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Debatte um AfD-Verbotsverfahren Jetzt erst recht?

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Die Forderungen, die AfD verbieten zu lassen, hören nicht auf. Das könnte kurz vor den Wahlen nach hinten losgehen. Wie wäre es mit eigenen Angeboten?

J etzt fängt auch noch Cem Özdemir damit an, kurz vor den Landtagswahlen über seine Sympathie für ein AfD-Verbotsverfahren zu reden – so wie vor ihm schon SPD-Chef Lars Klingbeil und die Berliner Linkspartei auf ihren Wahlplakaten. Der Grüne, der Sozialdemokrat und die Berliner Linke bekommen für ihre Verbotsvorschläge zwar sicherlich viel Zustimmung – aber wohl nur bei Leuten in den eigenen Reihen, die ohnehin niemals AfD wählen.

Wäre es vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern nicht viel wichtiger, wenigstens den Versuch zu unternehmen, die vielen Menschen dort anzusprechen, die mit der Regierungspolitik in Bund und Ländern unzufrieden sind und die deshalb mit dem Gedanken spielen, erstmals die AfD zu wählen, damit sich aus ihrer Sicht wirklich mal was ändert? Wer dieses wachsende Bedürfnis, das sich in den steigenden Umfragewerten der AfD ausdrückt, zu Recht für eine große Gefahr für die Demokratie hält, müsste sich gerade jetzt dringend bemühen, die Stimmberechtigten doch noch von der Wahl einer demokratischen Partei zu überzeugen. Das geht aber nur mit guten Argumenten und konkreten Angeboten.

Wie das funktionieren kann, hat die Linke Heidi Reichinnek vorgemacht, die im letzten Bundestagswahlkampf vor allem auf Sozialpolitik setzte. Auch in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bemühen sich viele LandespolitikerInnen täglich, die AfD mit eigenen Ideen zu bekämpfen. Was ihnen dabei kaum helfen dürfte, sind autoritäre Zwischenrufe aus Berlin und Stuttgart.

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Ob das Verbot einer Partei, die in manchen Bundesländern auf mehr als 40 Prozent kommt, langfristig der richtige Weg sein kann, um die Demokratie zu retten, lässt sich ohnehin bezweifeln. Bei vielen Ostdeutschen, die sich sowieso schon viel zu oft vernachlässigt und belehrt fühlen, könnten die Drohungen aus dem Westen kurz vor der Wahl den letzten Ausschlag geben, um nun erst recht die AfD zu wählen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Lukas Wallraff

Lukas Wallraff taz.eins- und Seite-1-Redakteur

seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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13 Kommentare

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  • Karl Theurer

    Ein Verbot der AfD beseitigt nicht den Nährboden, auf dem diese Partei gedeiht.Wirken würde eine Politik, die die Ungleichheit in Deutschland verringert, die dafür sorgt, dass die Einkommens- und Vermögensunterschiede sich massiv verringern. Die den Menschen Einkommen verschafft mit dem ein Auskommen möglich ist.

    Eine Politik, die auch den Niedriglöhnern eine Teilhabe am Leben ermöglicht, die die Vermögenden entsprechend deren Vermögen an den Gemeinkosten einer Gesellschaft beteiligt. Einer Gesellschaft, die ihnen ihr Vermögen erst ermöglicht hat.

    Eine Politik, die berücksichtigt, dass die kommenden Belastungen auch für die weniger Begüterten zu tragen sind.

    Eine Politik, die Chancengleichheit im Bildungssystem, im Gesundheitswesen, in der Altersversorgung etc. als oberstes Zeil anstrebt.

    Möglichkeiten gäbe es genügend, die da wären z.B. Bedingungsloses Grundeinkommen, Krankenversicherung und Altersversorgung an der sich alle entsprechend ihrer finanziellen Potenz beteiligen, nur als Beispiele genannt. Und sage keiner, es sei nicht genügend Geld vorhanden. Es müsste nur anders verteilt werden.

    Es fehlt zumindest der politische Wille, oder schlimmer noch, das Bewusstsein dafür.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Ja, das wäre richtig. Den Wählern, die mit der derzeitigen Politik unzufrieden sind, ein Angebot zu machen, die sie wieder von den etablierten Parteien überzeugt.



    Das haben ja die Ministerpräsidenten versucht, indem Sie die Rente mit 63 aufrechterhalten wollen. Das überzeugt aber niemanden. Denn solange die Ministerpräsidenten nicht sagen, woher die 10 Milliarden sonst kommen sollen, ist doch absehbar, worauf das hinauslaufen wird. Entweder nach den Wahlen heißt es dann, dass sich das leider doch nicht finanzieren lässt oder die 10 Milliarden wird irgendwoanders bei den selben Menschen geholt, bei denenman jetzt die 10 Milliarden holen will.



    Das Einzige, was Menschen wirklich überzeugen würde, wäre, wenn man sagen würde, dass man sich Geld dadurch beschaffen würde, indem man die Steuern für die 5000 Milliardäre und Superreichen (>100 Mio.$) erhöht. Die besitzen 3.400 Mrd. $. Schon 1,5-3,5% gäben 50-100 Mrd. €. Damit könnte man die Rente mit 63 und noch viele andere Dinge finanzieren (z.B. ein Deutschland Ticket für 9€, Senkung der Stromsteuer für alle Privatpersonen, Keine Streichungen im Gesundheitssystem und vieles mehr).

    Alles andere wäre unglaubwürdig.

  • Sole Mio

    Was würde denn in der Wirtschaft unternommen werden, wenn einem Unternehmen die Kunden und damit die eigene Existenzbasis mehr und mehr weg bricht?

    A:Ein weiter so mit noch extremeren Bezug auf die bisherige Firmenpolitik

    B: Analysieren weshalb der Zuspruch sinkt und was der Markt (Wähler) für Bedürfnisse hat

  • Philippo1000

    Hmja,



    es hilft, bei Wahlkampfstrategien Wahlanalysen zu lesen.



    Da wird z.B. deutlich, dass die soziale Sicherheit in den Ostdeutschen Ländern als gar nicht so wichtig erachtet wird.



    Statt dessen steht Zuwanderung an erster Stelle.



    Obwohl Dobrindt eine Asylpolitik macht, die sich wenig von der "afd" unterscheidet, bringt das der Union im Bundestrend nur weitere Verluste ein.



    Die "afd" gewinnt, laut Umfragen, deutlich an Zuspruch in der Arbeiterschaft. Dies geschieht, obwohl sie laut Programm sich für Arbeiterinteressen überhaupt nicht einsetzt.



    Wie soll also das "Angebot" an "afd" Wähler aussehen?



    Eine demokratische Partei wird ihr Programm kaum auf Remigration und Abbau der Demokratie umschreiben wollen.

    Es ist eben kompliziert.



    Und wenn Argumente nicht mehr helfen, sind Verbote letztlich ein Weg.



    Die Journalisten sollten sich fragen, ob "Fundamentalopposition"



    der richtige Weg ist, die Demokratie zu stützen.



    Es gibt viele Länder, in denen Journalismus lebensgefährlich ist.



    Hier ist das nicht so.



    Wäre es nicht an der Zeit, Verantwortung für die Demokratie zu übernehmen und demokratische Arbeit auch mal positiv darzustellen?



    Ich sehe meine Verantwortung jedenfalls genau da.

  • Axel Schäfer

    Was will man Menschen in einem der einkommenschwächsten Bundesländer anbieten, die daran glauben es geht ihnen besser, wenn man alle Ausländer rauswirft und wieder russisches Erdgas importiert?

  • Markus Hohenfellner

    Ein Kommentar wie das Licht einer Kerze in einer tiefschwarzen Nacht.

  • Andreas J

    Ich kanns nicht mehr hören. Mit vielen kann man nicht mehr reden. Die sind für die Demokratie verloren. Die AfD muss verboten werden!

  • DiMa

    Jein. Der Hinweis auf die Linke bei der letzten Bubdestagswahl leuchtet nur im ersten Moment ein, den es wird übersehen, welches Ergebnis die AFD bei der gleichen Wahl erreicht hat.

    Insoweit sind eigene Angebote immer richtig, nur müssen diese halt auch Mehrheiten erzeugen können. Und daran hapert es momentan.

  • Šarru-kīnu

    Um diesen Wählern wieder Angebote zu machen, müssten selbstkritisch Leitsätze der Politik der letzten 20 Jahre auf den Prüfstand. Die Bereitschaft innerhalb der Funktionselite zuzugeben Fehler gemacht und die Bevölkerung belogen zu haben, sehe ich aber weiterhin nicht. Die denken immer noch es den Proleten nur besser erklären zu müssen.



    Um die AfD zu schlagen bräuchte es daher eine echte und seriöse Alternative zum derzeitigen StatusQuo. Wer strukturelle Veränderungen wünscht, hat ja keine Partei die überhaupt gewählt werden kann. Selbst die Linke macht ja inzwischen hauptsächlich auf Besitzstandswahrung.

  • Astrid Sehnefeld

    Vollste Zustimmung Herr Wallraff!



    "Wäre es vor den Wahlen (...) nicht viel wichtiger, wenigstens den Versuch zu unternehmen, die vielen Menschen dort anzusprechen" - ja, wäre es. Aber es kommt schon lange keiner mehr. Die AfD ist jedes Jahr mehrmals in meinem Dorf. Grillfest, Bürgersprechstunde, selbst zur Blutspende schaut die AfD vorbei. Andere Parteien? Fehlanzeige.



    SPD, Grüne, Union laden auf den Marktplatz in 21 Kliometern Entfernung - vor Wahlen. Sonst nicht.



    Zur letzten Bundestagswahl hingen nur noch AfD Plakate im Ort und eines von Die Linke - SPD, Grüne, Union waren im gesamten Ort NICHT zu sehen.



    Ihr Fazit Herr Wallraff trifft den Nagel auf den Kopf: "Bei vielen Ostdeutschen, die sich sowieso schon viel zu oft vernachlässigt und belehrt fühlen, könnten die Drohungen aus dem Westen kurz vor der Wahl den letzten Ausschlag geben, um nun erst recht die AfD zu wählen" - so sieht's aus, so wirds laufen.



    Wo sind Klingbeil, Özdemir oder die anderen Verbotsbefürworter?



    Kommt zu uns in die Dörfer, seid vor Ort, spart euch eure Weisheiten aus entfernten Metropolen - die AfD wurde hier Volkspartei weil sie die einzigen sind, die Anwesenheit und Interesse zeigen.



    Leider.

  • Pico

    "Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung", sagte schon Wilhelm Busch.



    Deswegen: Macht es besser als die AfD. Zumindest fangt mal an "was zu machen". Zeit und Mandate habt ihr doch.

  • Jalella

    Eigene Angebote wären super. Schon vor Jahren hätte man die machen sollen, statt das Gegenteil zu tun. Macht man aber nicht. Die neoliberale Front schlägt weiter in die Kerbe der Rechtsextremen und muss teilweise selbst als rechtsextrem bezeichnet werden. Oder was würde z.B. ein AfD-Innenminister anders machen als Dobrindt?

    Problemchen ist, dass es jetzt aber auch keiner mehr glauben würde. Wenn die sPD plötzlich in einem verstaubten Zeitungsartikel Sprüche ihrer Vorfahren-Partei findet, die sozial klingen, wer würde ihnen das nach 30 Jahren neoliberaler Politik abnehmen? Eine Arbeitsministerin, die "bis an die Grenze dessen geht, was das GG hergibt" um arme in Not geratene Menschen noch mehr in den Abgrund zu schubsen, statt "bis an die Grenze dessen zu gehen, was das GG hergibt" um Immobilienkonzerne zu vergesellschaften, hat ein Adjektiv mit dem Bestandteil "sozial" höchstens in Form von "antisozial" verdient.

    Und natürlich müsste man was gegen die Gründe tun, aber wenn der Zug wenige Meter vor der Mauer steht, zieht man eben die Notbremse. Und ein AfD-Verbot wäre eine Notbremse. Auch wenn der Zug dann erstmal auf der Strecke steht und die Passagier nicht an ihr Ziel kommen.

  • Martin Rees

    "...Drohungen aus dem Westen kurz vor der Wahl den letzten Ausschlag geben"



    Gut möglich, sogar m.M.n. eher ziemlich wahrscheinlich nach der bekundeten und nachlesbaren Entwicklung zuletzt!