Immer mehr Kirchenaustritte: Die Schäfchen laufen ihnen in Scharen davon
Sowohl die evangelische also auch die katholische Kirche verliert Mitglieder. Das liegt neben der finanziellen Last auch an Glaubwürdigkeitsfragen.
Fürchtet Euch nicht!“, spricht der Herr in der Bibel – und nicht nur er. Ganze 365-mal findet sich dieses Mantra im Heiligen Buch der Christ*innen – äußerst ambitioniert in Zeiten der Umbrüche und Unsicherheiten wie diesen – jetzt, da Angst für viele Menschen zu einem ständigen Begleiter geworden ist. Allen Grund, sich zu fürchten, sollten jedoch auch die evangelische und katholische Kirche in Deutschland als Institutionen haben.
Ein bisschen Schwund ist immer, weiß der Volksmund, doch hier geht es mittlerweile um ganz andere Dimensionen. Beiden Kirchen laufen ihre Schäfchen in Scharen davon. Offensichtlich kommt die frohe Botschaft immer weniger an. Gründe dafür gibt es viele – allen voran Geld. Die Gotteshäuser sind gefühlt wie real nicht gerade im finanziell niederschwelligen Bereich unterwegs.
Die Kirchensteuer hinterlässt bei Berufstätigen mit überschaubarem Einkommen durchaus ihre Spuren im ohnehin nicht prall gefüllten Portemonnaie. Auch, dass der Staat die Abgabe einzieht – ein Relikt vom Anfang des 19. Jahrhunderts – erschließt sich vielen schon längst nicht mehr. Zumal Vater Staat einen Teil des Obolus für sich einbehält.
Aber das ist noch längst nicht alles. Da, wo es mit dem Glauben nicht mehr so weit her ist, wird Glaubwürdigkeit immer wichtiger. Und auch die hat bei beiden Kirchen merklich gelitten. Genannt seien an dieser Stelle allen voran die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs. Von einer umfassenden Aufarbeitung kann bislang kaum die Rede sein, was die Betroffenen, aber nicht nur sie, als weitere Demütigung empfinden müssen. Ein wirkliches Bemühen, seinem/r Nächsten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sieht anders aus.
Kirchen brauchen neue Finanzierungsmodelle
Wie also weiter? Erstmal sollte die Finanzierung der Kirchen grundlegend reformiert werden. Das würde auch dem Prinzip der Trennung von Staat und Kirche Rechnung tragen. Warum nicht die Kirchen durch freiwillige Spenden alimentieren? Oder, wie beispielsweise bei Vereinen, Beiträge von den Mitgliedern direkt einziehen? Doch derartige Veränderungen allein werden es nicht richten.
Vielmehr müssen sich die Kirchen überlegen, wie sie, insbesondere für jüngere Leute, wieder attraktiver werden. „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, hieß es bei einer Protestaktion von Student*innen in Hamburg 1967. In Abwandlung dazu ließe sich sagen: Unter den Talaren so mancher Kirchenmänner und -frauen sieht es immer noch nicht wirklich besser aus. Dabei böten sich doch gerade jetzt, wo es darum geht, die Zivilgesellschaft zu stärken, für die Kirchen mannigfaltige Betätigungsfelder.
Überhaupt: Klamme Kassen setzen ja manchmal ganz kreative Ideen frei. Um zu sparen, ist in Lübeck eine katholische Kirchengemeinde vor kurzem bei ihren evangelischen Brüdern und Schwestern eingezogen. In der jetzt gemeinsam genutzten Kirche wird, mit Rücksicht auf die Protestant*innen, auf den Einsatz von Weihrauch verzichtet. Na bitte, geht doch! Wie heißt es immer so schön: Krise als Chance! Eben. Bleibt nur noch die Frage, wer sie ergreift.
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