Norwegische Vikings: Kollektive Wahnvorstellung
Der Wikingerjubel der norwegischen Fans entspringt einem popkulturell verzerrten falschen Geschichtsbild – was prima zur Fifa-WM passt.
Auf der Suche nach Originalität produzieren Nationen den größten Kitsch, da ist Norwegen keine Ausnahme. Im Ansinnen, einen unverwechselbaren Jubel zu kreieren, haben die norwegischen Fans den sogenannten Wikingerjubel, das Viking Rowing, adaptiert. Ein Abklatsch des Viking Clap, das isländische Fans bei der EM 2016 popularisierten.
Während deren „Huh!“ aber überall als authentischer Ausdruck lustiger Fankultur gesehen wurde, sind die Reaktionen auf das Rowing gemischt: Die schwedischen Spieler Gustaf Lagerbielke und Elliot Stroud haben sich darüber lustig gemacht, der dänische Journalist Johnny Wojciech Kokborg sprach von „nordischem Erwachsenenbullying“. In Norwegen selbst nannte es die Kolumnistin Janne Stigen Drangsholt „ungesund männlich“ mit einem „toxischen, fast machistischem Vibe“.
Am bizarrsten ist, dass diese Art Jubel in England erfunden wurde: Alternde Metal-Fans, denen der Moshpit zu anstrengend geworden ist, setzen sich 2009 beim Bloodstock Open Airs in Derbyshire in eine Reihe, um so zu tun, als würde es vorwärtsgehen. Auf der Bühne spielte eine schwedische Band, Amon Amarth.
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Für den Fußball übernommen hat das dann ein norwegischer Fan, Ole Frøystad, Spitzname: Mr Row Row. Es passte perfekt ins seit 2023 laufende Rebranding der norwegischen Nationalmannschaft als Abkömmlinge der Wikinger.
Ein reines Schreckensbild
Es ist also zuerst ein Marketinggag, denn Wikinger gab es gar nicht, sie sind nur ein Schreckensbild, in dem die Ängste und Nöte der englischen und nordfranzösischen Küstenbevölkerung geronnen sind. Und jetzt streiten sich die Dänen, Schweden und Norweger darum, wer am authentischsten verkörpert, was nur auf ein popkulturell komplett verzerrtes Geschichtsbild verweist. Die Nation findet da als Produkt kollektiver Wahnvorstellung ihre letzte Vollendung. Insofern passt dieser Jubel ganz gut zu einer in den USA stattfindenden WM: Die Selbstdisneyfizierung ist in sich schon eine hübsche Pointe.
Aber vielleicht ist der ganze Jubel auch ein lang vorbereitetes Omen: Als letzter aller Wikinger wird regelmäßig Harald III. Hardråde bezeichnet, einst König von Norwegen. Er starb 1066 in der Schlacht an der Stamford Bridge, als ihn ein angelsächsischer Pfeil ins Auge traf. Sollte England im Viertelfinale Norwegen schlagen, steht also der nächste Trend zu befürchten: ein kollektiver Bogenschützenjubel. Das wäre jene Krönung, die Hardråde verwehrt geblieben ist.
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