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Jana Hensel über ihr neues Buch„Müsste der Osten nicht anders regiert werden?“

Die Journalistin Jana Hensel schreibt zum Aufstieg der AfD in Ostdeutschland. Warum es Ost und West nach den Wahlen aus­ein­ander­reißen wird.

„Die AfD wird die nächste große Enttäuschung der Ostdeutschen“, sagt Jana Hensel Foto: Anna Tiessen
Jens Uthoff
Anne Fromm

Interview von

Jens Uthoff und Anne Fromm

Wir treffen Jana Hensel in einer Bar in Prenzlauer Berg. Hier gibt sie Interviews, seit sie vor 24 Jahren mit ihrem Bestseller „Zonenkinder“ bekannt wurde. Hensel wurde im sächsischen Borna geboren und war 13, als die Mauer fiel. In „Zonenkinder“ beschrieb sie, wie ihre Generation die Wende erlebt hat, in den späten 90er Jahren in die Welt zog und doch fremd blieb. Nun hat sie ein neues Sachbuch über Ostdeutschland geschrieben – und über das Ende der Demokratie dort.

taz: Frau Hensel, eigentlich wollten Sie nicht mehr über den Osten schreiben. Er gehe Ihnen auf die Nerven, heißt es in Ihrem neuen Buch. Jetzt haben Sie doch wieder ein Ostbuch geschrieben. Warum?

Jana Hensel: Der Osten liegt in der Peripherie dieses Landes. Wer über den Osten spricht, verkleinert sich immer auch ein Stück selbst. Auch deshalb habe ich zuletzt weniger über den Osten geschrieben. Stattdessen habe ich mich mit Bundespolitik beschäftigt und das sehr genossen. Aber es war eine Flucht. Das wurde mir klar, als ich am Abend der Bundestagswahl auf die blaue Nachwahlkarte für den Osten geschaut habe. Da wusste ich, das geht nicht mehr. Ich muss mich wieder einschalten. Wir laufen auf eine extrem angespannte politische Lage zu. Ich würde sogar sagen: Wenn das passiert, was im Moment möglich scheint, dann wird das eine nationale Tragödie.

taz: „Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da“, schreiben Sie. Was macht Sie da so sicher?Hensel: Die Wahlergebnisse der AfD, die aktuellen Umfragewerte. Dazu kommt ein gesellschaftliches Klima, das sich seit mehr als 20 Jahren verschärft. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis meines Buches: Der Abschied bereits kleiner Teile der ostdeutschen Gesellschaft von der Demokratie setzte bereits vor 20 Jahren ein. Es begann mit der Einführung von Hartz IV, die Wahlbeteiligung ging damals wahrnehmbar zurück. 2015 bricht der Unmut dann an die Oberfläche. Wir dachten erst, die Leute seien politikverdrossen. Heute würde ich sagen, wir haben die Wucht der damaligen Bewegung unterschätzt.

Im Interview: Jana Hensel

Die Frau

Jana Hensel wurde 1976 in Borna geboren und ist in Leipzig aufgewachsen. Ihre Mutter nahm sie im Herbst 1989 zu den Montagsdemonstrationen nach Leipzig mit. Sie hat Romanistik und Neuere Deutsche Literatur studiert, wurde später als Autorin, Journalistin und Herausgeberin bekannt. Jana Hensel hat mehrere Bücher über die ostdeutsche Gesellschaft veröffentlicht („Achtung Zone – Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“, „Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland“). Journalistisch schreibt sie unter anderem für „Die Zeit“.

Das Buch

In dieser Woche erschien ihr neues Buch „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ (Aufbau Verlag, Berlin 2026, 263 S., 22 Euro).

taz: Das klingt düster.

Hensel: Es ist die Realität. Am Anfang meines Buches schreibe ich: „Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte.“ Das ist wahr. Ich werde in diesem Jahr 50. Und ich schaue auf diesen Landstrich, aus dem ich selbst stamme, und muss sagen, diese schreckliche Entwicklung sorgt mich und macht mich unfassbar traurig. Ich wünschte mir den Osten als ein prosperierendes Land in der politischen Mitte. Aber die Realität ist eine andere, und niemand redet drüber.

taz: Niemand redet darüber? Nach jeder Wahl wird doch darüber geredet, warum der Osten so wählt, wie er wählt.

Hensel: Aber es sind die immer gleichen, reflexhaften Debatten. Das Sprechen über den Osten ist längst ein Nichtsprechen über die wahren Ursachen. Wir reden über die AfD, wie wir uns von der Partei abgrenzen wollen. Das ist richtig, in ihr wimmelt es von Rechtsextremisten. Aber sich abzugrenzen darf nicht heißen, dass man sich von ihren Wählerinnen und Wählern abgrenzt. Das müssen wir aufbrechen.

taz: Warum wählen viele Ostdeutsche denn die AfD?

Hensel: Aus viel zu vielen Gründen, leider. Dahinter steckt auch politische Erschöpfung. Die Ostdeutschen haben ihren Protest lange nach links getragen. Bis 2013 hat der Osten viel linker gewählt als der Westen, auch das ist mir durch dieses Buch klar geworden. Ohne die ostdeutschen Wähler wäre Gerhard Schröder nicht Bundeskanzler geworden, weder bei seiner ersten noch bei seiner zweiten Wahl. Die Menschen haben große Hoffnung in den Sozialdemokraten gesetzt, und dann hat er Hartz IV eingeführt.

taz: Warum war Hartz IV so entscheidend?

Hensel: Die Reform hatte vor allem im Osten gravierende Auswirkungen. Oberflächlich sah sie nach einem Erfolg aus, die Arbeitslosenzahlen sind gesunken. In Wahrheit aber ist der Niedriglohnsektor von einem seit den 1990er Jahren hohen Niveau noch einmal gewachsen. Er lag 2008 bei 37 Prozent – 17 Prozentpunkte höher als im Westen, europaweit ist das einer der höchsten Werte. Die Ostdeutschen sind im Jahr 2004 gegen Hartz IV auf die Straße gegangen. Von links! Ihre Proteste wurden aber nicht ernst genommen. Der Spiegel schrieb, die Ostdeutschen hätten sich „an die Bequemlichkeit gewöhnt“, und meinte damit, die Bürger der neuen Bundesländer seien mit Eigeninitiative und Selbstverantwortung überfordert. Das war der Duktus. In den Folgejahren fällt die SPD im Osten quasi in sich zusammen. Es ist ein derart rasanter Niedergang, wie ihn selbst die Kohl-CDU in der zweiten Hälfte der 90er Jahre nicht erlebt hat.

wochentaz

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taz: Aus Ihrer Sicht ist die Schröder-SPD also Schuld am Rechtsruck im Osten?

Hensel: Ja, der Beginn des Abschieds der Ostdeutschen von der Demokratie fällt in Schröders Amtszeit. Da ist der Traum der Einheit für einen nennenswerten Teil ausgeträumt. Schon Helmut Kohl konnte seine Wohlstandsversprechen nicht einlösen, die CDU glaubte lange an die Wiederauflage des alten bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders. Unter Schröder setzt sich dann die Erkenntnis durch, das kommt nicht mehr.

taz: 2005 wurde Angela Merkel erste ostdeutsche Bundeskanzlerin. Warum konnte sie das Gefühl der Ostdeutschen nicht drehen?

Hensel: Angela Merkel hat viel gedreht. Sie hat große Teile der Ostdeutschen an dieses Land gebunden. Aber sie hat die durch Hartz IV einsetzende Entwicklung nicht korrigiert. Im Gegenteil, sie war dankbar, dass die Wirtschaft ansprang, die Arbeitslosenzahlen zurückgingen. Das Ostdeutsche in ihr hat sie lange zurückgehalten. Dann kam die Flüchtlingskrise 2015. Da wurde der Rechtsruck im Osten zum ersten Mal sichtbar. Entscheidend waren aber die zehn Jahre zuvor. Ohne sie kann man die heutige Situation nicht verstehen.

taz: 2015 beschreiben Sie als weitere Zäsur. Wie wurde der migrationsfeindliche Diskurs im Osten so stark?

Hensel: Der Osten hat kein Migrationsproblem. Der Ausländeranteil liegt hier flächendeckend bei rund 10 Prozent und weit unter dem westdeutschen Normal. Aber die Instrumentalisierung der Migrationsfrage hat dazu geführt, dass die AfD so stark ist. Die eigentlichen Probleme des Ostens sind: eine hohe Überalterung, jahrzehntelange Abwanderung, eine sinkende Geburtenrate, die Erfahrung politischer Wirkungslosigkeit und auch immer wieder Abwertungserfahrungen. Aus ihnen rührt höchstwahrscheinlich auch ein Konkurrenzgefühl gegenüber Migrantinnen und Migranten. Beide Gruppen kämpfen auch um den zweiten Platz in der Gesellschaft.

taz: Wenn Sie die Entfremdung der Ostdeutschen beschreiben – Sie nennen sie „politische Erschöpfung“ –, sind Sie dann nicht zu nachsichtig mit ihnen? Es ist immerhin eine Entscheidung, ob man eine rechtsextreme Partei wählt oder nicht.

Hensel: Ich bin nicht nachsichtig. Ich distanziere mich von der AfD und bedauere zutiefst die Entscheidung jedes Ostdeutschen, sie zu wählen. Aber ich mache es mir auch nicht zu leicht und erkläre die Wählerinnen und Wähler der AfD zu Menschen, die angeblich die Demokratie nicht verstanden haben. Nein, ich lasse diese Leute und die Gründe, warum sie AfD wählen, nah an mich heran. Ich halte das als Demokratin für geboten.

Jana Hensel in den winterlichen Straßen von Berlin Foto: Anna Tiessen

taz: Aber es ist doch eine Frage, welches Narrativ man daraus ableitet. Ja, viele Ostdeutsche haben erlebt, wie ihre Biografien abgewertet wurden, wie sie in vielem schlechter gestellt waren und sind als die Westdeutschen. Aber gleichzeitig steht der Osten heute ökonomisch gut da, viel besser als alle anderen postsowjetischen Staaten.

Hensel: Das stimmt so nicht.

taz: Die Wirtschaftsleistung von allen ostdeutschen Bundesländern zusammen liegt im europäischen Vergleich mindestens in der oberen Hälfte, sagen Wirtschaftswissenschaftler. In Ostdeutschland ist das BIP eher höher als in den meisten postsowjetischen Staaten.

Hensel: Es gibt mittlerweile in Mittelost- und Osteuropa boomende Regionen. Die entscheidende Erfahrung der Ostdeutschen ist eine andere: Das Wirtschaftswachstum im Osten stagniert seit vielen Jahren. Es bleibt bei rund 80 Prozent der westdeutschen Wirtschaftsleistung hängen. Nun kann man sagen, das ist nicht wenig. Aber es bleibt ein wahrnehmbarer Unterschied. Die Einkommen sind im Schnitt 20 Prozent niedriger als im Westen, das Vermögen liegt bei rund 40 Prozent des Westniveaus. Das ist alles bekannt und nichts Neues. Die Frage ist, wie reagiert man politisch darauf? Müsste der Osten nicht anders regiert werden?

taz: Wie meinen Sie das?

Hensel: Unser Land wird vornehmlich aus der Perspektive des wohlhabenderen Landesteils regiert. Politik wird dabei zu einer Art Schlüssel, der kaum mehr in ein ostdeutsches Schloss passt. Ein Beispiel: Gerade hat die SPD ihr Erbschaftssteuerkonzept vorgelegt. Da wird von einem Lebensfreibetrag von 1 Million Euro gesprochen. Das mag richtig sein in Baden-Württemberg und in Bayern, wo Omas kleines Häuschen und eine Eigentumswohnung schnell 1 Million Euro wert sind. Aber an der ostdeutschen Wirklichkeit geht das völlig vorbei. Wenn das Konzept die Ostdeutschen mitdenken würde, müsste der Lebensfreibetrag viel niedriger liegen, damit der Staat insgesamt mehr Steuergelder einnimmt und der Osten davon mehr profitiert. So aber fragen sich die Leute zu Recht, was daran linke Politik sein soll. Ostdeutschland wird häufig nicht gemäß seiner ökonomischen Situation regiert, das führt zu Frust und dem Eindruck, „die da oben“ regierten an der Realität vorbei.

taz: Und deswegen geben sie ihre Stimme einer Partei, die vor allem Politik für Besserverdienende machen will?

Hensel: Das ist natürlich ein Widerspruch. Aber das Symptom, das darunter liegt, muss man sehr ernst nehmen.

taz: Was würde es bedeuten, die Ostdeutschen gemäß ihrer ökonomischen Situation zu regieren? Nehmen wir die Erbschaftssteuer: Bräuchte es zwei Regelungen – eine für den Osten und eine für den Westen?

Hensel: Das Beispiel zeigt, wie groß das Dilemma ist. Natürlich brauchen wir die Erbschaftssteueraufkommen aus dem Westen, im Osten jedoch gibt es kaum welches. Aber wenn wir anfangen, auf jedes Problem mit einer Ost- und einer Westlösung zu reagieren, wäre das ein Eingeständnis in … ja, worin eigentlich? Ich zögere, das zu sagen …

taz: … in die Spaltung des Landes?

Hensel: Das ist zu wertend. Ich würde sagen: in die Inkompatibilität der Regionen.

taz: Ost und West passen also von Grund auf nicht zusammen?

Hensel: Der Gedanke ist interessant. Wahrscheinlich müssen wir uns das fragen. Jedenfalls sind diese Räume stark verschieden geblieben. Sie zusammenzuführen wäre eine politische Mammutaufgabe, der sich kaum jemand mehr stellt.

taz: Soziologen kommen seit Jahren immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Leute in Ostdeutschland autoritärer sind als die Leute im Westen.

Hensel: Die jüngsten Studien zeigen das nicht. Die Autoritarismusstudie der Leipziger Universität kommt zu dem Ergebnis: Ost und West sind vereint im Ressentiment. Ich will ehrlich sein: Mir gehen diese Studien zu Einstellungen langsam auf die Nerven. Wir haben seit 2015 wichtige Jahre verloren, weil wir uns zu viel mit den Einstellungen der Ostdeutschen beschäftigt haben – anstatt soziale und ökonomische Fragen zu thematisieren. Ich sage das gern, vor allem in der taz: Im heute rechtsstehenden Osten geht es weiterhin um eigentlich linke Anliegen. Um Anerkennung, Aufstieg, Teilhabe, Gerechtigkeit und Repräsentanz. Diese Probleme sind im Osten weiterhin ungelöst, das hat die Leute nach rechts getrieben. Ich bin nicht naiv, ich weiß, die Leute stehen heute rechts. Aber nicht, weil sie es schon immer waren.

taz: Sie sehen keine rechten Kontinuitäten in Ostdeutschland?

Hensel: Linien, ja, aber keine Kontinuitäten. Dazwischen hat sich zu viel ereignet. Es gab das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und danach einen massiven Anstieg von ausländerfeindlicher Gewalt im Osten. Aber allein daraus 30, 40 Prozent AfD-Zustimmung abzuleiten, ist mir zu simpel.

taz: Was ist mit dem NSU, der in den 90er Jahren in Jena politisiert wurde? Haben die sogenannten Baseballschlägerjahre nicht den Weg geebnet für den Rechtsextremismus von heute?

Hensel: Ja und nein. Wenn man sich Jugendstudien aus den 1990er Jahren anschaut, sieht man eine hohe Übereinstimmung in den Werten von Jugendlichen in Ost und West. Die Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut war bei ostdeutschen Jugendlichen ein bisschen stärker ausgeprägt als bei westdeutschen. Aber es handelt sich um eine sehr kleine Gruppe. Was deutlich höher lag, war deren Gewaltbereitschaft. Daraus aber eine Einstellung „des“ Ostens abzuleiten ist unterkomplex. Der Begriff „Baseballschlägerjahre“ ist ein wichtiges Beschreibungstool für eine Erfahrung, die sehr viele Heranwachsende in den 90er Jahren gemacht haben. Ein Synonym für jenes Jahrzehnt ist es aber nicht. Die Nachwendegesellschaft war politisch noch sehr offen. Es gab rassistische Gewalt, aber auch viele Arbeitskämpfe wie in Bischofferode, Streiks und andere Proteste. Gegen die Einführung des Paragrafen 218, gegen die Abschaltung des Jugendradios DT64 und anderes.

taz: Sie haben für Ihr Buch auch mit Tino Chrupalla und Maximilian Krah gesprochen. Beide haben sich früher für die CDU engagiert und sind heute in der AfD. Auch sie erzählen Ihnen von den Kränkungen der Ostdeutschen. Stimmen Sie deren Analysen über den Osten zu?

Hensel: Politisch nicht. Aber es gibt natürlich Erzählungen der beiden, die mir bekannt vorkommen. Maximilian Krah ist ein Jahr jünger als ich, Tino Chrupalla ein Jahr älter. Das ist meine Generation, ebenso wie Katja Wolf und Manuela Schwesig, über die ich im Buch auch schreibe. Wir haben alle im selben Alter ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber die politischen Unterschiede zwischen Krah und Chrupalla und mir sind immens, gelinde gesagt.

taz: Sind Sie für ein AfD-Verbot?

Hensel: Natürlich, unbedingt. Weil die Gefahr für die Demokratie sehr groß ist. Im Osten begegnet mir oft das Argument: „Wenn sie es nicht schaffen, die AfD zu verbieten, kann ich sie auch wählen.“ Es wird also als Schwäche interpretiert. Natürlich weiß ich, wie kompliziert ein AfD-Verbot wäre. Ich sehe die berechtigten Gegenargumente von Juristen. Und ich weiß auch, dass ein Verbot kein Problem löst.

taz: Dann hätten viele Ostdeutsche gar keine Partei mehr.

Hensel: Ja, dann hätten sie keine politische Formation mehr für den Moment.

taz: Was kommt eigentlich nach der Demokratie?

Hensel: Das weiß ich nicht. Aber der Entwurf des Regierungsprogramms der AfD in Sachsen-Anhalt, das kürzlich veröffentlicht wurde, ist unglaublich radikal, enthält lauter autoritäre Fantasien und bedeutet einen disruptiven Bruch mit allem, was wir kannten. Ich glaube, dass der Osten mit der AfD in eine postdemokratische Zeit fallen wird, so eine Art orbaneske Gegenwelt. Aber diese dann neue Realität wird die Ostdeutschen nicht glücklich machen. Die AfD wird ihre nächste große Enttäuschung. Keine der Hoffnungen auf ein besseres Leben wird sich erfüllen. Aber das Land wird es auseinanderreißen, Ost und West reißt es auseinander.

taz: Es ist noch ein gutes halbes Jahr bis zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Lohnt es sich nicht, die Zeit zu nutzen und noch für die Demokratie zu kämpfen?

Hensel: Ich kämpfe seit 25 Jahren. (macht eine lange Pause)

taz:also jetzt nicht mehr?

Hensel: In einem Dreivierteljahr ist das nicht zu lösen, fürchte ich. Ich kämpfe an gegen die Verdrängungsdebatten.

taz: Sie kritisieren diese Strukturen, leben aber in Berlin, weit weg von ostdeutschen Provinzen. Ist es auch die Verantwortung der abgewanderten demokratischen Ostdeutschen, dass heute so viele rechts wählen?

Hensel: Na klar! Wenn wir ostdeutschen Akademiker im Osten geblieben wären und dort Arbeitsplätze gefunden hätten, gäbe es diese Probleme heute so nicht. Dann wäre die Zivilgesellschaft größer, das gesellschaftliche Klima ein anderes. Natürlich steckt in diesem politischen Problem ein riesiges demografisches.

taz: Wer könnte die Demokratie im Osten denn noch retten?

Hensel: Nur die Demokraten. Die Demokratie hat ihre zentralen Versprechen im Osten nicht eingelöst. Also müssten die Demokraten diese Versprechen ernsthaft erneuern. Das ist ein sehr, sehr langwieriger Weg, der überhaupt nicht schnell zu gehen ist.

taz: Was bedeutet das konkret?

Hensel: Wenn ich ehrlich bin, halte ich die aktuellen Realitäten für politisch nicht zu korrigieren. So sehr ich die Arbeit der Ministerpräsidenten in Ostdeutschland schätze. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren Enormes geleistet. Sie haben sich mit ihrem Land und ihren Leuten auseinandergesetzt, haben geredet und geredet. Aber die ungerechten Vermögens- und Einkommensverhältnisse und die demografische Entwicklung, die können sie einfach nicht korrigieren. Politisch ist das nur mit linker, disruptiver Politik zu beantworten.

Im Bundestalk, dem politischen Podcast der taz, geht es um die AfD und die Landtagswahlen 2026: taz.de/bundestalk

Jana Hensel ist am 20.03.2026 im taz Talk auf der Leipziger Buchmesse.

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108 Kommentare

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  • Ja nu, will ich doch auch noch meinen Senf beitragen :-) Die gutste Frau hat sicher in vielem Recht und ich hoffe sehr, dass die Wahlergebnisse in S.-A. und M.-V. nicht so schlimm ausfallen, wie es zu befürchten ist. Einen weiteren Grund warum gerade im Osten so viele AfD wählen, hat Gregor Gysi neulich in einem Interview im Spiegel in den Raum gestellt: Es ist einfach eine Möglichkeit vielen Leuten einen richtig fetten Stinkefinger zu zeigen. Und wenn ich mir etliche Kommentare, gerade auch hier im Forum aber auch sonst so durchlese, wie da über "den Osten" und "die Ossis" hergezogen wird -ehrlich, da kommt bei mir ein gewisses Verständnis hoch.



    Ich werde nach wie vor alles was ich kann tun, damit die AfD und andere Rechtsextreme keine Stimmen bekommen, aber es ist doch sehr kontraproduktiv wenn dann in allerfeinster "Besserwessi" Manier über den "Schrotthaufen" DDR, wo " alles schlecht" war hergezogen wird und den "undankbaren" Ostlern dann erst mal so richtig gezeigt wird wo es lang geht.... Bei so einer Attitüde braucht man sich nicht wundern, wenn die Leute dann Scheiße wählen und sich über die langen Gesichter der Klugscheißer freuen. So, nur mein Senf und Mahlzeit...

  • Ich fürchte der bedrohliche Rechtsdreh resultiert aus einem mächtigen Irrtum, aus viel zu hoch gesteckten Erwartungen.



    Nicht zu Unrecht wurden DDR-Wahlen gern als Zettelfalten belächelt, bzw. geschmäht. Den "Wählenden" war stets bewusst: Wir ändern nichts.



    Im Zuge der Wiedervereinigung war großen Teilen der Bevölkerung vor allem die schnelle D-Mark wichtig, die meisten, die so dachten, zogen dann in Regionen, wo es mehr zu verdienen, respektive eine sicherere Zukunft, gab.



    Aber ein nicht zu unterschätzender Anteil glaubte wohl auch an die verändernde Kraft demokratischer Wahlen. - Ja, jetzt geht das! Zeigte sich ja schnell in der Praxis: Gestern SED, heute CDU.



    Der Irrtum indes war die Schlußfolgerung, der Einzelne könne dabei tatsächlich viel bewegen. Das war sicherlich nicht wie erwartet der Fall - schon der Diskrepanz zwischen Wahlprogramm und späterem Handeln der Parteien wegen. CDU, SPD, zuletzt die Grünen... Von Lindner schweigen wir lieber, der ist als Gebrauchtwagenhändler tatsächlich besser aufgehoben.

    Kurzum: Ich fürchte, nicht wenige meiner Landsleute hoffen aus dieser Enttäuschung heraus mit ihrem deplatzierten Kreuz auf dem Wahlzettel diesmal was zu ändern. Egal was.

  • Man kann Jana Hensels Buch "Es war einmal ein Land" auch ganz anders lesen sicher anders als von Auorin angelegt als Gegenstrich zu bisherigem Verständnis und Umgang mit AfD ohne als ein Buch hin zu einer deutschdeutsch latent um sich selber kreisenden Nabelschau als wäre Deutchland umgeben von 9 Nachbarländern eine Insel "Es war einmal eine Nationale Front, in der alle Parteien, FDGO, Arbeiterschaften, Bauernschaften, Frauenorganisationen, Akademien der Wissenschaften, Hammer & Zirkel Marxismus-Leninismus Lehre als eine Art Ständeparlament Idyll ähnlich CDU/CSU Volkspartei im Westen formal über der DDR Volkskammer thronten ohne eigenes Stimmrecht im Arbeiter- und Bauern- SED Staat DDR der Diktatur Proletariats auf dem eg in eine Lichte Zukunft. Wenn ja liegt in der AfD selber der Kipppunkt hin zu ihrer eigenen Implosion durch Überdehnung der Erwartung ihrer Anhängerschaft so etwas wie Nationale Front von einst in der DDR 1949-1989 auf vereintes Deutschland übertragen wie Phoenx aus der Asche wieder auferstehen zu lassen

    www.youtube.com/wa...XRxhr7rmfI8&t=115s

  • Forschungsfragen:



    Wenn es eigentlich um soziale Ungerechtigkeit geht (Einkommen, Zukunftschancen), warum wählen die verbliebenen Einwohner Ostdt. u. v.a. Sachsens, Thüringens zu mind. 50% Afd?



    Wenn es um Abwanderung, Überalterung oder Verfall der Häuser (Außenansichten) geht, warum schreien dann so viele "Wir bleiben Deutsch!"?



    Warum gibt es so viel Menschenjagd auf alle Anders-Menschen, so viel alltägliche Gewalt? Alleine abends am Bahnhof in Wismar?



    Wenn der Punkt also v.a. Ideologiekritik ist, worin besteht die Ideologie?



    Ich denke kollektiver Narzißmus ist ein weiteres sinnvolles Stichwort, dass bisher zu Regionen in Polen und Britain beforscht wurde.



    Richtig: die Brexit- Leave EU-Wähler wären überwiegend von der Sehnsucht getrieben "We want England as it used to be". Die Folgen sind selbstzerstörerisch.



    Mit regionaler Aufspaltung wie in Dt: Greater London hatte höchste Werte für "remain". Schottland auch.



    Die Perspektive liegt also in viel stärkerer "ethnischer" Vermischung und den sozialpsychologischen Wirkungen. Nicht jede Gruppe sich selbst überlassen.



    Der Faschismus kann besiegt werden!

  • Solche Monologe (hier in Form eines Dialogs) dienen der rituellen Selbstvergewisserung in der Bubble. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.



    Nichts davon kann irgendjemand nach außen tragen um irgendeine Wirkung zu erzielen.

    • @Frank Naumann:

      Solche Interviews dienen dazu, dass bestimmte Positionen überhaupt mal "gehört" werden in der Gesellschaft.

      Na sicher ist das in dem Sinne kein Dialog.

      Es ist ja ein Interview.

  • Ich bin es einfach nur leid. Den Bürger*innen der DDR wurde erzählt, dass sie das bessere Deutschland seien, weil: keine Nazis. Die saßen ja bekanntlich alle in der BRD. Und falls es doch welche gegeben haben sollte, so wurden sie einfach weggeleugnet. Neonazis waren eben "Rowdies".



    Und jetzt? Sind die AfD-Wählenden irgendwie unverstandene, ewig benachteiligte Traumatisierte, die den Wendeschock auch in der zweiten Generation noch nicht richtig verarbeitet haben.



    Nochmal: Ich bin es einfach nur leid. Niemand ist gezwungen nach unten zu treten, wenn es ihm schlecht geht.

    • @Klabauta:

      Eben.

      Alle Apologien für AfD-Wähler blenden den wichtigsten Faktor für die Wahl aus: Rechtsextremismus appelliert an die niedersten Instinkte im Menschen und manche Menschen geben dem nur zu gerne nach. Erst recht, wenn man ihnen jahrzehntelang wieder und wieder Argumente vorkaut, warum das Nachgeben okay sein soll. „Dir gehts ja sooo schlecht! Die da oben ignorieren dich! Du erbst nicht so viel wie andere! Schau mal, die da haben mehr als du! Wehr dich! Es ist dein Recht!“

      Mach es gesellschaftsfähig, ein Arschloch zu sein, und die Arschlochpartei gewinnt Wahlen.

    • @Klabauta:

      Es ist noch viel schlimmer als Sie es beschreiben.

      Weil verwirrender.

      Zu Ostzeiten hatten echte Nazis nichts zu lachen.

      Die passten auf, dass sie nicht zu offen handelten.

      Wer mit Hakenkreuz rumlief, wurde nicht weggeleugnet, sondern weggeholt.

      Es wäre völlig unlogisch, Punks nur wegen Ihres Aussehens einzusacken, aber Leute mit Hitler-Bildern rumlaufen zu lassen.

      Dazu war die Polizei viel zu willkürlich und die Regierung viel zu antifaschistisch.

      Was es gab, waren Rassismus und gewalttätige Ausländerfeindlichkeit.

      Auch eine linke Gesellschaft muss sich damit auseinandersetzen.

      Es ist halt sehr verführerisch, so etwas immer den Nazis zuzuschieben.

      Ist bei Antisemitismus genauso.

      Die AfD-Wähler on heute sind nicht diejenigen, die in den 80ern Werkvertragsarbeiter verprügelt haben.

      Das ist zu einfach.

      Was noch viel tragischer ist, aber keiner ansprechen will:



      Wenn "wir" als Gesellschaft es schon nicht schaffen, Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und kulturell sehr ähnlich sind, so zu integrieren, dass sie sich akzeptiert fühlen, kann das mit Menschen aus anderen Kulturkreisen mit anderer Sprache kaum funktionieren.

      • @rero:

        "Wenn "wir" als Gesellschaft es schon nicht schaffen, Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und kulturell sehr ähnlich sind, so zu integrieren, dass sie sich akzeptiert fühlen"

        Unabhängig vom Pass ist die erste Voraussetzung für Integration der Wille, sich zu integrieren. Und das bedeutet in diesem Kontext, sich in ein demokratisches und weltoffenes Land zu integrieren.



        Davon wird allerdings nie gesprochen. Und genau das ist eine der Ursachen.

    • @Klabauta:

      Dies, und: keine Demokratie ist verpflichtet, ihren Feind*innen mehr entgegenzukommen als dem Volk das sie trägt und stützt.

      Und die Deutschen haben schon einmal wegen dieses Trugschlusses eine Demokratie verspielt. Caveat emptor.

  • Ich finde das viel zu simpel aufgestellt. Und auch viel zu sehr dahingestellt.. die armen Opfer im Osten die gar nicht anders konnten als rechts zu werden...

    Die Neonazis Anfang der 90ger die durch den Osten marschiert sind hab ich mir also damals eingebildet? Die brennenden Asylbewerberheime und rechten Mobs?



    Die sind erst mit Hartz4 aufgetaucht? Ich glaube in meiner Erinnerung war das anders.

    Es wurden nach der Wende viele Fehler gemacht. Aber so zu tun, wie jemand vor mir schon schrieb.. Die DDR wäre zuvor wie ein skandinavisches Paradies gewesen ist schon dermaßen drüber. Die DDR war Pleite. Ohne den die BRD hätte es genauso einen gewaltigen Schnitt gegeben, nur ohne das viele Geld aus dem Westen.



    Ob man das gut ist schlecht findet ist eine andere Frage.

  • „ Wenn wir ostdeutschen Akademiker im Osten geblieben wären und dort Arbeitsplätze gefunden hätten, gäbe es diese Probleme heute so nicht.“ Das impliziert, das es gar keine echte Spaltung gibt. Würden die Ostakademiker im Osten wählen fallen sie im Westen weg. Und dann würde der Anteil der AfD im Westen von rund 20 % auf 25 oder mehr steigen und im Osten Richtung 30 % fallen. Es ist eher alarmierend, wenn man sich nicht nur die Prozente ansieht: In Sachsen Anhalt sind die 40 % 820000 Menschen, in BW die 20 % 2,3 Millionen. Irgendwas läuft schief, wenn man nur wüsste was.

    • @Metulski:

      "Würden die Ostakademiker im Osten wählen fallen sie im Westen weg. Und dann würde der Anteil der AfD im Westen von rund 20 % auf 25 oder mehr steigen und im Osten Richtung 30 % fallen."

      Wirklich? Gibt es Belege, dass der Anteil von AfD-Wählern unter denen, die nach der Wende in den Westen gegangen sind, niedriger ist, als unter denen, die nach der Wende im Osten geblieben sind?

    • @Metulski:

      Eine sehr interessante Überlegung!!!!

      Vermögen spielt bestimmt eine Rolle. Aber vielleicht geht in diesen ungewissen Zeiten der Riss durch unser Land zwischen hoffenden und resignierten Menschen?

    • @Metulski:

      Dieses ewige "die wissen nichts von der Tragweite ihres 'Handelns und Denkens und wollen es auch gar nicht wissen, aber man muss sie ernstnehmen und brüderlich behandeln wie aufrechte Demokrat*innen" ist so weird.

      Wenn eine geeinte antidemokratische Sperrminorität sich bei 30% etabliert, dann kippen Demokratien in blutige Tyrannei. Überall und immer. Eine Demokratie die sich nicht dagegen wehrt, kann sich seit 1945 nicht mehr mit *irgendetwas* herausreden.



      Und eine deutsche schon gar nicht. Nicht weil wir alle kleine Hitlers wären, sondern weil das Resultat bei dem einem Mal, als wir es zugelassen haben, u.a. die Shoah war.

  • traurig, bedrohlich, regressiv.



    Ich empfinde nicht national, mir ist Nationalstolz völlig fremd.



    Sondern dieser Abgrenzerismus, die Abspaltung der Rufenden "Ost! Ost! Ost!" - wie sie bei vielen Demos schon zu hören waren - ist zwar Kreml-freudig, aber ansonsten nur unproduktiv.



    Die ärmsten Regionen der BRD finden sich bekanntlich im Ruhrpott. Diese Abspaltung hat mehr mit Fico, Babis und Putin zu tun als mit Armut oder Kämpfen für ein besseres Leben. Eher für ein schlechteres. Hitlergrüße in Schulen etc.

  • Ich bin 70 plus, im "Osten" geboren und im Osten geblieben. Ich habe all die oben beschriebenen Entwicklungen miterleben dürfen/ müssen. Als Betriebsrat, wo uns eine Geschäftsführung allwöchentlich Kündigungslisten mit 200 Namen (Unternehmen: Druckerei mit über 1000 Beschäftigten) auf den Tisch schickte.



    Habe miterlebt wie desillusionierte Menschen nie wieder ein Bein in den Arbeitsmarkt bekommen haben, wie sich die von Links Entfremdeten schleichend nach Rechts drehten.



    Wie sich ein Landstrich von jungen Menschen entvölkerte, deren Eltern jetzt im Alter ihre Enkel nicht aufwachsen sehen können. Sehe in leeren Straßen eine entsetzlich überalterte Bevölkerung, der zu Teilen Kraft und Lust abgeht, sich gegen das, was nun droht, zu engagieren...



    Fast alles, das Frau Hensel sagt, kann ich aus eigener Erfahrung genauso unterschreiben. Und, sorry: Ich spreche jedem, der all da nur aus dem TV und der Zeitung kennt und dennoch wie immer seinen oft kenntnisfreien Kommentar abgeben muss, das notwendige Wissen um die tieferen Zusamenhänge ab.



    Was Herrn Kowalczuk betrifft: Da klingt mir vieles allzusehr nach dem alten Spruch "Wes Brot ich ess..."



    Elfenbeinturm halt...

    • @Der olle Onn:

      Während solche Leute wie Hoyer und Erpenbeck, beide Töchter von Systemgewinnlern, natürlich ihr eigenes Lied singen, was?

      Kowalczuk hatte in der DDR massive Nachteile.

      Verglichen mit allen anderen ehemaligen Ostblockstaaten geht es Ostdeutschland fantastisch. Aber nur in Ostdeutschland gibt es Ostalgie und diesen Hass auf den Westen.

      • @Suryo:

        Es wird Sie überraschen: Auch ich hatte in der DDR massive Nachteile. So konnte ich etwa 1980 ein Kulturstudium nicht antreten, weil ich mich weigerte, der SED beizutreten, nur weil ich als "Arbeiter" der Statistik genehm gewesen wäre. Von da an mied mich die Gewerkschaftsleitung so, wie sie mich vorher unerbeten fördern wollte.



        Ich weigere mich allerdings genauso heute deshalb in die Opferrolle zu steigen, bin im Gegenteil noch immer stolz darauf Nachteile in Kauf genommen zu haben. Hatte mit Heldenmut oder systemkritischer Rebellion übrigens wenig zu tun - ich wollte einfach nur weiter ohne Gewissensbisse in den Spiegel schauen können.

        Wo sonst sollte es "Ostalgie" geben - wenn nicht im Osten? - Hieße ja sonst sicher anders...



        Was Ihren "gefühlten" Hass auf den Westen betrifft: Ich finde da übertreiben Sie maßlos. So wie es "den Osten" nicht gibt, gibt es auch nicht "den Westen".



        In mehr als 30 Jahren habe ich mindestens ebenso viele westdeutsche Städte kennengelernt und bin mit vielen westdeutsch Sozialisierten unterwegs gewesen. (Solches tiefere Interesse geht den Meisten auf der Westseite übrigens eher ab...)



        Nein - auch da war nicht Einer wie der Andere... Warum also hier?

    • @Der olle Onn:

      Wie gut, dass Sie trotz all dieser Erfahrungen immer noch Taz lesen, und nicht rechts wählen. Solche Stimmen wie Frau Hensels und Ihre sind so wichtig!!!

    • @Der olle Onn:

      Ja. So ungefähr ist es gelaufen. Aber diejenigen, die nach 1990 viel an die Wand gefahren haben, können und wollen nicht die Verantwortung übernehmen...

      • @warum_denkt_keiner_nach?:

        Wie ist das eigentlich in Polen oder Tschechien gelaufen?

  • So ein spannender Artikel und wenn ich die Kommentare lese, dann verzweifle ich.



    Politik geht auch die Menschen an, die sie nicht gewählt haben.

  • Eine spannende Perspektive, auch wenn ich sie nicht vollumfänglich teile.



    Tatsächlich sind große Teile der Ossis (tm) gegen eine Erbschaftssteuer, weil alles was im Osten vererbt wird eben nicht über viele Generationen leistungslos weitergegeben, sondern seit 1990 hart erarbeitet wurde. Und wer eine "orbaneske Gegenwelt" fürchtet, sollte mal eine Weile in Ungarn leben, um festzustellen, dass sich das Leben dort, abseits des Lebensstandards, vom hiesigen nicht unterscheidet. Der Untergang des Abendlandes bleibt aus

  • „ Es gab das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und danach einen massiven Anstieg von ausländerfeindlicher Gewalt im Osten. Aber allein daraus 30, 40 Prozent AfD-Zustimmung abzuleiten, ist mir zu simpel.“

    So?

    Nach Lichtenhagen wurde das Asylrecht massiv ausgehöhlt. Und wurden etwa als Reaktion auf die massive Gewalt der Baseballschlägerjahre die Gefängnisse mit den Tätern gefüllt? Eher nicht. Viele der rechtsextremen Jüngeren heute sind doch die Kinder der Baseballschlägertypen von damals. Und dass Rechtsextreme im Osten gesellschaftlich viel akzeptierter sind als im Westen, ist nicht erst seit Hartz IV oder 2015 so, sondern es ist seit mindestens der Wende kontinuierlich der Fall. Bemerkungen wie „der ist eben rechts, das ist halt seine Meinung“ habe ich schon 1998 im Osten gehört. Für Westdeutsche damals und auch heute noch nicht nachvollziehbar. Wenn du im Westen eine Reichskriegsflagge im Garten hisst, dann bist du im Dorf der Nazi. Im Osten bist du einfach nur „der Maik.“

  • Zur Ostdeutschtümelei von Hensel, Hoyer, Erpenbeck und Co hat Ilko-Sascha Kowalczuk alles nötige gesagt.

    Hensel tut allen Ernstes so, als sei die DDR eine Art skandinavisch-sozialdemokratisches Land gewesen, halt mit ein paar kleinen Haken. Und dass der Ossi offenkundig durchschnittlich anfälliger ist für Autoritarismus - belegt durch die im ehemaligen Ostblock fast einzigartige Liebe zum faschistischen Russland und natürlich der - im ehemaligen Ostblock leider nicht seltenen - Liebe zum Rechtsextremismus - wird halt wie immer den Wessis zugeschoben oder mit irgendeiner angeblichen „Sensibilität“ der Ossis für „Fehlentwicklungen“ erklärt. Rechtsextrem aus Sensibilität, quasi als Ausdruck nicht etwa von Untertanengeist, sondern im Gegenteil von einem viel stärkeren Bewusstsein für Freiheit, sozusagen. Das ist nicht mehr nur absurd, das ist logisch geradezu pervers.

    • @Suryo:

      Ihren Rant gegen Ossis in allen Ehren, aber es kann ja wie so oft beides wahr sein: autoritäre Tendenzen sind hier ausgeprägter (DDR Erfahrung, kein 68, keine Zivilgesellschaft etc) und zugleich hat der Westen den Osten natürlich in einer beispiellosen Weise auseinandergenommen und verachtet. Er ist ihm einfach egal, und das wirkt sich natürlich aus. Dass man dann rechtsextrem wählt, kann durchaus als bewusster Akt und damit Ermächtigung gegen Wessis, Eliten, Migranten etc verstanden werden. Das ist auch, was Leute wie Kowalczuk nicht wahrhaben wollen: der "Freiheitskampf" gegen die DDR Elite einst speiste sich nicht selten aus ähnlichen Motiven wie nun jener (imaginierte) gegen eine wie auch immer gearteter "BRD Elite".

    • @Suryo:

      Sie schreiben sich hier in Rage gegen ein Feindbild. Ich finde es billig, unzutreffend und bewusst wegschauend.

      Was ist denn in Frankreich los? In Schweden?



      Da können sie nicht auf die Ossis wettern



      Was in den Westbundesländern, in denen die AFD auch schon 20% in Umfragen hat?

      Darauf haben sie in ihrem Hass auf Ossis keine Antwort. Und sie schimpfen noch gegen alle, die ehrlich Ursachen für neue Rechtsruck im Osten suchen und nicht einfach nur Hass oder Ausländerfeindlichkeit etc. in Menschenköpfe hineinprojezieren - was im Übrigen auch mit "linker Haltung nichts zu tun hat, wo es immer um die Sein udn Bewusstsein in der Reihenfolge ging.

      Wenn gar nichts falsch lief in der vereinigten BRD, dann muss das Volk halt falsch sein? Die Franzosen, die Schweden, die Italiener etc. pp. sind dann auch alle falsch.

      Ihr Move erklärt nichts, bessert nichts und teilt nur blind aus. Wenn es einen "Ignorierknopf" gäbe, hätten sie ihn sich bei mir verdient.

    • @Suryo:

      Ich gehe ja mit vielem mit, was Kowalczuk (und auch Sie) schreiben, aber er neigt dann eben doch etwas zu einer monokausalen Zuspitzung. Insbesondere sein mehrfach wiederholtes Diktum (Wer AfD wählt, ist ein Faschist) halte ich für objektiv falsch, zumal Kowalczuk diese Wähler damit offenbar gleich völlig abschreiben möchte. Eine politische Lösung hat er leider nicht anzubieten. Auch den demokratischen Politikern nach 1945 war aber völlig klar, dass ein Großteil ihrer Wähler dermaleinst den Nazis hinterhergelaufen ist, und Umfragen noch bis in die 60er Jahre zeigen einen erschreckend hohen Anteil an Befragten, die dem NS noch etwas Positives abgewinnen konnten.



      Ein für mich wesentlicher Punkt ist dagegen, dass das Wohlstandsversprechen, auf dem die Nachkriegsdemokratie aufbauen konnte, heute obsolet ist. Umfragen zufolge schaut mehr als die Hälfte der Bevölkerung eher skeptisch in die Zukunft. Das wiederum trifft im O auf eine Gesellschaft, in der viele einen massiven biograf. Bruch erlebt haben. In diese Stimmungslage grätscht wiederum die AfD, die vielen das Gefühl vermittelt, mir ihre könne es wieder zurück in die goldene Vergangenheit gehen.

  • Gutes Interview. Aber ich hätte da eine Frage: Gibt es ein Beispiel, wo so eine aberwitzige Wiedervereinigung schon mal gut geklappt hätte? Und welche Regeln der Marktwirtschaft und der parlamentarischen Demokratie hätten das bewirkt?

    Die Erwartungen waren hoch, aber theoretisch gab es auch andere Lösungen als Kohl und Treuhand, aber die anderen Lösungen wurden nicht gewählt.

    Jetzt ist aber die Tendenz zum Rechtspopulismus so allgegenwärtig, dass ich sowieso nicht von einem ostdeutschen Phänomen sprechen kann, oder?

    • @ttronics:

      Richtig kann man nicht, aber im Osten ist das Rad weitergedreht und die Zivilgesellschaft definitiv weniger widérstandsfähig.

      ich glabe im Übrigen was Jana Hensel als Ursachen aufzählt reicht be weitem noch nicht, um den stärkeren Rechtsdrall zu erklären. Da ist noch einiges andere im Busch und manches davon ist eben auch im Westen - und in anderen demokratischen Ländern wie Frankreich - wirksam.

  • 8G
    834727 (Profil gelöscht)

    Ostdeutschland scheint unter einem Gehörverlust zu leiden. Seit vielen Jahren. Wenn man nicht gehört wird – wählt man AfD.



    Da tingeln Einheimische und Externe durch Ostdeutschland und treffen auf Personal, das in erster Linie bedauert - nicht gehört zu werden!!



    Die Klaviatur hoch und runter. Als Einzelperson und als Masse (blau) nicht gehört werden.



    Was wäre der Gewinn zu hören, - das anzuhören, was diese Ungehörten zu bieten hätten? Würde ich mich nicht unendlich langweilen?



    Was will der Nichtangehörte uns/mir denn sagen? Lohnt sich das zu hören, was gesagt werden soll, was sich erstaunlicherweise aufdrängt zu sagen? Was wäre, wenn „es“ besser ungesagt bleiben würde/geblieben wäre?!



    Dass „es“ nur der Aufguss von Hass in einer lächerlich selbstverliebten Form ist?



    Immer Jemand anderes Scheitern.



    Wie peinlich - einem solchen Mangel hinterher zu laufen!







    Ein erweiterter Suizid zu Gunsten der Operettenkasper der AfD: Ham wa nich! Iss aus!

    • @834727 (Profil gelöscht):

      "Ostdeutschland scheint unter einem Gehörverlust zu leiden..."

      Unter einem Gehörverlust leidet, wer selbst nicht hören kann. Hier geht es allerdings um das Gehörtwerden.



      Ein kleiner aber entscheidender Unterschied...

      Ansonsten: Ziemlich schräge Philosophie...

      • 8G
        834727 (Profil gelöscht)

        @Der olle Onn:

        Der Dreher sollte stottern...

  • "Aber gleichzeitig steht der Osten heute ökonomisch gut da, viel besser als alle anderen postsowjetischen Staaten."



    Und schon kommt Frau Hensel im Interview ins Schleudern. Das BIP pro Kopf im einkommensschwächsten Bundesland Sachsen-Anhalt lag 2024 bei 36500 €. Damit knapp unter dem Italiens, deutlich über dem Spaniens und natürlich über dem aller osteuropäischen Länder.



    Aber auch sonst ist sie um steile Thesen ja nicht verlegen. Den Aufstieg der AfD auf Hartz 4 zurückzuführen, ignoriert nicht nur die zeitl. Kluft zwischen beiden Vorgängen, sondern erklärt auch nicht, warum derzeit reihenweise ostdt. Ministerpräsidenten die Abwahl droht.



    Aber bei Frau Hensel ist es natürlich immer der Westen, der die geschundene ostdeutsche Seele und ihre Befindlichkeiten nicht versteht, und der vor allem nicht genug Geld locker macht; klar, über eine Billion € Transferleistung, das ist ja so gut wie nichts. Nur die Partei, die 40 Jahre lang ein Land komplett heruntergewirtschaftet hat und bis heute die Verantwortung für die massiven politischen und sozialen Verwerfungen nach 1990 gerne auf andere abschiebt, die kommt in Frau Hensels "Analysen" so gut wie nicht vor.

  • " Wenn wir ostdeutschen Akademiker im Osten geblieben wären und dort Arbeitsplätze gefunden hätten, gäbe es diese Probleme heute so nicht"

    Das ist der Gipfel der Arroganz, die im Interview leider aus fast allen Sätzen tropft. Sie wiederholt immerfort das Narrativ, die AfD wäre eine Gefahr für die Demokratie, was nun wirklich nicht stimmt. Sie könnte eine Menge Argumente nennen, warum es problematisch wäre, wenn die AfD an die Macht käme, bzw. welche Ziele sie ablehnt. Die Mühe macht sie sich aber nicht, sondern hängt sich immer wieder nur an der vermeintlichen Demokratiefeindlichkeit auf.

    Das Interview von Juli Zeh fand ich weitaus differenzierter. Sie wohnt aber auch im Osten. Frau Hensel spielt sich nur als Kennerin des Ostens auf. Das erkennt man an vielen Antworten. Sie hat im Grunde nichts zu sagen außer "verbietet bitte die AfD, denn sie vertritt nicht meine persönliche Weltsicht".

    • @Debaser:

      "Sie wiederholt immerfort das Narrativ, die AfD wäre eine Gefahr für die Demokratie, was nun wirklich nicht stimmt."

      Selbstverständlich stimmt das. Die Verfassungsschutzberichte belegen das.

    • @Debaser:

      Ich darf Ihnen mitteilen: Aus meiner kleinstädtischen Ost-Perspektive ist Frau Hensel durchaus eine Kennerin des Ostmilieus.



      Und nein: Die Bemerkung betreffend die Akademiker halte ich keineswegs für Arroganz. Weil nun einmal der durchschnittliche Bildungsstand in einer Region eine Rolle spielt. Der Aderlass an jungen Menschen in den 90ern ließ vor allem Zehntausende der besser Ausgebildeten und Klügeren abwandern. In so hoher Zahl, dass man tatsächlich davon ausgehen kann, dass sich das auch auf den Alltag der Verbleibenden, ihre Diskussionen, Meinungsbildung und später Wahlergebnisse auswirken muss.



      Die "Gegangenen" - und ich spreche aus Erfahrung, weil neben meiner eigenen Tochter etliche heutige Mittvierziger aus der früher bekannten Umgebung dazu gehören - hätten schließlich das getan, was sie jetzt anderswo machen: Dem Abdriften manches Zeitgenossen Einhalt geboten. Oder zumindest die Umfragestatistiken verändert...

    • @Debaser:

      Sie machen explizit die Ansage, die seit einiger Zeit differenziert wird, wonach die AFD nicht antidemokratisch ist, wenn man einen engen Demokratiebegriff zugrunde legt. Ich bin geneigt dem zuzustimmen. Aber die Partei ist deutlich antiliberal und das ist etwas, dem unsere Verfassung wenig Raum gibt. Dort kann auch Verfassungsfeindlichkeit konstatiert werden und unsere Republik ist eben nicht ein Baukasten sondern ein Konglomerat aus Demokratie, Liberalismus und Rechtsstaatlichkeit. Wenn man eine Säule infrage stellt, stellt man also schon alles in Frage. Das ist das Problem mit der AFD.

    • @Debaser:

      "...das Narrativ, die AfD wäre eine Gefahr für die Demokratie, was nun wirklich nicht stimmt."



      Ach? Gesichert rechtsextrem ist keine Gefahr für die Demokratie?

    • @Debaser:

      Lach…die Wessifrau Zeh kennt den Osten besser als die Sächsin Hensel?

      Natürlich ist die AfD der liberalen, pluralistischen Demokratie gegenüber feindlich gesonnen. Im besten Fall will sie eine illiberale, stark mangelhafte Demokratie wie in Ungarn. Und schon das würde für ein Verbot reichen, denn es ist klar gegen die vom Grundgesetz begründete Ordnung gerichtet.

  • Arroganz sieht von oben anders aus als von unten

  • Es sind bekanntlich Männer und Frauen, die laut dem weisen Loriot einfach nicht zusammenpassen. Nicht Ost- und Westdeutsche. Da ist Hoffnung.

    Hensel stellt da schon klartextig Thesen auf und lässt Migrantenthemaquatsch auch ganz trocken platzen:



    Die eigentlichen Probleme des Ostens sind: eine hohe Überalterung, jahrzehntelange Abwanderung, eine sinkende Geburtenrate, die Erfahrung politischer Wirkungslosigkeit und auch immer wieder Abwertungserfahrungen. Aus ihnen rührt höchstwahrscheinlich auch ein Konkurrenzgefühl gegenüber Migrantinnen und Migranten. Beide Gruppen kämpfen auch um den zweiten Platz in der Gesellschaft.

    Wie wär's mal wieder mit Offenheit, ganz universalistisch-allgemein?

    • @Janix:

      Wo immer sie wohnen - mit dem was Sie oben geschrieben haben sind Sie absolut nah dran an der Realität...

    • @Janix:

      Guter Beitrag!



      Vor allem gefällt mir die weitere Perspektive, die sie einführen und auch das Thema der sozialen Achtung/Anerkennung, das wohl mehr ausmacht als sich viele, die dort kein Problem haben da gut vernetzt, situiert, beruflich stabil und kulturell "en vogue", vorstellen können.

    • @Janix:

      Selbst in Baden Württemberg wollen jetzt ca. 20 % AfD wählen. Und merkwürdigerweise verlieren da die Grünen ca. 10 % und die AfD legt ca. 10 %. Und da es heißt CDU Wähler wählen lieber das Original, in B.-W. legt die CDU fast 5 % zu. Möglicherweise sind viele Bürger dort mit der Grünen Politik nicht mehr zufrieden, und wählen AfD

      www.wahlrecht.de/u...n-wuerttemberg.htm

      • @Martin Sauer:

        Insofern als das Wertesystem der AfD unter den anderen deutschen PArteien dem der Grünen noch am diametralsten entgegengesetzt ist, vermute ich eher, dass da 10% Grün/CDU-WechslerInnen zu den Schwarzen rübermachen, und die CDU am rechten Rand ebensoviel an die AfD verliert

        Zumindest wäre es das erste Mal in 10 Jahren, dass die Grünen absolut und relativ weniger als fast alle anderen an die AfD verlören. OTOH: wo, wenn nicht dort?

      • @Martin Sauer:

        BaWü hatte schon die Reps und die NPD im Landtag. Regiert hat (fast) immer die CDU, aus dem schwarzen Oberschwaben und auch den anderen Regionen heraus.



        Da hörte gerade die Kretschmann-Anomalie auf, die auch nur durch den unsäglichen Mappus-Klüngel plus Fukushima möglich wurde.



        Stammwähler kehren gerade doch wieder zurück, obwohl die aktuellen Ländle-Plakate so grausig versimpelt sind (alle Parteien). CDU-Hagel hat offenbar sein Studentenparlamentsfoto aussagefrei gewählt, Özdemir geht auf komische Brille, vorteilhafte Dreiviertelansicht und "Erfahrung" - das "Grüne" wird versteckt. Die SPD prangt in Abendrotfarben. Die FDP wirkt wie vom Kandidaten selbst aus dem Baukasten gesetzt. Die Verblauten müssen immer noch hoch plakatieren und schwafeln von "Dein Land".

        Bei alledem: Wenn der Punkt jetzt war, dass AfD auch ein Problem/Symptom (West) ist: ein Ja meinerseits. Eine Wählerwanderung von Grün zu Blaubraun halte ich für unwahrscheinlich - die sind jeweils die Feinde. Da geht es eher je nachdem zur Basis, Klimaliste, Linken und Union (vermute ich).

  • Ich finde es nicht gut, immer vom Osten und Westen zu sprechen. Im Grunde geht es um wohlhabende und ärmere Regionen. Die gibt es überall. Vermögen ist nicht alles, aber die Aussicht das es einen selber oder wenigsten den Kindern besser gehen wird ist doch viel entscheidender. Umverteilung macht am Ende die Menschen verschwenderisch und faul. Dadurch werden alle arm.

    Vor allem der ländliche Bereich wird doch links liegen gelassen. Nahverkehr wird hoch subventioniert, nütz aber auf dem Land nichts. Stattdessen wird das Auto als einzig mögliches Verkehrssmittel mit hohen Steuern und Abgaben belastet. Wer den Leuten diese Freiheit nimmt, darf sich nicht wundern wie gewählt wird.

    • @M.Knoth:

      Der Witz ist, dass es dem Osten sehr, sehr gut geht, wenn man ihn mal mit europäischen Regionen vergleicht, die 1990 ähnlich oder sogar besser dastanden. Große Teile Spaniens waren damals reicher und sind heute ärmer als Ostdeutschland! Dasselbe gilt für Teile Englands und überhaupt viele Regionen Westeuropas. Schweden hat eine vielfach höhere Jugendarbeitslosigkeit. Die Ossis leben in einer der wohlhabendsten, freiesten und demokratischsten Gegenden der Welt!

      Und dennoch glauben viele Ossis, sie lebten „in einer Art diktatorischem Armenhaus“ (Kowalczuk). Irre!

      Übrigens halte ich für den Aufstieg der AfD auch die Linke mitverantwortlich. Wer den Ossis jahrzehntelang einbläut, sie seien übervorteilte, ausgebeutete, missachtete Opfer, der hat Mitschuld an dem offenkundig kaum zu überwindenden Gefühl, dass nun eben nicht zur Wahl der Linken, sondern der extremen Rechten führt.

      • @Suryo:

        Es ist stets wenig relevant den Wohlstand von Regionen mit dem schlechteren Stand anderer zu vergleichen. Ganz einfach, weil sich Menschen fast sämtlich nach jenen ausrichten, denen es vermeintlich besser geht. Der Altbundesdeutsche blickte bewundernd auf die USA, der Ostbürger auf die fetten Autos und Häuser der "Wessis". Die Allerwenigsten sind in der Lage zu sagen: "Schau mal - in Rumänien sind sie schlechter dran..." - "Was zum Teufel schert uns Rumänien?"



        Ich finde das auch höchst bedauerlich, weil solcher Blick abwärts stets eine tröstende Lebensmaxime von mir war - aber so ist er halt, der Mensch. Und zwar nicht nur der "Ossi".



        Die Linke musste uns im Übrigen nicht einbläuen, dass wir übervorteilt wurden - das ist eben in vielen Dingen so. Ein sehr kleines Beispiel: Unser DDR-Betrieb besaß auch gut drei Dutzend Wohngebäude, in denen viele Arbeiter und Angestellte wohnten. Die Häuser kamen natürlich mit der Eingemeindung unter den Hammer. Man versprach damals den Mietern ein Vorkaufsrecht. - Die sich darum bemühten hatten nicht die Spur einer Chance. Ein gutes Drittel ging im Paket an einen Käufer von der Westseite, auch die anderen hat keiner der Mieter bekommen...

  • Wenn im Osten die Erbschaftssteuer kaum jemanden betrifft, im Westen aber schon, ist das dann nicht eigentlich was Gutes, weil es zu einer Angleichung führt?

    Zumindest unter der (wohl zu idealistischen) Annahme, dass damit finanzierte staatliche Maßnahmen allen gleichermaßen nutzen …

    • @Arne Babenhauserheide:

      Es ist nichts eigentlich Gutes, weil die Erbschaftssteuer nur so hoch ist, dass reiche Erben etwas abgeben müssen, aber immer noch reich bleiben sollen.

      Der wesentliche Teil des Erbes wird von den Erben investiert.

      Und zwar im Westen.

      • @rero:

        Und?

        Auch im Westen erbt keineswegs jeder riesige Summen. Ich habe noch nie jemanden darüber klagen hören, dass Diskussionen über die Erbschaftssteuer die Arbeiterkinder des Ruhrgebietes ja kaum tangieren.

  • Mal ab vom Frau Hensels Meinung, die ich nur bedingt teile . Beim Lesen solcher Artikel fällt mir seit Jahren immer wieder eins auf. "Der Osten". Allein im ersten Abschnitt 3mal "der Osten". Und danach immer wieder, "der Osten", "die Ostdeutschen", "dieser Landstrich".

    Sicher ist das nur ein Aspekt unter vielen. Aber so fühlen sich da viele Menschen betrachtet, auch 36 Jahre nach der Wende. Man muss sich doch gar nicht wundern, wenn sich bei dieser immer wieder pauschalen Zuschreibung sowas wie eine ostdeutsche Identität bildet.



    Zwei Drittel der Menschen in den neuen Ländern wählen keine AfD. Und längst nicht alle davon lehnen die Demokratie ab. Schreibt man "den Osten" weiter so ab und redet über "die Ostdeutschen" darf man sich nicht wundern, wenn sich die Identitätsfindung in einer undemokratischen Partei weiter verbreitet.

  • Was die sozialen Brüche angeht, so geht es m.E. weniger um Einkommensunterschiede, wie es sie auch anderswo zwischen verschiedenen Landesteilen gibt. Sondern v.a. darum, dass nach 1990 die gesamte Eigentumsordnung der alten BRD dem Osten übergestülpt wurde. Zunächst mit dem Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung", und dann hat der Bund noch massenhaft Flächen an westliche Privateigentümer verramscht. Exemplarisch die Vorgänge am Wandlitzsee, die für viel böses Blut gesorgt haben.

    www.tagesspiegel.d...dlitz-1498285.html

    Der Osten ist eine Gesellschaft der selbstnutzenden Besitzer, der Westen aber eine Eigentümergesellschaft. Mit dem Osten ist diesbezüglich wie mit einer Kolonie verfahren worden. Und gewiss wird die AfD für eine Enttäuschung sorgen. Für eine Machtperspektive im Bund ist der egalitäre Osten nur das Sprungbrett, aber eigentlich braucht die Partei eine kritische Masse des westlichen Großbürgertums hinter sich. Die Partei wird nie eine Politik gegen die Interessen der oberen 10% machen. Diese sind aber nicht im Osten angesiedelt (mal abgesehen von Potsdam).

    • @Kohlrabi:

      Ganz recht, so ist das leider. Verwundert mich auch, dass das ein erklecklicher Teil der Wählerschaft nicht begreifen will...



      Oder eben gar willens ist mit dem Kopf durch die Wand zu gehen und gegen seine ureigenen Interessen zu frohlocken: "Aber jetzt hab ich es denen mal so richtig gezeigt..."

  • Es wäre ein Anfang, wenn man mit den Entscheidungen, die die Bürger im Osten treffen, genauso umginge wie mit Entscheidungen der Bürger anderswo.



    Wenn man dort braun regiert werden will, dann ist das eben so. Für jeden Effekt nach einer solchen Wahl sind allerdings exklusiv diejenigen verantwortlich, die diese Wahl getroffen haben.



    Das ist so ähnlich (und so ähnlich zu handhaben) wie bei den 110 von 114 bäuerlich geprägten Bezirken in den USA, die Trump gewählt haben. Und wo zehntausende bäuerliche Betriebe vor der Pleite stehen. Die angestrebte Reaktion sollte sein: "Ihr wolltet das, ihr habt so gewählt, jetzt kommt damit klar. Geht uns nichts an."

    • @Kaboom:

      Erstens wollen selbst hier in Sachsen-Anhalt längst nicht alle braun regiert werden - und also auch nicht "Nutznießer" des Kollateralschaden sein, den Sie dem Rest der Bevölkerung ja offenbar freundlich zubilligen - zweitens könnte daraus letztendlich weit Schlimmeres resultieren.



      Ist ja jetzt offenbar auch in Gottes eigenem Land nicht gerade so, dass der Wahlerfolg des Größenwahnsinnigen nur ein paar verstörte Bauern im Biblebelt beträfe...

  • Ja, es gibt – immer noch – Ost- / West-Deutschland, wie auch Ost- / West-EUropa.



    Wie auch – immer noch – die Frage, wie ihre Menschen zusammenfinden.

  • Ich bin es leid, dieses ewige deutsche Gejammer anzuhören, wie schlecht doch alles ist. Die Faschisten haben begriffen, dass die Hauptmentalität der deutschen Seele das Gejammer über schlechte Zustände oder den nahenden Weltuntergang ist. Und das bespielen sie perfekt - leider.



    Zuversicht und Optimismus versprühen leider die wenigsten Politiker. Wie auch, sie sind ja selbst Deutsche.

    Aber jetzt mal ehrlich: Als wir in den 80igerJahren auf der Transitstrecke waren, oder in Ostberlin in den meisten Gebäuden noch die Einschusslöcher aus dem 2. Weltkrieg zählen konnten, da war die damalige DDR ein absoluter Schrotthaufen. Und es gab nichts, absolut gar nichts, was an dieser brutalstmöglichen Diktatur (die ihre eigenen Leute abgeknallt hat) gut war. Meinen vollsten Respekt an meine ostdeutschen Landsleute, dass sie das geschafft haben, diese Verbrecher zu beseitigen.

    Und Fakt ist auch, dass es ungleiche Vermögensverhältnisse gibt. Aber was erwartet ihr denn? Ihr hattet Verbrecher an der Macht, wir hatten Freiheit.



    Ungerechte Einkommensverhältnisse find ich auch. Dass nuss dringend schnellstmöglich abgeschafft werden. Aber eins istdabei zu bedenken, eine Wohnung in Leipzig

    • @Pseudacacia:

      Man merkt sehr deutlich, dass Sie damals nur durch Ostdeutschland als Transitsteecke durchfefahren sind. Sich mit keinem länger als 15min unterhalten haben, geschweige denn Biografien verfolgt haben. Und allgemein der westdeutschen Oberflächlichkeit unterliegen: "Was nicht gut aussieht, kann nix wert sein"

      • @Nudel:

        Im wahrsten Sinne des Wortes zusammenbrechende Altstädte, extrem dreckige Luft und vergiftete Flüsse können tatsächlich nicht gut sein.

  • Das Interview erinnert mich an jenes mit Juli Zeh vor einigen Wochen.



    Unisono bezeichnen beide die Menschen im Osten, als vergessene und benachteiligte Leute, die aufgrund dessen zu AFD Wähler wurden.



    Schröder und Hartz 4, sowie das Flüchtlingsjahr 2015 werden als Geburtshelfer der rechten Entwicklung in Ostdeutschland genannt.



    Doch es gab schon viel früher rassistische Ausschreitungen in Ostdeutschland (natürlich auch im Westen). Erinnert sei an die sogenannten Baseballschlägerjahre Anfang der 90er Jahre. Der Grundstein hierfür wurde bei vielen also bereits bei deren Sozialisation in den 70er und 80er Jahre in der DDR gelegt.



    Ich will hier keineswegs den Westen als Oase des Glücks und Paradies darstellen. Auch hier gibt's zu viele Nazis, Rechtsextreme, Rassisten und AFD Wähler.



    Doch hier verfängt natürlich die Erzählung der Vergessenen und Bachteiligten nicht, oder aber doch auch?



    Irgendwoher muss sich ja eine rechte und rassistische Einstellung rekrutieren. Prekäre Lebenssituationen, gescheiterte Lebensentwürfe, Arbeitslosigkeit, aber auch das Aufwachsen in einer rechten Familie, wo Opa Nazi und in der Wehrmacht war. All das begünstigt rechtes Gedankengut. In Ost wie West.

    • @Klaus Waldhans:

      Auf die Baseballschlägerjahre geht Jana Hensel doch ein.

      Sie weist darauf hin, dass gleichzeitig die Wahlen überwiegend von linken Parteien gewonnen wurden.

      Erinnern Sie sich noch? Die PDS hatte lange relativ stabile Werte. Die SPD auch.

      Die Schläger waren nur eine kleine, aber herausragenden gewalttätige Gruppe.

      Das sei 2013 erst gekippt.

      Den Nazi-Opa, der offen seine Meinung kundtut, den gab es so im Osten deutlich seltener.

      Dazu war der politische Druck in der DDR viel zu groß.

      • @rero:

        Das stimmt nicht. Die Baseballschlägerjahre begannen spätestens 1991. Da wählten die Ostdeutschen überwiegend keineswegs links.

        In der DDR gab es Neonazis, die allerdings selbst in internen Dokumenten der Stasi nicht so gennant werden durften, sondern nur als „Rowdytum“. Es gab tagelange Hetzjagden auf ausländische Vertragsarbeiter, es gab massiven Alltagsrassismus, und auch in der NVA, in die ja fast jeder Mann musste, gab es sehr starke Bezüge zur Wehrmacht. Vor allem gab es keine offene Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit. Niemand wurde je dazu angehalten, zu fragen, wie er sich denn im dritten Reich verhalten hätte. Waren ja alles Antifaschisten. Und das schlimmste am NS-Staat waren nicht etwa die Entrechtung und die Abschaffung der Demokratie, sondern der Krieg.

        Typisch ist zb die Tafel aus DDR-Zeiten am Platz der Bücherverbrennung in Berlin. Darauf wird nicht etwa die Zensur unter den Nazis verurteilt, also dass überhaupt Bücher verboten wurden. Nein, die Bücherverbrennung wird in den Kontext des Krieges gestellt. Dabei hat sie damit überhaupt nichts zu tun gehabt. Aber Zensur gab es auch in der DDR - also wurde die im 3. Reich nicht kritisiert.

  • Sehr treffende Analyse. Sollte zur Pflichtlektüre der SPDler werden, die sich erst jetzt darüber wundern, warum sie nicht mehr gewählt werden werden.

    • @mad_mikel:

      Und der Linken, die lieber das westdeutsche Studentenmillieu bedient.

  • Ich sitze hier und denke, werde ich in Zukunft noch in die Sächische Schweiz oder nach Rügen reisen. Ich glaube nicht.



    Und ich denke, wenn i c h schon solch düstere Gedanken habe, wie werden dann wohl die CEOs der internationalen Konzerne denken? Glauben Leute wie Chrupalla, Krah und "Konsorten" im Ernst, dass die sich mit ihrem internationalen Personal im Osten ansiedeln werden?

    • @Il_Leopardo:

      "Welcher internationale Konzern lässt sich in einer Gegend nieder, wo die Manager und ihre Familien nicht sicher sind?"



      Wenn Sie damit den Osten allgemein meinen:



      Daimler hat gerade erst - am Harzrand.



      Intel hätte gerne - bei Magdeburg. Dass dies dann ausblieb hatte nichts mit "Unsicherheit" zu tun. Diese Entwicklung ist ja nicht neu. Und wenn Menschen unter regionaler Unsicherheit leiden sind das ganz sicher nicht zuerst die Konzernlenker und ihre Hochbezahlten...

    • @Il_Leopardo:

      Ganz ehrlich: Dann bleiben sie eben fern. Das wird im Übrigen z.B. auf Rügen die Preise für Ferienunterkünfte senken, denn die sind sehr hoch für deutsche Verhältnisse.



      Die sächsische Schweiz kann auch existieren ohne von Touristen überrant und an den Straßenrändern zugeparkt zu sein. Das macht dem Naturpark eher wenig aus wenn weniger Zweibeiner durchmarschieren. Mir auch nicht.

      Sie sehen an Rügen wie ich darlegte auch, dass sie mit ihrer Haltung bisher eher einsam dastehen.

      Ich muss auch wieder und wieder zurückspiegeln: Wo sind denn die nicht-rechten und nicht-populistischen Oasen? Wo sóllen die CEOs denn investieren? Frankreich, Schweden, Ungarn, Italien? Das macht doch keinen Sinn wieder diesen Schadens-Wunsch auf den Osten abzulenken. Und sie wissen wenn sie ehrlich sind auch: Dem Kapital geht es um Rendite und um nichts anderes. Wenn die im Osten zu holen wäre, dann fließt da auch Geld hin. Mal abgesehen davon, dass manch Oligarch mittlerweile zwar verquer, aber doch nationalistisch oder irgendwie "rechts" denkt.

      Ihre heile Welt ohne Osten, die gibt es nicht. Mein Eindruck ist: Gäbe es keinen Osten, müsste man ihn für Leute wie sie erfinden.

    • @Il_Leopardo:

      "Glauben Leute wie Chrupalla, Krah und "Konsorten" im Ernst, dass die sich mit ihrem internationalen Personal im Osten ansiedeln werden?"

      Ohoh das wird ja hart für den Osten, wo bisher internationale Konzerne Schlange standen um zu investieren und hohe Löhne zu zahlen.

      Vielleicht nehmen Sie zur Kenntnis, dass es Kern des Problems ist, dass es sich beim Osten um ein komplett deindustriealisietes Gebiet ohne eigene Wertschöpfung handelt.

      • @OldFrank:

        Das stimmt einfach nicht

    • @Il_Leopardo:

      Natürlich nicht. Welcher internationale Konzern lässt sich in einer Gegend nieder, wo die Manager und ihre Familien nicht sicher sind?

      Schon vor Jahren wurde einem indonesischen Freund von mir gleich beim Antritt seiner Doktorandenstelle an einem sehr renommierten deutschen Forschungsinstitut in einer ostdeutschen Stadt gesagt, welche Gegenden er abends besser nicht oder zumindest nicht alleine betreten soll. Das war ganz selbst verständlich, es war eben so, dass Menschen, die nicht deutsch aussagen, abends in Gefahr waren in dieser übrigens gar nicht so kleinen Universitätsstadt.

      Mein Bekannter ging dann bei erster Gelegenheit nach Westdeutschland.

      • @Suryo:

        Das, und: ich weiß auf Anhieb 4 Städte um die es sich handeln könnte. (Und dazu noch eine die ziemlich groß ist und nicht "gar nicht so klein".)

    • @Il_Leopardo:

      Die Konsorten profitieren doch vom Abschwung und Elend im Osten.

      Sind ja nicht in Regierungsverantwortung und ich glaube nicht, dass die jemals die 50% knacken werden. Auch nicht bei Landtagswahlen. 30%, 35% vll sogar 40%, aber nicht mehr, Umfragen hin oder her.

      • @sociajizzm:

        Vor allem profitieren die vom "geistigen" Elend - wirtschaftlich geht es den Menschen im Osten doch nicht so schlecht. Okay - nicht so gut wie den Menschen im Westen - aber besser als den Menschen in anderen ehemaligen "sozialistischen" Nachbarländern.

      • @sociajizzm:

        Es gibt im Osten kein „Elend”!

        • @Suryo:

          This. Elend gibts unter so Vordächern von Geschäftshauseingängen in Peppersack City oder im Bahnhofsviertel Bankfurt.

          Wenn du das nicht gesehen hast, weißt du nicht was es in Deutschland für Elend gibt, und kannst es dir auch nicht vorstellen.

          Deprivation ist das, was es in Ostdeutschland zu Hauf gibt. Aber auch das ist nur relativ. Leipzig ist eine der lebenswertesten Städte der BRD, und Dresden ist positively proper.

          Magdeburg kann sich vielleicht noch damit rausreden, dass dort relativ zur Bevölkerungsdichte der Arsch von Sibirien ist, aber selbst Stendal hat eine Kulturszene, von der der ganze Westerwald nur träumen kann: Nicht alles von den Unsummen die in die Kohlonie geschüttet wurden wurde veruntreut.

    • @Il_Leopardo:

      Wo die Afd nun offiziell von Elon Musk und der US-Regierung gelobt wird, kann es aber auch umgekehrt bestimmte Unternehmen anziehen?

      Unser Urlaub in der sächsischen Schweiz war vor langer Zeit auch schon von ziemlich heftigen AFD Plakaten vermiest, da wollten wir nicht nochmal hin dann, so schön es da auch ist.

    • @Il_Leopardo:

      Vielleicht sollten Sie gerade dahin reisen.

      Haben Sie denn wirklich den Eindruck, dass Staaten, die von autoritären Regirungen geführt werden, per se ein Problem hätten, Investoren zu finden?

      • @rero:

        "Haben Sie denn wirklich den Eindruck, dass Staaten, die von autoritären Regirungen geführt werden, per se ein Problem hätten, Investoren zu finden?"



        Es ist ja nicht einfach autoritär. Aber wenn die ausländischen Angestellten um ihr Leben fürchten müssen, ist das noch ne Nummer stärker, oder?

        • @Encantado:

          Eben. Es ist nicht einfach autoritär.

          Genau darauf wollte ich hinaus.

          Mit autoritären Regierungen können sich Großkonzerne super arrangieren.

      • @rero:

        Ich habe nach dem Erstarken der AfD, also ab 2015, immer mal wieder entsprechende Beiträge in den Medien gelesen.

      • @rero:

        Wenn diese Staaten ganz autoritär jede Art von Fremdenhass verfolgen und bestrafen, um Investitionen zu schützen, okay.

        Aber unter einer AfD-Regierung würden die Kinder eines indischen Managers eben keineswegs vor blöden Bemerkungen und Angriffen geschützt. Da würde es eher so ablaufen wie letztes Jahr mit den südkoreanischen Mitarbeitern eines Autoherstellers, die in den USA massiv von ICE bedrängt wurden.

  • „ Die Demokratie hat ihre zentralen Versprechen im Osten nicht eingelöst.“



    Die Demokratie hat keine Versprechen abgegeben, es waren Politiker wie BK Kohl, der blühende Landschaften versprochen hat. Er hat nur nicht gesagt, wann sie blühen, wie sie blühen und für wen sie blühen sollten. Er hat als einer der Väter der Einheit, die tatsächlich erst durch die protestierenden Menschen in der DDR ermöglicht worden war, dann später komplett versagt, spätestens in der Spendenaffäre viel Vertrauen verspielt, schon vor Schröder.



    Die Union hatte dann 1998 abzutreten und nachdem Schröder zuerst Lafontaine abserviert hatte und dann die Agendapolitik durchgepeitscht hatte, war die SPD auch unglaubwürdig. Merkel, die ich ansonsten sehr schätze, hat sich hinreißen lassen, vieles als alternativlos hinzustellen. Spätestens da war das Maß voll und die AfD wurde gegründet. Denn es war nicht mehr vermittelbar, warum in Deutschland eisern vieles kaputt gespart wurde, für die Bankenrettung und später für Flüchtlinge plötzlich doch Geld locker gemacht wurde. Das hat aber nicht die Demokratie entschieden.

    • @Achsachbloß:

      "Denn es war nicht mehr vermittelbar, warum in Deutschland eisern vieles kaputt gespart wurde, für die Bankenrettung und später für Flüchtlinge plötzlich doch Geld locker gemacht wurde. Das hat aber nicht die Demokratie entschieden."



      Wollen Sie jetzt allen Ernstes behaupten, alle Regierungsentscheidungen wären von autoritären Regierungen diktatorisch getroffen worden?



      Man kann über Merkel und ihre Vor- und Nachgänger nun sagen was man will, aber dass sie nicht demokratisch gewählt seien, ist doch Unsinn.

      • @Encantado:

        Es geht mir um die Präzisierung, dass Demokratie keine Person ist, die handeln kann.

  • Was sich derzeit in ostdeutschen Wahl- und Debattenräumen abspielt, gleicht einer kollektiven Realitätsverweigerung. 35 Jahre nach dem Ruf „Wir sind das Volk“ scheint ein beachtlicher Teil dieses Volkes die mühsam erkämpfte Freiheit gegen das Gift des Ressentiments eintauschen zu wollen. Es ist ein bizarrer politischer Masochismus: Man schimpft auf die „Diktatur“ der Gegenwart, während man gleichzeitig nach den autoritären Methoden der Vergangenheit lechzt.



    ​Diese Demokratieverdrossenheit ist kein Schrei nach Gehör, sondern oft ein trotziger Rückzug in die Opferrolle. Wer staatliche Institutionen pauschal delegitimiert und populistischen Rattenfängern hinterherläuft, verrät das Erbe von 1989. Es ist billig, jedes persönliche Unbehagen auf „die da oben“ zu projizieren, während man selbst die Axt an das Fundament legt, das Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit garantiert.



    ​Statt die Gestaltungsmöglichkeiten der Demokratie zu nutzen, wird die Zerstörung des Systems zum Selbstzweck erhoben. Wenn der Frust über die eigene Biografie wichtiger wird als der Erhalt der freien Gesellschaft, dann droht der Osten seine Identität erneut an Despoten zu verlieren. Demokratie ist kein Lieferdienst

    • @amigo:

      Ein konsistenter Kommentar. Eine angemessene Gegendarstellung. Respekt.



      Ich teile ihre Sichtweis enicht, aber sie erscheint mir nachvollziehbar.



      Was mir bei ihnen Fehlt - und was für mich u.a. auch die Aufschwünge der Rechten in anderen europäischen Staaten mitverursacht - sind eben die geringeren Gestaltungsmöglichkeiten der nationalen Politik, was auch die Problemlösungskompetenz verringert hat. Wenn ich demokratisch wähle, erwarte ich dennoch eine effektive Regierung und kein "aber Brüssel" oder wieder und wieder einen Verweis auf eine "europäische Lösung". Und viele Völker verschiedener Nationan in Europa glauben, dass sie von der EU untervorteilt werden zugunsten anderer. Das stimmt natürlich nicht immer, aber wie soll man diesen Glauben denn eindämmen in den unsrigen Krisenzeiten?

    • @amigo:

      "...während man gleichzeitig nach den autoritären Methoden der Vergangenheit lechzt."



      'Es war ja nicht alles schlecht.'



      Keine ostdeutsche Spezifität, würde ich sagen.

    • @amigo:

      "Wir sind das Volk" ist genau die Brille, durch die viele im Osten die Gegenwart betrachten.

      Man lechzt nicht nach den "autoritären Methoden der Vergangenheit", sondern nach jemanden, der verändert und den Interessen "des Volkes" nahesteht.

      Die Parteien von Linke bis CDU haben in der Vergangenheit aus dieser Sicht bewiesen, dass sie das nicht tun.

      Der trotzige Rückzug kommt nach dem Schrei nach Gehör.

      Es geht ja schon ein paar Jahrzehnte so.

      Es geht nicht um persönliches Unbehagen und die eigene Biographie.

      Die Erfahrungen teilen Familienmitglieder, Bekannte, Nachbarn, ...

      Ganze Städte gehen den Bach runter.

      Das ist ein kollektives Erlebnis.

      Gestaltungsmöglichkeiten der Demokratie erlebt man dagegen nicht.

      • @rero:

        Genau so!



        Im Übrigen wird gern verkannt, dass "Wir sind das Volk" zwar ein schmissiger Slogan war, der aber auch schon damals von vielen Skandierenden unterschiedlich interpretiert wurde. Von Manchem auch nur mit dem Gedanken: Jetzt gehts ran an die Fleischtöpfe!



        Insgesamt bin ich durchaus Ihrer Meinung.



        In diesem Land wird zu "viel linke Politik" beklagt - dabei spielte die über Jahre keine Rolle mehr, weil jene namentliche Linke sich allzulange um irgendwelche randständigen Befindlichkeiten gekümmert hat.



        Den erfreulichen Drive der Linken, der sich derzeit andeutet, haben wir wohl vor allem Porschefahrer Christian Lindner und Merz, dem Blackrocker von der trügerischen Gestalt zu verdanken...

  • Die Journalistin Jana Hensel schreibt zum Aufstieg der AfD in Ostdeutschland. Warum es Ost und West nach den Wahlen aus­ein­ander­reißen wird.



    ----



    Ein mMn. sehr spannendes, tiefgehendes Interview!



    Leider muss ich hier, aus Platzgründen, stark verkürzen!

    Btw. Der Satz "Es wächst jetzt zusammen, was zusammen gehört!" war zu optimistisch! Leider!



    Leider haben es mMn. BEIDE Seiten "vergeigt"!



    Die "Brüder & Schwestern" in Ostelbien mit "überzogenen Wünschen & Gedanken!"



    Die Politiker & Leute im Westen mit zu viel "Selbstverständnis" das HIER alles richtig läuft!



    Mein Fazit: Es wird nicht viel "zerrissen"! Wir waren nie "zusammen"! :-(



    Ps. Allein die Phrase "Wir sind das Volk!" hätte uns alle aufmerksam machen nüssen, auch das zu VIELE führende Leute in der .... aus der "alten BRD" sind, ....



    Hat DAS keiner gesehen?



    Ps. Fehler machen geht recht(s) schnell, die wieder auszubügeln, dauert sehr lange. (Vergl. dazu "Unsere Busenfreunde jenseits der Atlantiks", die üben das gerade! :-(

  • Was genau ist an den Vermögensverhältnissen ungerecht?

    Familien die es gewohnt sind, solide zu wirtschaften, haben im Westen mehr zu vererben, die Nachkommen mehr Geld, da man in der sozialen Marktwirtschaft mehr Vermögen verdienen konnte.

    Im real existierenden Sozialismus ging das eher nicht.

    Die Erbengeneration om Osten steht also schlechter da als die im Westen. Ist das ungerecht?



    Das hängt davon ab, ob man von Leipzig aus nach Westen oder nach Osten blickt.

    Sehen wir uns alle ehemaligen Länder des Warschauer Paktes an, dann wurde nur eines von einem großen Bruder finanziell aufgefangen.

    In welchem Land wurde wertlose Währung im Verhältnis 2:1 in harte Devisen umgetauscht?



    In welchem Land wurden Renten ausbezahlt, als hätte dort eine halbwegs solide Volkswirtschaft statt Planwirtschaft gewirtschaftet?

    Denkt man Gerechtigkeit über Landesgrenzen hinaus, vergleicht man nicht Äpfel mit Birnen, also West- und Ostdeutschland, sondern das, was ähnliche Rahmenbedingungen hatte, also Ostdeutschland mit Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, dann müssten Ostdeutsche mehr als zufrieden sein und ihrerseits Soli für die ehemals sozialistischen Bruderstaaten zahlen.

    • @Gedankenverloren:

      Eben! Richtig!

      Den Ossis geht es zum Teil VIEL besser als den Menschen in europäischen Regionen, die 1990 eher besser dastanden als Ostdeutschland. Und zwar nicht etwa nur im ehemaligen Ostblock.

      Fast ganz Spanien ist abgehängter als Ostdeutschland.

      • @Suryo:

        Wissen Sie was mich irritiert? Dass immer wieder Foristen der Meinung sind: Jemandem, der ausreichend Geld in der Tasche hat, gehe es auch automatisch besser als anderen, die weniger davon haben.



        Wer auch nur ein wenig Selbstachtung besitzt macht sein "Gutgehen" aus meiner Sicht nicht zuallererst am schnöden Mammon fest.



        Hier beschreiben viele recht deutlich worin das Abgehängtsein der "Ostprovinzen". besteht. Und vor allem steht das ziemlich klar im Interview.



        Ja, allzuviele haben 1989 blind alle Verheißungen des Herrn Kohl geglaubt, das große Glück der schnellen Westmark kommen sehen und nicht geahnt, was daraus resultieren musste. Ein Zusammenbruch der eigenen Produktion. Da schrumpfte das große Glück dann arg, bei vielen Jahren in der Arbeitslosigkeit...



        Und ich glaube: Viele der Leute von damals schämen sich noch heute für ihre Gutgläubigkeit, mögen das allerdings nicht offen eingestehen. - Entsteht allein dadurch diese eigentümliche Realitätsverweigerung, wenn es um die blaue Truppe geht? Sicher nicht...

    • @Gedankenverloren:

      Die Währungsunion war 1990.

      Das ist 36 Jahre her.

      Sie erwarten nicht ernsthaft, dass ein 30Jähriger sagt:"Ich habe keine Perspektive, bei uns geht alles den Bach runter, aber hey, meine Eltern konnten damals ihre Ostmatk 2:1 eintauschen."?

      Die Rente würde ich an Ihrer Stelle weglassen.

      Die Rentenkassen haben profitiert, weil die Ostdeutschen im Schnitt jünger waren.

      Da die Rentenkasse nicht auf einem Rücklagensystem beruht, war egal, wie gut oder schlecht zu Ostzeiten gewirtschaftet worden war.

      Dann blicken Sie mal nach Osten.

      In Ungarn, Polen, der Slowakei und der Tschechei gewinnen ebenfalls rechte Parteien die Wahlen.

      Manche haben bereits regiert.

      • @rero:

        “… bei uns geht alles den Bach runter”

        Was einfach nicht stimmt

        • @Suryo:

          Nein - natürlich nicht alles...

          Wenngleich unsere Presse mit dauernd skandalisierenden Titeln nur allzuoft diesen Eintrag erweckt...

          Aber es ist eben leider auch nicht alles so in Ordnung wie Sie glauben wollen.

          • @Der olle Onn:

            Ich behaupte auch nicht, dass alles in Ordnung sei, aber letztlich haben die Ossis Trotz allem riesiges Glück und großen Erfolg gehabt. Das ist nun mal so und lässt sich anhand diverser Zahlen nachweisen.

            • @Suryo:

              Das Empfinden von Glück ist sehr unterschiedlich. Wenn Sie Statistiken verfolgen werden Sie häufig erfahren, dass ein übergroßer Teil der ehemaligen DDR- Bürger die eigene wirtschaftliche Situation als gut oder eher gut einschätzt. - Offenbar stimmt allein das also nicht glücklich.



              Wenn Sie sagen wollen die finanzielle Unterstützung durch den Westen Deutschlands sei hilfreich gewesen haben Sie sicher nicht geradezu Unrecht.



              Aber die Verwerfungen, die sehr früh z.B. durch die Treuhand entstanden, haben Land und Leute natürlich geprägt.



              Beispiel: "Mein" Betrieb, Arbeitgeber für weit über tausend Menschen wurde innerhalb eines knappen Jahres auf die Hälfte heruntergehungert um Käufern die "Braut" attraktiver zu machen. Klar - das war technisch nicht wirklich auf bestem Stand...



              Zwei Käufer teilten sich dann den Braten. Ein Österreicher, der versprach vor Ort zum zweitgrößten Kartonagenhersteller Europas zu werden (und in Jahresfrist mit den Maschinen nach Polen verschwand) und ein Kölner Millionär, dem es lediglich um die Filetgrundstücke in Leipzig und hier ging. Der betrieb einen Teil der "Restbestände" für ein paar Jahre, investierte nie und schrumpfte jährlich die Belegschaft...

  • Gute Gedanken, die keine Hoffnung machen.

    "Aber die ungerechten [West-Ost-] Vermögens- und Einkommensverhältnisse und die demografische Entwicklung, die können sie einfach nicht korrigieren. Politisch ist das nur mit linker, disruptiver Politik zu beantworten."

    Klartext: Große Geldwerte müssten vom Westen in den Osten verschoben werden. Das werden sogar die Leute ausserhalb der FDP und CDU nicht mitmachen.

    • @fly:

      Das wäre die einzige Möglichkeit. Viel zu lange haben wir die Augen davor verschlossen (und wahrscheinlich gar nicht richtig statistisch erfasst), dass die vielen Milliarden ostdeutscher Aufbauhilfe zwar in Strassen und Häuserfassaden geflossen sind, doch langfristig profitieren zu 50-70% westdeutsche und internationale (Haus)besitzer. Hier in Leipzig gibt es einige ostdeutsche mit eigenem Haus / Wohnung. Es gibt aber kaum ostdeutsche Vermieter.



      Die Häuser hier sind zum Großteil "Altersvorsorge" von westdeutschen, dänischen, russischen und anderen Eigentümern. Das macht viele Ossis zu malochenden Wenigbestimmern auf Generationen...

  • Ein großartiges Interview, wie ich finde!



    Und es erklärt für mich persönlich zum ersten Mal, wie es sein kann, dass wachsender Rechtsextremismus einerseits als ostdeutsches Phänomen gesehen wird, andererseits in so vielen Ländern passiert. Nicht nur in Deutschland, auch in allen anderen europäischen Ländern hat die Sozialdemokratie in den 2000ern die Arbeiterschaft vernachlässigt und von oben herab behandelt. Das fällt den Brit*innen gerade genauso auf die Füße wie uns. Dazu kommt dann noch die besondere wirtschaftliche Spaltung Deutschlands, die man in anderen Ländern so nicht kennt.

    • @stadtplanschen:

      Egal ob Ost oder West, das Problem ist meiner Ansicht nach, daß die SPD die Interessen der Arbeiter seit Jahrzehnten nicht mehr vertritt, fa gebe ich Ihnen Recht. Arbeiterklasse heißt heute z.B. Paketausfahrer, Fahrradkurier, Servicekraft in der Gastronomie, Hilfsarbeiter am Bau usw., Geringverdiener halt. Die SPD, von den Gewerkschaften vor sich hergetrieben, glaubt immer noch, die sehr gut bezahlten Kräfte in der (Automobil-) Industrie wären Arbeiterklasse. Die wirkliche, schlecht bezahlte Arbeiterklasse läuft derweil zur AFD über, weil die zumindest den Anschein erweckt, sie nähme deren Sorgen ernst. Daß sie keine Lösungen haben wird garnicht hinterfragt.

      • @Josef 123:

        Sie haben den Strang schon fast richtig erklärt. Es fehlt noch die kulturelle, identitätsbezogene Abwertung, die noch "on Top" kommt und sogar auch manche der Arbeiter in GEwerkschaftsbetrieben betrifft. Davon kann die AFD auch herrlich zehren.