Jugendpsychiater über Transidentität: „Es ist hip, trans zu sein“

Als Experte für Geschlechtsdysphorie warnt Alexander Korte vor der Abschaffung des Transsexuellengesetzes. Dafür ist er selbst in Kritik geraten.

Porträt Alexander Korte

Alexander Korte, Experte auf dem Gebiet für Geschlechtsdysphorie Foto: Thomas Dashuber/laif

taz am wochenende: Herr Korte, Sie waren im November 2020 zu einer Anhörung im Bundestag zum Trans­sexuellengesetz eingeladen. Und schon im Vorfeld gab es Proteste ­gegen Sie. Da käme ein ganz Rechter, hieß es. Sind Sie der CDU zugeneigt?

Alexander Korte: Nein, definitiv nicht. Ich bin Stammwähler der Grünen, links-konservativ, würde ich heute sagen. Aber nach einer Analyse der beiden Gesetzentwürfe zum Transsexuellengesetz kam ich zu dem Schluss: Es ist ein großer Fehler, was die Grünen da im Sinn haben.

Grünen-Wähler – wirklich?

Tatsächlich war im Münsterländischen, wo ich aufgewachsen bin, mein Vater SPD-Ortsvorsitzender und glühender Anhänger von Willy Brandt. Als Kind durfte ich für meinen Vater immer SPD-Werbung in die Briefkästen schmeißen. Ich wurde groß mit „Atomkraft? Nein danke“, dem Nato-Doppelbeschluss und der ökologischen Bewegung. Die ist heute noch das wichtigste Thema für mich.

Grüne und FDP wollen das Transsexuellengesetz zugunsten eines Selbstbestimmungsgesetzes abschaffen. Menschen sollen ihre Geschlechtsidentität selbst aussuchen können, nötigenfalls auch Minderjährige gegen den Willen ihrer Eltern. Sie sind als Kritiker der geplanten Gesetze bekannt geworden – Ihnen wird zugleich Expertise abgesprochen.

Nun, ich bin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit fast 20 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Zudem habe ich psychoanalytische Kulturwissenschaften studiert. Das ist wichtig, weil das Phänomen, mit dem wir es zu tun haben, eines erweiterten Blickwinkels bedarf.

Sie sagen, trans ist Mode?

Ich würde eher von einem Zeitgeistphänomen sprechen. Trans ist offensichtlich eine neuartige Identifika­tionsschablone, für die es einen gesellschaftlichen Empfangsraum gibt. Und das spricht in erster Linie eine vulnerable Gruppe von weiblichen Jugendlichen an. 85 Prozent der trans Identifizierten sind ja biologische Mädchen. Das ist ein internationales Phänomen. In Schweden stieg die Diagnosehäufigkeit bei 13- bis 17-jährigen Mädchen von 2008 bis 2018 um 1.500 Prozent.

Aber führt nicht mehr Sichtbarkeit schlicht auch zu mehr persönlichen Erkenntnissen?

Habe ich nie bestritten. Das erklärt aber mitnichten die exponentielle Zunahme und schon gar nicht das veränderte Geschlechterverhältnis. Auch in Deutschland wird diese Zunahme nirgendwo bestritten. Ich sage: Eine Verantwortung dafür tragen wir selbst, wenn wir diese Beratungs- und Behandlungs­angebote so in die Welt tragen.

Was heißt: „So in die Welt tragen“?

Ich möchte einen Fall schildern. Mir ist ein Kind, biologisches Mädchen, überwiesen worden. Die Mutter hat selbst eine psychische Erkrankung. Bei dem Mädchen stellte sich heraus, sie hat nicht nur ein Problem mit Geschlechtlichkeit, sondern auch eine soziale Phobie und eine Depression. Und von Anfang an hatte ich bei der Mutter das Gefühl, dass sie schwer sexuell traumatisiert ist. Sie hat das auch bestätigt. Aus unserer Erfahrung, in der medizinischen Literatur bekannt, wissen wir: Bei Müttern, die selbst sexuell traumatisiert sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass deren Kind eine Geschlechtsdysphorie entwickelt, deutlich höher.

Woher wissen Sie das?

Das ist Erfahrungswissen von Therapeuten – das heißt, es gibt dafür eine empirische Evidenz und das wird auch von meinen „Kontrahenten“ nicht bestritten.

Es heißt inzwischen, Geschlechtsidentität sei angeboren.

Das ist abstrus. Die neurobiologische Forschung ist definitiv den Beleg schuldig, dass Geschlechtsidentität genetisch bedingt sein könnte. Auch aus der Sicht der Entwicklungspsychologie ist es abwegig, davon auszugehen, dass Identität etwas ist, mit dem man zur Welt kommt. Aus meiner Sicht ist Identität stets das Resultat einer individuellen Bindungs- und Beziehungs- und auch Körpergeschichte.

Beruf

Alexander Korte ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit Zusatzbezeichnung Sexualmedizin und hat einen Master im Fach Psychoanalytische Kulturwissenschaften. Seit 2010 arbeitet er als Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Funktionen

Er ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW e. V.) und Mitherausgeber der Fachzeitschrift Sexuologie.

Wie ging denn dieser Fall aus?

Ich konnte dieses Mädchen zu einer Psychotherapeutin überweisen, die in einer Gruppe mit gleichgesinnten Patienten arbeitet. Es bestand Grund zur Annahme, dass diese Mutter für ihre Tochter nicht als positives weibliches Rollenmodell zur Verfügung stand. Und dass es an der Schwelle zur Pubertät zu der irrtümlichen Überzeugung gelangte: „Ich bin trans.“ Meine Kollegin Lisa Littman aus den USA beschreibt dieses neue Phänomen als „Rapid Onset Gender Dysphoria“.

Also Jugendliche, die ohne Vorgeschichte einer Geschlechtsdysphorie oder geschlechtsbezogener Identitätskonflikte in der Kindheit von jetzt auf gleich ein Transouting haben – so?

Ja, und zwar in der Phase, wo sie sich mit ihrer Geschlechtsrolle und mit ihrem sich reifungsbedingt verändernden Körper auseinandersetzen müssen.

Und dann sehen sie trans Menschen als Fernsehstars.

Eben. Es ist in bestimmten Szenen hip, trans zu sein. Und davon fühlen sich in allererster Linie weibliche Jugendliche angesprochen, die einen sexualitätsbezogenen inneren Konflikt haben oder unter den gesellschaftlichen Rollenklischees oder Schönheitsidealen leiden – oder solche, die sexuell traumatisiert sind.

Wo sehen Sie das Problem?

In den Medien berichten Vorbilder euphorisch über ihre angeblich unkomplizierte medizinische Transition. Es wird so getan, als sei mit der Durchführung einer Geschlechtsangleichung das Paradies auf Erden erreicht. Dabei sind sie ein Leben lang abhängig von einer Hormonersatztherapie. Die verstorbene Sexualforscherin Sophinette Becker, mit der ich im engen Austausch stand, sagte immer: Liebe Leute, wir, die wir seit Jahrzehnten mit transsexuellen Patienten arbeiten, wir wissen doch, die wenigsten werden glückliche Menschen. Viele sind schnell ernüchtert: Oft entspricht das Operationsergebnis nicht den Vorstellungen. Es ist nicht einfach, einen Lebenspartner zu finden. Die sexuelle Erlebnisfähigkeit hat gelitten. Nicht wenige werden zu chronisch Depressiven und müssen – und wollen auch – psychiatrisch behandelt werden.

Einige trans Personen empfinden Ihre Ausführungen als verletzend. Ihre Haltung stigmatisiere alle trans Menschen zu psychisch Kranken.

Ohne die Einordnung als krankheitswertige Störung gibt es keine Kostenübernahme der Finanzierung von medizinischen Dienstleistungen! Dazu gibt es eigentlich mehrere rechtskräftige Urteile des Bundessozialgerichts. Entscheidend ist der „klinisch relevante Leidensdruck“ und die Beeinträchtigung. Die unselige Entpathologisierungsdebatte führt ins Nichts – sie schadet den Betroffenen, was ein Großteil von ihnen mittlerweile auch begriffen hat. Allein den Transaktivisten ist die Einsicht verwehrt, dass diese Diskussion nicht mehr im Sinne der unter Geschlechtsdysphorie Leidenden ist.

Eine Ärztin der Londoner Tavistock-Klinik berichtet, Minderjährige, Vorpubertäre und ihre Eltern wollen am liebsten sofort Hormone. Erleben Sie das in Ihrer Klinik auch?

Definitiv, ja. Es fragen Eltern von Siebenjährigen: Wann soll meine Tochter Hormone bekommen? Und wann sollen die Eierstöcke raus?

„Es fragen Eltern von Siebenjährigen: Wann soll meine Tochter Hormone bekommen? Und wann sollen die Eierstöcke raus?“

Sie lehnen Pubertätsblocker ab. Was spricht dagegen?

Die Blockade der Pubertät mit Medikamenten ist meines Erachtens medizinethisch fragwürdig. Wir wissen aus Studien, dass sich die meisten Kinder später mit ihrem Geburtsgeschlecht aussöhnen. Geschlechtsatypisches Verhalten und Geschlechtsidentitätsunsicherheit im Kindesalter deuten häufig auf Homosexualität im Erwachsenenalter hin. Nur sehr selten führt dies zu einer transsexuellen Identität. Anders ist es bei Patienten, deren Pubertät angehalten wurde. Die setzen in der Regel die Transition fort, zunächst durch Hormone und gegebenenfalls durch Operationen. Also sind Pubertätsblocker frühe Weichensteller. Man kann auch sagen, ein Homosexualitätsverhinderer. Aus diesem Grund und wegen der unklaren Risiken und möglichen Langzeitfolgen hat Schweden diese Behandlung gerade ausgesetzt.

Sie werden auch von vielen Ihrer KollegInnen teils heftig kritisiert. Auf ein Interview im Spiegel 2019 reagierten die mit Unverständnis – und bekräftigten, dass nach ihrer Erfahrung Transidentität keineswegs als Laune in der Pubertät auftrete, sondern in aller Regel viel früher gefestigt sei. Halten Sie diese Möglichkeit für abwegig?

Entgegen anderweitigen Behauptungen weiß ich die überwiegende Mehrheit meiner Berufskollegen hinter mir. Korrekt ist: Ja, es gibt andere Sichtweisen; ich sehe diese aber in der Minderheit, nicht umgekehrt. Zum Wording: Ich weiß nicht, was mit „Transidentität“ gemeint sein soll – es ist keine anerkannte medizinisch-wissenschaftliche Bezeichnung.

Aber es gibt doch trans Jugendliche.

Ich habe immer gesagt: Ja, es gibt eine kleine Subgruppe von geschlechtsdysphorischen Jugendlichen, bei denen tatsächlich eine profunde und zeitlich überdauernde Geschlechts­identitätstransposition im Sinne einer Transsexualität vorliegt. Das Problem bleibt aber bestehen: Es ist sehr schwer bis unmöglich, diese als solche zu identifizieren – weil wir nicht in die Zukunft blicken können, beziehungsweise weil es keine sicheren Prädiktoren dafür gibt.

Geben Sie in Ihrer Klinik auch Hormone?

Gegengeschlechtliche Hormone ­geben wir in München in einzelnen Fällen. Aber immer erst nach einer mindestens einjährigen, psychotherapeutisch begleiteten Alltagserprobung und einer sehr sorgfältigen Indikationsprüfung. Bisweilen habe ich am Ende aber immer noch ein ungutes Gefühl. Aber besser, wir machen das, als dass sich die Jugendlichen die Hormone im Internet besorgen.

Hat nicht jeder in der Pubertät eine schwierige Phase? Ist das Hadern mit seinem Geschlecht nicht normal?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Ja, es gibt die „Scham-Krise“. Da gibt es aber Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen. Bei Mädchen ist der Eintritt der Geschlechtsreife durch die erste Menstruation, die Menarche, markiert. Etwa ein Drittel der Mädchen erlebt die eindeutig als aversiv. Bei Jungen ist das Pendant dazu der erste Samenerguss. Den empfinden die fast alle als angenehm.

Aber Mädchen können sich auch Lust bereiten, durch Reiben ihrer Klitoris.

Sicher gibt es auch adoleszente Mädchen, die masturbieren. Ihr Anteil ist jedoch deutlich geringer. Bei Jungen sprechen wir von annähernd 100 Prozent, bei Mädchen je nach Studie von zwischen 20 und 50 Prozent. Wenn ein Mädchen ihren Körper als Quelle angenehmer Gefühle entdeckt und ihn aus diesem Grund positiv besetzt, ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie eine transsexuelle Geschlechtsdysphorie entwickelt. Mädchen, die einen Transwunsch formulieren, haben meistens keine Erfahrung mit Masturbation.

Und die Menstruation tut bloß weh.

Richtig. Die Orgasmusfähigkeit, vor allem im Rahmen soziosexueller Kontakte, ist für Mädchen eine größere Herausforderung als für Jungen. Dieser Unterschied muss für das Verständnis einer ganzen Reihe von psychischen Erkrankungen berücksichtigt werden. Zum Beispiel der Anorexie. Auch hier liegt fast immer auch ein sexueller Konflikt zugrunde – beziehungsweise eine Ablehnung von Weiblichkeit. Nur kämen wir nie auf die abstruse Idee, Appetitzügler zu geben.

Sie meinen wie Pubertätsblocker?

Genau. Beide Phänomene haben ein gestörtes Körperbild gemein. Ein magersüchtiges Mädchen leidet auch brutal unter ihrem vermeintlichen Zu-dick-Sein. Bei Kindern mit Geschlechtsdysphorie sind wir geneigt, dieses unsägliche Narrativ vom „im falschen Körper geboren“ unhinterfragt zu übernehmen. Was für ein Blödsinn!

Es gibt eine Studie aus den Niederlanden mit fast 7.000 TeilnehmerInnen. Die Quote derer, die ihre Transition rückgängig machen wollten, lag bei unter einem Prozent. Warum sollte das in Deutschland anders sein?

Ich kann Ihnen spontan mehrere aktuelle Katamnese-Studien vorlegen, deren Ergebnisse in eine ganz andere Richtung weisen – die für eine zuletzt deutlich gestiegene Detransitioner-Rate sprechen, dass also mehr Menschen wieder in ihr Geburtsgeschlecht zurückgehen. Es ist müßig, über eine einzige Studie zu diskutieren.

Es heißt, die Transitionierten sind psychisch gesünder.

Diese Behauptung gründet sich auf Befragungen, bei denen es aber eine Stichprobenverzerrung gibt dergestalt, dass negative Verläufe gar nicht publiziert werden. Da hat niemand Interesse daran. Auch für die Patienten ist es schwer, sich einzugestehen: Das war falsch.

Haben Sie Zahlen dazu?

Lisa Littman machte eine große Zahl von Menschen ausfindig, die detransitionierten. Etwa die Hälfte hatte das ihren Ärzten nicht gesagt.

Was ja das Schicksal der Britin Keira Bell ist. Ihr wurden im Jugendalter Hormone verabreicht, beinahe beratungslos. Ihre Brüste wurden schließlich entfernt – ehe sie erkannte, dass sie doch eine Frau ist, eine lesbische Frau.

Es gibt Studien, denen zufolge die Suizidrate bei operierten trans Menschen erhöht ist. Die Transaktivisten-Szene sagt, das sei nur Ausdruck des Minoritäten-Stresses. Das mag eine Erklärung sein, aber ganz sicher nicht die alleinige. Aber: Es gibt eine kleine Sub-Gruppe, für die ist die Transition die richtige Option.

Alexander Korte sitzt auf einer blauen Couch

Alexander Korte an seiner Arbeisstätte, der Universitätsklinik München Foto: Thomas dashuber/laif

Wie erkennen Sie die?

Das kann ein Erwachsener nur für sich selbst entscheiden. Ich finde das Lifetime-Kriterium bedeutsam. War es schon immer so, dass eine Person sich dem anderen Geschlecht zuordnete? Ich kenne erwachsene Transsexuelle, die, obwohl sie das alles durchlaufen haben, mittlerweile dafür plädieren, den Weg der unblutigen Transition auszuprobieren.

Was wäre eine „unblutige Transition“?

Wenn Betroffene nur ihre soziale Geschlechtsrolle wechseln, entsprechend auftreten, ohne medizinische Maßnahmen zur äußeren Geschlechtsangleichung.

Nun regieren Grüne und FDP und setzen um, wovor Sie warnten.

Eine Reform des Transsexuellengesetzes finde ich nicht grundsätzlich verkehrt. Nur sollte man das Gesetz nicht durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen. Das hilft den Betroffenen nicht. Geplant ist ja, dass das ab 14 Jahren gilt. Das wird auch zu Zerwürfnissen in Familien führen, weil mancher Teenager das dann gegen den Willen seiner Eltern durchsetzt.

Es hat doch auch Familien zerrüttet, wenn Kinder ihr schwules oder lesbisches Coming-out hatten. Und da sagen wir als Emanzipationswillige immer: Tja, dann ist die Familie an der Stelle eben ein bisschen zerrüttet, da müssen die Eltern durch.

Ja, einverstanden. Wobei es hier um etwas anderes geht. Schwule und Lesben wollen von Ärzten und Therapeuten vor allem eines: in Ruhe gelassen werden. Transsexuelle hingegen wünschen eine aufwendige und folgenreiche medizinische Behandlung – mit irreversiblen, lebenslangen Konsequenzen. Und das wäre bei einer nur vorübergehenden Geschlechtsidentitätsverwirrung eine fatale Fehlentscheidung!

Wurde so nicht früher auch über Homosexualität geredet? Es ist „nur eine Phase“?

Ich wüsste nicht, dass dies so gewesen sei.

Doch, so wurde sie begriffen.

Jedenfalls: Die vielfach bemühte Analogie „trans – Homosexualität“ trägt nicht. Es handelt sich um völlig verschiedene Dinge. Früher, im Zuge der Emanzipation von Homosexuellen, ging es darum, den eigenen Spielraum, das eigene sexuelle Erlebens- und Verhaltensspektrum zu erweitern und sich von tradierten Normen zu befreien. Heutzutage besteht für Angehörige der jungen Generation die Herausforderung eher darin, sich im Dienste der Selbstwahrnehmung und -konturierung zu begrenzen.

Inwiefern?

Es geht darum, sich nicht von einer phasenweise bestehenden Verunsicherung in die Irre leiten zu lassen.

Warum ist die Debatte so emotional?

Das war im Zusammenhang mit „dem Sexuellen“ eigentlich immer so – dafür gibt es vielfältige Belege. Anders gefragt: Wird heutzutage nicht beinahe jede Debatte höchst emotional und nicht selten ohne Berücksichtigung der Fakten geführt? In besonderer Weise gilt das im Zusammenhang mit Identitätspolitik – und die ganze Transdiskussion fällt darunter.

Sind Sie auch Familienvater?

Ich habe zwar einige viele homosexuelle Freunde, aber ich bin ein Heteromann. Und ich habe zwei Töchter im Alter von vier und acht.

Sind es rosa liebende Prinzessinnen?

Die sind, wie die meisten Mädchen so sind – mädchenhaft. Wobei meine Ältere Fußball spielt und den Jungs davonläuft. Sie ist unglaublich schnell, sagt der stolze Vater. Und zu Fasching wechselte sie jüngst ihre Verkleidung problemlos zwischen „Pippi Langstrumpf“, „Einhorn“ und „Polizist“ hin und her.

Kurzum: Sie halten nichts davon, dass jeder sein Geschlecht selbst bestimmen kann?

Mir fehlt hier die Unterscheidung zwischen Zugehörigkeitsgefühl und biologischen Geschlecht. Das sind zwei Paar Schuhe. Kann ein Jugendlicher ab 14 seinen Geschlechtseintrag ändern, dann denkt er: Okay, jetzt muss ich diesen transsexuellen Weg weiter gehen. Die selbstkritische Überprüfung wird nicht befördert, da gebe ich Brief und Siegel darauf: Du fühlst dich vom anderen Geschlecht, dann wird es so sein. Also meine Prognose: Das Gesetz kommt und bleibt nicht folgenlos für die medizinische Behandlungspraxis.

Was schlagen Sie vor?

Jeder sollte sich so kategorisieren, wie es ihm passt. Aber dafür muss er nicht den juristischen Eintrag ändern. Biologisches Geschlecht ist was anderes als Gender. Und Gender, das soziale Geschlecht, ist noch mal was anderes als Gender Identity. Es geht wild durcheinander. Da befürchte ich Beliebigkeit.

Es gibt in der Trans-Szene die Auffassung, es gäbe ganz viele Geschlechter?

Das ist aus naturwissenschaftlicher Perspektive Quatsch. Dem ist nicht so. Geschlecht im biologischen Sinn unterliegt definitiv dieser Binarität: Es gibt ein männliches und ein weibliches, weil es nur zwei Typen von Keimzellen gibt, zwei ‚Gametentypen‘. Und dieser Dimorphismus ist die Grundlage allen Lebens, auch im Pflanzen- und Tierreich. Die Mechanismen, mit denen ein Organismus die jeweiligen Keimzellen produziert, die sind durchaus störanfällig. Deshalb gibt es sogenannte Intersex-Formen. Die sind aber kein Beleg dafür, dass es mehrere Geschlechter gibt.

Wählen Sie weiter die Grünen?

Beim letzten Mal, wegen dieser Gender-Politik, nicht. Ich bedauerte das trotzdem, ich bin einfach grün sozialisiert, und meine politische Heimat ist die Umweltschutzbewegung.

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