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Ausweitung der russischen AngriffeDer Ukraine konsequent helfen – jetzt!

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

Russlands Terror gegen die Ukraine geht weiter, partielle Feuerpausen sind eine reine Finte. Europa darf nicht tatenlos zusehen.

Hilfe in dunklen, kalten Zeiten – Alltag in der Ukraine Foto: Danylo Antoniuk//Ukrinform/imago

H underte von Drohnen, Dutzende von Raketen, vier zerschossene Heizkraftwerke, Hunderttausende erneut von Heizung und Wärme abgeschnittene Menschen – das ist die Bilanz der neuen russischen Luftangriffe auf die Ukraine in der Nacht zu Dienstag. Noch während Donald Trump sich erneut damit brüstete, er habe Wladimir Putin zum Stopp seiner Angriffe überredet, entfesselte der russische Präsident seine bisher härteste Attacke des Jahres – in der bisher kältesten Winternacht. Das sind nicht bloße „Angriffe auf die Energieinfrastruktur“. Es ist systematischer Terror gegen die Bevölkerung.

Die zwischen Trump und Putin vereinbarte partielle Feuerpause Russlands erweist sich als reine Verschnaufpause, in der Putin seine Waffen neu sortieren konnte. Auch Massenmörder müssen sich zwischendurch mal ausruhen, um dann mit frischer Kraft wieder zuschlagen zu können.

Und es ist natürlich ein vertrautes Spiel, gerade während eines laufenden Friedensprozesses – die trilateralen Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA sollen am Mittwoch in Abu Dhabi weitergehen – militärisch zu eskalieren. „Talk and Fight“ heißt das in der internationalen Diplomatie; „den Entscheidungsspielraum der Ukraine verringern“, nennt es der Kreml.

In der Ukraine weckt der Horror andere Assoziationen, etwa an den Holodomor-Völkermord der 1930er Jahre, als Stalin die Ukraine gezielt aushungerte. Die Menschen starben damals nicht, weil sie direkt ermordet wurden, sondern weil sie verhungerten. Heute sterben sie nicht, weil sie direkt bombardiert werden, sondern weil sie erfrieren.

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Die europäische Öffentlichkeit verschließt davor momentan die Augen. Vielleicht, um die unangenehmen Konsequenzen für sich selbst auszublenden. Denn man kann eigentlich nicht tatenlos zusehen. Wer an Frieden für die Ukraine interessiert ist, muss ihr jetzt helfen, und zwar in einer anderen Dimension als bisher. Es braucht flächendeckend zivile Aufbauteams, eine massive Aufstockung der ukrainischen Luftabwehr und auch ein konsequentes Vorgehen gegen die „Schattenflotte“, die russisches Öl in alle Welt transportiert, um das Geld zu erwirtschaften, mit dem Russland seine Rüstungsbestände immer neu auffüllt.

In letzter Konsequenz darf Europa, wenn es die eigenen Werte ernst nimmt, auch gezielte Schläge gegen die Stationierungsorte der russischen Raketen und Drohnen nicht ausschließen. Europa hat sich schon bereit erklärt, in der Zukunft militärisch zu handeln, sollte Russland ein zukünftiges Ukraine-Friedensabkommen brechen. Also muss es auch bereit sein, jetzt zu handeln, um jetzt den russischen Terror zu beenden.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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