piwik no script img

Landtagswahlen und Rechtsextreme Auf der Jagd nach schlechten Nachrichten

Silke Mertins

Essay von

Silke Mertins

Die Medien tragen mit negativer Berichterstattung zu den Erfolgen der AfD bei. Deshalb braucht es kein Schönreden, wohl aber mehr Ausgewogenheit.

A m Morgen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt wird ein AfD-Wähler im Radio interviewt. Ob er glaubt, dass es mit einer von Ulrich Siegmund geführten Regierung besser wird in seinem Bundesland, wird er gefragt. „Schlimmer kann’s ja nicht mehr werden!“, empört er sich umgehend. Schlimmer kann es nicht mehr werden? Im Ernst? Das Leben in einem der reichsten und freiesten Länder der Welt, das per Verfassung als soziale Marktwirtschaft definiert ist, sich als Sozialstaat versteht, jedem Menschen eine Grundsicherung zugesteht und in dem eine Krankenversicherung für jede und jeden selbstverständlich ist, soll schlichtweg unerträglich sein? Wie kommt er denn darauf?

Man kann nun natürlich die AfD und ihre schwarzmalerische, demagogische Propaganda für diese Sicht auf Deutschland verantwortlich machen – und man läge ganz sicher nicht falsch damit. Aber man kann sich ebenso gut fragen, ob nicht auch wir, die kritischen Medien, eine Mitschuld daran tragen, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung in Deutschland glaubt, wir lebten in einem Land, in dem es noch nie so rasend bergab ging wie heute und das von einer unfähigen, lächerlichen, machtgierigen und im Zweifel korrupten Politikelite regiert wird.

Dass diese Frage mehr ist als journalistische Nabelschau, legt die Medienforschung nahe. Die Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­r*in­nen Charlotte Galpin und Hans-Jörg Trenz sprechen von einem systematischen „Negativitätsbias“ der Nachrichtenmedien: Schlechte Nachrichten werden guten vorgezogen, politische Berichterstattung konzentriert sich entsprechend häufig auf Fehlleistungen, Polemiken, Skandale und Krisen. In Langzeituntersuchungen westlicher Demokratien lasse sich eine Zunahme dieser Nachrichtennegativität seit den 1970er Jahren beobachten.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Die Rente? Eine Katastrophe mit Ansage! Die Gesundheitsversorgung? Teuer und schlecht. Die Sozialsysteme? Mies, ungerecht, würdelos. Bildung? Schlimmer geht’s nimmer. Es reicht ein Wort: Pisa-Studie. Klimawandel: Wir sind dem Untergang geweiht. Und so könnte man endlos fortfahren. Deutschland scheint wie ein Ort, vor dem man eigentlich schleunigst die Flucht ergreifen sollte – oder aber sich eine radikale Kehrtwende wünschen kann.

Im Vergleich gar nicht so übel

Von einer „Spirale des Zynismus“ sprechen deshalb Kommunikationswissenschaftler: Wer Politik überwiegend als Abfolge von Versagen, Skandalen und Konflikten erlebt, verliert Vertrauen in politische Institutionen – und erwartet gleichzeitig immer stärker genau diese negativen Nachrichten. Galpin und Trenz beschreiben einen solchen sich selbst verstärkenden Mechanismus für die Europaberichterstattung: Publikum, politische Akteure und Medien verstärken einander in ihrer Negativität.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Was wollen wir also dagegenhalten, wenn die Rechtsextremen behaupten, die regierenden Parteien hätten das Land völlig heruntergewirtschaftet und nur noch die AfD könne das Ruder herumreißen, wenn die Medien selbst beständig aufzeigen, was alles nicht funktioniert? Was hat denn dann das politische System der Bundesrepublik vorzuweisen, und warum ist es erhaltenswert? Denn wir Medien kritisieren, meckern, nörgeln, verurteilen und empören uns über den Zustand Deutschlands, als hätten wir noch nie gesehen, wie es anderswo in Europa oder der westlichen Welt zugeht.

Die Benzinpreise in den Niederlanden sind pro Liter rund 40 Cent höher als in Deutschland; die Mietpreise bei Neuvermietungen mehr als doppelt so hoch. In Großbritannien sind Anschlussheilbehandlungen in einer Reha-Klinik nach einer Knie-OP oder einer Krebserkrankung grundsätzlich nicht vorgesehen. In den USA verschulden sich ganze Familien, wenn ein Familienmitglied an Krebs erkrankt. Studieren kostet in England rund 10.000 Pfund im Jahr, aber auch in den Niederlanden etwa 2.500 Euro.

In Skandinavien zahlen Europäer wenig, Nicht-EU-Studierende jedoch teils fünfstellige Beträge, um sich an den Unis einzuschreiben. Wie die Politik versucht, Probleme zu lösen, werde journalistisch häufig unterkomplex dargestellt, zweifelt auch Christoph Hickmann, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, die Art der heutigen Berichterstattung an und fragt, „ob wir Journalisten in dieser Zeit, in der die liberale Demokratie bedroht ist, so weitermachen können wie bisher“.

Der Grundkonsens ist verloren gegangen

Denn der Grundkonsens, der über Jahrzehnte jeder journalistischen Kritik zugrunde lag, war, dass es viel zu meckern gibt, aber das heutige politische System dennoch das beste ist, das wir je hatten. Schon 2016 hatte auch Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in seiner Dresdner Rede „Unser Ruf steht auf dem Spiel“ eine Selbstkritik des Journalismus angemahnt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Pegida und AfD den Begriff „Lügenpresse“ wieder salonfähig machten, sprach er ausdrücklich über „Skandalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung“.

Jour­na­lis­t*in­nen dürften das in sie gesetzte Vertrauen nicht verspielen, warnte er – weil kritischer Journalismus für das Funktionieren der Demokratie unverzichtbar sei. Der Konsens, von dem Hickmann spricht, ist nicht mehr vorhanden, seit sich die AfD radikalisiert und ihre Wählerbasis so stark ausgebaut hat. Sie sieht sich in der Rolle der Bürgerbewegung in der Endphase der DDR. „Wir sind das Volk“ ist weit mehr als ein geklauter Schlachtruf. Man sieht das derzeitige System der Bundesrepublik Deutschland am Ende und sich selbst als einzige Alternative.

Doch was tun mit dieser Erkenntnis? Kritisch zu hinterfragen, Missstände aufzudecken und als Korrektiv gegenüber denen zu wirken, die die Macht ausüben, ist die wichtigste Aufgabe des Journalismus. Politische Debatten in der medialen Öffentlichkeit werden stellvertretend für die Leser*innenschaft, idealerweise sogar für die Bevölkerung geführt. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob die Jagd nach Missständen und Skandalen zum Teil nicht zur Obsession geworden ist, an der journalistische Qualität bemessen wird.

Der „investigative Journalismus“ ist die Königsdisziplin der Branche. Die Bezeichnung ist leicht irreführend, denn natürlich recherchieren alle Journalist*innen, nicht nur die investigativen. Dennoch ist klar, wer und was hier gemeint ist: Kolleg*innen, die wie die Trüffelschweine nach besonders übelriechenden Geschichten suchen. Sie stehen in der Hierarchie der Branche ganz oben. Hier winken Preise, Ruhm und Ehre.

Ist, wer gute Nachrichten liefert, wirklich naiv?

Und so manchem politischen Magazin merkt man an, dass hier zugespitzt und skandalisiert wird, was das Zeug hält, um eben auch zu dieser Elite der „Investigativen“ dazuzugehören. Mit Verachtung gestraft oder wenigstens mit großem Misstrauen bedacht werden indes jene Kolleg*innen, die es wagen, beispielsweise ein positives Porträt über einen Politiker oder eine Politikerin zu schreiben.

Das Leben in einem der reichsten und freiesten Länder der Welt, ein Sozialstaat, der allen eine Grund- und Kranken­versicherung zugesteht, ist keineswegs unerträglich

Sie geraten umgehend in den Verdacht, einer geschickten PR auf den Leim gegangen zu sein oder es an jeglicher kritischen Distanz mangeln zu lassen und auf jeden Fall seinen Job nicht richtig gemacht zu haben, was schon fast einem journalistischen Todesurteil gleichkommt. Man ist umgekehrt immer auf der sicheren Seite, wenn man mit Kritik reichlich um sich zu werfen versteht. Vielleicht liegt darin ein strukturelles Problem. Negativität ist schließlich nicht nur eine journalistische Haltung, sondern ein Nachrichtenwert.

Eine Geschichte über etwas, das funktioniert, muss ihre Relevanz erst beweisen. Zu guter Letzt steht einer guten Geschichte oft auch noch die Realität im Wege. Seit „Storytelling“ den Journalismus dominiert und mit Preisen überschüttet wird, werden Re­por­te­r*in­nen gern mit einer These losgeschickt, die sich dann in der Recherche vor Ort bestätigen soll: Bitte in der Reportage zeigen, dass soziale Ungerechtigkeit zu einer Radikalisierung der Wäh­le­r*in­nen führt.

Was aber, wenn die Menschen vor Ort etwas ganz anderes sagen und die gesamte Gemengelage sich nicht auf diese These zuspitzen lässt? Wenn einem also die verdammte Wirklichkeit das schön zurechtgelegte Storytelling kaputt macht? Die US-amerikanische Journalistin Amanda Ripley hat für dieses Problem eine Gegenformel gefunden: „Complicating the Narratives“ – die Geschichten komplizierter machen. Jour­na­lis­t*in­nen neigten dazu, Widersprüche herauszuschneiden, weil eine Geschichte kohärent sein müsse.

Die Realität ausgewogener darstellen

Gerade in polarisierten Gesellschaften könne aber genau diese Kohärenz zum Problem werden. Die Wirklichkeit sei häufig widersprüchlicher als die Geschichte, die wir erzählen wollen. Man kann sich vorstellen, dass dabei nicht nur Gutes herauskommt. In jedem Fall reicht es oft nicht mehr, einfach nur das darzustellen, was man vor Ort beobachtet. Und doch ist der sogenannte konstruktive Journalismus keine annehmbare Lösung in einer Zeit, in der die liberale Demokratie bedroht ist.

Es ist nicht unsere Aufgabe, Lösungen aufzuzeigen. Sehr wohl aber, über sie zu berichten und die Komplexität von Themen wie der Rentenreform oder der sozialen Absicherung aufzuzeigen. Nicht nur Skandale und Missstände sind berichtenswert, sondern auch Erfolge, Vorbilder und gelungene Projekte. Interessanterweise gelingt es dem Lokaljournalismus häufiger als überregionalen Medien, eine gute Balance zwischen kritischen und positiven Berichten zu wahren.

Vielleicht liegt es daran, dass man auf lokaler Ebene immer Gefahr läuft, der Person wieder über den Weg zu laufen, die man gerade noch heftig kritisiert hat. Oder auch, dass sich der Druck, ein journalistisches Meisterwerk abzuliefern, in Grenzen hält. In jedem Fall brauchen wir eine Berichterstattung, die die Wirklichkeit ausgewogener darstellt als bisher. Die Medien sollten kritisch, investigativ und unbedingt auch scharfzüngig bleiben. Worauf wir uns jedoch besinnen sollten, ist Ausgewogenheit.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Silke Mertins

Silke Mertins Redakteurin Meinung

Kommentatorin & Kolumnistin, Themen: Grüne, Ampel, Feminismus, Energiewende, Außenpolitik
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

40 Kommentare

 / 
  • Tilman Eichstädt

    Danke, sehr wichtiger Beitrag und sehr wichtige Diskussion.

    Zumal sich parallel die Medien-Landschaft noch verändert. Die Kurzfristigkeit von Nachrichten und Kanälen wie Facebook, Instagram, Twitter und TIkTok dominiert immer mehr.

    Also wird immer mehr verkürzt und gleichzeitig immer mehr skandalisiert und dramatisiert. Nachrichten und Informationen verkommen immer mehr zu Clickbait. Und immer mehr Lügen, ÜBertreibungen und Fehlinformationen dominieren den Nachrichtenraum. Das ist sehr bedrohlich.

     

  • Chris McZott

    "Bad news are good news" gilt wohl für jedes Spektrum.

    Würde hier bei der taz ein Artikel erscheinen, der die Entwicklung der Lebensbedingungen in Deutschland lobt, würde es hier im Forum Stürme der Entrüstung geben.



    Mobilisierung funktionert über Angst und Ablehnung nunmal ziemlich gut.

  • Niemals

    Wirklich? Sind es nur Stimmung, mentale Befindlichkeit, Fokussierung aufs Negative? Zu geringe Konzentration auf das viele Positive und einfach mehr manifestieren? Hier ist vermutlich die Position entscheidend: Sicher geht es der Bahlsen-Erbin trotz Studienabbruchs gut, während die Unterschichts-Studienabbrecherin, die aus finanziellen Gründen aufhören muss, eine ganz andere Perspektive hat. Man kann letzterer natürlich ins Stammbuch schreiben, dass ja nicht alles schlecht sei und es immer noch Länder gibt, in denen nicht einmal Trinkwasser verfügbar ist. Sie möge sich also mit ihrer Mietsteigerung oder ihrem Jobverlust nicht in die "Complicating the Narratives"-Reihe einordnen. Schließlich hat sie nach Abgabe aller eventuell noch vorhandenen Ersparnisse ein Recht auf Grundsicherung.

    Interessant bei diesem Blick ist die Hierarchisierung: Die Frage, warum es in anderen Ländern noch schlechter ist, wird gar nicht gestellt. Mal ganz abgesehen davon, dass wir womöglich noch die Krankenversicherung verlieren.

  • Querbeet

    Meine herzlichsten Glückwünsche nach Berlin! Viel Vergnügen mit der neuen in Teilen antisemitischen Partei in führender Regierungsverantwortung.



    Entweder kommen jetzt die Enteignungen und die Stadt ist endgültig bankrott, oder sie kommen aus Realismus nicht, und die Linke hat ihre Wähler ebenso enttäuscht wie weiland die CDU die ihren im Bund.

  • Philippo1000

    Sehr geehrte Frau Mertins,



    ihnen gebührt ein großes Lob!



    Selbstkritik gehört bekanntermaßen zu den schwierigsten Disziplinen.



    Sie verbinden die Kritik an der Entwicklung des eigenen Berufsstands allerdings zusätzlich mit positiven Ideen.



    Viele Ihrer Kolleg*Innen könnten sich daran ein Beispiel nehmen.



    Interessanterweise sind die größten Kritiker*Innen ja oft sehr dünnhäutig, was Kritik an der eigenen Arbeit oder Person betrifft.



    So kommt es zu Entwicklungen, in denen die kritisierten Kritiker*Innen selbst Kritik zensieren, obwohl sie öffentlich Zensur natürlich gänzlich ablehnen.



    Nobody is perfekt.



    Ihr Artikel ist ein gutes Gegenbeispiel.



    Mein Gefühl sagt mir, dass ich unter den tausenden Artikeln, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, "ungefähr drei" , incl. dem Ihren waren, die sich derart kritisch äußerten.



    Das adelt Sie in meinen Augen und lässt hoffen, dass Ihr Berufsstand noch eine Zukunft hat.



    Der "Stil" und die "Qualität", die im Internet vorherrschen,



    sollten nämlich auch dort verbleiben.



    Ich bin davon überzeugt, dass sich Qualität am Ende durchsetzt.



    Das ist auch meine Hoffnung auf Politik und Gesellschaft, dass Lügen letztlich als solche entlarvt werden.



    Danke!

  • Deep South

    Alles richtig. Und dass die Rechtsextremen auf Ängste und Untergangszenarien bauen, mit der sie Menschen ködern, ist auch nichts Neues. Das war schon immer so. Natürlich brauchen sie den Frust und diffuse Bedrohungslage, damit sie ihr Erlösungs-Narrativ spinnen können. Und das bedienen Social Media und Co. perfekt.



    Und ja, wenn ich mich hier so durch die Themen und Headlines lese, krieg ich auch immer das Gefühl, alles wäre kurz vor Abgrund. Selbst Artikel zu positiven Nachrichten kommen eigentlich nie ohne, "ja aber" und "eigentlich viel zu wenig" aus. Das ist manchmal so schlimm, dass ich die Seite nah dem 3ten Artikel zumache, um mich nicht runterziehen zu lassen. Davon bewegt sich nämlich mal gar nichts.



    Dass heißt natürlich nicht, dass ich mir unkritischere Texte wünsche, aber eben mit weniger Tunnelblick auf das was schlecht ist und mit mehr Fokus auf Chancen und Errungeschaften.



    Wenn das mal ein selbstkritischer Ansatz sein soll, dann kann ich das nur begrüßen.

    • Abdurchdiemitte

      @Deep South:

      „… wenn ich mich hier so durch die Themen und Headlines lese, kriege ich auch immer das Gefühl, alles stände kurz vor Abgrund.“



      Da muss ich Ihnen mit Blick auf die Ergebnisse der gestrigen Landtagswahlen zustimmen.



      Denn eines gibt doch Anlass zu vorsichtigem Optimismus: in keiner der bisherigen Landtagswahlen - in SAH steht die Sache freilich noch auf der Kippe - ist es der AfD gelungen, sich eine reale Machtperspektive zu erschließen. Auch das BSW als Königsmacherin fällt in Berlin und MV aus.



      Insofern stehen v.a. auch Weidels markige Erzählungen, Deutschland stände kurz vor dem Abgrund, die AfD direkt vor der Machtübernahme, weil die ‚Altparteien‘ am Ende seien, in krassem Gegensatz zu den von den Bürgern an der Wahlurne geschaffenen Realitäten.



      Die Wahlergebnisse sind jetzt wahrlich kein Grund, Freudenfeuer zu entfachen, aber sie sind wenigstens Anlass zur Hoffnung. Auch wenn die CDU jetzt möglicherweise die schwärzeste Stunde in ihrer Geschichte erlebt.



      Das mögen wir als Demokraten - bei allen sonstigen gegensätzlichen Positionen - doch bitte festhalten und mitnehmen auf dem langen, steinigen Weg, den Rechtsextremismus in diesem Land endgültig zu bannen.

      • Deep South

        @Abdurchdiemitte:

        Seh ich auch so. Mir gehts hier aber auch um etwas Grundsätzliches. Es ist ja nicht so, dass sich diese Negativität nur am politischen Zustand festmacht. Die generelle Form der Berichterstattung, die sich immer nur auf polarisierende Extreme konzentriert und immerwährend vor Katatastrophen warnt, hat nicht die Spaltung der Geslleschaft massiv vorangetrieben sondern mittlerweile auch einen generellen Fatalismus erzeugt, der sich wie ein schwerer Mantel über sämtliche Debatten gelegt hat, selbst über Belanglose. Es lähmt ungemein und führt bei vielen Leuten dazu, sich aus Diskurs und Engagement zurückzuziehen. Wenn ständig suggeriert wird, das Klima kippt sowieso und ein kleiner Beitrag dagegen ist nicht genug oder nur ein Parteiverbot kann die AfD noch aufhalten, egal wie du dich sonst so engagierst, dann kostet das wertvolle Substanz. Wenn auf jeden politischen Vorschlag zu Veränderung immer die Bedenken und das Mißtrauen größer sind, als mögliche Chancen die sich ergeben, dann siegt auch immer die Stagnation. Zwischen "Freudenfeuer" und "Apokalypse" liegt eben genauso viel, wie zwischen Freund und Feind, zwischen Daumen hoch, Daumen runter.

        • Abdurchdiemitte

          @Deep South:

          Ich meine, die Katastrophen gibt es ja trotzdem und man muss schon blind sein, um sie nicht zu erkennen. Schon allein deshalb ist kritischer Journalismus gehalten, darüber auch zu berichten.



          Und es gibt ja auch nichts schönzureden. Mittlerweile haben der Klimawandel und alle damit verbundenen Folgeerscheinungen derartige Dimensionen erreicht, dass sie politisch nicht mehr mit einem einfachen Fingerschnippen gelöst werden können.



          Und genau da setzt meine Kritik an der ‚etablierten‘ Politik an (die AfD dagegen suggeriert ja nur, die Probleme mit alten, rückwärtsgewandten und längst gescheiterten Rezepten lösen zu können): die Politik hat längst die Kontrolle über das Geschehen sowie ihre Handlungsfähigkeit verloren. Die Menschen wissen das oder erahnen es zumindest, auch die, die diese hilflosen Parteien wählen..



          Es geht mir also nicht darum, wer recht hat oder die ‚richtige‘ Politik macht, ob nun CDU, Die Linke oder sonst wer. Es geht darum, dass sie ihren Wählern reinen Wein einschenken sollen, über den Zustand dieses Landes und den des gesamten Erdballs. Auch wenn das Angst macht und erst mal keine schnellen Lösungen parat sind.



          Wo die Angst ist, geht’s lang.

  • Lindenberg

    Einen angeblichen Empörungsjournalismus konstatierte auch SWR Intendant Gniffke. Besonders über Unternehmen solle man positiver berichten.



    Schwer irritierend auch, dass nun auch der Spiegel sich selbst kasteit. Vor ein paar Tagen dann Klopps Pressekonferenz als Hauptnachricht in der Tagesschau, während der Aufruf der Holocaust-Überlebenden Umlauf zum AFD-Verbot vollkommen ignoriert wurde. Der einzig bekannte dezidiert linke Journalist in der ARD, Restle Monitor, verabschiedet sich nach Afrika, ein politisch genehmerer Nachfolger folgt. Abgewickelt wird zurzeit auch die Sendung von Böhmermann beim ZDF. Kurz gesagt: kritischer politischer Journalismus wird in Deutschland immer mehr auf Linie gebracht oder macht dies in vorauseilender Selbstanpassung gleich selbst. DIe Gaza-Berichterstattung ein Musterbeispiel dafür. Undenkbar die Systemfrage mit Marx im Rahmen einer Gemeinwohlökonomie zu stellen, oder den Finanzkapitalismus trockenzulegen, der den Ruin der Bahn und der Mietkultur in der BRD zur Folge hatte, Der Verweis von Mertins auf andere Länder denen es sozial schlechter geht, könnte auch von Ulf Poschardt stammen.

    • Auweiowei

      @Lindenberg:

      Volle Zustimmung. Die Öffentlich-Rechtlichen tun alles in ihrer Macht Stehende, um zu retten, was (nicht mehr) zu retten ist: Noch nie habe ich ZDF-Schmiese mit solch gequälter Leichenbittermiene gesehen wie gestern Abend, als es galt, auf die drohenden 4,9% der CDU zu sprechen zu kommen. Und haben Sie gehört und gesehen, wie Frau Slomka sich auf die kleine Frau von der Linken 'eingelassen' hat? Peinlich, peinlich.



      Heute früh im Deutschlandfunk in der Presseschau vorneweg das Getöns der 'Neuen Osnabrücker Zeitung', in Vertretung des gutbürgerlichen Presseprimus FAZ: Die "Radikalen" haben den alten Neuen zufolge auf der ganzen Linie triumphiert - und zwar in Meck-Pomm und gleichermaßen in Berlin.



      Berlin ist hin, Berlin ist weg,



      o gottverdammter Bürgerschreck!

  • test_name

    Wie ist die Lage denn wirklich?

    Aus meiner Sicht gibt es kein zukunftsfähiges Rentensystem für Arbeitnehmer und eine ungerechte Belastung der sozialabgabenpflichtig Beschäftigten mit versicherungsfremden staatlichen Aufgaben. Das reicht, um die dafür verantwortlichen Parteien nicht mehr zu wählen.

  • Tulpenbaum

    "das per Verfassung als soziale Marktwirtschaft definiert ist" Das ist so formuliert falsch. Verfassungsmäßig garantiert sind in Artikel 20 des Grundgesetzes der Sozialstaat, ebenso wie Demokratie, Bundesstaatlichkeit, Rechtsstaatlichkeit (der Sache nach, begrifflich nur an anderer Stelle) und republikanische Staatsform. Eine bestimmte Wirtschaftsform wie der Kapitalismus ist nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Manche VerfassungsjuristInnen lesen das zwar aus dem Verfassungstext heraus, aber andere lesen daraus die wirtschaftspolitische Offenheit des Grundgesetzes. Je nachdem, welche Vorschriften man betont und wie man sie interpretiert, kommt man zu verschiedenen Ergebnissen. Wie stark welche Auffassung vertreten wird, schwankte natürlich über die Jahrzehnte, und eine Tendenz, bestehende Verhältnisse als verfassungsrechtlich geschützt anzusehen, gibt es immer. Das besagt nicht viel. Soziale Marktwirtschaft ist nur ein politisches Schlagwort , das vor allem in der Nachkriegsära geprägt wurde - also bitte nicht mit dem Sozialstaat vermengen, der zweifellos eine große Errungenschaft ist, weil er die größten Härten eines kapitalistischen Wirtschaftssystems abfedert.

  • Land of plenty

    Ich finde diese Kritik und Orientierung schlecht.



    Denn sie ist am Konflikt vorbei.



    Notwendig ist die Kritik an den ungerechten Verhältnissen und an der Unterdrückung weltweit.



    Ausgewogen sind die Berichte und vor allem vermeiden sie zu deutliche Kritik.



    Die rechtsradikale Agitation betreibt kein schwarzfärben, sondern eine Aggression gegen die Ärmeren und gegen die rechtlich schlechter Gestellten.



    Mordaufrufe und Morddrohungen gegen Journalist_innen und Politiker sind auch kein „Negativitätsbias“, sondern Teil der faschistischen Offensive.



    Linke prangern den Sozialkahlschlag an, dass die Krankenversicherung ausgehöhlt wird, die Rechten verlangen die Abschaffung der GKV. Das Gegenteil.

  • Astrid Sehnefeld

    "Die Medien tragen mit negativer Berichterstattung zu den Erfolgen der AfD bei."



    Ich glaube diese These nicht.



    Wäre dem so, müssten linke Regierungen längst am Ruder sein, denn noch viel länger als die Rechten beschwören Linke das Weltende:



    FCKW, Golfstrom, Atomkraft, CO2, Bodenversalzung, Biodiversität, Monokulturen, usw usf



    Kein Tag ohne Weltuntergangsmeldungen von links.



    Und das Internet war, bis es die Rechte für sich entdeckt hat, ein rein linker Spielplatz.



    Die These kann also nur stimmen, wenn Linke im Gegensatz zu Rechten es nicht verstehen würden, überzeugende Texte zu schreiben.



    Das ist aber nicht so, weil weder rechts noch links grundsätzlich dumm oder klug sind, sondern überall von dumm bis klug alles dabei ist.



    Ich glaube die Autorin überschätzt den Einfluss der Medien.



    Medien werden gern als 4. Gewalt im Staat verklärt.



    So lange die Wähler der AfD nur Ossis waren, schob man es auf die 'dummen Ossi', verblendet von 40 Jahren sozialistischer Diktatur.



    Seit die AfD aber bundesweit auf Nummer 1 liegt, braucht man eine neue Erklärung, weil der Wessi ist ja aufgeklärt und demokratisiert - der kann unmöglich freiwillig AfD wählen...



    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    • Auweiowei

      @Astrid Sehnefeld:

      "Kein Tag ohne Weltuntergangsmeldungen von links."

      Das mag Ihnen so vorkommen, wenn für Sie die allgemeine Zeitrechnung erst um die Jahrtausendwende einsetzt, und wenn Sie alles, was vorher war, ganz außer Acht lassen.



      Der Philosophie, Kunst, Literatur und - wenn auch verspätet - der Wissenschaft scheint dagegen das Bewusstsein um die Endlichkeit und Vergänglichkeit sozusagen in die DNA eingeschrieben. Dass das alles in unserer Weltregion mit dem Christentum zu tun hat, liegt ebenso auf der Hand. Und das hat wenig (oder auch viel...) mit 'links' oder 'rechts' zu tun wie auf der anderen Seite die "Good News" in dem weltbekannten Gospelsong oder dem gleichnamigen Musical von vor hundert Jahren. Auch nicht mit 'dumm' oder 'klug', wohl aber mit 'ignorant' oder 'nicht ignorant'.

      Und jetzt bitte zu Ihrer "Nummer 1":



      Wie ignorant muss ich eigentlich sein, um z.B. den menschengemachten Klimawandel in Abrede zu stellen als "ganz gewöhnlichen Sommer"?

  • Desti

    Ich fände es sehr positiv, dass so einer Artikel überhaupt erscheint.

    Auch wenn er die Errungenschaften wie beispielsweise den Sozialstaat so in den Vordergrund stellt.

    Denn es ist ja nicht gesagt, dass die Leistungen des Sozialstaates so bleiben, wie sie sind.



    Beispielsweise gibt es im Gesundheitssystem ja schon längerem stetig steigende Zuzahlungen und Leistungen, die eben selbst finanziert werden müssen.



    Ich kann mich nicht daran erinnern, dass dies jemals in der TAZ berichtet worden wäre.

    Viel wichtiger finde ich das ständige und tägliche Schreiben über die AfD.



    Das nimmt mittlerweile pathologische Züge an.



    Sie muss gar nichts tun. Nur existieren - und schon erhält sie Raum für Berichterstattung.

    Es steht nie die Frage im Vordergrund: welche Folgen hat das für die Bürger? Nein, am wichtigsten ist folgendes: könnte die AfD davon profitieren?



    Person X hat dieses und jenes gesagt - Urteil: das klingt sehr nach AfD, muss sofort abgelehnt werden. Inhalte sind egal.



    Abgesehen davon: in der TAZ gegen die AfD anschreiben, ist wie Eulen nach Athen tragen.

  • Janix

    Investigativ ist gut. Wohlfeiles Mokieren à la Spiegel (und seither bei anderen Medien eingesuppt) jedoch ist etwas anderes - immer daher zuerst gegen die eigenen Vorurteile, soziale und ökonomische Prägungen recherchieren! Lifestylestories durch durchdachte Analysen auf mehreren Ecken ersetzen. Ambiguität aushalten.



    Auch ein linkes "Empört euch" sollte hinsehen, wo die Empörung ansetzt und wo besser nicht.



    Für gute Stimmung sind Medien nie verantwortlich, für eine gute Annäherung an "Wahrheit" schon.

  • Henrike Eberhardt

    „Es ist nicht unsere Aufgabe, Lösungen aufzuzeigen. Sehr wohl aber, über sie zu berichten und die Komplexität von Themen wie der Rentenreform oder der sozialen Absicherung aufzuzeigen.“



    Dies ist, meiner Ansicht nach eine der wichtigsten Punkte. Es wird soviel Halbrichtiges verbreitet, dass gar nicht mehr vernünftig diskutiert werden kann. Und da ist die Rente ein super Beispiel: Rente mit 63 ist plakativ, aber falsch und läuft sowieso aus (wenn es jetzt nicht aktiv durch Gesetze geändert wird). Und wie unsere Rente funktioniert scheint, meiner Wahrnehmung nach, kaum jemand zu verstehen.



    Oft habe ich auch den Eindruck, dass vieles, was das Leben beeinflusst, selten wirklich grundsätzlich erklärt wird. Ein paar Beispielrechnungen zeigen dann Gewinner und Verlierer auf, aber wer passt genau ins Beispiel?



    Sich informieren ist mühsam, aber die Chance dazu zu haben, wäre schon mal gut.

  • Alex_der_Wunderer

    Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz aktiv gehen die Schreibe von den Journalisten der Regionalzeitungen vorgenommen, sobald auch nur ein Funken rechtsextremistisches Gedankengut in den Artikeln der Journalisten oder aber durch die Moderatoren der Foren, von dortigen Foristen nicht sofort geahndet werden..



    Solche Regionalzeitungen sofort melden und einer Überprüfung unterziehen lassen. Dazu Die entsprechenden Artikel abspeichern, ebenso die entsprechenden Kommentare, alternativ die ganzen Chatverläufe scannen. Dann abdafür mit dem rechtsextremistischen Gesockse.



    Nur so verhindern wir gerade im öffentlichen Raum eine unrechtstaatliche Meinungsmache und somit eine permanente Indoktrination der Bevölkerung durch die Regionalzeitungen..

    • Volker Racho

      @Alex_der_Wunderer:

      Lassen sie mich raten: Das sollen aber wieder andere machen, oder?

  • marilyn.hanson

    Sorry, im Großen & Ganzen Nein.



    Kritik muss nicht vernichtend, kann & sollte konstruktiv sein. Mag sein, dass sensationslüsterner Clickbait-Journalismus dominiert, der genau das nicht ist. Aber ich sehe seit 20-30 Jahren eine starke Tendenz der Leitmedien, insbesondere der (medial präsentesten) Top-Journalistinnen mit viel Reichweite im ÖRR, zur anbiedernden Anlehnung an die Herrschenden und ziemlich kritiklosen Wiedergabe von Regierungs-PR. Es gibt da eine ungute Distanzunterschreitung, wohl aus Gründen der Bequemlichkeit & des persönlichen Narzissmus. Ist ja auch cool, wenn man privat damit prahlen kann, das man auf Du mit den in der Berliner Blase "ganz wichtigen" "Gestalter*innen" ist ...



    Wenn die Bürger*innen nicht verstehen, dass Kritik nicht gleich unüberbrückbare Differenzen oder Feindschaft bedeuten muss (und ich kenne hier in Norddeutschland viele, die im Privaten so ticken - ich denke, eine Reminiszenz an den wilhelminischen Obrigkeitsstaat), ist das ein gesellschaftliches Problem, welches der Journalsmus kaum ausgleichen kann, ohne seine Seele zu verkaufen. Die Gefahr ist doch hurra-patriotische "Du bist Deutschland"-Berichterstattung. Bleibt kritisch, aber konstruktiv!

    • Wanderin

      @marilyn.hanson:

      Ja, die persönliche Nähe und Abhängigkeit von Journalist:innen zu Politiker:innen ist ein Problem. Das könnte auch das Phänomen von Medienkampagnen erklären - wenn in mehreren Zeitungen mit sehr hoher Frequenz Artikel erscheinen, die verhältnismässig kleine Anlässe enorm aufbauschen ( ich spreche nicht von echten Skandalen), bis der / die Politiker:in den Rücktritt erklären muss. ( Das betrifft Politiker:innen aus allen Lagern- es ist wahrscheinlich, dass dahinter manchmal Konkurrent:innen aus der eigenen Partei stecken)

  • Wanderin

    "Seit „Storytelling“ den Journalismus dominiert und mit Preisen überschüttet wird, werden Re­por­te­r*in­nen gern mit einer These losgeschickt, die sich dann in der Recherche vor Ort bestätigen soll: Bitte in der Reportage zeigen, dass soziale Ungerechtigkeit zu einer Radikalisierung der Wäh­le­r*in­nen führt."



    .



    Das kann man allerdings als Lüge auf Bestellung bezeichnen. Im scripted reality TV kein Problem. Als Romanautor auch nicht. In der Zeitung: Ja!



    .



    In anderen Worten, die Chefredaktion sagt aus dem Sessel: "Ich stelle mir den AfD- Wähler im Osten als armen Rentner vor, der bangt, wie er im Winter seine Heizkosten zahlen soll und aus großer materieller Sorge AfD wählt. Fahrt nach Halle, sucht mir GENAU DEN Protagonisten und liefert das fertige Produkt! Bei der Jury von Preis xy kommen solche Geschichten immer super an! " - Das heißt, wenn die Reporter vor Ort dann zig AfD - Rentner "beim Casting" aussortieren, (weil die alle aus gefestigt ideologischen Gründen wählen, nicht aus materiellen Sorgen) bis sie einen finden, den sie halbwegs auf die vorgestanzte Story hinbiegen können, dann dürfen die Leser "ihre Meinung" aufgrund dieser Anreizstruktur bilden.

    • Wanderin

      @Wanderin:

      Das ist allerdings ein Problem. Weil aus solchen Geschichten, -die auf den Vorurteilen der Chefredaktion beruhen-, viele Leser die völlig falschen Schlüsse für politisches Handeln ziehen werden, in der Annahme, damit dem Problem Rechtsradikalismus beizukommen.

      • sociajizzm

        @Wanderin:

        Es wird mit Sicherheit nicht so bewusst aussortiert.



        .



        Nur sind Journalist:innen auch Menschen und Menschen sind bei der Betrachtung der Außenwelt immer voreingenommen. Das wirkt sich auch auf Berichterstattung aus die Ausgewogen sein soll.



        .



        Was die Motive für die Wahl rechtsextremer Parteien angeht würde ich sagen das war und ist schon immer entweder/oder.



        .



        Die NSDAP hat von weit verbreiteten Antisemitismus profitiert, aber auch von Abstiegsangst und Wut.



        .



        Es gibt bei keiner anderen Partei einen so hohen % Anteil von Menschen, die finanzielle Sorgen haben wie bei der AFD. Nicht jede Korrelation bedeutet Kausalität, aber die Zahlen sind auffallend. Jetzt sind entweder Rassisten deutlich häufiger arm oder glauben es zu sein, oder es gibt einen beachtlichen Teil der hauptsächlich wegen der eigenen finanziellen Lage Rassisten wählt.



        .



        Und dann gibt es noch so Spezies wie aus den Interviews der aktuellen Landesratswahl in Mecklenburg Vorpommern. Findet Remigration toll, aber will das Menschen die herkommen mehr gefördert werden. Oder hohe Miete als Hauptsorge und FDP wählen. Fazit: Nicht jede Wahlentscheidung ist rational.

  • rero

    Heißt das, die Taz will ihre Linie ändern?

    Kann man nur begrüßen, denn Mertins hat recht.

    Ich lese mehrere Zeitungen.

    Keine hat so viel Apokalypse und Gesellschaftsuntergang wie die Taz.

    Mit Abstand.

    Als einzige Zeitung könnte ich sie nicht lesen.

    Das spiegelt sich auch in den Leserforen wieder.

    Voller Weltuntergang.

    • Abdurchdiemitte

      @rero:

      Weltuntergangsstimmung kommt bei mir auf, wenn ich z.B. die ‚Kommentarspalte‘ von ZEIT Online lese. Echt gruselig zu sehen, wie die von rechten Trollen gekapert wird.



      Mittlerweile kommentiere ich persönlich nur noch hier in der taz - auch da ärgere ich mich über so manchen Kommentar, aber das Niveau der Diskussionen ist wenigstens noch halbwegs passabel.



      Um mich zu überzeugen, halte ich sogar den Argumentationstil des Kontrahenten für viel entscheidender als das Argument selbst. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn Argumente nur so hingerotzt werden, mag ihr Inhalt auch voll den Nagel treffen.



      Sie bilden da natürlich eine löbliche Ausnahme, was nicht heißt, dass ich Ihnen in allen Punkten zustimme.

  • Axel Schäfer

    "... per Verfassung als soziale Marktwirtschaft definiert ist, sich als Sozialstaat versteht, jedem Menschen eine Grundsicherung zugesteht und in dem eine Krankenversicherung für jede und jeden selbstverständlich ist, ..."



    Wenn ich jetzt sehe, was die Union so als Zumutungen zur "Rettung" der Wirtschaft von uns Bürgern verlangt, lässt davon ja nicht mehr viel übrig. Die Fascho-Alternative möchte das komplett schleifen und so richtig können sich Sozen und Grüne ja auch nicht entscheiden, ob diese Errungenschaften erhaltenswert sind.

  • Desdur Nahe

    "ob nicht auch wir, die kritischen Medien, eine Mitschuld daran tragen"



    Das "wir" ist sehr wohltuend, Selbstkritik ist notwendig, um Fehler zu erkennen und zu beheben.



    Denn auch nach dem Lesen der taz ist man selten gut drauf: 1933 steht vor der Tür (auf Demos wird offen „Yallah Intifada“ gerufen), die bösen Reichen werden immer reicher, alle anderen stehen kurz vor dem Hungertod, der nur deshalb nicht eintreten wird, weil uns vorher der Klimatod ereilt. Zum Glück haben wir kaum Kriminalität, und wenn doch, dann sind es Einzelfälle, die sich "erklären" lassen. Ist auch besser so, denn auf die Polizei sollte man sich nicht verlassen: Sollen ja alles schießwütige Rechte sein, die Hand in Hand mit einer Justiz arbeiten, die so rechts ist, dass sie Linke sogar in den Knast steckt, wenn diese einfach nur mit einem Hammer auf anderer Leute Köpfe schlagen.



    So, und jetzt klicke ich weiter und freue mich auf positive Artikel hier bei der taz...

    • Sam Spade

      @Desdur Nahe:

      Sie wünschen sich mehr positive Nachrichten konsumieren aber anscheinend die schlechten Nachrichten auch regelmäßig. Der Widerspruch liegt in der menschlichen Natur begründet. Evolutionär bedingt reagiert unser Gehirn stärker auf negative Reize, als auf ungefährlich wahrgenommene.

      Es gibt aber auch konstruktiven Journalismus. In Deutschland ist es das Good News Magazin, welches seit 10 Jahren ausschließlich positiven Journalismus betreibt. In England und den USA gibt es die international recht bekannten Medien Positive News und Good News Network schon seit den 90er Jahren.

      Vielleicht einmal ausprobieren als Gegenpol zu den vielen schlechten Nachrichten in der Medienlandschaft.

      • Desti

        @Sam Spade:

        Woraus schließen Sie dass der User ausschließlich die TAZ liest?

        Im Vergleich mit anderen Zeitungen ist bei der TAZ die Endzeit gekommen. Täglich.

  • Maria Lueke

    Danke für diesen treffenden Beitrag, sage ich als Kollegin aus der Provinz. Ich füge nur eine Bitte an: Gewährt der AfD nicht so viel Raum! Die Annahme von vielen Journalisten, sie werde sich entzaubern, hat sich als fatale Fehleinschätzung erwiesen. Auf diese Weise verbreiteten sich viele Lügen.

  • chrisi

    Absolut!

  • ja wirklich?

    Sie schreiben viel Wichtiges udn Richtiges. Aber: nur eine schlechte Nachricht ist für Journalisten eine gute Nachricht. Das gilt schon lange. Anders geht es bei den NGOs zu, oder bei freien Vereinen auch im Osten. Berichten Sie mal über "Greifswald für Alle", über die Straze, über die Omas gegen Rechts in MV, über aktive Kirchenmitglieder, die den zugang zum Greifswalder Dom offenhalten und dabei Menschen am Rande der Gesellschaft als Mitarbeiter - ehrenamtlich - einbeziehen, die gerne kommen, die mit Touristen udn anderen Turmkletterern sprechen - es gibt so viele gute Beispiele.

  • Martin Rees

    Lesenswert, weil Umstände und Person auch anders gedeutet wurden: Georg Restle



    "Nach 30 Jahren „Monitor“



    Moderator verabschiedet sich mit emotionalen Worten in letzter ARD-Sendung"



    rp-online.de/panor...itor_aid-145978151



    Nach Sonja Mikich gleichermaßen unterhaltsam und gehaltvoll.

    • Alex_der_Wunderer

      @Martin Rees:

      @ Martin Rees



      👍👍



      Georg Restle - einer der BESTEN !

  • Dirk Anders

    Ich habe selten eine so genaue Beschreibung der Situation gelesen. Den meisten Menschen in diesem Land geht es gut. Klar gibt es soziale Unterschiede, aber das soziale Netz ist für alle aufgespannnt. Die AFD wird durch die ständigen negativen Nachrichten immer gestärkt. Bildet doch mehr das Positive ab, und verzichtet immer über Brandmauern und Abgrenzung zu berichten. Mehr Werbung für die AFD als jetzt kann man garnicht machen. Hätte man sie einfach mitlaufen lassen und politisch vorgeführt, dann hätte sie mit Sicherheit nicht den Zulauf gefunden.

    • Desti

      @Dirk Anders:

      Ihre Empfehlung würde voraussetzen, dass AfD Wähler die taz lesen.



      Daran habe ich meine Zweifel.

      • derzwerg

        @Desti:

        Die lesen TikTok & Co. Ich frage mich eh, weshalb die Analyse die sozialen Medien ausklammert