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Berlin will Mietenkataster einführenErstmals pocht der Staat auf Einhaltung der Mietgesetze

Gereon Asmuth

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Gereon Asmuth

Das von Schwarz-Rot geplante Mietenkataster ist so überfällig wie revolutionär. Bei einem Erfolg wird das bundesweit Modellcharakter haben.

Verstöße gegen geltendes Mietrecht sollen per KI ermittelt werden und an zuständige Wohnungsämter gehen Foto: T.Seeliger/snapshot-photography/imago

E ins vorweg, um das Problem zu illustrieren. In einem gerade erst abgeschlossenen Mietvertrag verlangt eins der den Berliner Wohnungsmarkt dominierenden Unternehmen 13,50 Euro pro Quadratmeter für eine einfache Zwei-Zimmer-Wohnung. Im Vertrag hat sie gleich 20 weitere Wohnungen aufgelistet, die, offenbar aus eigenem Bestand, zum gleichen Preis vermietet werden – zur Bestimmung der ortsüblichen Vergleichmiete. Dabei liegt die laut Berliner Mietspiegel bei nicht einmal 7 Euro.

Das ist schon keine Frechheit mehr. Mit solchen Wucherverträgen zeigen Wohnungseigentümern den ausgestreckten Mittelfinger – ihren Kun­d:in­nen und auch der Politik. Die Rechtslage beachten? Aber wieso denn im rechtsfreien Raum?

Nichts anderes ist der Wohnungsmarkt bisher. Selbst gegen nur rabiat klingende Gesetzchen wie die Mietpreisbremse wird massiv verstoßen. Weil die Mie­te­r:in­nen aus Angst vor Repressalien Klagen scheuen. Und weil der Staat sich bisher komplett aus der Kontrolle raushält.

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Dass sich die in Berlin regierende schwarz-rote Koalition nun auf die Einführung eines Mietenkatasters für die Hauptstadt geeinigt hat, ist damit gleichermaßen überfällig wie revolutionär. Künftig sollen alle Ver­mie­te­r:in­nen Mietpreise und Mietpreiserhöhungen, Wohnungsgrößen etc. an staatliche Stellen melden müssen. Verstöße gegen geltendes Mietrecht sollen per KI ermittelt werden und an zuständige Wohnungsämter gehen. Wucherfälle gleich zur Staatsanwaltschaft.

Erstmals will der Staat sich so ernst nehmen, dass er auf die Einhaltung seiner Mietengesetze pocht. Dass sich selbst die CDU zu so einer Maßnahme hinreißen lässt, zeigt, wie drängend das Problem ist. Mehr als 2 Millionen Ber­li­ne­r:in­nen wohnen zur Miete. Und im September stehen Neuwahlen an.

Klar, es gibt ein paar Haken. Die mehr schlecht als recht regierende Berliner Koalition kann das Mietenkataster zwar noch als Wahlkampfschlager durchpeitschen. Ob das dann aber auch technisch umgesetzt wird, ob es genug Personal in den Wohnungsämtern gibt, die die erwartbare Flut von Verstößen dann auch abmahnen und ob die Gerichte die Welle der Klagen bearbeiten kann, wird sich frühestens im nächsten Jahr zeigen – also weit nach der Wahl.

Aber immerhin macht sich ein Bundesland erstmals dazu auf, die Lage am Wohnungsmarkt komplett zu erfassen. Bei einem Erfolg in Berlin wird das bundesweit Modellcharakter haben.

Erwartbar ist, dass die Spekulanten unter den Wohnungsverwertern laut aufheulen – was ja nichts anderes ist als ein Eingeständnis, dass sie bisher auf das Mietrecht mit Desinteresse herabschauen. Aber hier gilt tatsächlich mal das stets von Rechten beim Ausbau von Überwachung vorgebrachte Argument: Wer sich an die Gesetze hält, hat nichts zu befürchten.

Die CDU rechnet damit, dass die Neuregelung nur sehr wenige Vermieter betreffen wird. Damit dürfte sie sich gehörig verrechnet haben.

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Gereon Asmuth
Ressortleiter taz-Regie
Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
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5 Kommentare

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  • In Hamburg gibt es seit einem Jahr eine Meldestelle gegen Mietwucher. Laut einer NDR-Recherche wurde nach einem Jahr nicht ein einziger Fall bearbeitet.



    Vollkommenes Behörden- und Politikversagen also unter Rot-Grün!

  • Wegen der damit verbundenen Transparenz bin für die Einführung eines solchen Katasters.

    Damit verbunden ist jedoch auch die Gefahr einer erheblichen Erhöhung. Bisher konnte das Ergebnis von Mietspiegeln durch die Auswahl der Grunddaten ganz gut gesteuert werden. Wenn jetzt alle Mieten (und Mieterhöhungen) bekannt werden, dann wird die tatsächliche Mietenentwicklung einen Niederschlag in künftigen Mietspiegeln finden.

    Im Übrigen ist ein Mietenkatatser durchaus auch geeignet, einen qualifizierten Mietspiegel anzugreifen und die Vermutungsfiktion des § 558d Abs. 3 BGB auszuhebeln.

  • wähler*in, make no mistake! spätestens seit mitte der 2010er jahre haben zivilgesellschaftliche initiativen und parteien wie die linke und die grünen immer wieder die einführung eines solchen katasters gefordert, und immer wieder wurde es von der spd blockiert – zu teuer, zu bürokratisch, zu umständlich, nicht zielführend. jetzt, wo die luft mal wieder dünn wird für die berliner spezialdemokraten, kommt diese begrüßenswerte ankündigung. wann man allerdings will, dass das am ende auch umgesetzt und mit entsprechend personellen ressourcen hintersetzt wird, sollte man sich von cdu und spd nicht über den tisch ziehen lassen bei den wahlen im herbst...

  • Wenn die CDU sich "gehörig verrechnet haben" dürfte, also sehr viele Mieten über der Vergleichsmiete liegen, könnte es dann dazu kommen, dass die Vergleichsmiete steigt, also an den realen Mieten angepasst werden muss?

    Spannend. Mal sehen, ob wirklich Mieten sinken. Aber natürlich mit mehr Bürokratie und mehr Personal erkauft.

    • @fly:

      davon ist eher nicht auszugehen. die überhöhten mieten, um die es hier in der hauptsache geht, stellen nämlcih vermutlich nicht "nur" einen verstoß gegen die gesetzlichen regelungen der mietpreisbremse dar und damit eine zivilrechtliche angelegenheit, sondern sind derart überzogen, dass sie nach dem mietwucherparagrafen des wirtschaftsstrafgesetzes als mögliche straftatsbestände behandelt werden müssen.