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Linke, SPD und Grüne verlassen XDer Rückzug in die Bubble ist ein strategischer Fehler

Pauline Jäckels

Kommentar von

Pauline Jäckels

X ist eine der wenigen Plattformen, wo man Menschen jenseits des eigenen politischen Spektrums erreicht. Ein Boykott nutzt Linken nichts.

Natürlich ist es scheiße, dass ein rechter Milliardär eine Plattform mit einer solchen Meinungsmacht besitzt und kontrolliert Foto: Noah Berger/ap

L inke, SPD und Grüne haben am Montag in einer gemeinsamen Aktion die Musk-Plattform X verlassen. Die Plattform sei in den vergangenen Jahren im Chaos versunken und fördere Desinformation, begründen die Parteien diesen Schritt. Diese Erklärung ist nicht nur wenig überzeugend – auch strategisch tun sich Rot, Rot und Grün mit dieser Entscheidung keinen Gefallen.

Natürlich ist es scheiße, dass ein rechter Milliardär eine Plattform mit einer solchen Meinungsmacht besitzt und kontrolliert. Nur ändert der Boykott zum einen nichts daran und zum anderen bedeutet er schlicht den Rückzug in die eigene Bubble. Denn was sind die Alternativen? Auf Bluesky tummeln sich ohnehin größtenteils User*innen, die eine der drei Parteien wählen. Und bei den Meta-Plattformen Instagram, Threads und Facebook versinkt man qua Algorithmus im Sumpf des eigenen Meinungsumfeldes. Ganz zu schweigen davon, dass das Unternehmen Meta und sein CEO Mark Zuckerberg nicht weniger schrecklich sind als X und Elon Musk – nur einfach nicht ganz so exzentrisch.

X ist zwar voll mit Rechten, Konservativen, Trolls und Bots, Desinformation und AI-Slop – wie andere Plattformen auch. Aber es ist eine der wenigen Plattformen, wo Austausch und Konfrontation über das eigene politische Spektrum hinweg stattfindet. Wer Meinungsmacht aufbauen will – und das haben Linke dringend nötig, wenn sie etwas bewirken wollen –, muss Andersdenkenden dort begegnen, wo sie sind. Muss wissen, wie sie argumentieren, ihnen Paroli bieten und sie von der eigenen Sache überzeugen.

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Pauline Jäckels
Meinungsredakteurin
Redakteurin im Meinungsressort seit April 2025. Zuvor zuständig für die parlamentarische Berichterstattung und die Linkspartei beim nd. Legt sich in der Bundespressekonferenz gerne mit Regierungssprecher:innen an – und stellt manchmal auch nette Fragen. Studierte Politikwissenschaft im Bachelor und Internationale Beziehungen im Master in Berlin und London.
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19 Kommentare

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  • Es macht keinen Sinn, sich über Elon Musk und seine faschistoiden Bemühungen aufzuregen und ihn gleichzeitig mit der Nutzung seiner "Dienste" zu untersützen. Alle Welt (zumindest die nicht rechtsextremistische) fordert den Boykott seiner Produkte und das ist auch richtig. Auch der Verzicht auf eine Hetzbühne ist richtig - Argumente aus der nichtfaschistischen Ecke werden dort entweder gleich unterdrückt und wenn nicht, dann ignoriert und die Verfasser beleidigt oider bedroht. Es ist gut das nicht mehr mitzumachen.

  • Twitter oder nun eben X sollte eigentlich nicht von Politikern genutzt werden.



    Die meisten "Nachrichten" an die ich mich erinnern kann, die da jemand mit politischer Verantwortung abgesetzt hat, waren unterirdisch, unreflektiert, möglicherweise nach ein, zwei Bier oder Wein verfasst, im Affekt geschrieben und haben viel mehr geschadet als geholfen.



    Nun, vielleicht haben sich auch besonders diese Nachrichten, äh tweets oder wie sie jetzt heißen, in mein Gedächtnis eingebrannt. Vielleicht gibt es ja auch sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten und Fälle in denen es im politischen Alltag ein X braucht, ich persönlich bezweifle das jedoch. Gute politische Arbeit hat sich noch nie in effektheischenden, selbst darstellerischen Verlautbarungen ausgedrückt.



    Anderseits sieht man erst wie manche Politiker ticken, wenn sie erstmal ungefiltert einen raushauen. Und sich dann im Nachhinein erklären müssen, es wäre ja alles ganz anders zu verstehen und ...

    Zum zurückziehen in die Bubble: X ist nur so wichtig wie es die Menschen machen. Ich war noch nie dort, bin es nicht und werde es nicht sein. Das der Besitzer so ist wie er ist, ist noch ein Grund das auf jeden Fall auch wirklich nie zu tun.

  • Nun, dass eine Journalistin so denkt, verwundert nicht. JournalistInnen und Politikerinnen waren Profiteure der Plattform. PolitikerInnen konnten Kommentare zu allem und jedem absetzen und JournalistInnen kamen an Originalzitate ohne auf Pressekonferenzen abhängen zu müssen.



    Das ist aus meiner Sicht einer der Hauptgründe, warum sich diese kleine Plattform so lange im öffentlichen Bewusstsein halten konnte. Die beste Statistik für Deutschlan, die ich finden konnte: 15,60 Millionen "Monthly Active Recipients" - also Leute die mindestens einmal im Monat auf der Plattform waren.

  • Stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine nennenswerte Reichweite gibt, die es rechtfertigt, das Geschäftsmodel eines Faschisten zu unterstützen. Mit Rechtsextremen auf Sozial Media zu diskutieren ist eh Zeitverschwendung . Zu 95% wird man, komplett frei von sachlichen Argumenten, beleidigt. Ich habe keinen Bock mehr, mir ständig diesen dummen Hass reinzuziehen. Scheiß auf X.

  • Naja, nee, die Argumente gegen ein Verbleiben auf dieser Deepfake-Nazi-KI-verseuchten Bubble wurden bereits genannt.

    Um dort ernsthaft mit den bestens finanzierten rechten Hetzwerken und Botarmeen mithalten zu können, müsste man materiell und personell massiv aufstocken und ich wüsste nicht, wie sich eine Partei oder NGO das leisten können soll.

    Es war der richtige Schritt dort abzuhauen, wenn auch ein paar Jahre zu spät.

  • Zwitscher (heute X) war einmal Sportplatz für Meinungsübungen nach dem Motto "Fasse dich kurz". Dieser scheinbar karrierekommunikationsförderliche Sport begeisterte in Deutschland junge Leute in einem Maße wie sonst nur noch Fußball und Fitnesscenter. Viele vormals vernünftig Internetaktive gingen leider absolut total restlos verloren auf Twitter, verloren für andere Internetprojekte von weitaus höherem kulturellen Wert und Freizeitwert! Teilweise waren es die Gründer und Hosts wirklich wichtiger und/oder wesentlicher Internetprojekte, etwa Wikis, Blogs etc., die vollkommen, ganz und total im Twittersumpf versanken und ihre Verantwortung für Weiterführung oder Übergabe ihres eigenen Internetprojektes seither 100% vernachlässigten, die zumeist im luftleeren Raum ein trauriges Ende fanden.

    Twitter war insofern die schlimmste Blase überhaupt. Die Übernahme durch Musk unterstrich das nochmal mit unendlich vielen Ausrufezeichen. Wer schon bei Twitter war und immer noch bei X aktiv ist, ist eigentlich selber schuld!

  • Sorry, aber X ist ja bereits eine Bubble. War es auch als twitter schon. Gemessen an der Bevölkerung sind es doch recht wenige Menschen, die da unterwegs sind.

  • Ihre Argumentation hat einen Haken: Sie geht davon aus, dass auf Twitter Konversation stattfindet. Tatsächlich bietet die Plattformen das allenfalls noch für Rechte, dem Rest wird keinerlei Reichweite mehr geboten. Zwei Untersuchungen von Netzpolitik.org und dem Zentrum für Digitalrechte und Demokratie haben das in den letzten Monaten erst bestätigt.



    Wer für vierstellige Views und Hasskommentare auf der Plattform bleiben will, möge es tun. Der Rest sucht sich eben Alternativen.

  • "Wer Meinungsmacht aufbauen will – und das haben Linke dringend nötig, wenn sie etwas bewirken wollen – muss Andersdenkenden dort begegnen, wo sie sind. Muss wissen, wie sie argumentieren, ihnen Paroli bieten und sie von der eigenen Sache überzeugen."

    Ja, aber nicht auf irgendwelchen Online Plattformen, wo irgendwelche Trolle sich eh nicht von anderen Meinungen überzeugen lassen, sondern draußen in der echten Welt!

  • Ist doch gut - ich hoffe, das lenkt mehr Aufmerksamkeit auf Mastodon! ❤️

  • Twitter/X war nie eine Plattform, um Unbeteiligte oder Unentschlossene mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Alle PolitikerInnen nutzten die Plattform zur Selbstdarstellung, für Wahlkampf und Rage-Bait. Eine modernere aber ebenso gefährliche Variante der Politik-Talkshow, bei denen bis aufs Komma geübte Sätze verbreitet werden, jenseits der objektiven Faktenlage.

  • "Ganz zu schweigen davon, dass das Unternehmen Meta und sein CEO Mark Zuckerberg nicht weniger schrecklich sind als X und Elon Musk – nur einfach nicht ganz so exzentrisch."



    Nicht weniger schrecklich auf welcher Skala mit welchen Messpunkten?

    Austreten ist auch eine Meinung, das wissen politische Parteien sehr gut.



    Personalisierte Werbung zu verbreiten benötigt Daten, die wir den Tech-Bros frei Haus liefern.

    "tagesschau startet auf Mastodon: ARD sammelt Erfahrungen als eigene Digitalplattform



    Die Redaktion der tagesschau geht erste Schritte in eine dezentrale Digitalwelt jenseits von Twitter, Instagram und TikTok. Mit der Instanz tagesschau@ard.social will die Social-Media-Redaktion der tagesschau auf dem Microblogging-Dienst Mastodon Erfahrungen mit neuen, nutzerbetriebenen Plattformen sammeln. Das Experiment soll Erkenntnisse liefern, die auch in den Betrieb eigener ARD-weiter Digitalplattformen einfließen."



    ard.de Mai 23



    Kurznachrichten dort:



    "Das Besondere: Im Vergleich zu Twitter werden sie chronologisch dargestellt und unterliegen keinem Algorithmus."



    bei deutschlandfunkkultur.de 2023



    "ARD und ZDF auf Mastodon – öffentlich-rechtliches Engagement im Fediverse"



    Metaverse ade?

  • Ein Boykott nutzt Linken nichts, mag sein, dabei bleiben aber auch nicht. Solange Ihr Sozial Media Süchtigen nicht von eurer Droge lassen könnt, wird sich an ihrer destruktiven Macht nichts ändern.



    Mit freundlichen Grüßen



    Edgar Schmauch

  • Ist das so?



    Muss man*frau wirklich gegen Windmühlen kämpfen?



    Es ist ja noch nicht einmal sicher, ob die Diskussionen menschlich sind.



    Ist es notwendig, Respektlosigkeit zu ertragen?



    Ich glaube nicht.



    Um ein Zitat aus der Anmoderation des taz Podcasts zu nutzen:



    " mit Rechtsradikalen rede ich nicht!"



    Wer menschenverachtend redet, wer den Holocaust leugnet, wer respektlos in der Diskussion ist, ist mir die Mühe nicht wert.



    Im echten Leben begegne ich durchaus Menschen mit anderer Gesinnung.



    Ich denke auch, dass z.B. Zusammenarbeit mit rechtslastigen und Flüchtlingen ein Weg ist, Gemeinsamkeit zu schaffen ( habe ich selbst erlebt).



    trump und musk und die Massen, die ihnen folgen, erinnern mich an Kinder in der Trotzphase, die sich "wegschreien" und für Argumente nicht mehr zugänglich sind.



    Auf einem derartigen Niveau lässt sich nicht diskutieren.



    Es ist gut, dass der Staat die juristische Handhabe gegen Illegale Machenschaften im Netz verstärkt.



    Da muss mit härteren Bandagen gegen Demokratiezerstörer gekämpft werden.



    Ein Boykott ist ein deutliches Signal und ich bedauere, dass dieser Artikel die gemeinsame Initiative demokratischer Parteien herabsetzt. Mitmachen wäre sinnvoller!

  • Danke! Gut getroffen der Artikel.

  • Auf der anderen Seite füttert man aber durch einen Ausstieg auch nicht mehr den Netzwerk-Effekt, welcher den Plattform-Monopolen erst ihre Macht gibt. Durch die Beteiligung halten wir diese Systeme lebendig. Ich persönlich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen diese Plattformen verlassen.



    Als Gesellschaft brauchen wir andere Tools und Plattformen, mit anderen Algorithmen, die für eine konstruktivere Kommunikation sorgen und uns wachsen anstatt regredieren lassen...

  • Wo sollen die sich sonst noch rumtreiben? Wo alle Verstrahlten unterwegs sind, im Darknet, bei Telegram oder Truthsocial?



    Bitte mal Beispiele wo z.B. mit unseren heimischen Faschisten ein "Austausch" stattfinden soll.

  • So ein Quark. Sie gehen doch auch nicht in rechte Szenekneipen, nur, um nicht in der eigenen Bubble zu bleiben. Sie kaufen auch keine Müllermilch, die einem AfD Nazi gehört, nur weil alle es machen und der Typ eh reich ist. Sie kaufen auch nicht das Compact Magazin. Boykott ist das einzig Richtige und wichtig. Endlich ist es passiert. Es wird ein Zeichen gesetzt und ist ein wichtiges Symbol. Alle, die dieses System nicht weiter mittragen wollen und sich damit zu Mitläufer:inne machen, sollten diesen Schritt gehen.

  • Dieser Beitrag macht aus meiner Sicht selbst als Polemik nur begrenzt Sinn. Ich finde, es ist genau richtig und überfällig, dass sich demokratische Parteien von X verabschieden. Schade ist in der Tat, dass die Parteien statt dessen nun vor allem bei Bluesky oder Threads sind, das ist in der Tat zu kurz gedacht. Aber es gibt diese utopische Platform, die nicht voller Rechter und AI-Slop ist, nämlich Mastodon / das Fediverse.

    Wer den Netzwerk-Effekt versteht, weiß, dass der Weggang von jedem zugkräftigen Account die Bedeutung von X schwächt. Und dass umgekehrt diese zugkräftigen Accounts notwendig sind, damit sich die Nutzenden dann auch zu sinnvollen Alternativen bewegen. Wichtig wäre also, dass die Parteien sich (auch) auf Mastodon mehr betätigen.

    Manches gibt es schon: Die Grünen und Linken haben sogar eigene Instanzen: linke.social/public/local und gruene.social/public/local, auch mit größeren Accounts, bspw.: gruene.social/@GrueneBundestag mit immerhin 21k Follower:innen.

    Klar, da geht noch mehr, aber es ist eben eine (auch politische) Entscheidung, wo man seine Social Media-Energien reinsteckt.