Vor dem Spiel Norwegen gegen England: Klare Kante gegen die Abgründe dieser WM
Der norwegische Erfolgstrainer Stale Solbakken zeigt auch außerhalb des Platzes Haltung. Undogmatischer ist er neuerdings am Spielfeldrand.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, im Moment des größten Erfolges der norwegischen WM-Geschichte in die Abgründe des Turniers abzutauchen. Aber Stale Solbakken ist sofort dabei, als jemand nach Folarin Balogun fragt. Gerade hat der Trainer mit seinen Norwegern Brasilien besiegt, erstmals steht das kleine Land im Viertelfinale des Weltturniers, während allerlei Gerüchte die Nachricht flankieren, derzufolge der US-Amerikaner Balogun trotz roter Karte nicht gesperrt wird. Hat wirklich Donald Trump seine Finger im Spiel? Wo sich andere mit ihren Presseleuten absichern, Konjunktive einbauen, erfasst Solbakken umgehend die ganze Dimension des Vorgangs.
„Es ist eine schlechte, schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung“, sagt er. „Die USA tun mir leid, denn wenn sie gewinnen, wird das immer im Hinterkopf mitschwingen.“ Solbakken ist ein Mann mit Haltung und dem Mut, diese inmitten der oftmals hysterischen WM-Öffentlichkeit auch zu zeigen.
Der frühere Chefcoach des 1. FC Köln hat sich einmal selbst als „Sozialist“ bezeichnet und kritisiert in seinem Buch „Löwenherz“ die rigide Einwanderungs- und Abschiebepolitik einiger skandinavischer Länder. Einen Teil seines Gehalts spendet er, weil er die Geldsummen im professionellen Fußball „absurd“ findet. Als Russland 2022 die Ukraine überfällt, stellt er umgehend klar, dass Fußballer, die weiter für russische Klubs spielen, nicht mehr fürs Nationalteam nominiert werden.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Flankiert wird Solbakken von Lise Klaveness, der Präsidentin des norwegischen Fußballverbands, die immer wieder als prominente Kritikerin der Fifa-Autokratie des Gianni Infantino auffällt.
Fußball ist nicht alles
Aber nicht nur deshalb ist Solbakken einer der spannendsten Trainer des WM-Turniers. Er behauptet zwar, dass er wenig Ahnung von anderen Dingen als Fußball habe und als Teilnehmer am sozialen Leben ein wenig „eingeschränkt“ sei. Aber als Norwegen in der Gruppenphase auf die Franzosen trifft, deren Trainer Didier Deschamps zur Beerdigung seiner Mutter abgereist ist, bringt Solbakken sein Mitgefühl mit einem Blumenstrauß zum Ausdruck. Und kurz vor der WM müssen Solbakken und seine Familie selbst eine bittere Nachricht verkraften.
Sein Sohn Markus, der gerade mit Aarhus GF dänischer Meister geworden ist, erhält die Diagnose Multiple Sklerose. „Es war Ausnahmezustand. Wenn dein Sohn ein Gehirnscannung macht, Rückenmarksproben und tausend Bluttests, dann weißt du, dass es harte Tage sind“, sagt Solbakken TV 2. Es ist nicht der erste Schock für die Familie.
2001, Markus war ein Baby, die Mutter Anfang 20, erleidet Solbakken als Spieler des FC Kopenhagen im Training einen Herzstillstand. Mannschaftsarzt Frank Odgaard wird sein Überleben später als „Wunder“ bezeichnen und erzählen, dass Solbakkens „Herz zwölf Minuten lang nicht geschlagen hatte“. Wegen der langen Zeit ohne Sauerstoffversorgung drohen ernsthafte Hirnschäden, am Ende geht irgendwie alles gut. Nur die Angst bleibt.
Schrecksekunde mit Defi
Heute trägt Solbakken einen Defibrillator in der Brust, der das Herz bei einem neuerlichen Stillstand mit Stromstößen wieder in Gang setzen soll. Dieses Gerät springt während einer WM-Pressekonferenz plötzlich an – ein Schreckmoment, bis sich herausstellt, dass Magnete an einem Mikrofon den Fehlalarm ausgelöst haben. Umso erstaunlicher ist, wie gut sich Solbakken auf den Fußball konzentrieren kann. Der 2:1-Sieg gegen Brasilien beruht auf einer taktischen Meisterleistung, auf klugen Wechseln und dem Mut, als Außenseiter und trotz Erling Haaland, dem besten Konterstürmer der Welt, Ballbesitzfußball zu spielen.
In seiner Zeit als Klubtrainer beim 1. FC Köln und bei den Wolverhampton Wanderers gilt Solbakken noch als sturer Dogmatiker, der seinen Spielern enge taktische Fesseln anlegt. Seine Norweger nun können lässig zwischen einem gut ausgewogenen Ballbesitzspiel wie gegen Brasilien und einer abwartenden Konterstrategie wie beim 3:2 gegen Senegal wechseln.
Entwickelt hat Solbakken diese Reife vor allem während der beiden Episoden beim FC Kopenhagen, mit dem er etliche Titel gewonnen hat. Dass mit Norwegen ein weiterer hinzukommt, ist eher unwahrscheinlich, aber ein Sieg im Viertelfinale erscheint keinesfalls unmöglich. In jedem Fall ist nicht nur die Begegnung der Superstars Harry Kane und Erling Haaland hochinteressant, wenn Norwegen und England aufeinandertreffen, sondern auch das Duell zwischen den Trainern Ståle Solbakken und Thomas Tuchel.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert