Debatte um die Impfpflicht: Ja oder nein?

Die Inzidenzen steigen so rasant wie nie. Führt also kein Weg an der Impfpflicht vorbei? Oder reicht eine konsequente Umsetzung der 2G-Maßnahmen?

Hand in blauen Gummihandschuhen drückt einen Stempel in ein Impfbuch

Ein Piks, dann noch einer, irgendwann ein letzter. Es könnte so einfach sein Foto: imago

Ja – wir brauchen die Impfpflicht!

Natürlich muss es die Impfpflicht geben. Es hätte sie längst geben müssen. Und es gibt sie ja auch schon überall, wo nur Geimpfte und Genesene Zutritt haben, wie in Baden-Württemberg und andernorts und bald hoffentlich bundesweit. Im öffentlichen Leben ist für Ungeimpfte nahezu kein Platz mehr. Warum also das Kind nicht beim Namen nennen – nicht zuletzt, um ein Stück verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Vertrauen hat die Politik verloren, denn es hieß, dass es eine Impfpflicht niemals geben würde. Sollte sie deshalb an ihren Fehlern festhalten? Weil sie, wenn sie jetzt den Kurs ändert, denen, die nur darauf gewartet haben, das entscheidende Argument zuschiebt? „Aha – haben wir’s doch gewusst!“, werden die VerschwörungstheoretikerInnen sagen, die sich ohnehin von niemandem belehren lassen, außer vielleicht von denen, die genau denselben Unsinn denken wie sie selbst.

Zu keinem Thema gab es intensivere Aufklärungskampagnen als zu Corona und Impfungen. Mit entblößtem Oberarm und Pflaster lächelten uns die deutschen TV-Stars entgegen, und in endlosen Interviews beteten WissenschaftlerInnen unisono das Mantra herunter: Impfen ist nicht annähernd so gefährlich wie ein Erkranken. Und auf ein Erkranken läuft es hinaus, denn dem Virus ist nicht zu entkommen.

Lasst sie doch reden die Impfunwilligen, die Impfverweigerer und -gegner. Es spielt keine Rolle, wie sie auf eine Impfpflicht reagieren. Wichtig ist, den Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Nichts ist logischer, als sich auf eine Situation, in der man täglich Neues lernt, auch immer wieder neu einzustellen. Niemand soll sagen, man habe nicht versucht, den Ängstlichen, den Unbelehrbaren, den Störrischen gut zuzureden.

Wie unsäglich unsolidarisch ist es, sich der Spritze zu verweigern. Eine Minderheit hält das Land im Schwitzkasten. Wieder sind die Krankenhäuser überfüllt, wieder sind Ärztinnen und Krankenpfleger zu Überstunden gezwungen, um genau diejenigen zu pflegen, die die Misere zu verantworten haben. Nicht zuletzt mit Blick auf das Pflegepersonal, für das die Impfpflicht nicht erst seit gestern diskutiert wird, ist eine allgemeine Impfpflicht mehr als angebracht.

Die Zahl 100.000 rückt gnadenlos näher. 100.000 Menschen, die im Zusammenhang mit dem Virus ihr Leben ließen. Was muss noch passieren? Eine generelle Impfpflicht wird die aktuelle Welle nicht bremsen. Trotzdem zählt jeder Tag, denn die fünfte Welle kommt bestimmt. Susanne Knaul

Nein – bloß keine Impfpflicht!

Auf die Sache kommt es an – nicht auf den Schein von politisch-aktueller Kompetenz. Eine Impfpflicht zu beschließen würde viel hermachen, parlamentarisch, diskursiv, vor allem aber rechtspolitisch. Bis alle rechtlichen Instanzen eine von der neuen Ampelkoalition beschlossene Impfpflicht durchgeknetet und für verfassungsrechtlich okay befunden haben, würden Monate vergehen. Für Tausende wären dies: tödliche Monate.

Nach Impfpflicht zu rufen ist ein feiner Charakterzug, aber die Forderung kann nur so tun, als hätte sie Substanz, denn sie wäre eben juristisch anfechtbar. Die Sache selbst, um die es geht, ist folgende: Es müssen binnen kürzester Frist möglichst mindestens 90 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen geimpft sein, um eine im Frühsommer scheinbar gut gemanagte Pandemie nicht in den reinen Horror münden zu lassen.

Kri­ti­ke­r*in­nen des Impfens berufen sich auf die Idee ihrer Freiheit, manche unserer Le­se­r*in­nen kritisieren gar vorwurfsvoll, dass wir die Interessen der Pharmaindustrie übersehen, die ja am Impfen zuvörderst ein Interesse hat. Mag sein. Auch Unternehmen dieser Branche wollen schließlich nicht ehrenamtlich wirtschaften. Tatsache ist, dass ohne kollektive Herdenimmunität, zu der das Impfen optimal beiträgt, Deutschland ein Toten- und Siechenhaus würde, und zwar Weihnachten schon.

Die Freiheit, auf die sich Impf­skep­ti­ke­r*in­nen berufen, diese Freiheit ist eine delirierender Egozentriker*innen, die ein ganzes Land in ihre Beugehaft nehmen. Wozu eine Impfpflicht führen könnte, lässt sich an den hooliganesken Demos in den Niederlanden beobachteten – gruselig durchweg, Zeichen eines nur persönlich verstandenen Individualismus, der von Solidarität so weit entfernt ist wie ein*e 180 km/h rasende Au­to­fah­re­r*in in einer belebten Einkaufsstraße.

Besser als eine Impfpflicht wäre der Verzicht auf Augenzwinkerei bei der 2G-Regel. Dass nötigenfalls Passagiere eines ICE aus dem Zug geworfen werden, wenn sie sich nicht als 2G ausgewiesen haben; in Bussen, U- und S-Bahnen können die impfungeschützten Co­ro­na­schleu­de­r*in­nen dann auch nicht mehr fahren. Wer sich in Züge und Abteile hineinmogelt, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Wer das kontrollieren soll?

Ist doch klar: Polizei, Ordnungsämter – und auch die beschäftigungsarmen Leute der Bundeswehr. Es herrscht Notstand, also dürfen sie das. Das Larifari des Any­thing goes muss ein Ende haben. Eine Impfpflicht wäre hingegen nur eine politische Geste, die ihr Ziel kaum erreichen würde. Jan Feddersen

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1961 in Berlin geboren und seit 2021 Co-Leiterin der Meinungsredaktion. Von 1999 bis 2019 taz-Nahostkorrespondentin in Israel und Palästina.

Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Kurator des taz lab und des taz Talk. Interessen: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er ist auch noch HSV-, inzwischen besonders RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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