Rente: Die einen leben länger und die anderen eben nicht
Nach der Entscheidung zur Rente steht eine Reform des Eintrittsalters im Raum. Dabei gibt es handfeste Gründe für unterschiedliche Lebenserwartungen.
Z ur Rettung des Rentensystems wird dieser Tage auch wieder über einen späteren Renteneintritt diskutiert. Weil durchaus allen klar zu sein scheint, dass das pauschal kaum möglich ist – schließlich schafft es ein Teil der Menschen schon jetzt nicht bis zur Rente mit 67 – müsste der Rentenbeginn gekoppelt sein – an die Lebensarbeitszeit und Beitragsjahre, die Schwere des Berufs, die Lebenserwartung im Allgemeinen.
Solche Ideen stehen jedenfalls im Raum. Dass ganze Gruppen von Menschen in Deutschland nicht nur weniger Jahre arbeiten, sondern vor allem deutlich länger leben als andere, scheint dabei zu den Grundkoordinaten des Systems zu gehören. Tatsächlich sind aber die erheblichen Unterschiede in der Lebenserwartung ein Symptom für einen sozialen Missstand in unserer Gesellschaft.
Die Lebenswartung in Deutschland steigt zwar, aber sie liegt unter dem europäischen Durchschnitt – und das trotz Spitzenplatz bei den Gesundheitskosten. Die vergleichsweise niedrige Lebenserwartung kommt auch durch eine massive Ungleichverteilung von Gesundheit zustande. Manche Leute rauchen mehr, trinken mehr Alkohol, ernähren sich schlechter, haben Übergewicht, mehr Stress. In einer freiheitlichen Gesellschaft hat man die Wahl, wie man sein Leben gestaltet. Genau das lässt sich aber nur in einer Gesellschaft sagen, in der die Menschen vergleichbare Chancen auf eine für sie positive Lebensgestaltung und damit auf Gesundheit haben. Das ist Freiheit.
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Menschen, die von Geburt an über weniger Ressourcen verfügen, haben diese Freiheit nur, wenn die Gesellschaft es schafft, diesen Mangel durch Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik auszugleichen. Denn wie gesund eine*r in Deutschland ist, das hängt neben kaum beeinflussbarer Genetik und individuellen Lebensereignissen vor allem an Bildungschancen, belastenden Arbeits-, Umwelt- und Wohnfaktoren, finanziellem Stress sowie der Zugänglichkeit und Qualität von Gesundheitsversorgung ab. Und diese Faktoren sind ebenfalls sehr ungleich verteilt.
In der vergangenen Woche haben der AOK Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum einen neuen Public Health Index vorgestellt. Darin verglichen sie die Präventionspolitik in 19 europäischen Ländern in den Bereichen Alkohol, Tabak, Ernährung und Bewegung. Deutschland lag fast überall auf den letzten Plätzen.
Wenn man also feststellt, dass ganze Gruppen von Menschen in dieser Gesellschaft mit 67 oder sogar schon mit 60 Jahren so kaputt sind, dass sie im Gegensatz zu anderen keinesfalls noch länger arbeiten können, dann ist eine Unterscheidung beim Renteneintrittsalter nur ein sehr müder Versuch, einer Ungleichverteilung von Gesundheit gerecht zu werden. Wenn man zugleich feststellt, dass der Staat bislang entschieden zu wenig dagegen unternimmt, dann kann der richtige Schluss nur eine umfassende Strategie zur Förderung der öffentlichen Gesundheit sein.
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