philologenverband erklärt, warum Demokratie in der Schule nichts zu suchen hat. Und Linksradikale klauen kleine Kinder.
D ie Meldung der Deutschen Presse-Agentur begann mit dem drolligen Satz: „Streiks von Schülerinnen und Schülern sollten aus Sicht des niedersächsischen Philologenverbandes (PHVN) nach Schulschluss organisiert werden.“ Pfff, dachte ich. Sind diese älteren Herren jetzt schon so lange verbeamtet, dass sie nicht einmal mehr wissen, was genau das Wort „Streik“ eigentlich bedeutet?
Aber in Wirklichkeit war das natürlich nur die ungeschickte Einleitung der Presse-Agentur. Die Originalpressemitteilung des PHVN listet noch einmal das gleiche dumme Genörgel auf, das wir schon von den Klimastreiks kennen – und legt eine Schippe drauf.
Das ist ja schön, wenn die Kinder sich demokratisch engagieren, heißt es im Grundtenor. Aber das sollen die doch bitte in ihrer Freizeit machen. Übersetzt heißt das: Am besten stellen sie sich mit ihren selbstgemalten Schildern am Sonntag in die Fußgängerzone, damit sie weder Schulbetrieb noch Straßenverkehr oder Einkaufsvergnügen beeinträchtigen.
Merkt euch, liebe Kinder: Politik hat in der Schulzeit nichts verloren und Demokratie mögen wir nur, wenn sie nicht weiter stört. Der Vorsitzende des PHVN, Christoph Rabbow, ergeht sich dann noch weiter in seltsames Geraune über die Art der Mobilisierung.
Albträume deutscher Beamter
Da ist von „problematischer Ansprache Minderjähriger“ und „Vermischung mit gewerkschaftlicher Kommunikation“ die Rede. Von „sehr jungen Schülerinnen und Schülern ab Klasse 5, die die Tragweite einer politischen Aktion häufig nicht einschätzen können“. Ja! Die armen Kleinen kriegen ja auch erst ab der 8. langsam so richtigen Politikunterricht!
Von „Fragen der Aufsicht“, die nicht ausreichend berücksichtigt werden, ist noch die Rede, was ja tatsächlich ganz, ganz gefährlich ist. Schon klar: Nichts macht einem deutschen Beamten mehr Albträume als ungeklärte Verantwortlichkeiten und unklarer Versicherungsschutz.
Es kommt aber noch doller: Da sind nämlich „Initiatoren der Kampagne, die sich nicht klar zu erkennen geben“. Und: „Es stellt sich daher hier die Frage, ob hier ein freier Schultag als Köder genutzt wird, um für politische Zwecke zu instrumentalisieren“, schreibt Rabbow.
Das ist dann nur noch Millimeter entfernt vom schleswig-holsteinischen CDU-Landtagsabgeordneten Martin Balasus, der glaubt, er könnte das Thema gleich ganz abtun mit dem Hinweis „DKP – oh jemine“. So hat er tatsächlich seine Pressemitteilung überschrieben, in der er von „linksradikalen oder sogar linksextremistischen Kräften mit klarer ideologischer Agenda“ schwadroniert.
Nur ein Funken Verantwortungsbewusstsein
Man möchte ihn fast fragen, ob er sich im Politikunterricht eigentlich jemals mit der McCarthy-Ära befasst hat. Aber er würde das wahrscheinlich als Drehbuch missverstehen. Die CDU scheint ja insgesamt gerade auf so einem Trip zu sein.
Was jedenfalls in all diesen Äußerungen fehlt: Irgendein Hinweis darauf, dass man diese Debatte in der Schule vielleicht ernsthaft mal angehen möchte. Oder eine Idee, wie das gehen könnte. Oder so ein Funken von Verantwortungsbewusstsein dafür, die Ängste und Sorgen dieser Kinder und Jugendlichen, in deren Zukunft man hier leichtfertig herumfuhrwerkt, zur Abwechslung mal ernst zu nehmen.
Nee, sowas macht man an deutschen Schulen nicht. Dafür ist keine Zeit. Bestimmt ist in den letzten Monaten schon wieder so viel Politikunterricht ausgefallen, dass man sich so einen Schulstreik oder eine schulische Alternativveranstaltung beim besten Willen nicht auch noch leisten kann. Man muss ja überhaupt erst einmal den Unterrichtsausfall kompensieren, der jüngst entstanden ist, weil im Winter Schnee fiel.
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