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Social-Media-Sucht Schuld sind nicht nur die bösen Konzerne

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Wer Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche fordert, sollte sein eigenes Verhalten kontrollieren. Erwachsene sind hier oft kein gutes Vorbild.

D iese schrecklichen Social-Media-Konzerne sind wirklich, wirklich furchtbar. Es ist ein Skandal, wie sie unsere armen Kinder skrupellos süchtig machen. Dagegen muss doch jemand mal was tun. Gut, dass jetzt endlich ein Gericht in den USA … äh, einen Moment bitte … Sorry, ich kann mich gerade nicht auf den Text hier konzentrieren, weil ich schnell was checken muss … ah, ja, da! Sehr schön! Meinem Cousin scheint’s im Urlaub gut zu gehen. Seine Fotos auf Facebook sehen fantastisch aus.

Apropos Urlaub, was macht eigentlich der Merz? Steht bei Bluesky was? Seit Merz weg ist, laufen die taz-Titel bei Insta leider nicht mehr richtig … Okay, also, wo waren wir gerade? Ach so, ja, es ist natürlich gut, dass vor einem Gericht in Kalifornien jetzt darüber verhandelt wird, ob Mark Zuckerbergs Meta-Konzern seine Social-Media-Plattformen Instagram und Facebook absichtlich so gestaltet, dass möglichst viele Jugendliche möglichst lange hängenbleiben. Den Klägern kann man nur viel Glück wünschen, weil die Social-Media-Sucht schon viel Unheil angerichtet hat und die Opfer eine Entschädigung bekommen sollten. Insbesondere Kinder aus schwierigen Verhältnissen, denen sonst niemand hilft, brauchen mehr staatlichen Schutz vor der Gier der Techkonzerne.

Auch europäische Alternativen aufzubauen und zu fördern, wäre gut. Aber so begrüßenswert alle Versuche sind, die irre Macht der Techkonzerne einzuschränken: Es wäre zu bequem, nur auf Gerichtsurteile oder politische Maßnahmen zu warten, zumal die Erfahrungsberichte nach dem Social-Media-Verbot für Jugendliche in Australien nicht unbedingt verheißungsvoll klingen. Viele scheinen die Sperren zu überwinden, andere sollen noch mehr vereinsamt sein. Nein, wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen, die schon wieder vor einem Smartphone hängt. Auch für die taz gibt es ein Social-Media-Dilemma.

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Einerseits kritisieren wir die Konzerne hart, andererseits füttern wir sie täglich selbst mit unseren Inhalten – und die viel gescholtenen Algorithmen helfen bei der LeserInnenbindung. Weil auf Social Media eben die meisten Menschen zu erreichen sind, lässt sich schwer darauf verzichten. Im Privatleben wäre das etwas leichter.

Niemand kann das Rad zurückdrehen, Social Media wird nicht verschwinden. Alle müssen den Umgang damit lernen – aber nicht nur Kinder, auch viele Erwachsene. Wenn wir die Heranwachsenden schützen wollen, müssen wir als Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern besser darauf achten, was wir ihnen täglich vorleben. Wer mit Kindern im Auto raucht, kann die Schuld auch nicht allein auf die bösen Tabakkonzerne schieben – und den Kindern kaum erklären, warum Rauchen schädlich ist.

Eigenes Verhalten ersetzt nicht staatliche Regulierung. Aber es hilft. Wer das Handy öfter weglegt, hat auch mehr Zeit nachzudenken, sinnvolle politische Vorschläge zu formulieren und vorzuschlagen. Auf Social Media natürlich.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Lukas Wallraff

Lukas Wallraff taz.eins- und Seite-1-Redakteur

seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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