Kein Schweinefleisch in Leipziger Kitas: Skandal im Sommerloch
Beim Schweinefleisch hört der Spaß auf. Findet zumindest die „Bild“-Zeitung und legt die Grundlage für einen rechten Shitstorm.
Foto: dpa
Fleisch ist für die Deutschen, was für die US-Amerikaner Waffen sind. So scheint es zumindest, betrachtet man die Hysterie, mit der alle naselang auf eventuell drohenden, teilweisen Fleischverzicht reagiert wird. Nun haben es zwei Kindertagesstätten in Leipzig auf Schweinefleisch abgesehen. Zum Glück nimmt die Bild ihre Verantwortung ernst und berichtet über – ja, was eigentlich?
Aus Rücksichtnahme auf zwei muslimische Kinder werden in zwei Leipziger Kitas seit dem 15. Juli nur noch schweinefleischfreie Mahlzeiten angeboten. Das weiß die Bild aus einem Elternbrief und sie weiß auch: „Bratwurst, Bulette oder Schnitzel – viele Kinder wollen nichts anderes.“ Deswegen ist der Redaktion die Geschichte auch eine Titelseite wert. Und tatsächlich ist es ihr gelungen, Julia Klöckner, der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, einen Kommentar zum Thema zu entlocken. Diese entblödet sich nicht, im Zusammenhang mit dem – wohlgemerkt nur für die Dauer des täglichen Kita-Besuchs andauernden – Fleischverzicht von „Mithaftung“ der anderen Kinder zu sprechen. Das sei nicht förderlich für ein gedeihliches Zusammenleben.
Mit Letzterem behält sie insofern recht, als dass sofort ein Shitstorm folgte. Auch die AfD ließ nicht lange auf sich warten: Beatrix von Storch kommentierte, wenn schon die Bild-Zeitung davon spreche, dass „demokratische Prinzipien durch dieses Minderheiten-Diktat“ außer Kraft gesetzt werden, dann sei es höchste Zeit, sich diesem Irrsinn entgegenzustellen.
Der Evangelische Pressedienst brachte alsbald in Erfahrung, dass in evangelischen Kindertagesstätten in Leipzig nicht auf Schweinefleisch verzichtet werde. Das sei möglich, da ohnehin immer verschiedene Speisen im Angebot wären. Für kleinere Einrichtungen, wie die zwei Kindertagesstätten in freier Trägerschaft, ist das schwierig. Telefonisch waren beide Einrichtungen nicht zu erreichen. Nach Angaben der Leipziger Volkszeitung hat einer der Kindergärten jedoch bereits Drohungen erhalten.
Berichterstattung, Panik und Bedrohungen überraschen nicht. Schweinefleisch und Islam sind die perfekten Reizthemen für das Sommerloch. Dass am Montag ein Eritreer von einem Rechtsextremisten angeschossen wurde und eine Serie von Bombendrohungen gegen Moscheen Muslim*innen in Deutschland in Angst versetzt, erscheint da nebensächlich. Es fehlt: das Schweinefleisch.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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