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Streitthema HausaufgabenGrundschulen erproben das Ende der Hausaufgaben

Ein Paradigmenwechsel: Grundschulen in Norddeutschland verzichten vermehrt auf klassische Hausaufgaben und verlagern das Üben in den Schulalltag.

An der Grundschule Nortorf in Schleswig-Holstein startet der Unterricht mit einer freien Arbeitsstunde. Was die Kinder lesen und woran sie arbeiten, entscheiden sie dabei selbst. Schulleiterin Astrid Krüger berichtete dem NDR zuletzt, dass es einen längeren Prozess der Auseinandersetzung darüber gab, welchen Nutzen Hausaufgaben überhaupt hätten. Seit Februar vergangenen Jahres verzichtet die Schule auf klassische Hausaufgaben, da sie auch zur Ungleichheit beim Lernen beitrage.

Die Schule steht damit nicht allein. In Schleswig-Holstein gibt es laut Bildungsministerium mehrere Schulen, die bereits ohne Hausaufgaben arbeiten oder vorhaben sie im klassischen Sinne abzuschaffen. Erfasst wird die Anzahl dieser Schulen nicht, auch bundesweit fehlt eine Statistik. Laut einer Antwort des niedersächsischen Kultusministeriums auf eine Kleine Anfrage der CDU vom November vergangenen Jahres verzichteten neun Grundschulen in Hannover auf Hausaufgaben, 13 weitere planten den Schritt. Als Gründe führen sie vor allem Chancengerechtigkeit an, weil viele Kinder zu Hause keine Unterstützung bekämen, sowie den entfallenden Kontrollaufwand für Lehrkräfte.

Hausaufgaben scheinen so selbstverständlich zur Schule zu gehören wie die Lehrkraft zum Klassenzimmer. Sie sollen Stoff festigen, selbstständiges Arbeiten einüben und Verantwortung fürs eigene Lernen fördern, so die Idee. Dabei setzen sie voraus, was längst nicht jedes Kind zu Hause hat: einen ruhigen Arbeitsplatz, Zeit und, wenn nötig, Unterstützung bei der Bearbeitung.

Wie ungleich schon die räumlichen Voraussetzungen verteilt sind, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: 2025 lebten 19 Prozent der Minderjährigen in Deutschland in einer überbelegten Wohnung, bei Alleinerziehenden und ihren Kindern waren es knapp 30 Prozent. Zwar sagt dies nicht zwangsläufig etwas über den Lernerfolg einzelner Kinder, zeigt aber, dass ein Modell, das Ruhe und Rückzug voraussetzt, für viele unter erschwerten Bedingungen beginnt.

Noch lange keine Chancengerechtigkeit

Ob Hausaufgaben den Lernerfolg verbessern, ist seit Jahrzehnten umstritten. Entscheidend sind Alter und Leistungsstand der Kinder, Qualität und Umfang der Aufgaben, und ob sie im Unterricht überhaupt besprochen werden.

Definition des Statistischen Bundesamtes zu überbelegten Wohnungen

Im Jahr 2025 lebten 11,7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland in einer überbelegten Wohnung. Das heißt, der Haushalt verfügte über zu wenige Zimmer im Verhältnis zur Personenzahl. Eine Wohnung gilt zum Beispiel als überbelegt, wenn das Wohnzimmer auch als Schlafraum fungiert, sich drei oder mehr Kinder ein Kinderzimmer teilen müssen oder ein Bruder und Schwester, beide im Teenageralter, ein gemeinsames Zimmer haben.“

Nach einem langen Unterrichtstag – oder einem langen Arbeitstag der Eltern – würden Hausaufgaben in nicht wenigen Familien vor allem als Stress erlebt, unabhängig vom Lerneffekt, sagt Claudia Pick vom Landeselternbeirat Schleswig-Holstein für Gymnasien. Wichtig sei vor allem, dass der aufgegebene Stoff im Unterricht auch reflektiert werde. „Durch die Möglichkeit, die Ergebnisse mit KI zu erarbeiten, stellt sich die Frage, wie sinnvoll Hausaufgaben noch sind“, sagt sie.

Verlagert man die Aufgaben in die Schule, verschwinden manche Konflikte möglicherweise aus den Familien. Eltern verlieren damit aber auch Einblick in das, was ihre Kinder lernen, so die Sorge einiger. „Viele Kinder verbringen durch den Ganztag ohnehin schon einen langen Tag in der Schule“, sagt Simone Kohl, Vorsitzende der Elternkammer Hamburg. Aus ihrer Sicht kommt es vor allem darauf an, wie Hausaufgaben eingesetzt werden: Vertiefen sie bereits Gelerntes, hält sie das für sinnvoller, als wenn Kinder zu Hause neuen Stoff eigenständig erarbeiten sollen.

Ohnehin lassen sich mit Künstlicher Intelligenz viele klassische Aufgaben in Sekunden lösen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, warnte im April gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung, alles außerhalb des Klassenzimmers könne theoretisch von einer KI erledigt worden sein, für Lehrkräfte kaum kontrollierbar.

Letztlich waren Hausaufgaben auch vor dem Einzug von KI ein eingereichtes Endprodukt, von dem Lehrkräfte nie genau wussten, wie es entstanden ist. KI verschärft aber den Druck darauf, eine Diskussion zu führen, wie Leistung und Kompetenzen künftig sowohl zu definieren als auch zu bewerten sind.

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