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Flüchtlingsleichen in Italien angespültEin Massensterben, das niemanden kümmert

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Nach dem Zyklon „Harry“ werden immer mehr Leichen an Italiens Küsten angespült. Die Berichterstattung bleibt aus – und mit ihr das öffentliche Interesse.

Wo bleibt der Aufschrei? Foto: Gabriele Maricchiolo/nurphoto/imago

W aren es 380 Menschen, die im Januar im Mittelmeer ertranken? Oder gar 1.000? Diese Frage stellt sich erneut, seitdem in den letzten Tagen immer wieder Leichen an den italienischen Stränden angeschwemmt wurden.

Als am Dienstag die Schü­le­r*in­nen eines direkt am Strand gelegenen Gymnasiums im kalabrischen Tropea aus dem Fenster ihres Klassenzimmers schauten, sahen sie einen leblosen Körper im Wasser treiben, wie lokale Onlinemedien berichtet haben. Wegen des rauen Seegangs brauchten die herbeigerufenen Einsatzkräfte Stunden, um ihn und später eine weitere Tote zu bergen.

Schon vom 6. Februar an waren immer wieder Leichen gefunden worden. Fünf wurden an die Strände der südlich Siziliens gelegenen Insel Pantelleria getrieben oder von der Küstenwache auf dem offenen Meer geborgen, zwei weitere an die sizilianische Westküste, und in vier Orten Kalabriens wiederholten sich die schrecklichen Szenen. Insgesamt werden bisher 15 Leichenfunde gezählt.

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Dass das furchtbar ist, ist klar. Noch viel schlimmer aber ist, dass einen großen Teil der italienischen Bevölkerung diese Nachricht nicht mal erreicht und die Toten somit niemanden scheren. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren sie alle Migrant*innen.

Tote zwar nicht an Land, aber auf dem Meer

Sie wollten von der Südküste des Mittelmeers Richtung Italien übersetzen und fielen dann dem Zyklon „Harry“ zum Opfer, der in den Tagen vom 16. bis zum 23. Januar im westlichen und zentralen Mittelmeer wütete, der Spanien ebenso wie Tunesien und die italienischen Regionen Sardinien, Sizilien und Kalabrien heimsuchte.

Schwere Verwüstungen hatte dieser Wintersturm angerichtet, Strandlidos und Strandpromenaden weggefegt, nahe am Wasser stehende Häuser in Trümmer gelegt, an der Küste entlangführende Straßen und Eisenbahnlinien weggespült. Mehrere Milliarden Euro sollen die Schäden in Süditalien betragen – doch es herrschte allgemeines Aufatmen darüber, dass in den betroffenen Orten keine Toten zu beklagen waren.

Die Erleichterung ist fehl am Platz – denn Tote gab es, zwar nicht an Land, aber auf offener See. In unmittelbarer Küstennähe hatten sich in den Tagen von „Harry“ die Wellen zu 7 Metern aufgetürmt, doch im offenen Meer, zum Beispiel zwischen Malta und Sizilien, waren Monsterwellen von bis zu 16 Meter Höhe registriert worden, und sie haben womöglich Dutzende Boote mit Mi­gran­t*in­nen an Bord zum Kentern gebracht.

Wenn überhaupt, wird nur lokal berichtet

Schon am 24. Januar setzte der bei Radio Radicale tätige Journalist Sergio Scandura einen Post auf X ab, in dem er von 380 Opfern sprach. Er stützte sich dabei auf einen Rettungsaufruf der italienischen Küstenwache „an alle Schiffe“, der acht Boote, allesamt in den Tagen vom 14. bis zum 21. Januar vom tunesischen Sfax in See gestochen, als vermisst meldete, mit genauen Angaben zur Abfahrtsstunde und den Zahlen der Passagiere an Bord (zwischen 36 und 54 in den verschiedenen Booten).

Genaue Angaben lieferte die Küstenwache auch zur Bauart der Nachen. Sieben waren aus Metallplatten zusammengeschweißte Kähne, die wegen geringer Seetauglichkeit besonders berüchtigt sind, hinzu kam ein Schlauchboot. Allerdings verzichtete die Rettungsleitstelle ihrerseits völlig darauf, mit einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit über das Drama zu informieren.

Die Zahl von einem möglichen Massensterben schaffte es denn auch nicht, die italienische Öffentlichkeit zu erschüttern – die Medien nahmen Scanduras Post auf X schlicht höchstens am Rande zur Kenntnis. Nicht anders erging es der noch höheren Schätzung der in Italien aktiven NGO Refugees in Libya, die in den kritischen Tagen des Sturms 38 Abfahrten zählt – doch nur ein Boot sei in Italien eingetroffen und eines nach Sfax umgekehrt. Die Zahl der Opfer betrage etwa 1.000, so die NGO.

Italiens Öffentlichkeit aber schaut weiterhin weg. Genauso ergeht es jetzt den Nachrichten von den an den Stränden aufgefundenen Leichen – sie finden medial, wenn überhaupt, nur in der Lokalpresse statt. La Repubblica, eine der wichtigsten Tageszeitungen des Landes, berichtete in ihrer Mittwochs-Printausgabe gar nicht, und dem Corriere della Sera war der Tote von Tropea nur ein kleiner Artikel hinten im Blatt, auf Seite 23, wert. Kein Wort auch fiel in den TV-Nachrichten. Auch so lässt sich das Thema Massensterben im Mittelmeer erledigen: durch Nichtbefassung.

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Michael Braun
Auslandskorrespondent Italien
Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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9 Kommentare

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  • Man vergleiche nur die Anzahl der Kommentare an dieser Stelle mit denen zum Artikel "Künstliche Motorgeräusche fürs E-Auto".

  • Diese Nachricht lese ich allerdings auch in deutschen Publikationen heute zum ersten Mal - hier in der TAZ. Wo denn sonst? In der Springerpresse? FAZ? Wenn dort überhaupt, dann bestenfalls als Dreizeilenmeldung. Und der Aufschrei in der Gesellschaft bleibt aus, man interessiert sich eher für den olympischen Eiskunstlauf - vielleicht weil die Öffentllichkeit mit derart unappetitlichen Nachrichten nicht behelligt werden soll?

  • Danke liebe TAZ, dass ihr anders seid!

  • Die Nachricht über angespülte Ertrunkene erschüttert mich. Und es entsetzt mich, mit welchen Worten Michael Braun auch das noch kommentiert. Möchte er Opfer beklagen oder Berichterstattung beklagen? Ist das Ausbleiben wirklich ein Mangel an Anteilnahme? Und falls, kann dieser Mangel als ein Mangel an Interesse bezeichnet werden? Nein – ein Interesse an Trauer mag ich nicht denken.

  • Danke für diesen Text. Die rassistische Gleichgültigkeit ggü. [aus welchen Gründen auch immer] nach Europa fliehenden und hier "etwas Bessres als den Tod" suchenden Menschen, die vor 10 Jahren noch der "politischen Rechten" vorbehalten war, diese Gleichgültigkeit scheint längst Haltung der Mitte der europäischen Gesellschaften. Abschottung, Zäune, Mauern an Land, Ertrinkenlassen auf See; das neue GEAS, das uns die Mühseligen und Beladenen vom Hals halten soll, damit Europa so tun kann, als ginge der Rest der Welt es nichts an.

  • Ja es ist wirklich traurig.



    Die Menschen verdunsten wahlweise in Nordafrika in der Wüste, landen in Foltergefängnissen, werden als Sklaven ausgebeutet oder ertrinken im Mittelmehr. Das alles mit Wissen und finanzieller Unterstützung der EU. Dass davon kaum jemand etwas mitbekommt ist gewollt. Niemand hier möchte hören was sinkende Flüchtlingszahlen in der Realität an Unmenschlichkeit bedeutet. In bzw. vor Griechenland oder Polen sieht es nicht viel humaner aus.



    Die Flüchtlingszahlen sinken zwar (hauptsächlich wg. Syrien, nicht Dobrindt) rechte Parteien sind trotzdem weiter auf dem Vormarsch. Leider auf der ganzen Welt.



    Das Bild des kleinen toten Jungen am italienischen Strand hat damals noch einen gewissen Aufschrei gebracht. Da vermeidet man doch lieber solche Bilder.



    Der syrische Flüchtlingsstrom hätte damals vermieden werden können, wenn die Hilfsorganisation in den Nachbarländer nicht total unterfinanziert gewesen wären.



    Hilfe gibt es nicht umsonst, Abschottung ist aber auch nicht gratis. FROTEX, Abschiebedeals und Grenzkontrollen kosten viel Geld und machen uns dazu noch erpressbar. Das was wir meinen vor Fremden verteidigen zu müssen zerstören wir.

  • Ja, das öffentliche Interesse an diesem Massensterben bleibt aus und damit ist es ein ähnlicher Effekt wie in der Pandemie, als die vielen Toten auch nur noch als Anzahl berichtet wurden.

    Und wer konkret hätte diese Menschen aus einem Zyklon mit sieben Meter hohen Wellen retten sollen, ohne sein eigenes Leben zu gefährden?

    Ich hoffe darauf, dass sich die Situation der Flüchtenden durch GEAS verbessert.

  • Offenbar interessiert es doch, es gibt diesen Artikel und er verweist auf weitere, die dem Autor zu knapp sind. Das ist schon mehr als es über die vielen zu lesen gibt, die schon auf dem Weg an die Küste - zum Beispiel in der Wüste - sterben und über die ich noch nie einen Bericht gelesen habe.

  • "Und Jesus weinte." (Johannes 11:35)

    "33.000 Menschen haben in den vergangenen zehn Jahren auf den Migrationsrouten über das Mittelmeer ihr Leben verloren oder gelten als vermisst. " (www.derstandard.de)