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„Spiegel“ skandalisiert Linke-Engagement Linke pocht auf den Rechtsstaat

Gereon Asmuth

Kommentar von

Gereon Asmuth

Eine neue Abgeordnete der Linken in Berlin begleitet Palästinenser, die sich vor Gericht mit Erfolg gegen ihre Abschiebung wehren. Was ist daran das Problem?

S chon wieder eine Linke! Schon wieder extreme Nähe zu Palästinensern! Sogar aus Gaza! Und ein Clan spielt auch eine Rolle! „Linkenpolitikerin war bei Demo gegen Abschiebung polizeibekannter Clanmitglieder“, titelt der Spiegel seinen neusten Skandalbericht und hat auch gleich einen SPDler gefunden, der deswegen die geplante rot-grün-rote Koalition in Berlin für „unmöglich“ hält. Und die Polizeigewerkschaft GdP meckert auch.

Aber was ist eigentlich passiert? Die Berliner Neuabgeordnete Katharina Marg, die selbst laut Spiegel bisher nicht mit übermäßiger Palästina-Solidarität, geschweige denn mit Israel-Kritik oder gar Antisemitismus aufgefallen war, hat sich gegen die Abschiebung von zwei Männern eingesetzt.

Die Männer stammen aus Gaza, sind über Griechenland eingereist und hatten in Deutschland einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde. Eine Duldung ist abgelaufen, Ende Oktober sollten sie nach Griechenland abgeschoben werden. Deshalb wurden sie festgenommen. Dagegen wurde vor dem Polizeigebäude demonstriert. Und Marg war auch vor Ort.

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Die beiden gehören laut Spiegel zu einer größeren Familie, von der wiederum Mitglieder polizeibekannt sind. Nicht wegen Raub, Erpressung, Diebstahl, sondern vor allem wegen Teilnahme an Pro-Palästina-Protesten. Die Polizei sieht in einem der beiden einen Rädelsführer. Aber es gibt keine Anklagen. Erst recht keine Verurteilungen. Und Sippenhaft gibt es auch nicht.

Gericht gibt ihnen Recht

Im Kern bleibt der Vorwurf, dass sich Palästinenser für Palästina einsetzen. Vielleicht haben sie dabei sogar den sehr eng gesteckten Rahmen des in Deutschland Zulässigen überschritten. Vielleicht aber auch nicht. Man muss das auch nicht mögen. Aber für ein Urteil darüber gibt es zum Glück noch immer den Rechtsstaat.

Der aber ist, wie oben beschrieben, nicht gegen die beiden vorgegangen. Im Gegenteil: Als sie sich vor Gericht gegen die Abschiebung und ihre vorherige Inhaftierung gewehrt haben, hat ein Richter sogar in ihrem Sinne geurteilt und sie freigelassen.

Dass die Linke die beiden vor Gericht als parlamentarische Beobachterin begleitet hat, ist nun wahrlich kein Skandal. Im Gegenteil. Man darf, ja man muss erwarten, dass sich linke Po­li­ti­ke­r:in­nen gegen die Auswüchse der Abschiebepolitik engagieren – auch wenn rechte Sozialdemokraten und Polizeigewerkschaftler das anders sehen.

Ein Skandal wäre es nur, wenn Marg und Co es nicht tun würden.

Gereon Asmuth

Gereon Asmuth Ressortleiter taz-Regie

Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
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11 Kommentare

  • Klabauta

    Ich habe versucht, halbwegs sachliche Informationen zu der erwähnten Familie aus Gaza, deren Name im Spiegel-Artikel genannt wird zu recherchieren und stelle fest: es ist schlicht nicht möglich, sich ein von wie auch immer gearteten Wertungen unbeeinflusstes Bild zu machen.



    Der Spiegel, man muss es leider konstatieren, ist schon lange nicht mehr das "Sturmgeschütz der Demokratie", fährt ganz offen eine knallharte Kampagne gegen die Linkspartei und bedient sich dabei mMn unseriöser Methoden, wenn er zum Beispiel den Begriff parlamentarische Beobachterin in Anführungszeichen setzt und ihm damit auf subtile Weise etwas Anrüchiges verleiht.

    "Hinter dem Informationsrecht der Abgeordneten steht der demokratietheoretische Zweck, dass nur ein Parlament, das in Person seiner Abgeordneten auch durch eigene Beobachtung Kenntnis von behördlichem und polizeilichem Handeln hat, die exekutive Staatsgewalt so kontrollieren kann, dass eine bis auf das Wahlvolk zurückzuführende demokratische Legitimationskette i.S.d. Art. 20 Abs. 2 GG besteht."



    Quelle: Verfassungsblog

  • Bolzkopf

    Man sieht die Linken offenbar als so große Gefahr für die eigene Machtposition dass alle Mittel Recht sind.



    Egal was auch immer die Linken tun: Man wird ihnen einen Strick daraus drehen.



    Dabei ist neuer Wind in der abgestandenen politischen Luft nötiger denn je.

  • behr Behr

    Eine Information lautete, dass die beiden über Griechenland eingereist sind mit entsprechenden Rechtsfolgen.

    • Stephan Heibges

      @behr Behr:

      Ebenfalls unerwähnt ist die Tatsache, dass die beiden bereits in Griechenland einen Schutzstatus erhalten hatten und somit Griechenland für sie zuständig ist.

  • Dreja

    Danke für den Kommentar.

  • Il_Leopardo

    Sollte ich jemals in eine ähnliche Situation geraten, wünschte ich mir auch solch einen Beistand. Gut gemacht - Frau Marg!

  • Yann Marre

    Danke für diesen politisch sehr richtigen Kommentar, der sich auch deswegen wohltuend von vielen in der taz erscheinenden Beiträgen abhebt, weil er auf den Boden der Tatsachen zurückführt. Davon braucht es angesichts der teils wahnhaften Verteidigung verzerrter Denkgewohnheiten gegen linke Politik und zu Israel-Palästina weitaus mehr!

  • test_name

    >Vielleicht haben sie dabei sogar den sehr eng gesteckten Rahmen des in Deutschland Zulässigen überschritten.<







    Das ist das Problem. Politiker wie Volker Beck dürfen Terroristen unterstützen - Palästinenser dürfen Terroristen nicht unterstützen.

    Verstehe das wer will - ich nicht.

  • Elke Weyel

    Ich habe den Spiegel -Artikel zweimal gelesen, um Belege für die behauptete Clan-Kriminalität zu finden. Vergeblich. Dem Spiegel ist zur Zeit alles recht für seine Kampagne , für mich ein totaler Vertrauensverlust. Ich war vier Wochen in Brooklyn und habe eine Konferenz von Jewish currents besucht. Das Thema war die Situation in Israel / Palästina und die amerikanische Politik. Viele linke jüdische Amerikaner auf den Podien, israelische und palästinensische Teilnehmer, ein Bemühen um eine ernsthafte Auseinandersetzung.1500 Zuhörer vor Ort, Hunderte online. In Deutschland ist so ein Diskurs undenkbar. In anderen europäischen Ländern schon. Wir sind hier ein spießiges selbstzufrieden es Krähwinkel mit sehr eingeschränkten Empathiemöglichkeiten, bestenfalls geht es um die Totgeburt Zweistaatenlösung, eine rhetorische Angelegenheit bei 700000 Siedlern. Selbstberuhigung ist primär für den deutschen Michel. Für die Meinungsbildung gibt es Volker Beck, den Bio deutschen Antisemitismusexperten. Positionen wie die linker jüdischer Intellektueller werden hier platt gemacht, , deren Bücher werden nicht übersetzt.

    • cazzimma

      @Elke Weyel:

      Bitte benutzen Sie nicht das rassistische Unwort "Biodeutsch".

  • Janix

    Auch hier ist die taz, bzw. G. Asmuth, bereits weiter als andere Medien: Dass sie das dauernd Wiederholte und Eingehämmerte klug einmal mit einem Fragezeichen versieht. Danke.