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Demo der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“, November 2025: Suraj Mailitafi hält das Megafon, dahinter Lorenz' engste Freunde Foto: Leon Enrique Montero

Tödliche Polizeischüsse auf Lorenz A.„Es war eine Frage der Zeit, bis einer von uns so stirbt“

Schüsse aus einer Dienstwaffe töteten Lorenz A. aus Oldenburg. Für seine Freunde ist sein Tod die Konsequenz des Rassismus, den auch sie von der Polizei kennen.

Aus Oldenburg

Aljoscha Hoepfner

M it dem Megafon in der Hand stellt sich Suraj Mailitafi auf den Parkplatz vor der Polizeiwache in der Oldenburger Innenstadt. Vor ihm ist der Demozug aus Richtung der Fußgängerzone zum Stehen gekommen. Es ist Anfang November und wie in diesem Jahr schon so oft, protestieren in Oldenburg rund 500 Menschen gegen rassistische Polizeigewalt. Auf ihren Schildern stehen Sprüche wie „Stop Racial Profiling“, „Bin ich der nächste?“ und „Wer schützt uns vor den Beschützern?“. Eine Handvoll Po­li­zis­t:in­nen vor der Wache beobachten das Geschehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Einer ihrer Kollegen hatte in der Nacht auf Ostersonntag 2025, nur wenige Straßen entfernt, den 21-jährigen Lorenz A. mit mehreren Schüssen von hinten getötet. A. hatte nach einer Auseinandersetzung vor einer Bar fliehen wollen, so die Auffassung der Staatsanwaltschaft. Dabei habe der Polizist „irrtümlich“ angenommen, dass A. ihn mit einem Messer angreife. Die Behörde hat im November Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Laut NDR ist eine Überlastung des Gerichts für die Verzögerung verantwortlich.

Der antirassistische Aktivist Mailitafi ist Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Dass die Staatsanwaltschaft die tödlichen Schüsse einen „Irrtum“ nennt und den Polizisten nicht wegen Totschlags anklagt, ist laut Initiative Ausdruck mangelnder Verantwortungsübernahme in Fällen von „tödlicher und rassistischer Polizeigewalt“.

Vorwurf: Eingriff in die Pressefreiheit

Bei dem Fotojournalisten Leon Enrique Montero, der für die taz zu diesem Text fotografiert hat, hat die Polizei Hannover in der vorvergangenen Woche eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dabei wurden Speichermedien, Telefone und Computer beschlagnahmt und Montero selbst erkennungdienstlich behandelt. Nach Angaben der Polizei steht die Maßnahme im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung zwischen linken De­mons­tran­t:in­nen und Personen aus dem rechten Spektrum am Rande der Demonstration „Gerechtigkeit für Lorenz“ am 8. November. „Wir verlangen, dass unser freier Fotograf sein Arbeitsmaterial sofort zurückbekommt“, sagt taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann. „Es kann nicht sein, dass die Polizei ihn an seiner Berufsausübung hindert. Aus unserer Sicht ist das ein erheblicher Eingriff in die Pressefreiheit“

Mailitafi hebt das Megafon: „Für wen?“ – „Lorenz!“, ruft die Menge in Richtung der Polizist:innen. Noch einmal hallt es durch die Straße: „Für wen?“ – „Lorenz!“ Und dann nochmal und nochmal, in einer Mischung aus Trauer und Wut.

In der ersten Reihe des Demozugs stehen Lorenz' engste Freunde. Viele von ihnen tragen unter ihren Jacken auch heute das T-Shirt mit seinem Gesicht auf der Brust und seinem Namen auf dem Rücken. Zusammen mit erfahrenen Ak­ti­vis­t:in­nen wie Mailitafi haben sie sich in der Initiative zusammengetan. Dass das bereits am Tag von Lorenz' Tod geschah, hat einen Grund: Rassismus durch die Polizei erleben sie schon lange.

Bereits Monate vor Lorenz' Tod hatten einige von ihnen Mailitafi angesprochen und ihm von Racial Profiling und Schikane durch die Polizei berichtet. Ständig würden die Be­am­t:in­nen sie ohne erkennbaren Grund, offenbar nur wegen ihres Aussehens, kontrollieren. „Wir hatten uns darauf verständigt, dass sie sich bei mir melden können, falls etwas passieren sollte und sie Unterstützung brauchen, um öffentlich darauf aufmerksam zu machen“, erinnert sich Mailitafi an das Treffen. Einige Monate vergingen, dann bekam er am Ostersonntag einen Anruf.

Immer wieder die gleiche Erfahrung

Auf dem Wohnzimmertisch bei Ben steht eine kleine Schüssel mit Keksen. Simon und Julian haben auf Sitzkissen und Sofa Platz genommen, Ben holt noch ein Glas Wasser, bevor er sich auf einen Stuhl dazu setzt. Ihre echten Namen wollen die drei Freunde von Lorenz nicht in der Zeitung lesen. Aber sie wollen von ihren Erfahrungen mit der Oldenburger Polizei berichten. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von uns durch die Polizei stirbt“, sagt Ben, der als erstes das Wort ergreift. In ihren Augen war die Tötung ihres Freundes ein Höhepunkt von jahrelang erlebtem Rassismus.

Die Freunde denken nicht, dass der Polizist Lorenz in rassistischer Absicht erschossen hat. In ihrer Erfahrung nimmt die Polizei Schwarze und People of Color aber als bedrohlicher wahr, geht respektloser mit ihnen um und greift schneller zu Gewalt. „Es ist ganz klar eine Struktur dahinter“, meint Simon. Sie sind sich sicher, dass der Polizist nicht geschossen hätte, wenn Lorenz weiß gewesen wäre.

Bei Ben haben die Kontrollen angefangen, als er 15 Jahre war, erzählt er: „Ab da war das so, dass ich auf dem Fahrrad oder E-Roller immer wieder aus dem Verkehr rausgezogen und auf Drogen kontrolliert wurde.“ Einmal habe die Polizei ihn auf dem Schulweg angehalten und einen Urintest verlangt: „Es war früh morgens, ich hab's versucht, aber es ging nicht.“ Statt in die Schule musste er dann mit auf die Wache kommen. Seinen „blonden, blauäugigen Kollegen“ hätten die Polizisten damals nicht angehalten. Wie oft Ben in seinem Leben schon von der Polizei kontrolliert wurde, kann er nicht mehr sagen. Inzwischen hat er aufgegeben zu fragen, warum es ausgerechnet immer ihn trifft: „Das bringt nichts. Ich weiß ja, warum.“ In Bens nüchterner Stimme liegt für einen Moment die Erschöpfung der jahrelangen immer gleichen Erfahrung.

Er und Simon waren manchmal zusammen mit Lorenz in der Stadt unterwegs. Ben erinnert sich, wie die Polizei sie einmal angehalten hat, offenbar in der Annahme sie wären flüchtige Tatverdächtige: „Dann hat Lorenz die Polizei gefragt, wie die Täterbeschreibung ist.“ Weder die Kleidung von Ben noch von Lorenz passten zu der Beschreibung. Das einzig Auffällige an ihnen war, dass sie Schwarz sind. Simon, der auch dabei war, wurde nicht kontrolliert. Er ist weiß. „Es gibt etliche solcher Stories. Lorenz und ich werden von der Polizei angehalten, Simon wird einfach ignoriert“, sagt Ben.

Alltägliche Gewalt

„Ich wurde mit niemandem so oft kontrolliert wie mit Lorenz“, erinnert sich Simon an die Zeit, als er gerade seinen Führerschein gemacht hat. Da ist er oft zusammen mit Lorenz rumgefahren. In zwei Jahren seien es 40 bis 50 Kontrollen gewesen, schätzt er. Ohne Lorenz sei er nur zwei oder drei Mal angehalten worden. Auch, als er neulich mit Ben und Julian unterwegs war, seien wieder nur die beiden angehalten worden – obwohl Simon in Sichtweite der Polizisten an den Straßenrand gepinkelt hat. Das finden die Freunde noch immer so absurd, dass sie trotz allem schmunzeln müssen.

Die Kontrollen gehören für Ben und Julian zum Alltag. Im Straßenverkehr, beim Feiern in der Stadt, auf dem McDonald's-Parkplatz oder wenn sie einfach zufällig an der Polizei vorbeilaufen – überall wurden sie schon ohne für sie ersichtlichen Grund kontrolliert. Beim Auflisten ihrer Erfahrungen fallen sie sich mehrmals ins Wort, wenn sie sich an die nächste Geschichte erinnern. Auch von Polizeigewalt berichten beide.

Auf dem Schild der Citywache in Oldenburg kleben Sticker mit Lorenz' Gesicht, wie sie inzwischen überall in der Stadt sind Foto: Leon Enrique Montero

Julian zeigt ein Handyvideo, das er am Wochenende aufgenommen hat. Auf der Aufnahme ist zu sehen, wie ein Freund von ihm nach einer größeren Auseinandersetzung bei einer Party in den Weser-Ems-Hallen, dem örtlichen Messegelände, von einem Security-Mitarbeiter festgehalten wird. Den Auslöser hat Julian nicht mitbekommen. Er geht in seine Richtung, um nach dem Rechten zu schauen. „Dann hat ein Polizist mich aus dem Nichts auf den Boden geschubst und mich mit seinem Knie auf meiner Brust festgehalten“, beschreibt er das weitere verwackelte Geschehen. Warum der Polizist ihn festhielt, weiß er bis heute nicht, erklärt Julian. Er durfte anschließend direkt wieder gehen. Von solchen Vorfällen können laut Ben die meisten seiner Freunde erzählen.

Er und der Großteil der Freundesgruppe sind Anfang 20. Julian ist etwas jünger und im Gespräch anfangs zurückhaltend. Er macht erst seit kurzem negative Erfahrungen mit der Polizei: „Ich finde das richtig schade, dass man bei der Polizei so raussteht, wenn man Schwarz ist.“

Zwei verschiedene Welten

„An der Stelle, wo Lorenz erschossen wurde, haben wir in den Wochen danach getrauert, Wache gehalten“, erzählt Simon. Die Polizei sei ständig an ihnen vorbeigefahren, habe sie mehrmals angesprochen. Die Freunde sehen das als gezielte Provokation.

Colin (Name geändert), ebenfalls ein Freund von Lorenz und auch Schwarz, berichtet der taz, dass er einige Wochen nach Lorenz' Tod auf dem Fahrrad von der Polizei angehalten worden sei. Auf seinem Handy hat er einen Sticker mit Lorenz' Gesicht, wie sie inzwischen überall in der Stadt zu sehen sind. Der Polizist habe den Sticker gesehen und dann gesagt, Colin müsse sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen, solange er kein Pfefferspray dabei habe. Eine offensichtliche Anspielung darauf, dass Lorenz A. Pfefferspray eingesetzt haben soll, bevor der Polizist ihn von hinten erschoss.

Ich weiß, immer wenn die Polizei da ist, ist es gefährlich für mich

Ben, Freund von Lorenz A.

Ben spricht von zwei verschiedenen Welten: „Die Leute denken, der Polizist, das ist mein Nachbar, bei uns ist der immer nett und korrekt. Ja, aber nicht zu jedem.“ Sicher fühlt er sich nicht, wenn er die Polizei sieht: „Ich weiß, immer wenn die Polizei da ist, ist es gefährlich für mich.“

Die Erfahrungen der Freunde decken sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Racial Profiling. „Eine Erhebung des Sachverständigenrat für Integration und Migration aus dem Jahr 2023 hat ergeben, dass Personen, die aufgrund von äußerlichen Merkmalen als ausländisch wahrgenommen werden, doppelt so häufig von der Polizei kontrolliert werden wie Personen, die nicht so wahrgenommen werden“, erklärt Vanessa Eileen Thompson. Die Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Rassismus und Polizeigewalt in Deutschland und ist unter anderem Sprecherin einer unabhängigen Kommission zur Aufklärung des Todes von Oury Jalloh im Dessauer Polizeigewahrsam 2005. Nach langjähriger Tätigkeit in Frankfurt ist sie heute Professorin für Black Studies an der Queens University in Kanada.

Auch die MIDIS-Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, die marginalisierte Personen aller Mitgliedsstaaten zu ihren Diskriminierungserfahrungen befragt hat, und der Afrozensus, eine von der Organisation Each One Teach One initiierte Studie zur Lebensrealität von Schwarzen Menschen in Deutschland, belegten: „Rassifizierte Menschen in Deutschland sind ständig von Polizeikontrollen betroffen“, sagt Thompson. Da Fälle von Racial Profiling nicht systematisch erfasst werden, gibt es jedoch keine genauen Zahlen.

Für die Betroffenen sind die Auswirkungen gravierend: Manche meiden den Ort der Kontrolle, andere entwickeln Angstzustände oder Depressionen. „Es handelt sich um eine systematische Form der Entmenschlichung“, erklärt Thompson. Sie betont zudem: „Viele Fälle von polizeilicher tödlicher Gewalt nahmen mit Racial Profiling ihren Anfang.“ Die Kampagne „Death in Custody“ von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland zählt zwischen 1990 und 2024 266 Todesfälle von „rassistisch unterdrückten Personen in Haft, Gewahrsam oder durch Polizeigewalt“. Auf Seiten der Polizei spricht Thompson von einer „systematischen Verleugnung des strukturellen Problems“.

Verlorenes Vertrauen

Marion (Name geändert) sitzt auf einer Bank neben dem Friedhof, auf dem Lorenz im Mai vergangenen Jahres beigesetzt wurde. Sie ist eine Freundin der Familie, kannte Lorenz seit vielen Jahren. Auch sie engagiert sich nun in der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“: „Ich sehe mich als Mutter von einem Schwarzen Kind in der Verantwortung, unsere Gesellschaft daran zu erinnern, dass es Rassismus im Alltag gibt und dass diese Kinder in besonderer Form davon betroffen sind.“ Mit zunehmendem Alter hat sie festgestellt, wie sich der Umgang mit ihrem Sohn durch die Polizei verändert hat: „Das hat mir als Mutter gezeigt, dass Racial Profiling eine Rolle spielt und dass mein Sohn anders behandelt wird als seine weißen Freunde.“

„Für wen?“-„Lorenz!“, ruft die Menge in Richtung der Polizist*innen, in einer Mischung aus Trauer und Wut Foto: Leon Enrique Montero

Wie viele andere Eltern Schwarzer Kinder sagt auch Marion, dass es genauso gut ihr Kind hätte treffen können: „Dass es früher oder später in Oldenburg dazu kommt, dass die Polizei einen Schwarzen erschießt, das war für uns nicht die große Überraschung.“ Aus Angst sei schlicht Realität geworden. Nach den jahrelangen Rassismuserfahrungen ihres Sohnes und seiner Freunde hat sie endgültig den Glauben an die Polizei verloren: „Das Vertrauen ist mit Lorenz gestorben.“

Hinter den massiven Säulen vor den Eingangstüren des ehemaligen Oldenburgischen Staatsministeriums liegt im ersten Stock das Büro von Andreas Sagehorn. Er ist Präsident der Polizeidirektion Oldenburg und möchte das verlorengegangene Vertrauen durch Dialog zurückgewinnen. Racial Profiling sei ein „wiederkehrender Vorwurf, den wir sehr ernst nehmen“, erklärt er im Gespräch, zu dem er von seinem Pressesprecher begleitet wird. Den „subjektiven Wahrnehmungen“ der Personen, die der taz von Rassismus durch die Oldenburger Polizei berichtet haben, könne er aber nichts entgegnen, da er keine Kenntnisse der konkreten Fälle habe.

Für Reformen wie eine unabhängige Beschwerde- und Ermittlungsstelle oder Kontrollquittungen, eine Bescheinigung über einen tatsächlichen Grund der Kontrolle, sieht er keinen Bedarf. Das System funktioniere gut, wie es ist. Verständnis für die Bestürzung und die Wut nach der Tötung von Lorenz A habe er zwar, aber: „Schwierigkeiten habe ich mit dem immer wiederkehrenden Vorwurf des strukturellen Rassismus. Ich bin überzeugt, dass wir den in der Polizei nicht haben.“

„Es muss sich etwas verändern“

Auch die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens (SPD) wies nach der Tötung von Lorenz A. Vorwürfe von strukturellem Rassismus in der Polizei „mit aller Überzeugung zurück“. Das bekräftigte sie nochmals, auch nachdem in der niedersächsischen Polizei im September gleich zwei Chatgruppen mit rassistischen Inhalten aufflogen, von denen sich eine an der Polizeiakademie Oldenburg gründete. Beide untermauern ihren Befund mit einem Hinweis auf die 2024 erschienene Studie zu Diskriminierungsrisiken in der niedersächsischen Polizei. Tatsächlich kommt diese Studie jedoch zu dem Schluss, dass es sehr wohl mehrere fest in der Polizei verankerte Arbeitsroutinen gibt, etwa die „Lagebeurteilung unter Nutzung ethnischer Kategorien“, die Diskriminierung begünstigen können.

Es muss sich etwas verändern. Es darf nicht sein, dass dafür erst Leute sterben müssen

Simon, Freund von Lorenz A.

„Es ist ein institutionelles Problem“, sagt Astrid Jacobsen über Racial Profiling. Sie ist Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen und Mitautorin der Studie. Die Be­am­t:in­nen müssen selbst entscheiden, wen sie kontrollieren: „Sie greifen dabei auf persönliche und kollektive polizeiliche Erfahrungen zurück, die Gefahr laufen, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.“ Auch wenn sie keine rassistische Einstellung haben, können die Po­li­zis­t:in­nen deshalb rassistisch handeln.

Auch auf Grundlage dieser Erkenntnisse fordern die Grünen in Niedersachsen Reformen wie eine verbindliche Datenerhebung zu Racial Profiling, unabhängige Polizeibeauftragte und Kontrollquittungen. „Schon in meiner Jugend habe ich erlebt, wie ich – oder vor allem meine männlichen Freunde – ohne ersichtlichen Grund herausgegriffen und kontrolliert wurden“, erzählt die Oldenburger Landtagsabgeordnete Lena Nzume. In Reaktion auf die Tötung von Lorenz A. hat die Partei auf ihrem Bundesparteitag im November einen Beschluss zur Überwindung von „institutionellem Rassismus in Sicherheitsbehörden“ verabschiedet. Ob sie ihre Forderungen umsetzten können, ist fraglich.

Zuletzt hat sich der niedersächsische Polizeipräsident trotz einer entsprechenden Vereinbarung im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen gegen die Einführung einer Kennzeichnungspflicht ausgesprochen. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CDU) bekräftigte im Dezember im Bundestag anlässlich der geplanten Modernisierung des Bundspolizeigesetzes nochmals sein Vertrauen in die Polizei. Racial Profiling und Polizeigewalt bezeichnete er als „Polemik“. Für ihn gebe es „nur eine einzige Perspektive: Wir stehen auf der Seite der Polizistinnen und Polizisten, nicht auf der Seite der Kriminellen“. Eine von seinem Ministerium geförderte und diesen Februar veröffentlichte Studie kommt dagegen zu dem Schluss, dass Racial Profiling als Form von institutionellem Rassismus ein verbreitetes Problem darstellt und in der Polizei erheblicher reformbedarf besteht.

Durch die Terrassentür von Bens Wohnzimmer bricht inzwischen die Dämmerung herein. Nachdem er, Simon und Julian über eine Stunde von ihren persönlichen Erfahrungen berichtet haben, kommen sie zum Abschluss noch auf die Politik zu sprechen. Aussagen, wie die des Innenministers, bestärken bei ihnen das Gefühl, dass die Politik die Tötung ihres Freundes und den Rassismus in der Polizei nicht ernstnimmt. Dabei betont Ben, dass alle Schwarzen und PoC betroffen sind und ihre Erfahrungen nichts Besonderes seien, nur weil sie Lorenz kannten. Sie kämpfen deshalb selbst für eine Reform des Systems. „Es muss sich etwas verändern“, sagt Simon. „Es darf nicht sein, dass dafür erst Leute sterben müssen.“

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25 Kommentare

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  • Der Tod von Lorenz A ist für mich kein Beispiel von Racial Profiling.



    Das wäre für mich gegeben, wenn die Polizei sich gezielt Lorenz als Opfer ausgesucht hätte.



    Hier ging aber eindeutig die Aktion initial von Lorenz aus und die Polizei wurde zur Hilfe gerufen weil andere Passanten angegriffen und verletzt wurden. Lorenz hätte die Situation zu jeder Zeit entschärfen können, wenn er sich den Polizisten ergeben hätte. Niemand hätte dann geschossen.



    Ich bin mir sicher, dass die Hautfarbe beim Schuss keine Rolle gespielt hat.

  • Es ist wirklich schlimm, diese Zustände werden seit Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) angeprangert und es ändert sich nichts. Im Gegenteil, gefühlt wird es schlimmer.



    Regelmäßig sprechen Innenpolitiker die Polizeien bereits vor der Aufarbeiteung von jeglicher Verantwortung frei. Man fragt sich, ob sie wirklich einen Rechtsstaat wollen.

    Und an die Fraktion "er war Polizeibekannt", "hat vorher XY getan" , usw:



    Das sind Dinge die in einem Verfahren Berücksichtigung finden, aber NICHTS DAVOn rechtfertigt Schüsse in den Rücken / Hinterkopf. Sowas klingt dann eher nach Hintichtung.

  • Die Rassismus Studie des Innenministerium gelangt nur schleppend in die Öffentlichkeit (spon berichtet).



    Dobrindt will die Öffentlichkeit nicht teilhaben lassen.

  • Irgendwie ist das komisch.



    Mein Vater hat mir schon öfter davon berichtet, dass es sehr auffällig gewesen sei dass Menschen die "anders aussehen" häufig kontrolliert wurden und auch durchaus öfter mal "mitgenommen worden" sind - und manchmal recht zerschunden wieder auftauchten.

    Aber ich dachte ach quatsch. Das ist doch lange vorbei.

    Ach so, sollte ich vielleicht erwähnen: Mein Vater ist 1932 geboren und diese Schilderungen sind seine Kindheitserinnerungen ...

  • "Alles nur Einzelfälle"



    Unser Sohn (weiß) wurde als Jugendlicher so gut wie nie kontrolliert.



    Unser "Ziehsohn" (schwarz) in ca. 10 Jahren mindestens einmal im Monat, manchmal wöchentlich.



    Racial Profiling gibt es also nicht in Frankreich.



    Heute ist das alles anders, das war ja vor 20 Jahren...

    • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Ich wurde in 64 Jahren im Deutschland dreimal von der Polizei nach meinem Ausweis gefragt, bei Verkehrskontrollen. Dad ist die Quote meines Kollegen aus Eritrea in 3 Wochen.

  • Interessant, wie unterschiedlich Medien (und damit meine ich nicht die BILD) über diesen Fall berichten. Beim NDR heißt es unter anderem: "Nachdem Lorenz A. der Zugang zur Diskothek in der Mottenstraße verwehrt worden sei, habe er Reizstoff in Richtung zweier Security-Mitarbeiter gesprüht. Mehrere Menschen hätten dadurch leichte Verletzungen erlitten. Lorenz A. sei geflüchtet und von mehreren Personen verfolgt worden. Als er ihnen mit einem Messer gedroht habe, hätten sie die Verfolgung abgebrochen...". Die TAZ schreibt lediglich von einer "Auseinandersetzung". Außerdem: "Einem Bericht des "Spiegel" zufolge liefen gegen Lorenz A. im Vorfeld Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Körperverletzung, Widerstand gegen Polizeibeamte, Raub und Nötigung...". Davon lese ich hier nichts. Ich möchte damit auf keinen Fall irgendetwas relativieren, trotzdem sollte man, sollten die von mir genannten Punkte zutreffen, dies ebenfalls in der Berichterstattung erwähnen.

  • Sorry, aber Meinungen die das toxisch männliche Verhalten von Lorenz A. nicht thematisieren sind auch rassistisch.

  • Nur fürs Protokoll: "fahrlässige Tötung" ist es wenn jemand mit dem Auto besoffen in der Gegend herum fährt und dabei aus Versehen jemanden überfährt, der dabei stirbt. Als Polizist im Einsatz von hinten (!) jemanden mit mehreren Schüssen in den Rücken zu töten ist entweder Totschlag oder Mord.

    Da die Anklage aber auf "fahrlässige Tötung" lautete, ist klar, dass hier rassistische Morde nicht nur der Polizei angelastet werden müssen, sondern auch, dass sie Unterstützung in unserem Justizsystem finden.

    Ich möchte nochmal daran erinnern, dass in Hessen die PolizistInnen des NSU2.0 Komplexes noch nicht mal angeklagt wurden und soweit ich weiß, weiterhin in "Beamtenwürden" sind.

    Das Problem des strukturellen Rassismus ist weit größer in Deutschland als die meisten sich eingestehen wollen. Und wir müssen dazu auch nicht warten, bis die AfD an die Regierung kommt. Eine cdU/csU-Regierung reicht völlig. Dazu sollte man nicht vergessen, dass die entsprechenden Menschen schon lange in den Behörden und Ämtern sitzen. Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Soldaten, Beamte und Angestellte in städtischen Behörden, die über Wohnraumvergabe, Anerkennenung von Asylverfahren etc. entscheiden.

    • @Jalella:

      "Als Polizist im Einsatz von hinten (!) jemanden mit mehreren Schüssen in den Rücken zu töten ist entweder Totschlag oder Mord." Nein, es kommt auf die Umstände an.

      Beispiel: Jemand mit Messer oder Pistole steht vor einer anderen Person. Der Polizist steht hinter dem jemandem. Um die bedrohte Person zu schützen schießt der Polizist dem jemandem in den Rücken. Eindeutig kein Mord oder Totschlag.

      Anderes Beispiel: Jemand mit Messer oder Pistole läuft weg, was eine Gefahr für andere darstellt, auch wenn er in dme Moment niemand konkret bedroht. Polizist schießt in den Rücken. Auch hier kein Mord oder Totschlag. Wenn aus meiner Sicht nicht mehr so eindeutig denn, hätte der Polizist ihn nicht noch weiter verfolgen können und dann stellen? Mit Stellen meine ich nicht jemanden mit Messer angreifen sondern Pistole aus der Ferne halten.

      In diesem Fall gingen die Polizisten wohl von Vorhandensein eines Messer aus. (Ob er eines dabei hatte ist wahrscheinlich zweitrangig). Es geht darum ob von der Polizei verhältnismäßig reagiert wurde. Daher passt auch nur "fahrlässige Tötung" anstatt Mord oder Totschlag.

      Bin aber nur Laie, aber meine Argumentation scheint mir sehr logisch zu sein.

    • @Jalella:

      "Als Polizist im Einsatz von hinten (!) jemanden mit mehreren Schüssen in den Rücken zu töten ist entweder Totschlag oder Mord."



      Na, dann ist es ja gut, dass Sie mit Ihrem (mutmaßlichen) juristischen Laienwissen klüger sind als die Staatsanwaltschaft, die sich da bestimmt nicht so gut auskennt wie Sie.

      Nur mal als kleine Denkaufgabe für Sie: Können Sie sich, mit etwas Mühe, Szenarien vorstellen, in denen man zur Verteidigung anderer Menschen auf jemanden von hinten (!) schießen kann? Und, wenn wir schon dabei sind: Worauf beruht Ihre Unterstellung einer vorsätzlichen Tötung (also sprich, eines mindestens bedingten Tötungsvorsatz der Marke: "Ich schieße jetzt auf ihn, um ihn zu verletzen, und wenn er dabei stirbt, dann hat er halt Pech")? Ist es wirklich undenkbar, dass die Staatsanwaltschaft einfach davon ausgeht, dass der Schütze in diesem Fall einem Irrtum über die Situation unterlag, und dabei in seiner Einschätzung allzu leichtfertig zum sog. "finalen Rettungsschuss" griff, woraus sich in der Summe eine fahrlässige Tötung ergibt?

  • Der Tod des 21-jährigen Lorenz A. an Ostern 2025 in Oldenburg ist das tragische Mahnmal eines tief sitzenden strukturellen Problems. Dass ein junger Mann in der Fußgängerzone von drei Polizeikugeln – von hinten in Rücken und Kopf – getötet wird, lässt sich nicht mit „Gefahrenabwehr“ rechtfertigen. Es ist das bittere Resultat einer Routine, in der schwarze Körper schneller als Bedrohung markiert werden. Racial Profiling tötet, bevor die erste Kugel fällt.



    ​Den geistigen Nährboden liefert eine AfD, die rassistische Ressentiments zum Geschäftsmodell erhoben hat. Wer Menschen pauschal als „Messermänner“ delegitimiert, vergiftet das Klima so weit, dass bei Kontrollen nur noch das Feindbild gesehen wird. Die AfD normalisiert den Hass, den Beamte in Stresssituationen internalisieren.



    ​Die Anklage wegen fahrlässiger Tötung ist nur ein schwacher Trost. Wir brauchen eine radikale Fehlerkultur statt Ausflüchten. Wer heute wegsieht, wenn die AfD hetzt und die Polizei unverhältnismäßig zuschlägt, macht sich mitschuldig an der nächsten Tragödie auf unseren Straßen.

    • @amigo:

      "Dass ein junger Mann in der Fußgängerzone von drei Polizeikugeln – von hinten in Rücken und Kopf – getötet wird, lässt sich nicht mit „Gefahrenabwehr“ rechtfertigen."



      Doch, prinzipiell schon. die Frage wird sein, ob es in DIESEM Fall mit Gefahrenabwehr gerechtfertigt sein kann!

      Prinzipielle gerechtfertigte Gefahrenabwehr:



      Beispiel: Jemand mit Messer oder Pistole steht vor einer anderen Person. Polizist steht hinter dem jemandem und schießt um die Person zu schützen.

      Beispiel: Jemand mit Messer oder Pistole läuft weg, was keine Bedrohung für eine konkrete Person darstellt, aber für die Allgemeinheit, der Polizist kommt nicht hinterher und die Person hört nicht auf "stehen bleiben".

  • Die Pressefreiheit so anzugreifen! Macht mich sehr wütend. Riecht nach Einschüchterungsversuch. Denkt die Polizei in Oldenburg, dass sie über dem Gesetz steht?

  • Dobrindt: „nur eine einzige Perspektive: Wir stehen auf der Seite der Polizistinnen und Polizisten, nicht auf der Seite der Kriminellen“. - Eine erschütternde Wortmeldung (juristisch, politisch und intellektuell, ethisch sowieso): Als ob die Polizei es nur mit Kriminellen zu tun hätte (die ja ohnehin nur Verdächtige sind) und nicht meistens mit Unschuldigen. Als ob er als Minister nicht auf der Seite des Rechts stehen müsste. Als ob die Kennzeichnung als "kriminell" alles legitimieren würde.

  • Man kann die Forderung gar nicht oft genug wiederholen: Eine unabhängige, wissenschaftliche Untersuchung der Polizei und der Justiz auf rassistische Tendenzen ist ZWINGEND notwendig. Ist das Ergebnis positiv, dann ist es allerhöchste Zeit, dass die Politik endlich eingreift. Ist es negativ - um so besser. Doch ein Rechtsbrecher wie Dobrindt wird -wie seine Vorgänger- alles daransetzen eine solche Untersuchung zu verhindern - er weiß offenbar schon jetzt, was dabei herauskommen würde. Doch Dobrindt ist nicht allein, vor allem seine rechtsorientierten Parteifreunde stehen hinter ihm. Und die anderen Parteien? Die halten sich allesamt bedeckt - es könnte ja Stimmen kosten.



    Ich empfinde tiefe Scham für unsere Republik.

  • Abwarten was bei dem Verfahren herauskommt - falls es überhaupt eröffnet wird. Vielleicht hätte man erwähnen sollen, dass Lorenz A. der Polizei bekannt. Das erklärt dann auch, warum er öfter kontrolliert wurde als unauffällige Mitbürger.

    • @Nachtsonne:

      Nein, das war nicht der Grund für die andauernden Kontrollen, das bezeugen die Aussagen der anderen deutlich. Es ist Rassismus pur, no less.

    • @Nachtsonne:

      Und jeder Polizist in Oldenburg kannte Lorenz' Gesicht und wusste somit, dass dieser Mensch jederzeit und überall ohne Grund Kontrolliert werden sollte? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, somit erklärt eine vorherige Auffälligkeit noch lange nicht die Schikane, der Lorenz und viele weitere ausgesetzt waren und sind. Außerdem ist meines Wissens nach nicht bekannt, warum Lorenz bei der Polizei bekannt war. Vielleicht hatte er mal einen Joint dabei oder es war eine andere Kleinigkeit, die so gut wie jeder schonmal verbrochen hat und ungestraft davon gekommen ist, während man bei Leuten wie Lorenz nur auf eine Gelegenheit wartet, ihn zu belangen.

    • @Nachtsonne:

      Komisch, dass jemand, der so misstrauisch beäugt wird und so oft kontrolliert, der Polizei "bekannt" ist.

    • @Nachtsonne:

      Das erklärt dann wahrscheinlich auch, warum er von hinten erschossen wurde?

      • @Bubak:

        Der Polizist stand unter dem Einfluss von Reizgas und konnte nicht richtig sehen, gleichzeitig ist er davon ausgegangen angegriffen zu werden. Ich sage nicht, dass der Polizist sich nicht strafbar gemacht hat. Aber zu sagen er "wurde von hinten erschossen" vermittelt einen falschen Eindruck der Situation.

    • @Nachtsonne:

      Ach was! Vagel Bülow

      “…dass Lorenz A. der Polizei bekannt.“



      Genau das nennt sich ein circulus vitiosus oder self-fulfilling prophecie.



      “Das erklärt dann auch, warum er öfter kontrolliert wurde als unauffällige Mitbürger.“



      Das erklärt gar nichts - nur für sojet wie ehna:



      “Selber Schuld!“ 👎

    • @Nachtsonne:

      Vielleicht war Lorenz der Polizei auch bekannt, weil er öfter kontrolliert wurde?



      Vielleicht war Lorenz kein unauffälliger Mitbürger, weil man als schwarze Person kein unauffälliger Mitbürger für die Polizei sein kann?



      Vielleicht wird in dem Artikel mehrfach beschrieben wie die weiße Person viel weniger kontrolliert wird, obwohl die Person auffälliges Verhalten zeigt?



      Vielleicht hatte Seehofer aber auch Recht und die Polizei kann nicht rassistisch sein, da es ja verboten ist.



      Vielleicht aber auch nicht und du solltest den Artikel nochmal lesen und dich mit strukturellen Rassismus auseinandersetzen.

  • Erschütternd.



    Die Rot-grüne Landesregierung muss handeln.