Radikalisierung der Klimabewegung: RWE auf die Fresse hauen?

Ist für die Klimabewegung jetzt die Zeit gekommen, für mehr zivilen Ungehorsam? Die Politik macht nicht mit, also mehr Bagger und Wälder blockieren?

Umwelt-Aktivist:innen sitzen im Hambacher Forst auf dem Boden und sind umringt von Polizist:innen in voller Montur

Der Ernst der Lage fordert mehr, Demos alleine reichen nicht aus Foto: Michael Trammer

Es ist der Samstagabend vor dem neunten globalen Klimastreik. Zweieinhalb Jahre sind vergangen, seit den ersten weltweiten Protesten. Ich laufe über die leere Wiese vor dem Kanz­le­r:in­nen­amt auf der Suche nach Aktivist:innen. Vor zwei Jahren campierten hier hunderte von Menschen, forderten eine gerechte Klimapolitik, ja überhaupt erst einmal Klimapolitik. Manche von ihnen gingen tagsüber zur Schule und verbrachten die Nacht hier. Bis die Politik endlich der Krise Beachtung schenkt.

Heute widerspricht kaum jemand mehr der Notwendigkeit von Klimaschutz. Das „Klimagerechtigkeitscamp“ finde ich weit weg vom Kanzler:innenamt, auf der Wiese hinter dem Haus der Kulturen der Welt. Verdrängt? Versteckt? Vergessen?

Zwei Jahre – für ein:e Po­li­ti­ke­r:in gerade einmal genug Zeit, sich zu überlegen, dass es das Beste ist, sich doch erstmal auf jeden Fall zum Klimaschutz zu bekennen. Das „wie“ kann ja zunächst einmal aufgeschoben werden. Für ein:e 16 Jäh­ri­ge:n GenZ sind zwei Jahre jedoch die halbe Jugend. Verbracht mit Lockdown und sehr viele unter ihnen politisiert durch Fridays for Future. Es sind zwei Jahre weniger für einen korrekten Umgang mit der Klimakrise. Keine Möglichkeit, zur Wahl zu gehen. Und eine schwache Prognose im Moment für die Zukunft.

Ein paar leere Zelte stehen auf der Wiese, ein DJ legt auf und ein paar Leute bewegen sich zu seiner Musik. Viele seien gerade damit beschäftigt, den Streik und die Aktionstage für das nächste Wochenende vorzubereiten, erklärt eine Aktivistin. Es ist auf jeden Fall kalt und Bier gibt es auch nicht. „Wir bleiben, bis ihr handelt“, verspricht ein Plakat. Doch es sieht verblasst aus. Fast so, als würde man schon sehr lange bleiben und es hätte trotzdem niemand gehandelt.

Einfach mal selbst handeln?

Sollte man nicht einfach selbst mal anfangen, zu handeln? Ja, wir brauchen mehr zivilen Ungehorsam, bekomme ich als Antwort. Die Basis bei Fridays for Future (FFF) spreche sich auch schon länger dafür aus, aber einige wenige „ganz oben“ verhindern dies. Ganz oben? Ist das noch die basisdemokratische Graswurzelbewegung von vor zwei Jahren? Oder spricht da einfach nur der Frust aus ein paar Aktivist:innen?

„FFF war für viele wie eine Einstiegsdroge, hat uns für das Thema sensibilisiert“, erzählt eine Aktivistin beim Klimacamp. Das Demonstrieren reiche aber nicht mehr aus. Sie möchte jedenfalls, dass man radikaler vorgeht. Obwohl es ihr schwergefallen sei, sei sie ausgestiegen. Und sie ist nicht die einzige. Ich bekomme einige Kontakte vermittelt. Sie sind alle bereit, zu telefonieren, wollen aber anonym bleiben.

Ja, FFF und Großdemos seien schon wichtig, denn sie machen erst mal das Problem für alle sichtbar … und klar, wir brauchen die breite Unterstützung aus der Gesellschaft … das darf nicht vergessen werden. Aber dann gibt es da auch zu wenig Positionierung gegen Sexismus und gegen Kapitalismus bei FFF. Und aufkommende hierarchische Strukturen. Deswegen seien sie gegangen.

Aber es ist vor allem eins, was die FFF-Aussteiger:innen vereint: sie alle wollen mehr Druck ausüben.

Die Geg­ne­r:in­nen der Klimabewegung

Der Hinweis auf fehlenden Klimaschutz ist jetzt in der Gesellschaft angekommen. Doch das reicht nicht. Ist das alles, was von Fridays for Future zu erwarten war? Vielleicht kann die Klimabewegung ja nicht mehr erreichen als diese Aufmerksamkeit. Doch immer wieder fällt das scheinbar magische Schlüsselwort: ziviler Ungehorsam.

Ziviler Ungehorsam also für das Klima? Ich muss an Rosa Parks denken, die im Bus ihren Sitzplatz nicht für eine weiße Person freimachte und eine Bürgerrechtsbewegung auslöste. Oder Gandhi mit seinem Salzmarsch und der späteren Unabhängigkeit Indiens. Doch wer sind die Gegner der Klimabewegung? Die Autofahrer:innen, die bei Straßenblockaden daran gehindert werden, pünktlich zur Arbeit zu kommen? Nein, das sei keine sinnvolle Lösung. FDP-Chef Christian Lindner, der auf den FFF-Sprechgesang „Unsere Zukunft ist nicht verhandelbar“ mit einem knappen „Doch“ reagiert? Wohl eher.

Dabei ist es doch die Zusammenarbeit der Ampel-Politiker:innen, die gerade jetzt gebraucht wird, damit Klimapolitik endlich vorankommt. Was bleibt uns denn sonst? Waldbesetzungen, Blockaden vor der IAA, Sabotagen, die RWE für wenigstens ein paar Stunden lahmlegen. Das seien die Aktionen, die die Aufmerksamkeit erregen, die wir brauchen. Die auch die Großkonzerne unter Druck setzen. Engagement bei Organisationen wie Ende Gelände oder Sand im Getriebe. Das braucht es jetzt.

Aber was ist dann mit der breiten Mitte der Gesellschaft? Und ist nicht ein bisschen Klimaschutz besser als keiner und dafür das kompromisslose Bestehen auf antikapitalistische Klimagerechtigkeit? Macht sich der Großkonzernbesitzer wirklich mehr über den Klimawandel Gedanken, wenn ein paar Menschen seine Bagger blockieren? Und finden das die Leute vor dem Fernsehen wirklich gut, wenn sie sehen, dass wieder Geld für Polizeieinsätze draufging, um ein paar „Ökos“ von den Bäumen runterzuholen? Die subversiven Ak­ti­vis­t:in­nen halten daran fest.

Die Zukunft nicht aufgeben

Nein, es sei nicht aus einer Hoffnungslosigkeit heraus, dass sie Bagger und Wälder besetzten, sondern weil es etwas ändert. Und etwas sagt mir, aus eigener Erfahrung, dass es durchaus zusätzlich auch psychologisch guttut, seinen Frust gegen Polizei und Großkonzerne zu richten. Auch, wenn das nicht dein Hauptbeweggründe sein muss. Das erklärt, warum der Wunsch nach Radikalisierung existiert und danach mehr zu tun als nur Parolen auf der Wiese vor dem Reichstag zu schreien. Eine konkrete Aktion, die etwas geändert habe, gibt es zumindest (noch) nicht.

Ein radikaleres FFF wird es wohl auch nicht geben. Obwohl wir erst am Freitag beim Klimastreik sehen werden, ob sie etwa doch zu zivilen Ungehorsam tendieren, bekomme ich aus den „oberen Riegen“ gesagt. Nichts steht fest. Außer, dass es doch viele junge Menschen gibt, die ihre Zukunft nicht aufgegeben haben. Die sich nicht abtun lassen. Die nicht nur bleiben, bis gehandelt wird, sondern direkt handeln wollen, bis gehandelt wird.

Doch die Zeit wird knapp, die Ergebnisse sind mau und keine wirklich konkreten „Gegner:innen“ in Sicht. Ihr ziviler Ungehorsam ist nicht der von Rosa Parks oder Gandhi. Denn es geht nicht um die Befreiung einer großen Gruppe in der Gesellschaft von den Unterdrückern. Es geht um eine verlorengehende Freiheit für die kommenden Generationen. Sozusagen einer prophylaktischen Befreiung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Klimawandel

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Alle Artikel zum Thema

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de