Psychisch kranke Flüchtende: Konsequente Hilfeverweigerung
Nur drei Prozent der Geflüchteten bekommen die psychologische Hilfe, die sie brauchen. Die EU-Abschottungspolitik ist eine Traumatisierungsmaschine.
G erade einmal 3 Prozent der psychisch kranken Geflüchteten bekommen Hilfe. Auf groteske Art ist das konsequent. Denn die gesamte europäische Abschottungspolitik ist indirekt eine riesige Traumatisierungsmaschine.
Weil legale Fluchtrouten systematisch mit Visapflichten, Grenzzäunen und Rücknahmeabkommen versperrt werden, müssen die Flüchtenden ausweichen: Auf den Weg durch die Sahara, wo Tausende verdursten. Nach Libyen, wo viele als Geiseln genommen und gefoltert werden, um von Verwandten Lösegeld zu erpressen. Auf überfüllte Schiffe, wo Ertrinken oder brutale Pushbacks durch europäische Grenzschützer drohen.
Wer es nach Deutschland schafft, den*die erwarten hier Lebensumstände, die der psychischen Gesundheit wirklich nicht zuträglich sind. Massenunterkünfte zermürben und anfängliche Arbeitsverbote sorgen für quälende Langweile. Auch die erst vor wenigen Monaten eingeführten Bezahlkarten für Geflüchtete spielen wohl eine Rolle, indem sie die Menschen noch weiter stigmatisieren und ihnen das Leben erschweren.
Dazu kommt die Stimmung im Land, die sich deutlich gegen die Aufnahme von Geflüchteten gedreht hat, Hetze durch Politiker*innen und die ständige Bedrohung durch rechte Gewalttäter*innen. Eigentlich bräuchte es nicht weniger als die komplette Umwälzung unseres Umgangs mit Geflüchteten und das nicht nur in Deutschland, sondern auf ganzer EU-Ebene. Da das aber nicht passieren wird, bleiben zunächst nur ein paar kleine Hoffnungsschimmer.
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So könnte die SPD-Fraktion in den Haushaltsverhandlungen doch noch einige Millionen mehr für die Psychosozialen Zentren heraushandeln. Vielleicht findet sich auch irgendwann wieder eine Mehrheit im Bundestag, die bereit ist, Geflüchteten schnelleren Zugang zum regulären Gesundheitssystem zu verschaffen. Es wäre ein Anfang.
Korrigiert am 26. Juni um 10:50 Uhr. Im Text hieß es zunächst fälschlich, die Mittel im Bundeshaushalt würden gekürzt. Das ist nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. d. R.
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