Interne E-Mails öffentlich: AfD blamiert sich mit Datenleak
Bei der AfD kommt es zu einem E-Mail-Datenleak: Zehntausende interne Mails gelangen auf eine öffentliche Website.
Foto: Fabrizio Bensch/reuters
Es sind gut 421.000 interne AfD-Mails, die jetzt online herunterladbar sind. Mails, die sich mit rassistischen Ausfällen von Parteimitgliedern beschäftigen, mit juristischen Streitigkeiten, mit dem Umgang von Parteispenden. Am Montag tauchte der Datensatz, 281 Gigabyte groß, auf einer anonym betriebenen Internetseite auf. Die Mails datieren von diesem Herbst bis zurück ins Jahr 2014 und stammen unter anderem von Parteichefin Alice Weidel, Parteivize Beatrix von Storch sowie den früheren AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen und Alexander Gauland.
Rund 39.000 der Mails wurden auf der Website, offenbar mithilfe von KI, zusammengefasst. 611 dieser Nachrichten werden mit „kritischen“ Inhalten bewertet, das heißt, sie dokumentieren möglicherweise Straftaten. Weitere 10.450 Mails werden mit „hoher“ Relevanz eingruppiert, die „schweres Fehlverhalten“ zeigen sollen.
Wer für die Aktion verantwortlich ist, blieb vorerst offen. Die Website-Betreiber antworteten auf eine taz-Anfrage zunächst nicht. Auf der Seite heißt es nur: „Das Archiv ermöglicht Journalistinnen, Forschenden und der Öffentlichkeit, Primärmaterial direkt zu prüfen, statt sich auf Zusammenfassungen aus zweiter Hand zu verlassen.“ Die Journalistin und IT-Spezialistin Lilith Wittmann erklärte nach erster Sichtung, sie halte die Daten für echt.
Die Webseite hinter dem Leak
Das Datenleak der AfD-Emails ist auf der Webseite hexane.cc zu finden. Die Seite bezeichnet sich als Archiv, das für Journalist:innen gedacht ist, und zur Recherche und öffentlichen Rechenschaft dienen soll.
In einer Nachricht an das Onlineportal „International Cyber Digest“ erklärten die vermeintlich Verantwortlichen, sie hätten die Server zerstören können. Ihr Ziel aber sei gewesen, die „Degeneriertheit und Scheinheiligkeit“ der AfD offenzulegen. Angeblich sei ihnen auch von einem Unbekannten eine hohe Geldsumme geboten worden, um die Website wieder offline zu nehmen – was man abgelehnt habe.
Die AfD erklärte auf taz-Anfrage, dass es im September 2026 einen „Hackerangriff“ auf einen Hosting-Dienstleister der Partei gegeben habe, bei dem „Teile einiger weniger“ Mail-Postfächer widerrechtlich kopiert worden seien. Die meisten Konten seien aber „seit Jahren nicht mehr genutzt“ worden. „Dieser Angriff wurde rasch erkannt sowie beendet“, so ein Parteisprecher. Aktuelle Mail-Postfächer des AfD-Bundesverbands seien nicht betroffen.
Antisemitismus auf Telegram, Drogen am Infostand
Nach taz-Informationen wurde parteiintern schon im September vor einer Phishing-Mail gewarnt. Tatsächlich datieren die geleakten Mails laut Website bis in den September dieses Jahres hin.
In den Zusammenfassungen der als „kritisch“ eingestuften Mails geht es zum Beispiel um eine AfD-Landtagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern, bei der sich parteiintern beraten wird, wie man mit einem Bericht über antisemitische Beiträge auf ihrem Telegram-Kanal umgehen solle. Um ein internes „Dossier“ über problematische Äußerungen des AfD-Bundestagsabgeordneten und Parteiradikalen Matthias Helferich.
Um ein Parteiausschlussverfahren gegen einen AfD-Kreisvorstand, der sich holocaustleugnend und Hitler verherrlichend geäußert haben soll. Um einen Ortschef, der zurücktreten musste wegen einer „Heil Hitler“-Weihnachtskarte, oder auch um ein Mitglied, das über „Muselmanen“ und das „dreckige Monster Merkel“ geschrieben haben soll. Ein anderer dokumentierter Mailbetreff lautet: „Verkauf von Hakenkreuzfahnen und Drogen am Infostand in Bottrop durch Kreisvorstandsmitglied – Maßnahmen erforderlich.“
In einer anderen Mail wurde offenbar eine Liste von 2.000 Namen und Adressen vermeintlicher Antifaschist*innen verschickt. Ein Mitarbeiter der Berliner AfD-Zentrale soll in einer Nachricht vorgeschlagen haben, einen linken Fotografen zu einer Veranstaltung zu locken und dann gewaltsam hinauszuwerfen.
AfD-Chefin Alice Weidel soll wiederum von einem AfD-Bundestagsabgeordneten empfohlen worden sein, eine Spende aus der Schweiz als Darlehen zu verbuchen, um so die Offenlegungspflicht zu umgehen. Der bezeichnende Betreff: „Juristischer Umweg / buchhalterische Gestaltung Spendenaffäre“. In einem anderen Fall ging es um Umbuchungen von mehreren tausend Euro aus der Bundesgeschäftsstelle: Eine Referentin soll Weidel gebeten haben, die Summe lieber privat zu überweisen. Ein anderer Abgeordneter soll Weidel wiederum vor „U-Booten“ aus dem Identitären-Umfeld in der Bundestagsfraktion gewarnt haben.
Der frühere AfD-Chef Alexander Gauland soll in einer E‑Mail wiederum über eine „Hitler-Wallfahrt“ geschrieben haben, bei der Mitglieder mit einer Hakenkreuz-Flagge fotografiert worden seien. Von Ex-Parteichefin Frauke Petry ist eine Mail zu einer Reise nach Moskau dokumentiert.
Material für ein AfD-Verbot?
Die Linken-Fraktionsvize Clara Bünger sagte der taz: „Die Mails bestätigen, was wir lange wissen: Die AfD schadet der Mehrheit in diesem Land. Wer hier arbeitet, Miete zahlt und für seine Familie sorgt, hat von dieser Partei nichts zu erwarten.“
Ob die Mails auch Material für ein AfD-Verbotsverfahren bieten, blieb zunächst offen. Valentina Chiofalo von der Gesellschaft für Freiheitsrechte, die zuletzt ein umfangreiches AfD-Gutachten vorlegten, sagte der taz, sollten sich die Mails als authentisch erweisen, müsste der Fundus zunächst wissenschaftlich auf Belege untersucht werden, die sich gegen die Verfassung richten.
Gäbe es solche Belege, stelle sich die Frage der Verwertbarkeit vor Gericht – schließlich seien die Mails wohl durch einen unrechtmäßigen Hack geleakt. „Unsere vorläufige Einschätzung: Das Bundesverfassungsgericht würde bei relevanten Belegen die gegenseitigen Interessen abwägen, die Verwertbarkeit aufgrund der großen Bedeutung vermutlich aber bejahen“, so Chiofalo. Die journalistische Aufarbeitung der Mails sei aber zulässig.
„Mit Mails oder ohne bleiben wir bei unserer Einschätzung“, so Chiafalo. „Die AfD ist verfassungswidrig und ein Parteiverbotsverfahren wäre wahrscheinlich erfolgreich.“ Die geleakten Mails könnten aber einen weiteren Beitrag leisten, einen möglichen Verbotsantrag „noch wasserdichter“ zu machen.
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