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Zahl der Todesopfer in GazaLeugnen, bis es nicht mehr geht

Daniel Bax

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Daniel Bax

Die israelische Armee räumt nun die Zahl 70.000 Getöteter in Gaza ein. Die Kommunikationsstrategie der IDF folgt einer Propagandalogik.

Maysara Adwan (l.) hält während der Beisetzung weinend den Leichnam ihres elfjährigen Sohnes Qais – eines von 70.000 Opfern Foto: Abdel Kareem Hana/ap/dpa

J ahrelang haben viele deutsche Medien die Opferzahlen aus dem Gazastreifen unter Vorbehalt gestellt. Das Gesundheitsministerium werde „von der Hamas kontrolliert“, die Zahlen könne man nicht unabhängig überprüfen, hieß es. Dabei hielten viele Experten, auch die UN, die Zahlen für plausibel. Denn das Gesundheitsministerium in Gaza listet die Toten mit Namen, Identifikationsnummer, Alter und Geschlecht auf. Das lässt sich gut überprüfen, doch gerade in Deutschland wollten das viele nicht wahrhaben.

Jetzt hat die israelische Armee bestätigt, dass rund 70.000 Menschen im Gazastreifen getötet wurden. Das folgt der Propagandalogik: Zahlen leugnen und Quellen in Zweifel ziehen – und Verbrechen erst dann einräumen, wenn die Indizien erdrückend sind oder weil sich die Aufmerksamkeit längst verlagert hat. Die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen: Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung gehen von über 100.000 Getöteten aus. Nicht einberechnet sind dabei die Vermissten, die unter Trümmern begraben liegen, und jene, die an den indirekten Folgen des Krieges gestorben sind – an Mangelernährung und Krankheiten, die unter anderen Umständen nicht tödlich sein müssen.

Hinzu kommen laut UN über 170.000 Verletzte, meistens durch Bomben. Sie treffen häufig Kinder: Unicef geht davon aus, dass im Gazastreifen in den vergangenen zwei Jahren mehr als 50.000 Kinder getötet oder verletzt wurden. Der Gazastreifen weist zudem, gemessen an seiner Bevölkerung von 2,1 Millionen, die höchste Zahl an Kindern mit amputierten Gliedmaßen auf.

Nahost-Konflikt

Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Doch das Grauen hört nicht auf: Noch immer bombardiert die israelische Armee den zerstörten Küstenstreifen, wann immer es ihr passt. Seit Beginn des „Waffenstillstands“ hat sie dort über 500 Menschen getötet. Am Samstag starben dort 30 Menschen, darunter wieder Frauen und Kinder. Haben Israel-Apologeten nicht immer gesagt, die Hamas könne den Krieg sofort beenden, wenn sie die letzten Geiseln freiließe? Noch eine Propagandabehauptung, die sich als Lüge entpuppt.

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Daniel Bax
Redakteur
Daniel Bax ist Themenchef im Regieressort der taz. Er schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den Trend zum Rechtspopulismus. Sein neues Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist gerade im Goldmann Verlag erschienen.
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12 Kommentare

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  • Nur eine Nachfrage, wann und wie hat Israel die Zahlen den bestätigt? Ich weiß nur von einem Dementi der IDF

  • Wo hat die IDF diese Zahlen bestätigt? Eine Quelle ist in dem Kommentar nicht angegeben.



    Unter den hier pauschal als "Getöteten" angegebenen sind nach anderen Angaben auch die seit dem 7. Oktober 2023 eines natürlichen Todes Gestorbenen, 4000 Personen, die durch Palästinenser getötet wurden, sowie am 7.10.2023 in Israel getötete 1600 Angreifer.



    Die IDF gibt die Zahl der in Gaza getöteten Terroristen und Kombattanten mit mindestens 25.0000 an.



    Man sollte auch die Zahlen mit dem Verhältnis von toten Zivilisten und Kämpfern mit Schlachten in Städten wie Mossul (IS) oder Schlachten um Städte wie Berlin im 2. Weltkrieg vergleichen.

    • @Kai Ayadi:

      "oder Schlachten um Städte wie Berlin im 2. Weltkrieg vergleichen."

      Blödsinn. Warum nicht gleich mit Hiroshima?

  • Danke Herr Bax, auf Ihre Berichterstattung zu diesem Thema ist immer Verlass. Traurig, dass das Thema Gaza innerhalb der deutschen Linken so ein spaltendes Thema ist und viele die israelische/westliche Propaganda blind reproduzieren.

  • In Gaza gibt es auch eine Zivilbevölkerung, die nicht an der Seite der Hamas steht.



    Das werden wir „Deutschen” genauso wenig verstehen wie die Tatsache, dass noch kurz vor dem Attentat der Hamas zigtausend Israelis gegen die Regierung Netanjahu demonstriert haben.



    Ich stehe fest an der Seite der israelischen Opposition und der Zivilbevölkerung in Gaza

  • Diese 70.000 in knapp zweieinhalb Jahren sind übrigens etwas mehr als doppelt so viel, wie laut Guardian im Iran alleine in diesem Monat im Zusammenhang mit den dortigen Protesten getötet wurden.

  • Wieso Konjunktiv? Das Gaza-Gesundheitsministerium WIRD von das Hamas kontrolliert.



    Bei einer statistischen jährlichen Sterberate von ca 5.000 Menschen sind es somit um die 10.000 Toten seit dem 7. Oktober 2023, die die Hamas (und ihre Unterstützer) mitrechnen, wenn sie ihre Zahlen präsentieren und interpretieren.



    Dazu kommen die wissentlich abgeschossenen, defekten Hamas-Raketen, die auf die Zivilbevölkerung niedergehen und die Hinrichtungen von Zivilisten durch die Hamas.



    Aber für wen der Autor Sympathien hat und für wen nicht, zeigt ein Blick in seine anderen Artikel. Dort wird den Israelis selbst am Gedenktag des 7. Oktober die Trauer nicht gegönnt.

  • Beschwerden bitte an die Hamas richten.

  • Die entscheidende Angabe, um das alles auch in Relation zu setzen, fehlt natürlich: Wieviele der Getöteten gehörten zur Hamas und den Al-Quds-Brigaden?

  • Dieser Massenmord, so muss man das ob der hohen Opferzahlen wohl nennen, hätte auf jeden Fall verhindert werden können, wenn auch nur eine Seite das wirklich gewollt hätte. Die Hamas plante das Massaker vom 7.Oktober über Jahre, ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen für die eigene Zivilbevölkerung zu organisieren, weil hohe Opferzahlen ihr nutzen. Sie bauten über Jahre Tunnel, die den Gazastreifen noch zusätzlich destabilisierten und diese nur militärisch nutzten, das Baumaterial dazu zweigten sie von Hilfslieferungen für die Infrastruktur über Jahre ab. Die Kritik des Autors an Israel ist berechtigt, in der Wortwahl allerdings einseitig und es fehlt jeder Hinweis auf die aktive Rolle der Hamas und anderer Terrorgruppen. Der Islamische Djihad war beispielsweise für mehrere Raketenschläge selbst verantwortlich, wusste von den technischen Problemen der eigenen Waffen und nahm die Opfer des "friendly fires" in Kauf. Gehören diese wenigen Beispielen von vielen nicht auch zum Gesamtbild? Ist nur die völlig enthemmte israelische Kriegsführung verantwortlich für die hohen Opferzahlen?

  • doch gerade in Deutschland wollten das viele nicht wahrhaben...

    Nun ja, in Deutschland können sie jemand umbringen, die Waffe in der Hand, zehn Augenzeugen und ein Videoband und trotzdem wird immer nur von "mutmaßlich" geredet.



    Festlegen ist sowas von 1970iger.

  • Da haben es "... viele deutsche Medien..." doch richtig gemacht, wenn sie die Zahlen der Hamas-Gesundheitsbehörde als nicht überprüfbar und somit nicht valide bezeichnet hat. Offenbar ist ja bis jetzt nicht klar, wie viele Todesopfer es gab, wenn jetzt schon von 100.000 Getöteten gesprochen wird.