Spannungen zwischen Warschau und Kyjiw : Diplomatischer Vollversager
Selenskyj will nach dem von ihm ausgelösten Eklat nicht zur Wiederaufbaukonferenz nach Polen reisen. Nur jetzt keine weitere Eskalation riskieren.
Foto: Hans Lucas/picture alliance
N ur gut, dass sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dazu entschieden hat, der Wiederaufbaukonferenz im polnischen Gdańsk fernzubleiben. In dem symbolträchtigen Ort gründete 1980 Lech Wałęsa die unabhängige Gewerkschaft Solidarność – eine Bewegung, ohne die der Zusammenbruch des sowjetisch dominierten Ostblocks kaum denkbar gewesen wäre. Formal ist Selenskyjs Nichtteilnahme keine große Sache. So wurde der polnische Präsident Karol Nawrocki gar nicht erst eingeladen.
Dem gastgebenden polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk wird die ukrainische Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko zur Seite stehen. Dass Selenskyj nicht dabei ist, muss deshalb nicht unbedingt als Affront empfunden werden, und doch ist es ein Novum. Bei allen anderen Konferenzen war der ukrainische Präsident immer dabei. Dass er diesmal nicht nach Polen kommen will, geht auf die Spannungen zwischen Warschau und Kyjiw zurück, die sich aktuell immer mehr zuzuspitzen drohen.
Es zeugt nicht gerade von diplomatischem Fingerspitzengefühl, eine ukrainische Armeeeinheit nach Kämpfern der ukrainischen Nationalisten von der UPA zu benennen. Soldaten der „Ukrainischen Aufstandsarmee“ hatten im Zweiten Weltkrieg Zehntausende Polen ermordet. Selenskyj hätte wissen müssen, dass eine solche Ehrung in Polen nicht gerade auf Gegenliebe stoßen würde. Man kann nur kopfschüttelnd fragen, was den ukrainischen Präsidenten in Zeiten wie diesen dazu treibt, die Beziehungen zum Nachbarn so schwer zu belasten.
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Selenskyj hat seinem persönlichen Ansehen geschadet. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit in Polen die Forderung von Nawrocki unterstützt, Selenskyj den „Weißen Adler“ abzuerkennen. Der höchste Staatsorden war ihm erst vor drei Jahren für seine Verdienste um das bilaterale Verhältnis verliehen worden. Eine Reise Selenskyjs nach Polen könnte den Zwist zum aktuellen Zeitpunkt nur zusätzlich eskalieren lassen. Womöglich hätte sie die gesamte Konferenz noch zum Scheitern gebracht.
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