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Azubi über Handwerksbranche„Die Atmosphäre ist für queere Menschen unerträglich“

Sexismus im Handwerk: Der Lübecker Tischler-Azubi Linus rechnet anlässlich seiner Freisprechungsfeier mit seiner männlich dominierten Branche ab.

Muss sich während der Ausbildung oft sexistische Sprüche anhören: junge Frau in einer Tischlerei Foto: Jens Büttner/dpa
Leo Schurbohm
Interview von Leo Schurbohm

taz: Linus, Sie setzen sich für Frauen und queere Personen im Tischlerhandwerk ein. Warum ist das wichtig?

Linus: Es wird totgeschwiegen, dass es hier eine strukturelle Diskriminierung gibt. Den Personen werden einfach Kompetenzen abgesprochen. Es wird von Grund auf gesagt, sie seien zu schwach für den Job, oder zu klein. Diskriminierung wird im Handwerk überhaupt nicht aufgearbeitet. Stattdessen heißt es: „So ist eben das Handwerk – da muss man halt durch.“

taz: Ihre Handwerksausbildung haben Sie nun offiziell beendet. Was wollen Sie jetzt machen?

Linus: Ich gehe meinen Weg weiter und werde Sozialpädagogik studieren. Ich fühle mich mega unwohl, in einem Umfeld zu arbeiten, das überhaupt nicht offen für Reflexion ist.

taz: Also verlassen Sie das Tischlerhandwerk komplett?

Linus: Gegebenenfalls werde ich noch Projekten nachgehen, die sich mit diesem Thema befassen. Mein Traum ist es, eine Plattform zu schaffen, wo sich Menschen, insbesondere Frauen und queere Personen, über Ausbildungsplätze austauschen können.

Im Interview: Linus

21, hat gerade seine dreijährige Ausbildung zum Tischler abgeschlossen. Am 29. August findet seine Freisprechung in Lübeck statt. Hier wird er eine Rede für Frauen und queere Personen im Handwerk halten.

taz:­ Wer­den trotz Fachkräftemangels noch immer Interessierte aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Hautfarbe abgelehnt?

Linus: Leider ja. Mehrere Frauen erzählten mir, dass sie sich bei Tischlereien beworben hatten und sie teilweise direkt zurückbekommen hatten: „Tut mir leid, wir nehmen keine Frauen.“ Oder auch, dass Betriebe am Telefon gesagt haben, dass sie nicht ausbilden, nachdem klar war, dass die bewerbende Person eine Frau ist. In der Berufsschule gab es dann später Klassenkameraden, die in diesem Betrieb einen Ausbildungsplatz bekommen haben und sich auch deutlich später beworben hatten.

taz: Sind bei denen, die es doch geschafft haben, während der Ausbildung Unterschiede zu merken, wie sie behandelt werden?

Linus: Auf jeden Fall. Bei mir im Betrieb ist mehrmals vorgekommen, dass weiblichen Auszubildenden gesagt wurde, dass sie zu schwach seien. Auch dass der Arm irgendwie festgehalten und geschüttelt wurde, um zu zeigen, wie schwach die Person doch ist, passierte mehrmals. Das Klima mit Frauen im Betrieb ist einfach ganz anders.

taz: Inwiefern?

Linus: Die Gesellen gehen komplett anders mit den Frauen um. Es gibt dann Gespräche, zum Beispiel über das Sexleben der Auszubildenden. Das hat sie überhaupt nicht zu interessieren. Frauen werden auch eher nur in der Werkstatt eingesetzt und nicht auf Baustellen mitgeschickt. Hier könne ja etwas zu Schweres zu tragen sein.

taz: Also wird ihnen weniger zugetraut als Männern?

Linus: Total, es wird auch alles doppelt erklärt, damit sie es auch wirklich verstanden haben. Und macht eine weibliche Auszubildende einen Fehler, ist im Nachhinein klar, dass sie das ja nicht konnte. Wenn das bei einem männlichen Auszubildenden passiert, ist das etwas total Normales, einfach mal ein dummer Fehler.

taz: Wie weit geht die Diskriminierung?

Linus: Teilweise so weit, dass auch der körperliche Kontakt zu weiblichen Auszubildenden mehr provoziert wird. Auch in der Schule. Die Lehrkräfte stellen sich dann irgendwie näher an die Auszubildenden ran, wenn sie versuchen, denen etwas zu erklären. Wird das Problem angesprochen, dann wird das als lächerlich behandelt. Das sei übertrieben und einfach eine falsche Wahrnehmung.

taz: Wie ist das konkret für queere Menschen?

Linus: Die Atmosphäre in der Werkstatt ist für queere Menschen einfach unerträglich. Von Anfang an wird das Leben lächerlich gemacht. Es wird über Sexualität und sexuelle Orientierung gelacht. Es gibt auch Begriffe, die einfach in anderem Kontext benutzt werden.

taz: Zum Beispiel?

Linus: Ein transparentes Silikon wird gerne Transe genannt. Darüber wird sich dann lustig gemacht. Als ein queerer Mensch, der vielleicht auch gerade in seiner Transition ist, ist eine Ausbildung im Handwerk einfach mega hart. Man kriegt von allen Seiten zu hören, dass man nicht richtig sei. Als ich mir Ohrringe stechen ließ, musste ich mir Kommentare anhören, dass ich schwul sei.

taz: Outen Menschen sich bewusst nicht?

Linus: Es ist halt überhaupt nicht das Umfeld, offen darüber zu reden. Man merkt sofort, wenn man in den Betrieb kommt, dass man, wenn man sich outet, eine richtig beschissene Ausbildung haben wird. Vor allem gegen Schwule wird viel gehatet. Irgendwie gibt es so eine Angst von Gesellen vor Schwulen. Sie wollen die auf jeden Fall nicht haben, und gibt es welche, werden die halt rausgeekelt.

taz: Setzen sich die Betriebe damit auseinander?

Linus: Überhaupt nicht. Und als Auszubildender traut man sich auch nicht, etwas zu sagen. Man steht so weit unten und muss gucken, dass man sich mit seinem Ausbildungsbetrieb gut stellt. Man ist halt total abhängig von denen. Wenn man dann doch mal was sagt, dann wird das nicht ernst genommen. Das wird dann, wie alles andere, weiter ins Lächerliche gezogen.

taz: Kann man sich extern darüber beschweren?

Linus: Es gibt keine richtige Beschwerdestelle. Auch keine Infos darüber, die zeigen, wo man sich bei Diskriminierung im Handwerk melden kann. Man kann natürlich in eine Gewerkschaft eintreten, dort gibt es Hilfe. Das wird einem aber auch nicht beigebracht, da muss man selber drauf kommen.

taz: Was braucht es für ein offenes Handwerk?

Linus: Das Bewusstsein in den Betrieben fehlt einfach komplett. Es braucht Betriebe, die von sich aus offen sagen: Wir können Frauen und queere Personen ausbilden, und das in einem sozialen Umfeld, in dem angesprochen werden kann, wenn man sich unwohl fühlt. Und es muss Konsequenzen geben. Es ist so krass, dass es einfach nicht möglich ist, als Frau einen ganz normalen Berufsweg zu gehen. Es braucht Anlaufstellen und Betriebe, die da mithelfen.

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46 Kommentare

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  • Ist wahrscheinlich der richtige Weg für Linus, Sozialpädagogik zu studieren. Da kann er dann ordentlich reflektieren.



    Transe ist übrigens ein seit Ewigkeiten gebrauchter Begriff von Fliesenlegern für transparentes Silikon. Also nicht extra für Linus erdacht.

  • Frauen einen Handwerksberuf zu verwehren, ist nicht nur frauenfeindlich, sondern unsagbar dumm. Es gibt so viele höchst begabte junge Frauen, die phantastische Tischlerinnen werden können. Warum keine Automechanikerin? Die Beispiele ließen sich ad infinitum fortsetzen. Diese Borniertheit schreit zum Himmel!

    Etwas unglücklich finde ich bei diesem verdienstvollen Artikel, dass er die tumbe Ignoranz männlicher Chefs komplett durch die Queerness-Problematik überlagert. Einen Menschen in einer Transitionsphase aus der Nähe zu erleben fällt das, ich gestehe es, schon bei jungen Menschen aus dem Bekanntenkreis schwer, ist zumindest sehr fordernd. Auich Altersgenoss*innen tun sich schwer damit, wie ich bei meinen Töchtern beobachten konnte. Der Chef eines Ausbildungsbetriebes ist wahrscheinlich komplett überfordert damit - und zeigt dann Reaktionen wie die geschilderten. Man mag das skandalisieren, löst damit aber das Problem nicht. Hier wäre weniger mehr gewesen.

  • Ich habe das genauso erlebt, eben dass Frauen systematisch aus technischen/handwerklich-technischen Feldern herausmanövriert werden . Mehr oder weniger subtil wird signalisiert, dass man irgendwie nicht richtig ist und auch nicht dazugehören kann. So kann ich Linus nur weitenteils zustimmen. Danke für diese Stimme.

    Im Prinzip ist im Handwerk ein gleichwürdiger Umgang häufig noch nicht angekommen, sondern eine autoritär-konservative Denke dominiert.



    Die Strukturen bestehen häufig allerdings auch aus Unwissenheit weiter.



    Hier fehlt aber auch eine strukturierte Schulung der Ausbildebetriebe und der Betriebsleitenden. Technisch-betriebswirtschaftlich und praktisch muss Vieles geleistet werden, da ist es schwierig, sich auch noch von selbst moderne Führungskultur zu erarbeiten.



    Ich sehe hier massiv die Handwerkskammern in der Pflicht!

    Übrigens ist der Pflegeberuf offiziell als körperlich im Durchschnitt wesentlich härter eingestuft als die meisten technischen Handwerksberufe!

  • Vielleicht ist es ja besser für alle Beteiligten, dass der Linus in die Sozialpädagogik wechselt. Kolleg*Innen, bei denen man befürchten muss, dass man/frau wegen eines schlechten Witzes abgemahnt wird, sind glücklicherweise im Handwerk seltener anzutreffen.

  • Ein jahrealtes fremdes Presse-Foto mit einer zum Artikel passenden Bildunterschrift ("Muss sich während der Ausbildung oft sexistische Sprüche anhören: junge Frau in einer Tischlerei") ist irgendwie seltsam, liebe taz.

  • Nachtrag:



    Es soll ja Männer geben, die darauf bestehen, dass ihr Auto in der Werkstatt von einem Mann und nicht von einer Frau gewartet wird.



    Gehen die auch nicht zu einer Zahnärztin? Steigen die aus einem Flugzeug aus, wenn das Personal ausschließlich aus Frauen besteht, ich meine einer Flugkapitänin und einer Co-Politon.



    Und was würden die tun, wenn das Operationsteam in der Klinik aus einer Oberärztin, einer Assistenzärztin, einer Anästesistin und einer OP-Schwester besteht. * Springen die dann vom OP-Tisch?



    * so habe ich es schon erlebt

  • www.ibau.de/akadem...us-problem-am-bau/



    Klapse auf den Po, Briefe von älteren Kollegen, dumme Sprüche "hier nimm den Besen, du bist schließlich ne Frau", sexistische Witze, Poster von nackten Frauen im Spind sind nach meinen Recherchen im Internet im Handwerk an der Tagesordnung.



    Die Frau wird als Gattin des Chefs oder als Sekretärin, die Kaffee und Kuchen serviert, gesehen. Daran wird sich so schnell nichts ändern.



    Ich erinnere mich noch gut an die Handwerker, die immer an meiner Chefin vorbeigingen, ohne sie eines Blickes zu würden, um die anstehenden Reparaturen im Büro mit mir zu besprechen.

  • So ein Artikel wird jeden Handwerksbetrieb nochmal eine Warnung sein sich bestimmte Probleme und Diskussionen bei der Auswahl der Azubis gar nicht erst an Bord zu holen. An der Uni ist der Autor jetzt sicher besser aufgehoben und kann dort ausufernd die eigene Nabelschau betreiben.



    Als jemand der in der DDR nicht studieren durfte und zuerst in eine Handwerkslehre gezwungen wurde, sehe ich die damalige Erfahrung weiter als große Bereicherung. Wer natürlich mit dem proletarischen Milieu so stark fremdelt, sollte sich von Anfang an lieber ausschließlich akademisch betätigen. Eine Karriere bei den Grünen scheint mir hier geradezu vorgezeichnet. Die dafür notwändige Verachtung der Arbeiterklasse ist ja schon in ausreichendem Umfang vorhanden.

    • @Šarru-kīnu:

      Na, Angst davor, dass die Frauen auch noch die letzte Bastion der Männern erobern - das Handwerk?

  • Eine gewisse Robustheit sollte Mann/Frau im Handwerk mitbringen bzw. man eignet sie sich während der Ausbildung an.

    • @Joen:

      Nein.

      Im 21. Jahrhundert sollte eigentlich die Erkenntnis gekommen sein, dass das menschliche Wesen und seine Psyche empfindlich reagieren können. Es ist daher empfehlenswert, jeden Menschen mit Samthandschuhen anzufassen.

      Wenn dieser aber aggressiv reagiert, kann man immernoch die harte Tour auffahren. Wie z.B. gegen Kriegstreiber.

      Grundsätzlich sind Erziehungsmodelle, die auf militärischen Drill basieren oder vom Erzogenen verlangt wird, ein dickeres Fell zuzulegen abzulehnen.

      Siehe Mobbingopfern, deren Peiniger eigentlich nur Spaß machen wollten und ihnen raten sich ein dickeres Fell zuzulegen -> psychisch geschädigt.

  • Eine gute Freunding von mir konnte so ziemlich das selbe berichten. Sie hat ihre Ausbildung dann kurz vor Schluss deshalb abgebrochen, und stattdessen studiert. Tischlern tut sie weiterhin mit großer Freude und viel Talent und Fähigkeit. Aber nur noch Privat. Da muss man sich dann über den Mangel an Auszubildenden nicht wundern, wenn man schon mal vorweg die Hälfte wegekelt.

    PS: Die Kommentare hier spiegeln das auch gut wieder. Keinerlei Einsicht, dass da vielleicht was dran sein könnte. Muss die Schuld von Linus und den Frauen sein.

    • @pumble:

      Ihr Kommentar ist bislang der einzige, den ich akzeptiere! Sind wohl einfach zu viele Männer hier beim Diskutieren!

  • Ich bin eine Frau, die früher als Malerin/Lackiererin gearbeitet hat zusammen mit einer anderen Frau und ganz früher mal Tischlerin lernen wollte. Von den Betrieben, bei denen ich mich vorgestellt hatte, wurde ich belächelt bzw. haben sie mich mit irgendwas an den Haaren Herbeigezogenem abgewiesen (wir haben kein Frauenklo zB). In der Malerzeit waren wir selbstständig, also nicht permanent in Kontakt mit Männern im Handwerk. Bei Überschneidungen durch gemeinsame Baustellen gab es verschiedene Erlebnisse. Von auf Augenhöhe sein über Erstaunen, dass Frauen tatsächlich solche Arbeit machen können bis blöde, sexistische Sprüche und sich lustig machende Herabsetzung. Ich hätte auch keinen Bock gehabt auf einen Betrieb, in dem ich nicht als gleichwertig gesehen und behandelt werde. Weggehen macht nichts besser aber manchmal ist Eigenschutz angesagt.

  • Ich bin, ehrlich gesagt, entsetzt über diese einseitige, unreflektierte Darstellung, die sich so überhaupt gar nicht mit meinen Erfahrungen einer nun mittlerweile >35 Jahre umfassenden Lehre und Berufstätigkeit in "Männerberufen" (Lehre Zerspaner, Studium und Berufstätigkeit Industrie/Maschinenbau) deckt: Ja, es geht manchmal bisschen ruppiger zu, direkter, aber ich habe nie auch nur ansatzweise solche Erfahrungen gemacht, wie Linus sie schildert. Mag sein, dass es da tatsächlich massive Ost-West-Unterschiede gibt, aber so krass?



    Zumindest hier in meinem Umfeld sind Frauen im Handwerk ganz normal, werden sogar teilweise wirklich gern eingestellt, weil in jeder Hinsicht gemischte Teams so ihre Vorteile haben. Schwierig wird es aber tatsächlich für kleine Betriebe, weil die schon ab 9 Mitarbeitern getrennte Toiletten und Duschen einrichten müssen.

    • @Mutz:

      Mir wurde bei einem FluxX- Tisch von einer ehemaligen Handwerksmeisterin erzählt, dass mit den getrennten Toiletten/ Duschen sei ein Mythos, der einfach nicht wegzukriegen sei. Sie müssen nur abschließbar sein.

      • @gleicher als verschieden:

        Das sind beides Interpretationen der gleichen, unkonkreten Vorschrift. Und keine der beiden ist ganz offensichtlich falsch. Welche im Einzelfall "richtig" ist, entscheidet der zuständige "Sachbearbeiter"...

  • Vielleicht muss man sich im Vorfeld im Klaren sein, wie es ist als Erster irgendwo zu sein.



    Mit Abitur aufs Lager, mit dem Rad zur Autowerkstatt, als Frau auf den Bau.



    Auch für Wohlwollende ist man immer wer spezielles und wird befragt... ist nicht "normal".

    Wir (Büro) hatten mal einen schwulen Kollegen, der war faul, eingebildet und patzig zu den Kunden. Aber nicht weil er schwul war - der war halt so. Aus seiner Sicht haben wir ihn jedoch diskriminiert wenn er mal aus der immerfort währenden Raucherpause an den Schreibtisch zitiert wurde.

  • Ich empfinde den Ton von Linus als ziemlich selbstbezogen und erstaunlich unreflektiert.



    Ich kenne tatsächlich sehr viele Handwerksbetriebe, die Frauen in ehemals männerdominierten Berufen ausbilden und später einstellen.

    mE bestätigt der Artikel eher vorherrschende Klischees der wenigen Betriebe, die es sich noch leisten können, beim Geschlecht ihrer Azubis und Angestellten wählerisch sein zu können.

    Ich halte es für eine kluge Idee, das der/die Interviewte nun Sozialpädagogik studiert.

  • Der Artikel ist eine Abrechnung, so steht es ja schon in der Überschrift.



    Es wird auch überhaupt nicht problematisiert, dass Linus sich berufen fühlt, für Frauen und queere Personen mitzusprechen.



    Weitere Stimmen? Fehlanzeige.



    Seinem ausbildenden Betrieb die Möglichkeit gegeben zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen? Fehlanzeige.



    Der Berufsschule Möglichkeit gegeben zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen? Fehlanzeige.



    Sehr sehr schade. Denn das Thema "Frauen in Männerberufen" oder überhaupt die Idee, dass es "Männer-" und "Frauenberufe" gibt, ist aktueller denn je.



    Ich bin selbst im Handwerk tätig. Ich habe im Osten gelernt. Das war als Frau nichts Ungewöhnliches. Auch heute sehe ich hier vor allem in Handwerksbetrieben die mit dem Medium Holz arbeiten, viele weibliche Lehrlinge.



    Ich glaube die Idee der Männerdomäne im Handwerk ist eher eine 'Westkrankheit'. In meinem kleinen Dorf hier gibt es noch eine Bäckerei und einen Hufschmied, beides Frauen. Völlig normal. Besonders die Schmiedin kann sich vor Aufträgen kaum retten und wird überregional geschätzt.



    Das es im Handwerk etwas grober zugeht, stimmt. Transparentes Silikon heißt aber schon Transe seit jeher, das ist keine Böswilligkeit.

    • @Saskia Brehn:

      ->Transparentes Silikon heißt aber schon Transe seit jeher, das ist keine Böswilligkeit.

      Ich hatte gegoogelt, chatGtp gefragt (und dort wird der TAZ-Artikel als einzige Quelle genannt)... und nichts dazu gefunden, dass "Transe" auch Transparentes Silikon genannt wird...

      Ich kann mir vorstellen, dass das in einen Betrieb (oder sehr kleinen Insiderteil), so ist... aber "seit jeher" das so ist, dafür würde ich doch eine Quelle sehen.

      Ansonsten, Calle ich BS auf diese Aussage, dass das schon "seit jeher" wäre.

      • @Wayko:

        Mir ist diese Abkürzung seit 30 Jahren geläufig. Genauso wie 'Fließ'. Gibt auch welche die es (immer noch) 'Plaste' nennen.

    • @Saskia Brehn:

      „Es wird auch überhaupt nicht problematisiert, dass Linus sich berufen fühlt, für Frauen und queere Personen mitzusprechen.“



      Ich kenne Linus nicht bzw. nur aus dem Artikel, aber ich vermute, es geht Ihnen genau so. Es ist nicht auszuschließen, dass Linus selbst direkt Mitglied beider Gruppen war oder ist, Linus also der gewählte Name eines Menschen in Transition ist. Weiter berichtet Linus ja von Aussagen, die u.a. Frauen gemacht haben. Und schließlich muss man nicht einmal selbst queer oder Frau sein, um eine Feindlichkeit gegenüber diesen Personen erkennen zu können.

    • @Saskia Brehn:

      "Transparentes Silikon heißt aber schon Transe seit jeher, das ist keine Böswilligkeit."

      Na wenn der transphobe und diskriminierende Witz schon alt ist, ist ja alles gut. Keiner Tipp: Transe wird auch nicht erst seit gestern abwertend verwendet.

      • @pumble:

        Auch wenn es im Handwerk gerne derb zugeht, geht es hier schlicht um Effizienz.



        Handwerk ist nämlich auch zuweilen mundfaul, früher mehr noch als heute. Da wird und wurde selten in ganzen Sätzen geredet - statt also "bitte gib mir das transparente Silikon" wird da "Transe" in den Männer- oder Frauenbart geknurrt und das wars.



        Kein Problem, keine böse Absicht, kein Schaden.



        Ich bin sehr glücklich seit Jahr und Tag in diesem Metier arbeiten zu können. Die Fähigkeit nicht hinter jedem Wort oder jeder Geste direkt einen Skandal oder Jähzorn zu vermuten ist das was ich am meisten schätze.



        Unaufgeregt lebt sichs länger.

    • @Saskia Brehn:

      Ergänzend: Die Aussagen des Linus sind zu pauschalisierend. Auf welcher Basis können sie so generalisiert werden? Lebenserfahrung kann es nicht sein. So kommt es vielleicht auch zu der falschen Bezugsetzung des Wortes Transe.

      Aber natürlich ist es richtig auf Missstände hinzuweisen.

      • @fly:

        Bezugssetzungen können sich ändern, und dann muss man vielleicht auch historische Wortverwendungen als Misstand anprangern. Schließlich würde heute niemand mehr ernsthaft die Bezeichnung „Weibsvolk“ damit verteidigen, dass sie zu Luthers Zeiten normal gewesen sei.

  • "Frauen werden auch eher nur in der Werkstatt eingesetzt und nicht auf Baustellen mitgeschickt. Hier könne ja etwas zu Schweres zu tragen sein."



    Was ich an Erdkabeln extra schleppen musste weil meine Kolleginnen das nicht konnten / wollten werde ich nie vergessen.



    Das ganze Interview möchte keine Gleichberichtigung sondern eine Sonderstellung. Wäre Linus nicht so Selbstbezogen hätte er bestimmt eine gute Zeit gehabt.

    • @Stazi :

      "Was ich an Erdkabeln extra schleppen musste weil meine Kolleginnen das nicht konnten / wollten werde ich nie vergessen."

      Die Rückmeldungen zu "Belastung durch schwere körperliche Tätigkeiten" an die sogenannten zuständigen Stellen nach BBiG scheinen inzwischen (in der Mehrheit von nicht männlich gelesenen Personen ausgehend) so groß zu sein, dass viele Handwerkskammern und IHKs die bei ihnen gelisteten Ausbildungsbetriebe und Ausbilder ausdrücklich für dieses Thema sensibilisieren - selbst wenn sie (wie ich) nie in einem anderen Beruf als Bauzeichner ausgebildet haben. Scheint also ein sehr wichtiges Thema zu sein...

    • @Stazi :

      Die ersten beiden Sätze müsste man mal den Frauen in den Ländern vorlesen, in denen die gesamte körperliche Arbeit von Frauen geleistet wird.



      In diese Länder kann man Geld, Material, Hilfe zur Selbsthilfe, Bildungsangebote stopfen bis zum Überlaufen - die Machos werden ihre Lebensweise mit Klauen und Zähnen verteidigen.

    • @Stazi :

      Für Sie ist es also eine "Sonderstellung wollen", als Frau oder queerer Mensch nicht diskriminiert werden zu wollen? Zum Vorwurf der "Selbstbezogenheit" möchte ich Sie noch darauf aufmerksam machen, dass Linus zu seinen Erfahrungen befragt wurde, worüber hätte er denn Ihrer Meinung nach reden sollen, wenn er nicht über die Probleme?

      Vielleicht ist es Ihnen nicht bewusst, aber Sie bestätigen die Aussagen im Interview eindrucksvoll. Danke dafür, denn Dadurch haben Sie bestätigt, dass Diskriminierung in dem Arbeitsbereich kein Einzelfall im Ausbildungsbetrieb des Interviewten ist, sondern wahrscheinlich systematisch betrieben wird.

      Ich bin froh, dass ich eine Ausbildung im pädagogischen Bereich gemacht habe - also in einem "Frauenberuf" - denn ich arbeite lieber mit reflektierten, sozial kompetenten Menschen zusammen, als mit Männern, die ihre Minderwertigkeitsgefühle überspielen, indem sie versuchen sich durch diskriminierendes Verhalten gegenüber Frauen, über diese zu stellen.

      • @Truhe:

        Die Sonderrolle ist es zu verlangen vor dummen Sprüchen verschont zu werden.



        Bei dem Beispiel mit den "schwulen Ohrringen" muss man mit einem Konter antworten, z . B. "deinem Vater haben sie sehr gefallen".



        Wenn Sie mit ihrem "reflektierten" Kollegen glücklich sind ist das doch gut für Sie. Ich habe lieber Spaß auf der Arbeit und lache mit meinen Kollegen (auch die weiblichen und queeren) über mich, die Kollegen und alles was sonst noch passiert.



        Wenn es auf der Arbeit nämlich nichts mehr zu lachen gibt wird es Zeit den Beruf zu wechseln.

  • Danke für das mansplaining, aber vielleicht solltet ihr lieber direkt mit Frauen die im Handwerk arbeiten reden.

    • @Mendou:

      Sicher gibts solche Betriebe. Und je mehr das welche im Bereich klassischer "Männerberufe" sind, desto öfter kommt das sicherlich vor. Aber woher ein Azubi(!) die Erfahrung nehmen will, von seinem eigenen Ausbildungsbetrieb auf die ganze Tischlerbranche und dann gleich noch pauschal über das gesamte Handwerk zu urteilen, würde mich schon mal interessieren.



      In meiner Branche arbeiten kaum weniger Frauen als Männer. Ich hab als selbständiger Handwerker für dutzende Firmen und daurch mit unzähligen Angestellten zusammen gearbeitet. Solche Fälle sind mir dabei bislang nur sehr selten untergekommen.

  • Die Information wo man sich beschweren kann lernt man im 1. Lehrjahr meist am 1. oder 2. Berufsschultag. Und dann später noch einmal ausführlicher bei dem Themen Rechte und Pflichten, was auch meist im ersten Lehrjahr durchgenommen wird.



    Es kämen da u.a. der regionale Ausbildungsbeauftragte ins Spiel, die Handwerkskammer, eventuell die Innung, und bei kleineren Fragen und Problemen auch immer der Lehrer für den Fachbereich sowie auch der Vertrauenslehrer. Beim Arbeitsamt kann man sich auch melden wenn man seinem Chef Probleme machen will, und im letzten Schritt natürlich auch noch Schlichtungsverfahren und Gericht. Zu den letzten beiden Schritten kommt es allerdings selten, weil bei Azubis schon vorher einige Stellen (siehe oben) eingerichtet sind um es nicht soweit kommen zu lassen.

  • Das ist eine sehr merkwürdige, einseitige und pauschalisierende Darstellung von Handwerksbetrieben. Selbstreflektion ist wohl nicht so das Ding von Linus. An ihm/ihr kann es wohl nicht gelegen haben, dass er/sie angeeckt ist. Ich habe da ganz andere Erfahrugen gemacht. Es gibt Betriebe in denen Mitarbeiter sehr stolz und froh sind, dass "Frauen in Männerberufen" auftauchen.

  • Es Kommt ganz klar auf den Betrieb an.

    Ja, in Industrie und Handwerk ist der Ton ein anderer als im Büro . Flach, laut, proletisch, dreckig. Das muss man abkönnen.

    Da haben Teile Namen mit sexuellem Kontext. Es gibt Kalender und Poster mit nackten Frauen.



    Die gibt’s übrigens aber auch mit Männern. Der hing bei mir und allen anderen Frauen, nur für das Gesichtskino der Kollegen.

    Ich bin seit meinem 18ten in der Industrie. Gießerei. Schleiferei. „Drecksbuden“.

    Ich bin in der Zeit 3 Mal belästigt worden, alles in verschiedene Firmen. Jedes Mal direkt zum Vorgesetzten. Und jedesmal Unterstützung bekommen. Auch wenn der eine erst mal überfordert war ( und sich selbst hilft dafür organisiert hat), ich wurde immer offen aufgenommen, nie angezweifelt und es wurde nach für mich guten Lösungen gesucht.

    Ich habe im Gegenteil eher die Erfahrung gemacht, dass die Männer ruhig werden wenn ich komme… weil sie vor mir nicht so „dreckig“ reden wollten. Es war ein kleiner Kampf, bis da die Scham fiel und ich behandelt wurde wie die Kollegen und nicht mit Samthandschuhen angefasst wurde.

    • @Lio:

      Über den Ton, den man abkönnen muss:



      Ist dieser Ton denn dringend erforderlich, um die Funktionalität aufrecht zu erhalten?

      Es gibt erfolgreiche Handwerksbetriebe, in denen es höchst zivilisiert zugeht, aber das sind dann gleich woke weichgespülte Wasweißich....

      • @Erfahrungssammler:

        Sprache spiegelt die Umgebung und die Tätigkeit wieder.



        Wir reden hier von einer lauten, groben, dreckigen Welt.

        Und ist es den schlimm, wenn es ein wenig rauer ist?

        Ich für meinen Teil fühle mich in der Umgebung als Frau pudelwohl und will nicht mehr die Branche wechseln. Menschen ticken eben verschieden.

        (Wir reden hier nicht über mobbing/diskriminierung.)

    • @Lio:

      "Ja, in Industrie und Handwerk ist der Ton ein anderer als im Büro . Flach, laut, proletisch, dreckig. Das muss man abkönnen.

      Da haben Teile Namen mit sexuellem Kontext. Es gibt Kalender und Poster mit nackten Frauen."



      Das spricht nicht gerade für die Spezies Mann. Wirklich nicht. Vielleicht sollten diese Kollegen mal im 21. Jahrhundert ankommen.

      • @Minelle:

        Was ist das Problem? Nicht jeder drückt sich eloquent aus. Solange niemand beleidigt und diskriminiert wird, ist doch alles okay.



        Ich störe mich nicht dran, wenn Nacktkalender in Ecken hängen.

        Das wichtige ist doch: wie ist der Umgang.



        Ich als Frau werde bei alldem respektiert und gehört.



        So grob die Äußerungen manchmal sind, so sehr wird mir auf der anderen Seite zB bei schweren Teilen ohne zu fragen geholfen.



        Ansagen von mir werden umgesetzt. Auch wenn’s ungemütlich wird und mehr Arbeit bedeutet.

        Das ist das, worauf es ankommt.

        Kein hintenrum. Gerade raus.

    • @Lio:

      Im Handwerk zählt der erste Eindruck oft mehr als alles andere. Ich vermittelte einmal einen Freund als Bodenpersonal in eine große Baumpflegefirma. Am ersten Tag saß er am Handy, statt mitzuarbeiten. Ein Fehler, der ihm nie verziehen wurde. Bald wurde er rausgemobbt. Interessant ist, dass ich dieselben Kolleg*innen sonst als solidarisch und offen kenne.

      Meine Erfahrung: Frauen sind auf Baustellen fast immer eine Bereicherung, das Klima ist oft weniger rau. Gleichzeitig entstehen Spannungen, wenn jemand weniger leistet, aber denselben Lohn bekommt. In solchen Fällen treffen Vorurteile häufig Frauen oder queere Personen besonders hart.

      Auch ich hatte es nicht leicht. Obwohl ich äußerlich nicht als „ausländisch“ gelte, habe ich einen Akzent. Kolleg*innen verspotteten mich mit nachgemachtem „ausländischen“ Sprechen, machten Witze über meine Herkunft oder warfen mir in Stresssituationen vor, ich solle „erstmal Deutsch lernen“. Als ich eine solche Tirade meldete, wies mein Vorgesetzter mich ab: Ich solle mich „nicht so anstellen“ und „die Schnauze halten“, da er den Auftrag nicht verlieren wollte.

      • @Tom Truijen:

        Stichwort Baumpflege: Ich wäre auch ziemlich sauer, wenn das Bodenpersonal unten auf dem Handy rumklimpert. Die sind ja nicht nur dazu da, das wegzuräumen, was runterfällt, die haben auch eine Funktion als Absicherung für die Leute im Baum. Und wenn diese Leute solidarisch untereinander sind, dann ist der offensichtliche Grund der, daß sie sich aufeinander verlassen können müssen. Insofern kann ich verstehen, daß man einen neuen Kollegen mit diesem Ersteindruck lieber nicht haben will.

  • Schade, dass die andere Seite nicht zu Wort kommt. Nach meiner Erfahrung sind so Rundumschlaege wie die Betriebe und die Lehrer bis hin zu "unmoeglich als Frau einen normalen Berufszweig nachzugehen" nicht sehr glaubwuerdig.



    Kommt vielleicht daher, dass auch in der Politik bei berechtigter Kritik oft die Frauenkarte gezogen wird.

    • @elektrozwerg:

      In der Politik wie z. B. in der xxU, wo bei der Auswahl der Posten nicht die "Frauenkarte" sondern ausschließlich die "wer ist der / die radikalste Lobbyist- und Lobbyistin-Karte" gezogen wurde?

      Es ist traurig, Dass im Jahr 2025 immer noch ein seeeehr langer Weg bis zu echter Gleichberechtigung vor uns liegt.

      PS: Sind Berufszweige in denen mehrheitlich Frauen arbeiten für Sie kein "normaler Berufszweig"?

      • @Truhe:

        Wer den Artikel gelesen hätte, müsste die Frage aus dem PS nicht stellen, weil er wüsste, dass der "normale Berufszweig" ein Zitat aus demselben ist... 😇