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Entkriminalisierung von SchwarzfahrenU-Bahn-Fahren muss billiger werden

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Wäre der ÖPNV nicht so teuer, würden weniger Menschen ohne Ticket fahren. Warum geht in Deutschland nicht, was andere Länder längst praktizieren?

Nicht jeder kann sich ein gültiges Ticket für die BVG leisten Foto: dts/imago

E in Einzelfahrschein in Berlin kostet mittlerweile 4 Euro. Ja, richtig gelesen: 4 Euro! Egal, ob man U-Bahn oder S-Bahn, Bus oder Straßenbahn fährt. Fährt man nur vier Stationen, kostet eine Station mit der Bahn 1 Euro. Die spinnt ja wohl, die BVG!

Die ganz Schlauen kommen jetzt sicher wieder mit ihrem Standardargument: Wenn du ein Viererticket kaufst oder eine Monatskarte oder das Deutschlandticket, wird es billiger. Stimmt, aber wenn man nichts davon braucht, ist es eben teuer. Viel zu teuer! Da wundert es nicht, dass (nicht nur finanziell schwächere) Menschen das Schwarzfahren zu ihrer persönlichen Challenge machen: Sie halten auf dem Bahnsteig nach den Kontrolleuren Ausschau, die Ex­per­t:in­nen unter den ticketlos Fahrenden erkennen die Kontrollettis rasch.

Die stehen in Dreier- oder Vierertrupps auf dem Bahnsteig, quatschen belangloses Zeug und verteilen sich, nachdem sie gemeinsam in einen Waggon gestiegen sind, im gesamten Abteil. Außerdem haben sie unförmige Taschen vor dem Bauch. In der Bahn sind professionelle Schwarz­fah­re­r:in­nen in steter Habachtstellung, insbesondere an den Haltestellen, dann springen sie – siehe oben – noch rasch raus.

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Wäre das Einzelticket nicht überteuert, gäbe es weniger Schwarz­fah­re­r:in­nen – zumindest unter den nicht ganz Armen, ganz sicher! Selbst in New York zahlt man für die Subway 2,50 Dollar, in Luxemburg, Malta, der estnischen Hauptstadt Tallinn und im französischen Dunkerque fährt man kostenlos. In Melbourne in Australien kostet die Straßenbahn in der Innenstadt nichts. Der Autoverkehr in Melbourne hat sich dadurch reduziert, die ÖPNV-Nutzung hingegen verdoppelt.

Warum geht das nicht in Berlin und in anderen deutschen Großstädten? In Monheim, Erlangen und Augsburg versucht man es immerhin. In Tübingen fahren die Menschen am Samstag kostenfrei. Würde sich ein kostenfreier, zumindest aber ein günstiger ÖPNV bundesweit durchsetzen, würde sich das Land all die Verfahren gegen und Gefängniskosten für Schwarz­fah­re­r:in­nen sparen. Und die Debatten darum sowieso.

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Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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61 Kommentare

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  • Die Kosten zur privaten Nutzung des Luftraum und unserer Wasserstraßen sollten auch unbedingt transparenter kommuniziert werden.

  • Also sollen die Autofahrer immer mehr bezahlen und die Menschen in der Großstadt kriegen alles umsonst? Das wird die Gräben zwischen Land und Stadt größer machen und die AFD gewinnt

  • Es gibt auch noch die Kurzstrecke



    Ein S-Ticket welches finanziell schlechter gestellten erlaubt für weniger als 1,-€ /Tag zu fahren.



    Das dürfte in einem Beitrag auch Erwähnt würden.

  • Wer sitzt in den ÖPNV Vorständen und verdient Hier wieviel und wofür? Brauchen wir in D wirklich Hunderte einzelne Verkehrsbetriebe?

    • @Rubió:

      Halte ich für sinnvoll. Wie soll denn der regionale ÖPNV von einer zentralen Stelle verwaltet werden? Da sind die Kommunen doch viel kompetenter.

    • @Rubió:

      Sehr gute Fragen die Sie hier stellen.

      In Deutschland wird die Führung von Unternehmen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) meist durch einen Vorstand (bei Aktiengesellschaften wie der Hochbahn) oder eine Geschäftsführung (bei GmbHs) wahrgenommen. Vorstände im ÖPNV verdienen je nach Größe des Verkehrsunternehmens und der Region sehr unterschiedlich. Die Spanne reicht von etwa 150.000 € bei kleineren kommunalen Betrieben bis zu über 1,2 Millionen € Jahresgehalt bei großen Konzernen wie der Deutschen Bahn (DB).

      Die Deutsche Bahn AG (DB AG) ist ein 1994 gegründeter, 'weltweit tätiger Mobilitäts- und Logistikkonzern' mit Sitz in Berlin (man beachte das Wort "weltweit"), obwohl sich das Unternehmen zu 100 % im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland befindet und ja eigentlich nur uns Bürger von A nach B (und retour) in Deutschland bringen soll.

      Nun ja, bei den Gehältern fahren diese sogenannten Manager sicherlich nicht mit U/S- oder der Regionalbahn - und mit Stadtbusse schon gar nicht. Deutschland ist aber bekannt dafür, dass es 'ein großes Herz für unfähige und überbezahlte Manager' hat, aber arme Schwarzfahrer auch schon mal wie Schwerverbrecher ins Gefängnis steckt.

      • @Ricky-13:

        (man beachte das Wort "weltweit")

        Und man beachte, dass das nicht mehr der Fall ist. Die entsprechenden Unternehmen Arriva und Schenker wurden auf politischen Druck verkauft und die Verkaufserlöse sind (über Kürzungen zugesagter Bundesmittel) im Bundeshaushalt versickert...

        "Deutschland ist aber bekannt dafür, dass es 'ein großes Herz für unfähige und überbezahlte Manager' hat"

        Deutschland ist auch bekannt dafür, dass man fähige Manager um Verkehrssektor kaum bekommt, weil die für die hierzulande bezahlten "Peanuts" nicht arbeiten. Fragen Sie mal bei den Herren Füglistaler oder Matthä nach, von denen die Presse berichtet, sie hätten Angebote unseres Bundesverkehrseifelturms auf Chefposten bei der DB abgelehnt...

  • Wer wirklich „nichts“ hat, sollte umsonst fahren können. Aber Freifahrt für alle bedeutet immer, dass die städtische Mehrheit bereit sein muss, mehr für die innerstädtische Mobilität auszugeben. Der Traum, dass dann eben einige „Reiche“die Rechnung übernehmen müssten und würden, könnte schnell zum finanziellen Alptraum werden.

  • Ich war im letzten Jahr in Florenz und nur mit den Öffis unterwegs. Ich hatte vorher etwas Unbehagen und wurde dann sehr angenehm überrascht. Es gab überhaupt keine Verspätungen oder Ausfälle. Das Ticket für 90 Minuten im Stadtbereich kostete nur 1,20 Euro.

  • Erst geht die Argumentation so:

    "Die ganz Schlauen kommen jetzt sicher wieder mit ihrem Standardargument: Wenn du ein Viererticket kaufst oder eine Monatskarte oder das Deutschlandticket, wird es billiger. Stimmt, aber wenn man nichts davon braucht, ist es eben teuer. Viel zu teuer!"

    Dann geht's direkt weiter mit:

    "Sie halten auf dem Bahnsteig nach den Kontrolleuren Ausschau, die Ex­per­t:in­nen unter den ticketlos Fahrenden erkennen die Kontrollettis rasch."

    Ja wie denn nun?

  • Wieso muss es billiger werden?

  • Wenn selbst in den Leser-Kommentaren in der taz vorwiegend höhnisch über kostenlosen Nahverkehr geschrieben wird, sehe ich schwarz dafür.



    Wahrscheinlich haben die Leute das Interesse an sozialen Forderungen verloren, weil sie selbst längst zu den Gut- und Besserverdienenden gehören.

    • @C. Avestruz:

      Wahrscheinlich sind die meisten Kommentatoren einfach nur Realisten. Soll es durchaus auch unter TAZ Lesern geben.

      • @Die_Mitte_machts:

        Wohl eher Pessimisten.



        .



        Realistisch möglich wäre es ja.

        • @sociajizzm:

          Realistisch?

          Ein Niedrigsteuerland wie Luxemburg, das deutlich mehr reiche ausländische Steuerzahler als inländische ÖPNV-Nutzer hat, wird Deutschland nie werden. Die Rechten haben etwas gegen (fahrscheinlosen) ÖPNV und die Linken etwas gegen niedrige Steuern für Reiche 😎

    • @C. Avestruz:

      Leser-Kommentare, die wir lesen sind nicht repräsentativ für die Leserzuschriften sondern wurden nach TAZ Kriterien gesichtet, da die TAZ das Hausrecht hat. Inhaltlich würde ich Ihnen zustimmen, d.h. nach Erklärungen für das unerwartete Meinungsspektrum suchen.

  • Sorry, aber : Was soll das?



    Ist das die Art, mit der die taz "wieder linker" werden will?



    Wir stellen unrealistische Forderungen - ÖPNV kostenlos und Revolution?



    Das erinnert sehr an Ton Steine Scherben.



    Das hat damals schon nicht funktioniert, obwohl es eine links revolutionäre Strömung in Deutschland gab



    Soll Realitätsverweigerung die neue Zuflucht sein?



    Der fehlende Wille, selbst Teil der Lösung zu sein, verbessert die Gesellschaft nicht.



    Wir haben miterlebt, wie schwierig es war, das Deutschlandticket zu erschaffen und auch langfristig zu finanzieren.



    Das ist doch ein Erfolg! Was sollen nun derart wirklichkeitsferne Forderungen?



    Der Ansatz, Schwarzfahren juristisch abzumildern ist ein weiterer guter Vorschlag.



    Der Vorschlag des Artikels ist hingegen wenig konstruktiv.



    Schade, dass die taz von der gelegentlichen konstruktiven Mitarbeit der Ampelzeit völlig abrückt.



    Die Welt ust keine Insel, auch wenn Berliner*Innen das so leben.



    Doch selbst dort zeigt die Anti-Politik nur, dass letztlich die "afd" gewinnt.

    • @Philippo1000:

      "Der Vorschlag des Artikels ist hingegen wenig konstruktiv."

      Würde ich nicht einfach sagen. Wenn man unter "konstruktiv" versteht, dass jemand sorgfältig argumentiert und seine Vorschläge untermauert würde ich Ihnen aber zustimmen.



      Z.B. bis in die 60er Jahre gab es Bahnsteigkarten für 5 oder 10 Pfennige, ohne die man nicht auf den Bahnsteig durfte. Das wurde abgeschafft, mit welchem Argument weiß ich nicht. Der Zugang zum Bahngelände ist seither kostenlos (soll aber nach Einzelmeinungen wieder abgeschafft werden um die "Schwarzfahrer" besser unter Kontrolle zu bringen).

      Dass das Deutschlandticket ein derartiger Akt war und ist sollte nicht sein. Es wäre nicht so, wenn die Finanzierung einfacher wäre, würde also die Argumentation der Autorin unterstützen.

      Die Entkrimnalisierung des Schwarzfahrens ist überfällig , da bin ich Ihrer Meinung. Nicht wegen der Überlastung der Justiz, sondern wegen des Gerechtigkeitsproblems: z.B. die Körperverletzung ist eine andere Rechtsgutverletzung als das Fahren ohne Fahrschein, kann also nicht gleichartig sanktioniert werden.

      • @Hans - Friedrich Bär:

        Das Fahren ohne Fahrschein wird in der Regel mit 60 Euro sanktioniert. Das ist sicher eine deutlich geringere Strafe als sie bei Körperverletzung zum Tragen kommt.

        • @Die_Mitte_machts:

          Das stimmt. Wer aber 60 Euro nicht bezahlen kann, muss mit einer Freiheitsstrafe rechnen, so als hätte er z.B. eine Körperverletzung begangen.

          Der Anwaltsverein fordert eine "echte Entkriminalisierung".



          Einzelheiten z.B. bei



          www.tagesschau.de/...arzfahren-100.html

          Es gibt die schöne Redewendung: "Mit Kanonen auf Spatzen". So sehe ich die derzeitige Lage.

        • @Die_Mitte_machts:

          Anzeigen wegen Körperverletzung kommen oft genug nicht einmal bis zum Gericht, das Verfahren wird eingestellt und es gibt daher gar keine Strafe.



          .



          Kommt es zu einer Verteilung haben Sie Recht, dann ist die geforderte Summe meist höher.



          .



          Aber auch hier gibt es um Vergleich zum Schwarzfahren jedoch einen erheblichen Unterschied. Kann der/die Angeklagte das Schmerzensgeld nicht zahlen landet diese:r nicht im Knast als Ersatzfreiheitsstrafe.

  • Wann wird endlich Treibstoff kostenlos abgegeben, den braucht man ja auch für den Verkehr. Wenn wir schon dabei sind, Essen und Trinken sind schließlich auch Grundbedürfnisse - wieso kosten die immer noch Geld? Es gibt keinen kostenlosen Nahverkehr, die Frage ist nur, wer dafür zahlt.

    • @FraMa:

      "Wenn wir schon dabei sind, Essen und Trinken sind schließlich auch Grundbedürfnisse - wieso kosten die immer noch Geld?"

      Nahrungsmittel werden überall auf der Welt in unterschiedlichem Grad steuerlich bis total subventioniert.

      In Deutschland gilt für die meisten Grundnahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Brot, Fleisch und Milch der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 %. Der reguläre Satz von 19 % fällt hingegen bei verarbeiteten Lebensmitteln, vielen Getränken und speziellen Ernährungsformen (z.B. Pflanzendrinks) an.

      7 % Ermäßigter Satz: Gilt für Grundnahrungsmittel, die der Versorgung dienen.



      19 % Regulärer Satz: Gilt für verarbeitete Produkte, Süßigkeiten, alkoholische Getränke ...

      Unterschiede im Detail: z.B. Kartoffeln (7 %) vs. Süßkartoffeln (19 %)

      Kurzer Blick auf den Kassenbon des Versorgungs LAN ( Lidl, Aldi , Norma..) : Rechts neben dem Preis : A=7% , B =19%.

      Was man geschenkt bekommt ist nichts wert = hat man schnell vergessen, hat ein anderer Diskussionsteilnehmer geschrieben.

      Natürlich kostet alles, was andere Menschen erzeugen etwas. Atemluft kostet deswegen noch nichts, weil sie von Pflanzen erzeugt wird.

  • Die hohen kosten für Einzelfahrscheine (bei gleichzeitigen Monatskarten) sind dazu da das Touristen mehr zahlen.

  • Wenn der ÖPNV kostenlos ist, gibt es keine Schwarzfahrer mehr.



    Danke für diese Erkenntnis.

  • Wenn das Umdenken Schule macht, kommtes erstens anders und zweitens als man denkt.

  • Anteil im Regelbedarf (2024/2025): Der Anteil für Verkehrsausgaben (ÖPNV, Bahn, Kraftstoff etc.) beträgt rund 35 bis 40 Euro im Monat.



    Wie weit kommt man/frau damit ? Einige Städte und Verkehrsbetriebe haben das Problem erkannt. Sie bieten deshalb für Berechtigte ein Sozialticket an. Die Bedingungen sind allerdings schwer lesbar, wer Zeit und Muse hat ...

    Für fehlende Tickets in den Strafvollzug : Rechtsgrundsatz der Angemessenheit ?



    Ich würde sagen, das es allein deswegen um ein wichtiges Thema geht.

    Das sind ja fast alle staatliche / kommunale Unternehmen mit einer erhöhten Sozialverpflichtung.



    Ich habe gelesen, dass alle Tickets in Deutschland zusammen 13 Mrd. einspielen. Wenn das stimmt, sind das 160€ pro Nase und Jahr = 13 €/Monat. Das können wir uns doch leisten, die eingesparten Kontroll- und Sanktionskosten nicht gegengerechnet.

    Nehmen wir an Sie leben in einer Stadt, der ein Verkehrsunternehmen gehört: dann ist es doch Sache der Bürger dieser Stadt dem Unternehmen z.B. per Ratsbeschluss vorzuschreiben wie hoch die Ticketpreise sein dürfen und wie ein mögliches Defizit gegenfinanziert wird. Daran liegt das.

    • @Hans - Friedrich Bär:

      "Das sind ja fast alle staatliche / kommunale Unternehmen mit einer erhöhten Sozialverpflichtung."

      Die überwältigende Mehrheit ist im Gegenteil privat!

      Nehmen wir an Sie leben in einer Stadt, der ein Verkehrsunternehmen gehört: dann ist es doch Sache der Bürger dieser Stadt dem Unternehmen z.B. per Ratsbeschluss vorzuschreiben wie hoch die Ticketpreise sein dürfen und wie ein mögliches Defizit gegenfinanziert wird."

      Das war vor 50 Jahren so. Inzwischen gibt es fast überall

      - Verkehrsverbünde, in denen die Vertreter mehrerer Kreise das Entscheidungsgremium stellen

      - (teilweise) Verantwortung des Bundeslands, das Landestickets oder Landestarife (sh-Tarif, bw-Tarif etc) eingeführt hat, deren Geltung per Gesetz geregelt und Tarifhöhe vom Land vorgeschrieben ist.

      - Ein Deutschlandticket, dessen Geltung per Bundesgesetz geregelt ist, dessen Preis per politischem Kuhhandel zwischen Bund und Ländern ausgekungelt wird und für das die Verkehrsunternehmen auf Grundlage von Fahrgastzahlen und Fahrgeldeinnahmen von vor 7 Jahren - unter Kürzung der Beträge nach Kassenlage - Geld erhalten...

      Was sollen also die Ratsbeschlüsse einer einzelnen Stadt hier bitte für eine Wirkung haben?

      • @FriedrichHecker:

        "Die überwältigende Mehrheit ist im Gegenteil privat!"



        Das stimmt , was die Unternehmensanzahl angeht. (2.500 privat / 350 öffentliche) .



        Private Unternehmen haben aber durchschnittlich 8 (insgesamt 20.000), öffentliche ca. 500 (insgesamt 175.000) Mitarbeiter.

        Das stimmt somit nicht was die Verkehrsleistung ( Zahl der Fahrgastbeförderungen) angeht.

        Private Unternehmen sind vor allem im ländlichen Raum und im Busverkehr unterwegs, deswegen ist die Linienlänge privat/öffentlich) gleich.

        Fazit :



        Das Gewicht der Beförderungen und der Mitarbeiter liegt deutlich bei den Unternehmen in öffentlicher Hand .

        Wie kompliziert das alles ist kann man hier lesen :

        www.destatis.de/DE...ob=publicationFile

      • @FriedrichHecker:

        Das stimmt. Ich habe das vereinfacht dargestellt um auf das Prinzip hinzuweisen.



        Sie haben mehrere Hinweise für die Stagnation gegeben: Verkehrsverbünde , gesetzliche Vorschriften auf Landes - und Bundesebene, " Kuhhandel" , nicht mehr ganz aktuelle Zahlen, daran habe ich auch gedacht. - Die Verantwortlichen haben sich längs der letzten 50 Jahre verwickelt in Konstruktionen, in denen sie nicht mehr Herr ihrer Beschlüsse (= nicht Diener ihrer Wähler) sind. Aus dieser Sackgasse müssen sie raus, das ist nicht einfach, wenn es ein lange Sackgasse geworden ist, das müssen sie aber wollen, und das wollte ich in Kürze sagen.



        z.B. war heute ein Streiktag bei einem Mitglied des Verkehrsverbundes. Die anderen Mitglieder des Verbundes haben nicht gestreikt. Ich bin nicht für Streikbrecher, aber man kann an diesem Beispiel sehen, dass Mitgliedsunternehmen, die anderen Städten im Verbund gehören eigene Poltitik machen können.

    • @Hans - Friedrich Bär:

      Die Kosten werden aber nicht vom Staat bezahlt, sondern den einzelnen Kommunen und die sind nahezu alle bereits finanziell am Limit und bekommen regelmäßig mehr Aufgaben aufgebürdet, welche Sie kaum noch stemmen können.

      Zum anderen besteht das Problem, dass Dinge die Kostenlos sind schlecht behandelt werden. Da müsste man ohnehin mal ansetzen. Geld/Ticket ist auch ein Schutzmechanismus für die Öffentlichen Einrichtungen, wie u.a. die Bahnen.

      • @Walterismus:

        Wenn die Bürger entscheiden, wie die Ticketpreise sein sollen, ist das keine staatliche Aufgabe, die der Kommune aufgebürdet wird, sondern eine Entscheidung der Bürger wie sie den ÖPNV finanzieren wollen, z.B. höhere Grundabgaben dafür niedrigere Ticketpreisen.



        Wie Ford seine Autos unter die Leute gebracht hat, hat auch nicht gleich jeder verstanden.

        Werden Dinge, die kostenlos sind schlecht behandelt?

        Die Fans in den Fanzügen haben m.E. bezahlt , wie Fanzüge nach Benutzung aussehen, wird regelmäßig berichtet.

        Die Bundestagsabgeordneten dürfen m.W. kostenlos Bahnfahren. Was sie jahrein und jahraus aus der Bahn machen ist bekannt. Hier haben Sie ziemlich recht.

  • In den meisten deutschen Städten ist ja U-Bahnfahren kostenlos - da gibts schlicht keine U-Bahn. Kann mich weder in Erlangen noch in Augsburg an eine U-Bahn erinnern. Ist aber länger her, dass ich da war. Oder anders formuliert: Die taz betreibt Hauptstadtjournalismus.

    • @Lee Ma:

      Das beste Beispiel ist Stuttgart XXI. Da wird immer noch gegen protestiert, dabei sind die unterirdischen Anlagen schon fertig.

  • Wer so professionell schwarzfährt wie beschrieben, braucht einen Fahrschein im Abo!



    Im Hamburger Verkehrsverbund ist man für Einzelfahrten aus dem Umland inzwischen übrigens fast einen Zwanni los. Da lohnt sich das D-Ticket ganz fix.

  • Malta ist ja ein ganz tolles Beispiel....dort fahren nur Busse, Eisenbahn gibt es nichtehr, als Einwohner muss man eine personalisierte Karte beim Einsteigen scannen (da bekommen einige sicher wieder graue Haare bezüglich Datenschutz und gläserner Burger), Touristen müssen weiterhin bezahlen. Und zur weiteren Einordnung: Malta hat ca. 355.000 Einwohner und es gibt dort etwa 454.000 Fahrzeuge mit zunehmender Menge. Also nix mit Umstieg auf den ÖPNV bei kostenlosem Fahren.

    • @Die_Mitte_machts:

      Danke für die Klarstellung.

  • Malta und Luxemburg kostenlos, na super, 2 Miniländer als Beispiel.



    Denn irgendjemand muss U-Bahnen, Trams und Busse finanzieren - und sei es mit Steuern. Da darf dann der Landbewohner, dessen Bus 3x am Tag geht und der zur nächsten Bahnstation 45min braucht, weil auch noch 1x umsteigen, Münchner und Berliner mitfinanzieren - super. Und wenn jetzt wieder das Argument kommt: Aber der Öffi-Nutzer zahlt ja auch Strassen mit - richtig, Strassen, über die auch seine Lebensmitten, die bei Amazon und Co bestellten Pakete gefahren werden.

  • Ich übernehme jetzt mal die Rolle des "Advocatus Diaboli" und fordere



    1. freie Fahrt im Nahverkehr



    2. kostenloses Telefon,



    3. kostenloses Fernsehen,



    4. kostenlose Energieversorgung.

  • "Warum geht in Deutschland nicht ..."

    Die Frage ist falsch gestellt. Denn es ginge natürlich auch in Deutschland. Ich würde sprachlich nicht schon im Untertitel etwas suggerieren, was den Lobbyisten der falschen Seite zuspielt. Denn es geht nur darum, warum man es in Deutschland nicht WILL!

    Liegt es daran, dass wir in einer "Auto"kratie leben, in der die Automobilkonzerne die Politik in dieser Richtung bestimmen? Gemeinsam mit einer "Wirtschafts"ministerin, die eine staatliche bezahlte fossile Lobbyistin ist, will man das einfach nicht. Daran verdienen ihre Buddies nämlich nichts.

    • @Jalella:

      Wie viel Prozent der deutschen Steuereinnahmen werden durch ihre "Auto"kratie generiert? So mit Zulieferern und Steuern der Angestellten?



      Stellenabbau, Gewinnrückgänge, Technologierückstände: Die deutschen Autobauer gelten als Symbole für die Deindustrialisierung des Standorts.*



      Wird vielleicht wahr und dann sind wir auch die Lobbys los. Friede, Freude, Eierkuchen....

    • @Jalella:

      Ich hört gerne auch alles kostenlos!

      Warum gibts die Supermarktlobby?

      Freie Cola für freie Bürger !

      Aber hey:



      Dinge kosten nunmal. Schaffner will Gehalt. Bahn muss bezahlt werden.

      Aber ist natürlich geil wenn die Allgemeinheit zahlt . Menschen auf dem Dorf querfinanzieren. Selber schuld wer da wohnt wo es keine Öffis gibt und sich dafür nicht über enge Wohnraum beschwert

  • In New York zahlt man mittlerweile 3$ pro Fahrt, um es mit dem Bild der Autorin zu verdeutlichen, bei nur drei Stationen zahlt man pro Station 1$, die spinnen ja wohl. Der total innovative Lösungsansatz (kostenlos, dann gibt es kein Schwarzfahren) kann man auch in anderen Bereichen anwenden. Wir erheben keine Steuern mehr, schon gibt es keine Steuerhinterziehung. Gegen Ladendiebstahl wäre es sehr effektiv, alles kostenlos abzugeben.

    • @Nisse:

      Geld sollte kein Maßstab sein, das ist alles. Eigentlich ein einfacher Gedanke, aber in einer kapitalistisch verseuchten Welt offenbar für manche nicht vorstellbar.

      • @Günter Picart:

        "Geld sollte kein Maßstab sein"

        Diesen Satz möchte ich gerne beim nächsten Streik im ÖPNV - egal, ob Verdi, GdL oder EVG - wieder von Ihnen hören 😁

  • "Wäre der ÖPNV nicht so teuer, würden weniger Menschen ohne Ticket fahren."



    Wäre der ÖPNV kostenlos, würden alle ohne Ticket fahren :-)



    Durch billigere Tickets wird der ÖPNV nicht billiger. Es zahlen nur andere.



    Mobilität kostet, jeder Autofahrer weiß das. Einigen ÖPNV-Benutzern ist das anscheinend nicht so richtig klar und hätten gerne Freibier für alle.

    • @sollndas:

      Is wie bei der Steuersenkung für Benzin, die zahle ich als Radfahrer mit.

      • @Peter Teubner:

        Aha. Jetzt "bezahlt" man als schon Steuersenkungen, obwohl der Staat gerade über Steuern auf Benzin mehr einnimmt als je zuvor.



        Und nochwas. Ich fahr Auto, Rad, benutze den ÖPNV und als Fußgänger den Gehweg. Ich kenne kaum jemanden, der nur eins davon nutzt. Das ist alles Infrastruktur und wird großteils über allgemeine Steuern finanziert, auch der Radweg. Dieses egozentrische "ich bin das hier und muß euch alle mit bezahlen" Gerede les ich eigentlich so gut wie nur hier. Ausgerechnet da, wo sonst alle soviel Wert auf Soziales legen.

      • @Peter Teubner:

        Nein, Steuer fürs Benzin zahlt man als Radfahrer nicht. Wenn die Steuer reduziert wird, zahlt man immer noch nichts.



        Kritisch ist eher Diesel: wenn der teuer bleibt zahlen nicht nur die Autofahrer mehr, sondern jeglicher Transport wird teurer. Das schlägt sich überall durch, das zahlen auch sie. Bei der Milch, beim Brot und wenn sie ein neues Fahrrad kaufen.

        • @MK:

          @MK



          Sind Sie ausschließlich Selbstversorger ?



          Falls Sie doch Lebensmittel einkaufen und hin- und wieder andere Produkte, so zahlen Sie selbstverständlich auch Steuern für fossile Energien wie Benzin, sind im Kaufpreis einkalkuliert.

      • @Peter Teubner:

        Und Ihre Radwege zahlen Autofahrer mit ihrer Kraftstoffsteuer mit.



        Radfahrer bezahlen ja noch nicht mal Energiesteuer auf ihre hochwertige Bioenergie.

  • Montpellier praktiziert 'freie Fahrt für freie Bürger'.

    www.montpellier.fr...et-around-for-free

  • Malta schon kostenlos? Fein. Das fand ich schon vor über 20 Jahren erfrischend unkompliziert - beim Busfahrer stand eine leere Zigarrenkiste. Dort warf man im Vorbeigehen 25ct rein, Ticketkauf erledigt.

    Erstaunlich, dass die Modellprojekte gerade in relativ kleinen Großstädten stattfinden. Ich fand München als Besucher immer recht günstig, da das Verkehrsnetz eine riesige Fläche abdeckt. Im Vergleich dazu sind kleine Metropolen wie Koblenz empfindlich teuer, wiel es außerhalb des überschaubaren Stadtgebiets gleich in kleine Dörfchen übergeht.

    • @Der dreckich Katz:

      @ Der dreckich Katz



      Mit der Zigarrenkiste - so kennen wir es auch von Barbados. Voll unkompliziert & einfach schöne Stimmung.



      Die Einheimischen tanzen dort aber auch viel mehr als hier...:-))

    • @Der dreckich Katz:

      Ich war letztes Jahr auf Malta, da war nix kostenlos.

      • @ZTUC:

        Malta gilt als eine der überfülltesten Inseln Europas, natürlich ist da für Touristen nichts kostenlos. Es geht um kostenfreie Angebote für Einheimische.

        • @Günter Picart:

          Die Einheimischen haben für den Bus genauso bezahlt wie ich.

          • @ZTUC:

            Für Einheimische ist es auf Malta kostenlos - sofern sie den Aufwand treiben, sich eine entsprechende, personalisierte, elektronisch auslesbare Fahrtberechtigungskarte zu besorgen. Macht nicht jeder - aus Gründen...

          • @ZTUC:

            Auf Malta gibt es seit 2022 kostenlose Nutzung für Einheimische.



            .



            Es gibt für einige direkte Routen jedoch Ausnahmen.



            .



            Das waren also entweder Menschen ohne dauerhaften Wohnsitz in Malta, oder Menschen die sich die benötigte Karte nicht besorgt haben, oder Sie haben die Validierung der Karte mit einer Bezahlung verwechselt. Da diese mit auch mit Guthaben aufgeladen werden können, gibt es für Außenstehende keine Möglichkeit zu erkennen, ob es eine Zahlung gibt, oder die Fahrt 0.00€ kostet.



            .



            Auf den Kanaren fahren die meisten Einheimischen übrigens auch kostenlos!

            • @sociajizzm:

              Dann kann ja die Ausländer-Maut doch eingeführt werden, wenn derartige Diskriminierung doch erlaubt ist.

            • @sociajizzm:

              Auf den Kanaren fahren die meisten Einheimischen übrigens auch kostenlos!

              Die Kanaren sind Sonderzone... das ist mit Malta nicht vergleichbar.