Angriffe auf grüne Kandidatin Baerbock: Kratzer auf der Oberfläche

Die Fehler der grünen Kanzlerkandidatin Baerbock werden von üblichen Verdächtigen hochgejazzt. Leider passen sie zu gut zum Klischee der „Generation Selbstinszenierung“.

Annalena Baerbock lacht

Annalena Baerbock in einer Fernsehdebatte Foto: Christian Mang/reuters

Annalena Baerbocks Vergehen sind Kleinigkeiten. Sie hat ihren Lebenslauf aufgehübscht. Sie hat vergessen, Geld, das sie als Parteichefin verdiente, beim Bundestagspräsidenten korrekt anzugeben. Sie hat ein Buch geschrieben, bei dem ein paar Sätze aus anderen Texten übernommen wurden und bei dem mehr Sorgfalt günstig gewesen wäre. Diese Fehler werden von den üblichen Verdächtigen kampagnenhaft zu schwerwiegenden Vergehen hochgejazzt.

Der Fall trifft die Grünen hart. Warum eigentlich? Hätte Olaf Scholz etwas geliftet und mal unsauber zitiert – alle hätten kurz die Augenbraue hoch gezogen und sich dem nächsten Thema zugewandt. Bei Baerbock nicht. Weil sie eine Frau ist? Vielleicht. Bestimmt aber, weil sie jung und eine Newcomerin ist. Jung, energisch und unverbraucht (und für viele unbekannt) zu sein war ein Bonus, nun ist es zum Malus geworden.

Denn Baerbocks Fehler scheinen zu einem skeptischen Bild der Generation 30 plus – oder vielmehr ihres akademischen Teils – zu passen. Die gilt als individualistisch, sie neigt zum Ich-Zentrierten und ist sehr von sich überzeugt. Ihr Aufstieg nach oben war leicht. Baerbocks Nachlässigkeiten, die leicht geliftete Biographie und ein paar übernommene Sätze scheinen die Vorbehalte gegen diese Generation Selbstinszenierung zu bekräftigen – nicht seriös genug.

Zudem wirkte Baerbock bislang immer wie eine Mrs. Perfect. Immer sprechfähig und gut vorbereitet, ehrgeizig und furchtlos. Ihre Oberfläche war glatt poliert. Deshalb sieht nun jeder Kratzer wie eine Wunde aus.

Dass die CSU nun über „Schummel-Baerbock“ herzieht, „die Nebeneinkünfte verschleiert und ein Buch in Teilen zusammenkopiert“ habe, ist nicht nur maßlos übertrieben. Denn sie hat nichts Illegales verschleiert, sondern legal erworbenes Geld zu spät angegeben.

Eine Partei, in der Volksvertreter mit Maskendeals dreist Geld abzocken, sollte da nicht mit Steinen werfen. Und in der Kunst des raffiniert verheimlichten Ideenklaus ist CSU-Mann Guttenberg unerreicht. Die Doktorarbeit des Lügenbarons bestand zum Gutteil aus illegalem Gedankendiebstahl. Minister Scheuer hat seinen in Prag erworbenen Doktor vorsichtshalber zurückgegeben. Eine Partei mit einem so intimen Verhältnis zur Hochstapelei hat kein Recht, den Moralrichter zu spielen.

Und nun? Der Wahlkampf wird hart. Das Überraschendste an dem Fall ist, wie überrascht die Grünen wirken. Es war doch klar, dass man nicht im Schlafwagen ins Kanzleramt kommt und auch nicht mit der Debattenkultur evangelischer Akademien. Die Grünen wirken, als hätten sie all das nicht erwartet. Und ziemlich ratlos.

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Stefan Reinecke leitet das Meinungsressort der taz und arbeitet als Autor im Parlamentsbüro mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

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