Rentenreform und Lebensarbeitszeit : Ungerechtigkeiten verschärfen sich
Künftig sollen alle länger arbeiten. Dabei wäre es sinnvoller, das Renteneintrittsalter an die Beitragslänge zu koppeln.
Foto: Westend61/imago
D as Renteneintrittsalter soll weiter steigen. So hat es die Rentenkommission vorgeschlagen. Egal, ob Anwältin, Chefärztin, Krankenpflegerin, Handwerkerin – beim Renteneintrittsalter sind in Deutschland alle Arbeitnehmer:innen gleich. Ist das gerecht?
Noch im Frühjahr hatte Bundeskanzler Merz (CDU) fast schon sozialdemokratische Töne angestimmt: Jemand, der mit 16 eine Ausbildung beginne und 45 Jahre ohne Unterbrechung arbeite, habe „ziemlich viel geschafft“. Wer hingegen erst später ins Berufsleben starte, habe „ein bisschen zu wenig gearbeitet“. Aber genau das ist die aktuelle Gesetzeslage: Alle dürfen mit 67 in Rente gehen, egal wie viele Jahre sie zuvor eingezahlt haben – zumindest alle, die nach 1964 geboren wurden. Diejenigen, die älter sind, dürfen etwas früher in Rente gehen, aber das ist ein anderes Thema.
Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Kanzler plötzlich ein Herz für Menschen ohne Privatflugzeug entwickelt hat, die direkt nach der Schule ins Berufsleben starten. Vielmehr geht es ihm um sein Lieblingsthema Arbeit und vor allem darum, wer in seinen Augen zu wenig arbeitet. Merz hat dabei einen Punkt: Es ist ungerecht, dass Akademiker:innen, die mit Anfang, Mitte, Ende zwanzig ins Berufsleben einsteigen, im gleichen Alter in Rente gehen können wie Menschen, die ihr gesamtes Erwachsenenleben Vollzeit gearbeitet haben.
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Abgeschafft werden soll auch die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Von der profitieren vor allem jene, die früh angefangen haben zu arbeiten. Viele Akademiker:innen kommen gar nicht auf 45 Beitragsjahre. Dass künftig das Renteneintrittsalter noch weiter ansteigen soll, verschärft die Ungleichheit zwischen den Berufsgruppen. Die Rentenkommission empfiehlt, das Eintrittsalter an die steigende Lebenserwartung anzupassen. Beschäftige können 2041 also erst mit 67,5 Jahren und 2051 mit 68 in Rente gehen.
Akademiker:innen verdienen in der Regel mehr Geld als Menschen mit geringerem Bildungsabschluss. Ein höheres Einkommen hängt wiederum mit einer höheren Lebenserwartung zusammen. Sprich: Akademiker:innen haben nicht nur eine höhere Rente, sondern auch länger etwas von ihr. Bei Menschen, die in körperlich fordernden Berufen arbeiten, ist es fraglich, ob sie überhaupt bis zur Rente arbeiten können. Sie sollen sich künftig einer „individuellen Gesundheitsprüfung“ unterziehen, um vielleicht doch früher in Rente gehen zu können.
Die Rentenkommission lehnt eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Beitragsjahre ab. Doch genau das würde für mehr Gerechtigkeit sorgen. Die Bundesregierung folgt der Kommission blind: Nach der Rentenreform werden alle länger arbeiten müssen – die ohne Hochschulabschluss eben besonders lang.
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