Darf man unpolitisch sein?: Die Partei hat nicht immer recht
Politik ist wieder in und jung. Die Affäre um das „Spiegel“- Interview von Elif Eralp hat da Emotionen freigesetzt. Doch Demokratie ist mehr.
E igentlich möchte ich das Fass Spiegel vs. Elif Eralp nicht noch mal aufmachen. Auch die andauernde Frage, ob es überhaupt zu ist, beschäftigt mich nicht so sehr. Mein Dreh ist, dass ich die Sache nicht so negativ sehe.
Ich sehe eher, dass Dinge noch funktionieren: Letztlich wird jetzt in geschlossenen Räumen Politik gemacht, und die Spinner, die – wer weiß das schon – vielleicht die Weisen von morgen sind, protestieren vor geschlossenen Türen. Die Linke überprüft ihre Pressearbeit und der Spiegel muss aufpassen, dass er sich nach der grundsätzlich richtigen Entscheidung zur Veröffentlichung der Panne nicht zu sehr in der Schmollecke eingräbt.
Bestätigt hat sich jedenfalls, dass Politik und politischer, nennen wir es harter Journalismus – also das Gegenteil, von dem, was ich hier gerade mache –, sich sehr ähnlich sind. Beides sind eher unangenehme Metiers. Die einen wollen Dinge öffentlich machen, die genau das nicht werden sollen, die anderen wollen Sachen im Stillen klären, die in die Öffentlichkeit gehören.
Zum Auf- wie zum Verdecken muss man entsprechend charakterlich ausgestattet sein. Ich bekomme – hier ganz Gen Z – schon Herzrasen, wenn eine fremde Nummer auf meinem Display erscheint.
Unbefriedigende Worte
Was mich zu der Frage führen könnte, ob ich ein guter, harter Journalist bin, die aber nicht mal mich selbst interessiert. Ich gebe mir, wenn es sich ergibt, Mühe. Mehr verlange ich nicht von mir.
Die andere Geschichte ist, ob man der Politik fernstehen, sie und ihre Protagonist:innen unangenehm finden, ob man mit einem unbefriedigenden Wort gesagt, unpolitisch sein darf.
Als Jörg-Fauser-Leser bin ich da einerseits eingestimmt und anderseits kritisch gegen meine eigene, mit einem unbefriedigenden Wort gesagt, Politikverachtung: „Die Politik“, schreibt Fauser in seinem Roman „Rohstoff“, „war ein haarsträubender Wahnsinn, andererseits war sie da, sie wurde gemacht, sie war notwendig. Zwei Menschen zusammen, das war schon Politik.“
Letzteres ist in Zeiten von privaten Aushandlungsprozessen und unumgänglichen Care-Arbeit-Diskussionen unbestritten. Im Privaten gibt es keine Alternative zur Demokratie. Im öffentlichen Bereich ist mir der Schutz des Individuums wichtiger als die Herrschaft der Mehrheit.
Rahmen und Bild
Ich lebe ja nicht zuletzt deswegen in einer großen Stadt, um in Ruhe gelassen zu werden. Ich finde es gut, wenn rot-grün-rot eine Regierung für Berlin zustande bringt, aber wenn diese Regierung scheitert, bleibt Berlin auch Berlin. Die Demokratie ist der Rahmen, auf den ich mich als Einzelner verlassen können möchte. Welches Bild in den Rahmen gewählt wird, ist eine andere Frage.
Das hat vielleicht den positiven Effekt, dass man Politiker:innen nicht auf einen Sockel stellt, von dem sie früher oder später nur abstürzen können. Und es schützt davor, sich Verschwörungserzählungen auszudenken, wo es lediglich um hart, manchmal sehr hart geführte politische Auseinandersetzungen geht.
Konkret: Die Dauererzählung vom Wahlsieg der Linken in Berlin ist nicht hilfreich. Viel wichtiger ist die Feststellung, dass gerade eine Partei, die lediglich ein Viertel der Stimmen gewonnen hat, auf den Rest der Stadt, der sie nicht gewählt hat, zugehen muss. Und dazu muss sie natürlich als erstes klären, wer sie selbst überhaupt ist.
Wie man auf ehrabschneidende Kampagnen – die ich im Fall Eralp nicht erkennen kann (aber immer bereit bin dazuzulernen) – reagiert, hat Willy Brandt gezeigt: mit einer großen, radikalen, selbstlosen Geste. Das Poster mit seinem Warschauer Kniefall hängt bei uns zu Hause als Plakat. Sich diese Geste gegenwärtig zu halten, ist am Ende vielleicht doch wieder – politisch.
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