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Kritische Theorie gegen IslamogauchismeIslam – Kritik und Apologie von links

Gastkommentar von

Stephan Grigat

Marx kritisierte die „bequeme Zweiteilung“ in Gläubige und Ungläubige im Islam. Horkheimer attestierte der Religion einen immanenten Hang zur Gewalt.

Machtübernahme der Mullahs. Iran, Feburar 1979 Foto: Alain Keler/MYOP/laif

A ntisemitismus in linken akademischen Milieus äußert sich in den letzten Jahren insbesondere in einem projektiven Antizionismus, der je nach politischer Orientierung und theoretischen Bezügen antiimperialistisch, antinational oder postkolonial „begründet“ wird.

Immer häufiger stehen diese „Begründungen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer Sicht auf den politischen Islam, die bei großen Teilen sowohl der akademischen als auch der aktivistischen Linken mal von Ignoranz und Unfähigkeit zur Kritik, mal von Verharmlosung oder Relativierung und immer öfter von offener Kooperation geprägt ist.

Es wäre jedoch ein grober politischer Fehler und würde zu inadäquaten Zustandsbeschreibungen führen, die antisemitismuskritischen Teile der Linken auszublenden. Sowohl bei der Beurteilung des Zionismus und Israels als auch bei der Positionierung gegenüber den diversen islamistischen Strömungen und dem orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren linke Theorietraditionen, die sich gegen die derzeitige Hegemonie von Israelhass und Islamverklärung in großen Teilen der globalen Linken wenden ließen.

Der Autor

Stephan Grigat ist Professor für Theorie und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien in Aachen und Köln. Autor unter anderem von „Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel: Interventionen zur Kritik des Antisemitismus“ (Barbara Budrich, 2025). Herausgeber (zusammen mit Karin Stögner) von „Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober“ (Nomos 2025).

Sowohl historisch als auch gegenwärtig gilt: die schärfsten Kritiker von Antisemitismus in der Linken, vermeintlich progressivem Israelhass und dem Islamogauchisme (ein Begriff, der in Frankreich bereits seit Beginn der 2000er Jahre für die Kooperation von Linksradikalen und Islamisten verwendet wird, während im Englischen meistens von einer „red-green alliance“ die Rede ist), fühlen sich selbst linken Theorietraditionen verpflichtet – insbesondere der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx und der klassischen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

Antifa gegen Klerikalfaschisten

Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich im deutschsprachigen Raum eine sowohl akademische als auch außerakademische theoretische und praktische Kritik entwickelt, in welcher der Marxismus mit Marx und die real existierende Linke mit der Kritischen Theorie und ihren ideologiekritischen Weiterentwicklungen ins Visier genommen wird.

Auch in der Konstellation seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sind es im aktivistischen Bereich maßgeblich Teile der linken Antifa, die sich den antiisraelischen Massenaufmärschen im deutschsprachigen Raum entgegenstellen; und im akademischen Bereich sind es vornehmlich aus der Linken stammende Autorinnen und Autoren, die dem Antisemitismus, seiner Verharmlosung und der Fraternisierung mit der Gegenaufklärung etwas entgegensetzen.

Der Bedeutungsverlust marxistisch-leninistischer Bezüge und der Siegeszug poststrukturalistischer und postkolonialer Deutungsmuster an den Universitäten seit den 1990er Jahren ist mit einer zunehmenden Fraternisierung mit islamistischen Bewegungen und einer Tabuisierung von Kritik am orthodox-konservativen Mehrheitsislam in großen Teilen der akademischen und in der aktivistischen Linken einhergegangen, während in den Zeiten des Kalten Kriegs der autoritäre Staatssozialismus noch in relativer Gegnerschaft zum Islamismus stand.

Superlinke und Dschihadisten

Ein Resultat dieses Prozesses im politischen Bereich ist die immer hemmungslosere Kooperation radikaler Linker mit offen dschihadistischen Gruppierungen – insbesondere in Frankreich und Großbritannien. Aber auch Deutschland ist davon nicht verschont geblieben, was sich nicht nur im akademischen und aktivistischen, sondern auch im politischen Bereich zeigt: Heidi Reichinnek, der neue Shootingstar der Partei Die Linke und Fraktionsvorsitzende im Bundestag, ist Co-Autorin eines Beitrags aus dem Jahr 2016, in dem offen zur Kooperation mit der islamistischen Muslimbruderschaft aufgerufen wird.

Wohingegen sich prominente Linke, die sich explizit kritisch zum politischen Islam und zum linken Antizionismus positioniert haben – wie beispielsweise der frühere Kultursenator von Berlin, Klaus Lederer –, der Partei seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend den Rücken kehren.

An westlichen Universitäten wird seit über zwei Dekaden mit Kampfbegriffen wie „Islamophobie“, mit dem sich auch Vertreter des antisemitischen iranischen Terrorregimes gegen Kritik zu immunisieren versuchen, jeglicher Einwand gegen eine mit bestimmten Islaminterpretationen begründete Menschenzurichtung mobilgemacht.

Im Rahmen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, in der sich 56 islamisch geprägte Staaten zusammengeschlossen haben, wird selbst die Kritik an der Anwendung der Scharia mit dem Islamophobie-Begriff abgewehrt.

Aber auch hier gilt: Ebenfalls seit zwei Jahrzehnten werden derartige Kampfbegriffe von Teilen der Linken kritisiert. Und neben der langen Geschichte von Verharmlosung, Relativierung bis zur offenen Bewunderung des Antisemitismus und des antiliberalen Furors im Islamismus und im orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren in der Linken auch Traditionen einer radikalen Islamkritik – auf die sich in der gegenwärtigen Konstellation allerdings nur noch eine Minderheit in der Linken bezieht.

Marx über den real existierenden Islam

Schon Marx hatte über den Islam recht Deutliches zu sagen. In der New York Daily Tribune schrieb er 1854: „Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist ‚harby‘, d. h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.“

Das Schweigen der Atheisten zum Islam bedeutet Kapitulation

Akiva Orr

Über die Situation der Juden in Jerusalem heißt es bei Marx: „Die Muselmanen, die etwa ein Viertel der ganzen Bevölkerung bilden und aus Türken, Arabern und Mauren bestehen, sind selbstverständlich in jeder Hinsicht die Herren […]. Nichts gleicht aber dem Elend und den Leiden der Juden in Jerusalem, die den schmutzigsten Flecken der Stadt bewohnen […], sie sind unausgesetzt Gegenstand muselmanischer Unterdrückung und Unduldsamkeit […].“

Max Horkheimer attestierte als einer der wichtigsten Vertreter der Kritischen Theorie dem Islam einen ausgeprägten, in den Prinzipien der Religion angelegten Hang zu Gewalt und Eroberung und sah ihn deutlich weiter entfernt vom Gedanken einer allgemeinen sowohl gesellschaftlichen als auch individuellen Emanzipation als das Christentum und insbesondere das Judentum.

Selbst unter israelischen radikalen Antizionisten fanden sich Ausnahmen von der gängigen linken Islamverharmlosung. Der marxistische Aktivist Akiva Orr von der antizionistischen Zeitschrift Matzpen hob sich Anfang der 1990er Jahre durch eine dezidierte Kritik des politischen Islam von einer Vielzahl europäischer Antizionisten ab.

Ausgehend von seinen Erfahrungen mit den Entwicklungen in Iran nach der Islamischen Revolution erklärte er: „Das Schweigen der Atheisten zum Islam bedeutet Kapitulation und einen Schritt in Richtung religiöser Hinrichtungen.“

Grußadresse der S.I. aus Paris nach Bagdad

Die neomarxistische und antistalinistische Situationistische Internationale (S.I.) in Frankreich, die maßgeblich zum Pariser Mai 1968 beigetragen hat, ging noch deutlich weiter und schickte 1965 eine Grußadresse an ihre irakischen Genossen, die „den Koran in den Straßen Bagdads verbrannt haben“.

Auch in anderen Schriften der S.I. um den Autor Guy Debord findet sich scharfe und polemische Kritik am Islam, der als Todfeind jeglicher Emanzipation betrachtet wird.

Maßgebliche Teile des europäischen Linksradikalismus haben sich lange Zeit Illusionen über die Islamische Revolution in Iran von 1979 gemacht.

In der Zeitschrift Khamsin hingegen, in welcher Aktivisten der israelischen Matzpen von 1974 bis 1987 mit linken arabischen Intellektuellen zusammengearbeitet haben, erschienen schon kurz nach dem Siegeszug der Ajatollahs unter Ruholla Khomeini scharfe Kritiken an den Entwicklungen in Iran, insbesondere von Kanan Makiya und dessen Frau Afsaneh Najmabadi.

Saids Verteufelung des Westens

In Khamsin, die von vielen heutigen linken Uni-Gruppen vermutlich boykottiert würde, kamen arabische Marxisten wie Sadik Al-Azm mit scharfer Kritik an Edward Saids Verteufelung des Westens zu Wort.

Oder Lafif Lakhdar, der „arabische Spinoza“, der eine konsequente Trennung von Politik und Religion in den arabischen Gesellschaften forderte, sich über „dieses Mittelalter, in dem wir immer noch leben“, empörte und explizit die Judenfeindschaft beispielsweise in Ägypten und Algerien thematisierte.

Auch in diesen Fällen ließe sich die heutige Linke von und mit links kritisieren. Insbesondere zu einer materialistisch fundierten Islamkritik und zur Islamapologie großer Teile der Linken sind in den letzten 30 Jahren zahlreiche Beiträge ausgehend von einer Ideologiekritik in der Tradition der klassischen Kritischen Theorie erschienen, die sich mitunter selbst nicht mehr als „links“ verorten möchten, aber doch eindeutig in einer linken Theorietradition stehen.

Für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit linkem Antisemitismus und dem Islamogauchisme in der heutigen Zeit sollte man sich nicht der Versuchung hingeben, sie als Vorwand für eine wohlfeile Abrechnung mit auf Emanzipation zielenden Positionierungen zu verwenden.

Dies weniger wegen einer völlig unnötigen Ehrenrettung der Linken, die sich auch scharfe Kritik redlich verdient hat. Eher, um zu einer adäquaten Beschreibung der Situation zu gelangen, und auch zur Kenntnisnahme potenzieller Bündnispartner für eine liberal oder konservativ situierte Verteidigung einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung.

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