Arbeitspolitik des Kanzlers: Arbeit haben oder nicht Arbeit haben, das ist hier die Frage
Friedrich Merz redet gerne darüber, dass die Deutschen mehr arbeiten sollen. Weniger gerne redet er darüber, dass viele verzweifelt einen Job suchen.
I m Karrierenetzwerk LinkedIn tummeln sich viele Verzweifelte. Damit sind hier nicht jene gemeint, die versuchen, Leadership-Influencer zu werden oder die für einen Positionswechsel nach Glückwünschen lechzen. Es sind die vielen Arbeitslosen, die auch gern eine neue Stelle verkünden würden, aber nichts in Aussicht haben. Stattdessen müssen sie posten, ob vielleicht jemand an all ihren Skills und Erfahrungen Interesse hätte.
In Deutschland suchen derzeit so viele Menschen Arbeit wie seit zehn Jahren nicht mehr. Zugleich ist die Chance, etwas zu finden, historisch niedrig, weil die Zahl vakanter Stellen abnimmt. Auch die Vereinbarkeit der Arbeitssuchenden mit dem, wonach Unternehmen suchen, lässt nach.
Trotzdem lässt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verlauten, dass die Deutschen wohl alle keine Lust hätten zu arbeiten; das aber gefälligst tun sollten, damit die Wirtschaft wieder brummt. Nur: Merz’ Menschenbild ist falsch.
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Tatsächlich ist es ein menschliches Grundbedürfnis, etwas zu erschaffen. Wenn wir dazu keine Möglichkeit haben, fehlen im Gehirn viele Belohnungsbotenstoffe, darunter Dopamin, das einen wahren Schaffensrausch auslösen kann. Bei einem Mangel ist dagegen Antriebslosigkeit die Folge. So löst Arbeitslosigkeit einen neurobiologischen Teufelskreis aus: Dopaminmangel bewirkt mangelnde Motivation, die zu weniger Aktivitäten führt – noch weniger Dopamin wird ausgeschüttet.
Kritik an Arbeitgeber richten
Dies hat zudem einen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl, das ohnehin schon durch Scham- und Schuldgefühle aufgrund der Arbeitslosigkeit immens angegriffen ist. Alles sehr ungünstig in einer Situation, in der es darum geht, Bewerbungen zu schreiben und sich als der:die beste Mitarbeiter:in der Welt zu verkaufen. Zumal jede vergebliche Bewerbung zusätzlich selbstwertschädigend ist.
Statt die Bevölkerung zu fragen, ob Krankmeldungen wirklich notwendig sind, und den Wunsch nach Teilzeit-Arbeit zu diskreditieren, sollte Merz seinen Unmut über die Wirtschaftslage an Unternehmen adressieren. Und sie zum Beispiel auffordern, von aufwendigen Bewerbungsprozessen abzusehen. Er könnte ihnen sagen, dass sie mehr Leute einstellen und höhere Gehälter zahlen sollen, damit die Binnennachfrage wieder so richtig brummt. So simpel funktioniert das mit dem Wirtschaftswachstum, oder etwa nicht?
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