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Demografie und WohlstandGehet hin und mehret euch

Mit vielen Kindern die alternde Gesellschaft vor Armut zu retten, ist ein Mythos. Nicht die Zahl der Kinder ist entscheidend, sondern ihre Bildung.

Illustration: Katja Gendikova

D ie alternde Gesellschaft ist das bequemste Schreckgespenst der Neuzeit. Mit ihr lässt sich alles erklären und nichts verantworten. Steigen die Beiträge, fehlt Personal oder schließt die Dorfkneipe, ist die Demografie schuld. Sie ist anonym, gesichtslos, schicksalhaft. Doch die Angst vor Alter und Niedergang ist vor allem eine Erzählung, die regelmäßig politisch aufgeladen wird, eine Leinwand für Verteilungskonflikte, Abstiegsängste und der Sehnsucht nach einfachen Antworten.

Schon der Ökonom Julius Wolf schrieb vor fast 100 Jahren, dass die Bevölkerungsfrage von heute in ihrem tiefsten Grund „eine Frage der Ordnung der Welt ist“. Das gilt bis heute. Demografischer Wandel ist nicht neu. Er begleitet die Moderne seit Beginn der Industrialisierung, und stets sagten Stimmen, dass mit dem Volk etwas nicht stimmen würde. Mal waren es zu viele Menschen, mal zu wenige, mal bekamen Reiche zu wenige Kinder, mal Arme und Fremde zu viele.

Den Anfang der modernen Katastrophenlyrik machte Thomas Malthus. 1798 erklärte der Pfarrer und Ökonom in seinem „Bevölkerungsgesetz“, es gebe zu viele Menschen. Er sah sie in einem ungleichen Wettlauf, denn die Nahrungsmittel würden langsamer wachsen, als die Zahl der Menschen. Ein Naturgesetz, glaubte er. Unabänderlich. Mehr Wohlstand, mehr Hilfe für die Armen führe nur zu mehr Kindern. Ein Kreislauf des Elends.

Andreas Hoffmann

ist diplomierter Volkswirt und profilierter Wirtschaftsjournalist. Fast noch druckfrisch: „Die erfundene Bedrohung“, erschienen im Goldegg Verlag.

Nur: Das Naturgesetz gab es nicht. Als Malthus seinen Essay schrieb, lebten auf der Erde etwa 1 Milliarde Menschen, heute gut 8 Milliarden. Damals litten 85 Prozent an extremer Armut, heute etwa 9 Prozent. Damals bekam eine Frau im globalen Durchschnitt 6 Kinder, heute – dank besserer Bildung und mehr Frauenrechten – etwa 2,2. Mehr Wohlstand erzeugt nicht mehr Kinder, sondern weniger. Er stabilisiert Gesellschaften.

Aber Malthus war nützlich. Er entlastete die Herrschenden. Gilt Armut als Naturgesetz, fragt keiner, wem das Land gehört, warum die Löhne niedrig sind oder wer an der Macht ist. Als in den 1840er Jahren in Irland wegen einer schlechten Kartoffelernte über eine Million Iren starben, lobte ein britisches Regierungsmitglied die Katastrophe als ein „effektives Instrument gegen die Überbevölkerung“.

Mit Zahlen Angst schüren

Armut wurde dank Malthus privatisiert. Ein Gedanke, der auch heute in der Debatte um den Sozialstaat mitschwingt. Soziale Probleme werden zu Bevölkerungsfragen umgeschrieben und sind so augenscheinlich keine Folgen von Verteilungspolitik und Machtverhältnissen. Malthus war einer der Ersten, der Angst schürte und dafür Zahlen nutzte. Das war neu, im 18. Jahrhundert rechnete kaum jemand. Erst im 19. Jahrhundert begannen Wissenschaftler zu ermitteln. Menschen, Tote, Geburtenraten.

Zahlen machten Soziales sichtbar, aber sie machten auch Angst. Apokalyptiker mögen Zahlen, denn nichts ist besser als eine Angst, die sich auf die Kommastelle berechnen lässt. Später im 19. Jahrhundert, als Rassismus und Nationalismus aufstiegen, wurden Zahlen zum politischen Instrument. Es wurde klassifiziert und sortiert, nach guten und schlechten Genen. Wer zum Volk gehört, wer nicht, war entscheidend geworden. Das erinnert an die Gegenwart und den Kulturkampf, den Rechtspopulisten inszenieren.

Die Armen waren erneut schuld, diesmal, weil ihre angeblich schlechten Gene die Nation dahinsiechen lassen würden. Und der entstehende Sozialstaat, weil er die natürliche Auslese verhindern würde. Nicht viel anders als heute, wo nicht wenige den Staat für marode halten, weil sich zu viele in die „soziale Hängematte“ legen würden. Der Sozialstaat als teurer Ballast.

Nicht die Menge macht´s, sondern der Konsum

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich die Angst. Die reichen Nordländer fürchteten den erstarkenden Süden. Der Planet könne nicht alle Menschen aushalten, hieß es, und schuld waren erneut die Armen, und zwar jene, die im Süden lebten und mit ihren vielen Kindern das Überleben des Homo sapiens gefährdeten. Dieser Gedanke taucht heute in der Klimadebatte auf, wie vor einiger Zeit die frühere Entwicklungsministerin Svenja Schulze bewies, meinte sie doch „damit eine nachhaltige Entwicklung möglich wird, muss das Wachstum der Bevölkerung abgeschwächt werden“.

Doch die Welt hat kein Bevölkerungsproblem, die Welt hat ein Lifestyle-Problem. Nicht die vielen Afrikanerinnen lassen den Planeten schwitzen, sondern der Lebensstil reicher Nationen. Deutschland kommt auf 8 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr, Burundi, wo jede Frau im Durchschnitt fünf Zöglinge zur Welt bringt, im gleichen Zeitraum auf 0,07 Tonnen Kohlendioxid. Nicht zu viele Kinder schaden der Zukunft, sondern zu viel Konsum.

Die Demografie war in diesen Debatten nie eine neutrale Dienstleisterin. Sie saß meist an der Seite der Macht. Mit Zahlen lässt sich leicht regieren, sie waren und sind, wie der Historiker Jürgen Osterhammel sagt, „eine Redeweise politischer Rhetorik“. Statistiken werden zu Machtinstrumenten, sind äußert praktisch, weil sie objektiv wirken.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Besonders Frauen bekamen das zu spüren. Wenn sie für ihre Rechte kämpften, tauchten stets Männer auf, die für den Staat Kinder forderten und Geburtenkontrolle untersagten. Wer Anfang des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden oder Italien Verhütungsmittel verkaufen wollte, wurde bestraft. „Demografische Debatten waren immer schon verdeckte Debatten über die Rolle der Frau“, sagte einmal Alice Schwarzer.

Der Frauenkörper als Staatsangelegenheit

Daran hat sich erstaunlich wenig geändert. Wenn ein FAZ-Autor vor einiger Zeit die Nachwuchsfrage als Kernproblem der Gesellschaft bezeichnete, weil davon der „zukünftige Aufstieg oder Niedergang dieses Landes abhängen“ würde, klingt das wie ein Echo aus der Kaiserzeit. 1912 sah der Mediziner Carl Tönniges den Geburtenrückgang als „eine Krankheit des deutschen Staatsorganismus“. Damals sollten Frauen das Vaterland retten. Heute mindestens das Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem sanieren, plus den Fachkräftemangel beheben und für Wachstum sorgen. Der Frauenkörper wird zur Staatsangelegenheit.

Doch nicht die Zahl der Kinder entscheidet über die Zukunft, sondern ihre Bildung. Wären Geburtenraten der Schlüssel zum Glück, müsste in Staaten wie Afghanistan, Nigeria oder Mali das Paradies herrschen. Frauen bekommen dort im Durchschnitt vier, fünf oder mehr Zöglinge. Aber mir ist kein Experte begegnet, der je von der afghanischen Rente geschwärmt hätte.

Überhaupt die Rente. Ihr Untergang gehört seit bald 100 Jahren zum festen Spielplan der Republik. Begonnen hat der Politiker Gustav Hartz, der bereits 1932 vor der „immer größer werdenden Zahl von Alten„ warnte, seitdem beschwört ein Heer von Schwarzsehern regelmäßig ihr Ende, aber die Rentenversicherung lebt weiter. Und sie lebt nicht schlecht. Wie unverschämt. Die Arbeitnehmer ächzen nämlich nicht unter mehr, sondern weniger Rentenlasten.

Der Rentenbeitrag fiel von 20,3 Prozent des Bruttolohns im Jahr 1999 auf 18,6 Prozent im Jahr 2025, und das, obwohl wir seit der Jahrtausendwende drei Millionen mehr Ruheständler haben, die fast fünf Jahre länger leben. Es zahlen auch nicht weniger Menschen in die Rentenkasse ein, sondern mehr. Zuletzt lag die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 35 Millionen Menschen. Das ist Rekord. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern liegt bei zwei zu eins, weitgehend stabil seit bald 30 Jahren.

Die Mythen entzaubern

Und der Staat? Zahlt auch nicht mehr. Relativ gesehen. Der Bundesfinanzminister überwies um die Jahrtausendwende ähnlich wie heute etwa ein Viertel seines Etats an die Rentenkasse. Mehr Rentner, die länger leben und ein niedrigerer Beitrag. Deutschland kann altern, ohne dass das Land kollabiert. Wir sind produktiver geworden, haben mehr Migranten, die arbeiten. Die Zuwanderung stabilisiert den Sozialstaat. Eine Erfolgsgeschichte. Eigentlich. Aber sie will keiner hören. Sie passt nicht zur Untergangs-Saga.

Warum die Mythen der Demografie so hartnäckig sind? Weil sie so oft erzählt worden sind, dass sie als gefühlte Wahrheiten gelten. Weil sie disziplinieren und sich vermarkten lassen. Wer will nicht vorsorgen, wenn ihm ständig eingeredet wird, dass er im Alter unter Brücken schläft? Die Erfolgsbilanz von Banken und Versicherern ist allerdings überschaubar. Überschaubar schlecht. Seit der Jahrtausendwende hatten wir drei Reformen: Riester-Rente, Rürup-Rente, Pflege-Bahr.

Alle drei waren Flops, die einzige Gewinnerin hieß Finanzindustrie. Oder man denke an die Berliner Zahnärzte, deren Pensionskasse vermutlich eine Milliarde Euro für die Alterssicherung verzockte. Darüber wird leiser geredet, dafür mehr über die bösen Boomer, und dass wir alle länger arbeiten sollen. Doch die Rente mit 67 hat der Rentenkasse wenig gebracht, genau genommen 3,2 Milliarden Euro – acht Jahre nach der Einführung. Da die Rentenkasse etwa 1 Milliarde Euro pro Tag ausgibt, reicht das Geld für eine halbe Woche. Reine Symbolpolitik. Keine Stütze für die Zukunft.

Nein, die alternde Gesellschaft meistern wir nur, wenn die Mythen der Demografie entzaubern. Die Rente ist nicht so schlecht wie sie Ökonomie-Professorinnen reden, und die Nöte von Kranken- und Pflegeversicherung liegen vor allem am politischen Management, nicht daran, dass die Alten die Kliniken und Wartezimmer stürmen. Die Prognosen waren von jeher schlecht. Seit 100 Jahren soll Deutschland schrumpfen und ist gewachsen, trotz Millionen Toter im Zweiten Weltkrieg.

Der Rentenbeitrag sollte heute bei 27, 28 Prozent liegen, waren sich die „Experten“ um die Jahrtausendwende sicher. Er liegt bei 18,6 Prozent. Den demografischen Wandel schaffen wir nicht mit mehr Zumutungen und weniger Staat. Sondern nur mit einem besseren Staat. Einem Staat, der sich um Arbeitsmarkt und Bildung kümmert, und so das Fundament unseres Sozialwesens sichert. Einem Staat, der Hürden abbaut, damit mehr Migranten, Frauen und Ältere arbeiten.

Einem Staat, der die Schulen reformiert, damit weniger Bildungsverlierer zurückbleiben. Und mit Gelassenheit gegenüber der apokalyptischen Zahlenmystik. Die alternde Gesellschaft ist kein Schicksal. Sie ist eine Ausrede. Und Ausreden haben immer einen Zweck.

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37 Kommentare

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  • Fantastischer Artikel. Ausschneiden und als Argumentationshilfe in der Tasche haben.

  • "Der Rentenbeitrag sollte heute bei 27, 28 Prozent liegen, waren sich die „Experten“ um die Jahrtausendwende sicher. Er liegt bei 18,6 Prozent. "



    Was auch daran liegt, dass die Rente heute in damals ungeahntem Ausmaß aus Steuermitteln quersubventioniert wird. Das erklärt nicht den gesamten Unterschied, der ist natürlich multifaktoriell, aber einen nicht unerheblichen Teil davon.

    "Seit 100 Jahren soll Deutschland schrumpfen und ist gewachsen, trotz Millionen Toter im Zweiten Weltkrieg."



    2025 ist die deutsche Bevölkerung leicht geschrumpft. Dass dies nicht schon 10 Jahre vorher passierte, liegt im Wesentlichen an einem vorher ungeahnten Ausmaß an Migration.

    Mich stört zudem der Grundtenor des Artikels: Es sollen "Mythen" entzaubert werden, es wird zu Gelassenheit geraten - doch die vermeintlichen Lösungen sind im Endeffekt derart allgemein, dass man etwas ratlos zurückbleibt. Man soll für "bessere Bildung sorgen" - wenn es weiter nichts ist, dann höre ich auf, eine schlechtere Bildung zu wollen. Konkrete Probleme (zum Beispiel der in der Bevölkerung real vorhandene Überschuss der Babyboomer, von denen die meisten noch gar nicht in Rente sind) werden mit Allgemeinplätzen verdrängt

  • Dieser Text ist auch nur halb richtig und sinnvoll. Ach so, der CO2 Abdruck von "Jäger und Sammler" Dörfern ist geringer als von voll Industriellen Gesellschaften... Ach wirklich? Sollen wir deshalb jetzt alle 8 Milliarden zu Kleinbauern wieder werden? Das wird ja ganz sicher funktionieren. Ist das so eine degrowth Phantasie?



    Ich stimme ja zu. Bildung ist extrem wichtig. Aber das allein wird es auch nicht richten.



    Und wer soll die ganzen alten pflegen? Ein Roll Roboter?

    • @Duplozug:

      Abgesehen davon, dass Jäger und Sammler nun etwas ganz anderes als sesshafte Bauern sind, hat der Autor ganz sicher nicht im Sinn, dass wir nun alle auf diesem Globus wieder zu früheren Lebens- und Wirtschaftsformen zurück finden. Er hat doch lediglich daran erinnert, dass der Carbon footage der Menschen in den Industrienationen viel zu hoch ist.

    • @Duplozug:

      Pflegeroboter sind in der Tat dringend nötig, und würden einen enormen Gewinn bringen: zum einen bzgl der Pflegekosten und zum andern können die Leute dann anderswo tätig sein, wo es ebenfalls wichtig ist, zB bei der Kinderbetreuung.

    • @Duplozug:

      Lesen Sie doch nochmal.



      Die Unterschiede beim CO2-Abdruck sollen erklären, warum Bevölkerungswachstum nicht der alles entscheidende Faktor für ökologische Probleme ist. Es geht in dem Text überhaupt nicht darum, wie man seinen CO2-Abdruck senken kann/soll.



      Zu Pflege bzw. arbeitender Bevölkerung allgemein steht im Text: "Einem Staat, der Hürden abbaut, damit mehr Migranten, Frauen und Ältere arbeiten."



      Bitte schön.

  • Tatsaächlich ist das Problem der Finanzierung des Sozialstaates das Beamtentum, buw. die enormen finaziellen Privilegien und die mangelnde Einzahlung der Beamten in die Sozialen Sicherungssystem Kranken und Rentenversicherung. Dass sogar die CDU Jungen das jetzt anmahnen zu ändern , was die Sozen schon längst hätten zur Kampagne machen müssen, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Natürlich muss auch sonst die Denokratie in die Ökonomie erst eingeführt werden, denn derzeit erleben wir, wie der Kapitalismus ansonsten die Demokratie abschafft. Demokratie würde erst bei einem Spitzensteuersatz von mindestens 50-70 % beginnen, je nachdem ob auch die anderen Reichensteuern angehoben werden: Vermögens bzw. Luxuskonsumsteuer und Erbschaftssteuer. Insgesamt ist Demokratie eine Frage der Verhältnisse, wenn die Reichen 30 % mehr Steuern zahlen müssten, könnten sozial-ökologische Transformation und Kreislaufwirtschaft uns allen eine bessere Zukunft bringen. Mehr Sozialismus = mehr Demokratie wagen! ist immer noch ein Motto, das gültig ist. Auch die Gewalt-Revolutionsromantik ist bei -CO2 Last und Klimakatastrophe eher nicht so die realistische Option für regenerative und Care Revolution!

    • @R.L.:

      "Einzahlung der Beamten in die Sozialen Sicherungssystem Kranken und Rentenversicherung"



      Dass das eine finanzielle Verbesserung bringen könnte ist eine Illusion.



      Da die Rentenversicherung massive Steuersubventionen erhält, zahlen Beamte darüber schon jetzt ein. Bekommen aber nichts raus. Beiträge in die Rentenkasse müsste auch wieder der Staat als Arbeitgeber tragen, linke Tasche rechte Tasche. Oder man mutet den BeamtInnen hohe Reallohnverluste zu. Müsste man halt ausprobieren, ob sich dann noch ausreichend qualifiziertes Personal finden lässt. Eine Polizeimeisterin würde dann bei knapp über 2000 Euro netto liegen. BeamtInnen wären übrigens "schlechte" RentnerInnen: Die durchschn. Lebenserwartung und damit Rentenbezugsdauer liegt über dem Schnitt.



      Und KV: Ich kenne mehrere BeamtInnen, die liebend gerne in die GKV wechseln würden: Ehepartner und Kinder, alle zum gleichen Preis mit inklusive. Der eine hatte eine Vorerkrankung. Für die KGV wäre das egal, seine PKV verlangt einen kräftigen Aufschlag. Jeden Monat. Für immer.



      Also auch hier: Einfach ausprobieren und GKV für alle öffnen. Viele würden bestimmt freiwillig in die PKV wechseln.

  • Die niedrigeren Rentenbeiträge wurden allerdings erkauft durch ein deutlich gesunkenes Rentenniveau (von ~55% auf ~48% des Nettoeinkommens). Auch der Gesamtsozialversicherungsbeitrag steigt seit 22 an und wird dies auch die nächsten Jahre tun, was dann eben doch etwas mit dem bekannten Bauch in der demografischen Entwicklung zu tun hat.

  • "Angst schüren" funktioniert mit Demographie noch schlechter als mit dem Klimawandel, weil es um ähnlich lange Zeiträume und abstrakte Zahlen geht.



    Tatsache ist, dass Deutschland statt mit 80 Millionen gut mit 40 oder 120 existieren könnte. Das erschließt sich einfach durch einen Blick in die Welt oder in die Geschichte.



    Und auch der Weg in die eine oder andere Richtung ist gut gangbar. Was jedoch Schwierigkeiten bereitet, sind, wie an vielen Stellen, zu schnelle Änderungen. Eine "Bevölkerungsexplosion" (die global gesehen nicht mehr droht) ist für einzelne Staaten immer noch ein Problem - genauso wie zu schnelle Einschnürung der Bevölkerungspyramide wie in China. Und natürlich bringen Massenein- wie -auswanderung negative Folgen mit sich.



    Was in Deutschland und manchen anderen europäischen Ländern hinzukommt, ist der über Jahrzehnte fortgesetzte Trend zu immer weniger Kindern. Das Problem ist nicht, dass die Geburtenziffer unter zwei liegt; auch vielleicht nicht so sehr, dass sie das dauerhaft tut.



    Sondern vielmehr, dass sie nach Jahrzehnten in der Nähe von 1,5 seit einigen Jahren nun wieder im freien Fall ist (bei aktuell 1,35). Das wird nicht nur bei der Rente schief gehen.

    • @Frauke Z:

      Diese Geschichte ist aber mit einer anderen Demographie. Damit ist dieser Vergleich absolut nix sagend. Als Deutschland 40 Millionen Einwohner hatte, war die Pyramide eine andere. Deswegen ist das komplett sinnlos was sie sagen.

  • "Nicht die Zahl der Kinder ist entscheidend, sondern ihre Bildung"



    Das ist schlicht falsch.



    Die Kombination ist notwendig. Viel ungebildeter Nachwuchs bringt wirtschaftlich genauso wenig wie hoch gebildeter Nachwuchs, der kaum vorhanden ist.



    Wobei Bildung nur die Vorstufe ist. Entscheidend ist der dann folgende, produktive Einsatz. Was nützen der Gesellschaft z.B. viele gut ausgebildete Altenpflegende, wenn keiner von denen im Job arbeiten möchte.



    Bildung ist also eine wichtige Säule, aber nur die Berücksichtigung aller Säulen führt zu Zukunftssicherheit. Mit einer Einschränkung:



    Was gerade jetzt in "kriegerischen Zeiten" sichtbar wird: Neben der Technik ist auch die schlichte Anzahl an Menschen (SoldatInnen) ein Machtfaktor. Eine ständig schrumpfende Gesellschaft hat irgendwann nicht mehr die Option, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Als Beispiel dient ja geradezu exemplarisch Deutschland: Riesige Wirtschaftskraft, militärisch ein Zwerg. Erschwerend kommt hinzu: Ein Land wird als Angriffsziel umso attraktiver, je stärker die Wirtschaft und je schwächer die militärische Kraft ist.



    Nicht ohne Grund versuchen RU und CN gerade verzweifelt, den Bevölkerungsschwund zu stoppen.

    • @Desdur Nahe:

      Jetzt haben Sie aber ganz vergessen, die anderen Säulen, von denen Sie schreiben, zu benennen.

  • Irgendwie sind viele Gedanken nicht konsequent zu Ende gedacht.

    Ich lese daraus (natürlich überspitzt) , dass wir alle wie in Burundi leben sollten, damit wir einen niedrigen CO2 Fußabdruck haben.

    Dave wird auch verkannt, dass diese Länder aktuell Probleme haben die aktuelle Bevölkerung zu ernähren und rapide weiter wachsen.

    Und eine Pflegekraft, so gut ausgebildet er sie sein mag, mit Studium und Doktortitel, kann am Ende nicht 50 Senioren versorgen. Als geht’s doch wieder um Anzahl .

    Genauso wie:



    Wie viele Rentner soll ein Arbeitnehmer finanziere und dazu noch in der Lage sein, eine eigene Familie zu gründen?

    Demographie als reines Machtinstrument zu bezeichnen , ist schon mutig in Anbetracht der Probleme einer kippenden Demographie.

  • Gerade das Beispiel Burundi ist kein gutes: Das Land leidet – gerade wegen seiner Armut und Subsistenzwirtschaft – unter extremem ökologischem Raubbau, Abholzung seiner Wälder und dem schnellen Schwinden der natürlichen Ressourcen. Nachhaltigkeit darf nicht nur am CO2-Ausstoß pro Person gemessen werden.

    Bislang gibt es noch kein einziges gutes Argument oder realistisches Szenario, wie eine Weltbevölkerung von 8 bis 10 Milliarden Menschen echte ökologische Nachhaltigkeit bzw. Zirkularität erreichen kann. Auch bei Themen wie erneuerbaren Energien und ökologischer Landwirtschaft geht es lediglich darum, die Beschädigung des Planeten zu reduzieren.

    • @fcr:

      Der Autor meinte nicht den CO2-Ausstoß der einzelnen Frau, sondern den durchschnittlichen Ausstoß des gesamten Landes wurde gemessen und durch die Anzahl der Einwohner des Landes geteilt.

  • Die Rentenbeiträge sind recht konstant geblieben, aber das Rentenniveau ist gesunken.



    Und dass eine extrem niedrige Geburtenrate wie in Südkorea nicht durchgehalten werden kann, wenn nicht Roboter vieles übernehmen, sollte selbstverständlich sein.



    Eine (gesteuerte!) Migration kann die demographischen Probleme abfedern. Allerdings gibt es außerhalb Afrikas kaum noch Länder, in denen die Geburtenrate über 2 liegt, selbst Indien ist da schon angekommen. Irgendwann reicht es nicht mehr für alle.



    Wenn z. B. rumänische Ärzte zu uns kommen, wer behandelt dann die Rumänen? Ist das solidarisch?

    • @Markus B.:

      Es gehen auch Menschen, die hier eine fundierte Ausbildung erhalten haben, in andere Länder. Wollen Sie das etwa auch untersagen?

  • Vielleicht sollte man auch sagen, warum der Rentenbeitrag gefallen ist. Ursache sind Reformen wie die Anhebung des Rentenalters, die Riester-Treppe, der Nachhaltigkeitsfaktor.... Diese Reformen werden regelmäßig in der taz verteufelt. Ihren Effekt dann als Beweis zu verkaufen, dass die Rentenversicherung stabil ist, könnte man als heuchlerisch deuten.

  • Ach schade! So stark angefangen, nur um dann doch den Zahlen auf den Leim zugehen:



    Nein, die Frau aus Burundi mit ihren 5 Kindern verursacht eben nicht nur 0,07 Tonnen Kohlendioxid im Jahr (davon ab dass niemand so leben will, auch die Menschen in Burundi nicht). Nicht nur weil es in Burundi gar keine belastbaren Zahlen zu den Thema gibt, sondern auch weil jeder Mensch im Durchschnitt 2 Tonnen CO2 nur durchs Atmen erzeugt. Die Dame kommt also mit Kindern auf 12 Tonnen, zuzüglich einer unbekannten Menge durch Essen, Heizen etc. Die dramatische Überbevölkerung ist genauso ein Problem für das Klima wie die Massentierhaltung oder der westliche Lebensstandard.

    • @Samvim:

      In Burundi heizt niemand und die Menschen essen vor allem lokale Produkte. Ich war noch nie in Burundi, aber in einigen westafrikanischen Ländern. CO2-Intensiven Konsum können sich die meisten gar nicht leisten. Bei der jungen Generation ändert sich auch vieles. Die wollen nicht mehr so viele Kinder.

    • @Samvim:

      Der Autor kann die 2 Tonnen CO2 durchs Atmen auch ganz einfach weggelassen haben, weil menschliche, nicht abschaltbare Bedürfnisse einfach nicht mit einbezogen werden.

      Stattdessen CO2 durch Konsum, Konsum, Kapitalismus, Konsum und all die negativen Folgen für die Umwelt. Dann ist eine Frau mit 5 Kindern aus Burundi Spitzenreiter.

      • @Troll Eulenspiegel:

        Nur schade, dass es dem Klima völlig wurscht ist, ob das CO2 aus Luxus oder menschlichen Bedürfnissen entstanden ist. Die Rechnung ist Selbstbetrug und führt z.B. die CO2-Budgetierung ad absurdum. Das Atmen (und furzen) von Nutztieren wird übrigens voll eingerechnet.



        Davon ab: Ein Lebensstandard wie in Burundi ist keine Option. Für niemanden, auch nicht für die Menschen in Burundi

  • Bildung, Bildung, Bildung.



    Gerade der größte Wirtschaftsbereich moderner Gesellschaften, nämlich der Dienstleistungssektor, kann seine Rolle als Treibriemen und Garant für Stabilität der deutschen Wirtschaft dauerhaft nur ausbauen, wenn genügend gut ausgebildete Fachkräfte vorhanden sind.

  • Ja, guter Artikel, wird in meiner Wahrnehmung qualitativ geschmälert durch oft springende Logiken:



    Was hat eine Frau aus Burundi mit 12 Kindern und CO2 Ausstoß im Vergleich zu deutschen 8t/a und Rententhema zu tun. Wieso wird behauptet seit 100 Jahren ginge es um darum dass die Bevölkerung schrumpfen solle, aber es doch im Thema derzeit darum geht, dass es mehr Kinder braucht.... es sind einige so recht willkürliche Gedanken/Behauptungen enthalten um die eigene Aussage zu stärken.... tut das aber nicht.



    Bildung bringt viel, Erkenntnisse gewinnen bringt mehr. Leider liegt letztlich jedem das eigene Hemd näher als des anderen Hose. Und die Erkenntnis, wenn es jedem gut geht wenn es allen gut ein hohles Lippenbekenntnis. Sozialverhalten in Gruppen, Kommunikation und Verantwortliches Handeln lernen als Schulfach wäre hilfreich.

    • @Tom Farmer:

      "Seit 100 Jahren soll Deutschland schrumpfen und ist gewachsen, trotz Millionen Toter im Zweiten Weltkrieg."



      Mit diesem Satz wollte der Autor nicht sagen, dass die Gesellschaft schrumpfen sollte, sondern vielmehr, dass seit 100 Jahren behauptet wird, dass die Gesellschaft schrumpfen würde.

  • „Nicht die Zahl der Kinder ist entscheidend, sondern ihre Bildung“ trifft das nur zum Teil. Ausschlaggebender ist eher das Lohnniveau. Weil Bildung fast immer mit höherem Einkommen korreliert, wird hier leicht Bildung selbst als Ursache behandelt, obwohl sie häufig nur die sichtbare Ausprägung eines anderen Zusammenhangs ist. Der grundlegende Mechanismus verläuft eher über höhere Löhne und die damit verbundenen ökonomischen Bedingungen als über Bildung an sich.

    • @nutzer:

      "Ausschlaggebender ist eher das Lohnniveau." So? Wer sagt denn, dass die Rentenhöhe immer mit der sozialversicherungspflichtig verdienten Lohnsumme korrelieren muss? Ist das ein Naturgesetz? Die Rentnergeneration wird (unter jedem Rentensystem!) stets aus einem Anteil des BIP alimentiert und das BIP und der davon für Renten aufgewandte Prozentsatz ist der einzige bestimmende Faktor für das Rentenniveau. Der Rest ist Ausgestaltung der Details.

    • @nutzer:

      Nein, so ist das nicht. Bildung fängt global gedehen bereits beim Thema Alphabetisierung an. Mädchen die schreiben und lesen können bekommen weniger Kinder. Eine Graswurzelentwicklung die in Sukzessionsstufen zu verstehen ist. Gehalt ist dann immer relativ.

    • @nutzer:

      Sie sagen völlig richtig, dass Bildung und Einkommen korrelieren. Eine statistische Korrelation sagt jedoch erstmal nichts über die Kausalität aus, ein sehr gebräuchlicher Fehlschluss (cum hoc, ergo propter hoc).



      Falls es einen kausalen Zusammenhang gibt, dürfte er eher umgekehrt sein. Je höher der Bildungsabschluss, desto bessere Chancen hat man am Arbeitsmarkt. Bildungspolitik sollte dafür sorgen, dass auch Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus eine Chance haben, ihr Potential auszuschöpfen.



      Meine Eltern hatten sehr wenig Geld, ich war immer das ärmste Kind in der Klasse. Aber Bücher gab es genug, zu meinem Glück. Abitur und Studium kein Problem.

      • @Oma:

        "Falls es einen kausalen Zusammenhang gibt, dürfte er eher umgekehrt sein. Je höher der Bildungsabschluss, desto bessere Chancen hat man am Arbeitsmarkt." Und inwiefern ist das "umgekehrt"? Genau das sagt doch der Autor.

    • @nutzer:

      Hohe Löhne gibt es auch nicht automatisch mit einer hohen Bildung.

      Es geht darum, für den Arbeitgeber interessant zu sein. Wer knapp am Markt ist, kann entsprechende Preise verlange.

      Das kann zB heißen:



      -Bereitschaft zu Schichtarbeit, Dreck, Hitze,Lärm. Dafür gibt’s Zulagen, und auch Jobs für ungelernte, die recht gut bezahlt sind



      -gesuchte Studiengänge



      -gesuchte Spezialisierungen

    • @nutzer:

      Da muss ich aber leider den Liberalisten beispringen und erwähnen, dass höhere Löhne auch erwirtschaftet werden müssen.



      Das erreicht man eher über höhere Ausbildung als über reine Lohnerhöhung, sonst haben wir kein höheren Einkommensniveau, sondern Inflation.



      Natürlich muss die Politik Lohndumping verhindern, wobei der Mindestlohn gute Dienste leistet. Damit ist ihre Arbeit aber noch nicht erledigt. Nächstes Ziel wäre, möglichst wenig Leute in Mindestlohnjobs zu haben.

      • @Herma Huhn:

        Höhere Löhne müssen nicht erwirtschaftet werden. Wenn die Löhne zu hoch sind, steigt die Inflation. Solange die Inflationsrate nicht steigt, kann das Lohnwachstum nicht zu hoch sein. Das gilt auch für die häufig erwähnten Lohnnebenkosten.

        Es gibt eine Gleichung in der Volkswirtschaft, die besagt, dass die Lohnstückkosten (gesamte Lohnkosten geteilt durch die Produktivität) und der Arbeitgeberaufschlag die Preise bestimmen. Wachsen Löhne stärker als die Produktivität, kommt es zur Inflation.

        Wenn es zu keinen Preischocks von außen kommt, hat normalerweise Deutschland eine sehr geringe Inflation. Die Löhne können nicht zu hoch liegen.

    • @nutzer:

      Höhere Bildung = Höherer Lohn!

      Das ist eine ganz simple Gleichung!

      • Akademiker vs. Berufsausbildung: Ein Studium zahlt sich oft aus. Akademiker verdienen im Laufe ihres Arbeitslebens im Schnitt deutlich mehr (ca. 1,45 Mio. Euro) als Menschen mit Berufsausbildung (ca. 1,2 Mio. Euro). Das Einstiegsgehalt von Hochschulabsolventen liegt in Deutschland bei durchschnittlich rund 45.000 Euro, während es ohne Studium bei etwa 34.500 Euro liegt.

      • Meister/Fachwirt: Auch eine berufliche Weiterbildung lohnt sich stark. Meister oder Fachwirte verdienen oft deutlich mehr als ausgelernte Fachkräfte – ein Plus von jährlich über 8.000 Euro ist keine Seltenheit.

      • Höherer Schulabschluss = Mehr Gehalt: Daten der Bundesbank zeigen, dass ein höherer Schulabschluss (Abitur vs. Hauptschulabschluss) im Median mit einem höheren Bruttogehalt einhergeht.

    • @nutzer:

      Wenn wir einfach nur die Löhne verdoppeln, sind die Preise auch bald doppelt so hoch.



      Was haben wir damit gewonnen?

      • @Carsten S.:

        Beliebtes Argument, um die unteren Einkommensgruppen niedrig zu halten, aus Angst um den eigenen Lebensstandard. Das Lohnniveau muss angeglichen werden. Ansonsten sind Kinder aus einkommensschwachen Familien weiterhin bei der Bildung benachteiligt.