Russische Angriffe auf die Ukraine: Stell Dir vor, es ist Krieg

Jetzt, da Putin seine Drohung wahr gemacht hat, ist alles ganz anders. Ich muss erkennen: Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus für diesen Krieg.

Eine junge Frau hockt auf dem Boden, umgeben von Menschen ,die stehen

Eine Frau versucht auf dem Bahnhof in Kiew mit einem Zug die Stadt zu verlassen, 24.02.2022 Foto: Emilio Morenatti/ap

Niemand durfte von der Nachricht überrascht gewesen sein, dass russische Truppen die Invasion in die Ukraine begonnen haben. Schon am Mittwochabend war die Einschätzung aus den US-Krisenstäben gesickert und das in völlig eindeutiger Tonlage: Eine Invasion der Ukraine stehe bevor, entweder schon gegen Mitternacht mitteleuropäischer Zeit oder zur selben Zeit in der Nacht auf Freitag. Erwartet worden waren Bodentruppen, Angriffe auf Kiew wie andere Städte und Cyberattacken. Cyberattacken könnten außerdem auch jene Staaten treffen, die sich hinter die Ukraine stellen.

Und dann liefert Wladimir Putin pünktlich, was er versprochen hat, man konnte es in der Nacht live verfolgen. Und es ist plötzlich alles ganz anders. Die Drohung mit Krieg und der Beginn einer Invasion sind völlig unterschiedliche Sachen; in allererster Linie natürlich für die Menschen in der Ukraine, aber auch für verstörte Beobachter und Beobachterinnen, für ratlose Politikerinnen, für engagierte aber ebenso ratlose Journalistinnen.

Noch gestern Abend schien mir die wüsteste Erwartung, das russische Militär könne Kiew angreifen, bizarr und einen Schritt zu weit in der hilflosen Interpretation dessen, wohin Putin die Eskalation treiben würde.

Und exakt das macht Wladimir Putin. Er verschiebt Tag für Tag das Vorstellbare nach schematischer Planung, bis nichts mehr unvorstellbar ist. Das ist der Punkt, an dem er die Ukraine und ihre Unterstützerinnen, an dem er die Nato haben will.

Heute scheint sogar ein Krieg über die Ukraine hinaus vorstellbar. Die baltischen Staaten, die Putin schon am Montagabend mit Nadelstichen in Sorge gestürzt hat, können sich ihrer autonomen Staatlichkeit nicht mehr sicher sein. Die Energieversorgung in Westeuropa könnte gestört werden, genauso wie andere infrastrukturelle Bereiche und der Finanzsektor. Mit welchen Waffen das russische Militär agieren wird, auf diese Vorstellung will ich mich (noch) nicht einlassen.

Das mittel- bis langfristige Ergebnis des Putinschen Feldzuges wird sehr wahrscheinlich eine demilitarisierte Zone rund um einen ausgedehnten russischen Einflussbereich sein, eine Marionette in Kiew und eine handzahme Nato, deren Erweiterung nicht nur mittelfristig nicht auf der Tagesordnung steht.

Aber vielleicht reicht meine Vorstellungskraft einfach auch nicht für mehr.

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taz-Chefredakteurin, Initiatorin der taz-Klima-Offensive und des taz Klimahubs. Ehemals US-Korrespondentin des Tagesspiegel in Washington.

Wir alle wollen angesichts dessen, was mit der Ukraine derzeit geschieht, nicht tatenlos zusehen. Doch wie soll mensch von Deutschland aus helfen? Unsere Ukraine-Soli-Liste bietet Ihnen einige Ansätze fürs eigene Aktivwerden.

▶ Die Liste finden Sie unter taz.de/ukrainesoli

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