Scheuers Fahrradhelm-Werbung: „Peinlich, altbacken und sexistisch“
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) startet eine Kampagne für Fahrradhelme, die auf heftige Kritik stößt. Die Models sind nur leicht bekleidet.
„Es ist peinlich, dumm und sexistisch, wenn der Verkehrsminister seine Politik mit nackter Haut verkauft“, sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Maria Noichl, der Bild am Sonntag (kostenpflichtiger Inhalt). Frauen fühlten sich dadurch beleidigt. „Deshalb: Runter mit den Plakaten.“ Diese sollen den Angaben zufolge ab Dienstag entlang von Straßen aufgestellt werden.
Das Verkehrsministerium will mit der Kampagne, die auch Videos umfasst, vor allem junge Menschen zum Tragen eines Helms animieren. Sie trägt den Titel: „Looks like shit. But saves my life“ Auf Deutsch: „Sieht scheiße aus – aber rettet mein Leben.“ Dabei ist unter anderem „Germany's Next Topmodel“-Kandidatin Alicija.
Auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) findet die Aktion ihres Kabinettskollegen wenig amüsant. Auf Facebook postete sie ein Foto von sich und ihrem Fahrrad. Sie ist darauf vollständig bekleidet, trägt einen Helm und schreibt dazu: „Lieber Andreas Scheuer: Mit Helm geht auch angezogen!“
„Sex-sells-Kampagne“
SPD-Fraktionsvize Katja Mast äußerte ähnliche Kritik: Zwar spreche die Kampagne das richtige Thema an, sagte sie der Passauer Neuen Presse (Samstag). Doch sei die Umsetzung „peinlich, altbacken und sexistisch“. Halbnackte Frauen und Männer sollten nicht mit Steuergeldern auf Plakate gebannt werden.
Die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Josephine Ortleb, reagierte ebenfalls empört: „Es braucht weder Frauen als Objekte, nackte Haut noch Sexismus, um junge Menschen auf Sicherheit im Radverkehr aufmerksam zu machen“, sagte sie der Zeitung. Das Beispiel von Scheuers „Sex-sells-Kampagne“ zeige, dass die Bundesregierung dringend eine Gleichstellungsstrategie benötige. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Manja Schüle bezeichnete die Kampagne ebenfalls als „zutiefst sexistisch“.
Kritik kam auch von den Grünen. Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar sagte der Bild am Sonntag: „Statt auf sexistische Werbung ohne Wirkung zu setzen, sollte Scheuer endlich ernsthaft für die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen sorgen.“
Das Ministerium rechtfertigte sich via Twitter. Hauptzielgruppe seien junge Frauen und Männer, die aus ästhetischen Gründen keine Helme trügen. Die erste Auswertung der Einschaltquoten – mit 1,78 Millionen Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren – bestätigten, „dass wir diese Zielgruppe sehr gut erreicht haben“. Zwar könne man die Einwände von verschiedenen Seiten nachvollziehen, stehe aber hinter den Motiven. Bereits am Freitag hatte die Kampagne im Netz jede Menge ironischer Anmerkungen ausgelöst – neben Verständnis gab es auch viel Kritik.
„Gefährliche Radverkehrspolitik“
„Freue mich schon auf die Kampagne mit LKW-Fahrern in Feinripp-Unterwäsche, die für Abbiegeassistenten werben“, schrieb @Philip_Meinhold. Der baden-württembergische Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs meint: „Wir finden Sexismus in der Werbung genau so doof wie den Versuch, Fahrradhelme als Feigenblatt für eine mangelhafte und für viele gefährliche Radverkehrspolitik zu verwenden“.
@FrauHoegemann fragt sich: „Bei solch einer Kampagne gibt es einen Pitch und mehrere Abstimmungsrunden. Hat da niemand gesagt: Können wir nicht machen, ist sexistischer Kack!“ Und @Lokoschat schreibt: „Sexismus in Werbung gibt's oft genug, bei #HelmerettenLeben ist es m.E. aber mindestens ein Grenzfall: Frauen und Männer posieren erotisch mit ‚hässlichem‘ Helm. Es geht um den Kontrast. Muss man nicht gut finden, aber auch nicht sexistisch.“
Viele andere Nutzer*innen ergänzen die Werbekampagne des Verkehrsministeriums mit ihren eigenen Fahrradhelm-Porträts – und zwar angezogen.
Empfohlener externer Inhalt
In einer früheren Version des Texts wurde der Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, aus der Bild am Sonntag zitiert. Das Zitat war falsch.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Verkehrsminister wollen Kostensenkung
Luxusgut Führerschein
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Urteil gegen Marine Le Pen
Populistische Wut am Köcheln halten