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Rot-Grün-Rot in Berlin Reißt euch zusammen, Genoss:innen!

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Nach ihrem Erdrutschsieg hat die Linke das Recht, rote Linien zu ziehen. Ob Rot-Grün-Rot gelingt, hängt davon ab, ob die SPD sich an ihre neue Rolle gewöhnen kann.

E indeutiger könnte das Berliner Wahlergebnis nicht sein: Schwarz-Rot wurde aus dem Amt gewählt, CDU und SPD wurden für ihre Politik sowohl im Land als auch im Bund abgestraft. Die neue tonangebende politische Kraft in der Hauptstadt ist die Linkspartei, die mit 25,7 Prozent ihr Ergebnis mehr als verdoppelt. Eine Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD ist zwar rechnerisch weiterhin möglich, aber nicht nur politisch denkbar schwach, sondern als Koalition der Wahlverlierer auch demokratisch problematisch. Es scheint in Berlin nur eine politische Zukunft zu geben: Rot-Grün-Rot.

Viele schauen jetzt auf die Linkspartei und fragen sich, ob das Bündnis wirklich gelingen kann. Und ja, es stimmt: Teile der Linken hadern mit der Regierungsbeteiligung. Am Freitag will die Partei einen Sonderparteitag nur zu der Frage abhalten, ob überhaupt Sondierungen aufgenommen werden. Dass es dort zu einem „Nein“ kommt, ist aber maximal unwahrscheinlich: Vermutlich wird der Parteitag lediglich eine Bühne sein, noch einmal die dicken roten Linien der Linken zu unterstreichen, allem voran die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen.

Und ob es der SPD und den Grünen gefällt oder nicht: Dazu, diese roten Linien zu ziehen, ist die Partei mit diesem Wahlergebnis mehr als berechtigt. Für die Linke sind diese roten Linien sogar überlebensnotwendig. Als sich systemkritisch gebende Partei steht sie unter dem besonderen Druck, zu beweisen, dass die Übernahme politischer Macht auch wirklich für nachhaltige Veränderungen genutzt wird. Stehen die Chancen dafür gut, wird es auch eine Parteimehrheit für eine Regierungsbeteiligung geben.

Mit diesem Wahlergebnis ist die Linke mehr als berechtigt, rote Linien zu ziehen
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Ob das progressive Politikbündnis doch noch scheitert, liegt deshalb mindestens im gleichen Maße auch an der Frage, ob sich die Koalitionspartnerinnen der Linken zusammenreißen können. In der SPD steht man vor der Herausforderung, sich in kurzer Zeit einen Realitätscheck zu verpassen und zu verstehen, dass man nicht mehr die große Staats- und Berlinpartei ist, sondern ein nochmals geschrumpfter Juniorpartner eines Dreierbündnisses – und als solcher nicht deren zentrales Anliegen verhindern kann.

Damit das gelingt, müssen die Linken der SPD natürlich auch etwas anbieten – aber wenn es am Ende doch an der Vergesellschaftungsfrage scheitert, wird nicht die Maßlosigkeit der Linken, sondern die Selbstüberschätzung der SPD dafür verantwortlich sein. Hinzu kommt die Frage, wie stark sich SPD und Grüne in den kommenden Wochen in einem Diskurs über Antisemitismus in der Linken verbeißen, der längst weit über die Fakten hinaus zu einer Kampagne geworden ist.

Die gute Nachricht lautet: Schaffen es alle drei Parteien, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, ist ein gemeinsames politisches Projekt für ein sozial gerechteres Berlin zum Greifen nah. Das wäre ein Berlin, in dem abzockende Ver­mie­te­r:in­nen bestraft werden und der Wohnungsmarkt reguliert wird, in dem die Verkehrswende vorangetrieben wird, wo Beschäftigte fair bezahlt werden und wo Klimaschutz wieder ernst genommen wird. Eigentlich doch eine Vision, für die sich ein paar Kompromisse lohnen könnten.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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8 Kommentare

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  • Manuel Im

    "Eine Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD ist zwar rechnerisch weiterhin möglich, aber nicht nur politisch denkbar schwach, sondern als Koalition der Wahlverlierer auch demokratisch problematisch."



    Also das was in Sachsen-Anhalt gefordert wird und in Thüringen geschehen ist?

  • sutrebe

    "Das wäre ein Berlin, in dem abzockende Ver­mie­te­r:in­nen bestraft werden und der Wohnungsmarkt reguliert wird"

    Zum Thema Enteignung bin ich hier ganz leidenschaftslos, ist ja auch heute bereits im Sinne des Gemeinwohls möglich. Die von den potentiellen Regierungsparteien in Berlin weitestgehend unbeantwortete Frage ist jedoch, wie die vielen, vielen "zusätzlich" notwendigen und natürlich preiswerten Wohnungen entstehen sollen;

    in wieweit die kommenden Regulierungen nicht gar kontraproduktiv wirken werden.

  • Andi S

    Jaja, Antisemitismus. Das ewige Problem der Linken…

    • Minderleister

      @Andi S:

      Also ich kenne nur Linke, die gegen die Politik der Netanjahu-Regierung sind. Wenn man damit Antisemit ist, dann bin ich wohl auch einer.

    • Kasimir_Affe

      @Andi S:

      Leider seit Marx keinen Schritt weiter gekommen und zwischenzeitlich (UdSSR) sogar einige zurück, ich verstehe es ebenfalls nicht.

  • YeahYeah

    Wieso soll sich eine Partei zusammenreissen, wenn es rote Linien gibt, die sie aufgestellt hat? ZB keine Enteignungen? Das Nicht-Halten von Wahlversprechen hat die politische Landschaft dorthin gebracht, wo sie jetzt ist. Die Linke hat nur 25% aller Stimmen.

  • Janix

    Dass Springermedien den Linken etwas anklatschen wollen, wird so oder so passieren. Palästinasolidarisch leitet sich dabei universal aus dem Völkerrecht ab und ist offen gesagt auf Länderebene auch nicht der zentrale Punkt. Gleiche Chancen sind das.

    Ein größerer Knackpunkt wird die Enteignung. Daran gebunden sind durch den Volksentscheid alle Parteien eigentlich. Auslöffeln wird es die Linke, denn der Preis dürfte zu hoch werden, dank unserer sehr eigentumsfreundlichen Rechtslage. Das wird den Handlungsspielraum für anderes beschränken.



    Dass Berlin eine linke Politik mehrheitlich will und bekommen kann, stimmt genauso. Hoffnung, Sicherheit und Aufbruch sind vermutlich eine gute Medizin gegen die Braundumpfen.

    • Zippism

      @Janix:

      Dass Palästinasolidarität und Antisemitismus nicht dasselbe sind, bestreitet doch niemand. Aber daraus folgt eben nicht, dass der Berliner Landesverband der Linken kein Antisemitismusproblem hat. Das ist schlicht durch konkrete Vorgänge innerhalb der Partei belegt.

      Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken Neukölln trat erst kürzlich ein Rapper mit Parolen wie „Death to the IDF“ und „Yalla Yalla Intifada“ auf. Selbst Elif Eralp zeigte sich darüber „entsetzt“ und erklärte, die Verantwortlichen hätten sofort intervenieren müssen. Und der BR berichtete über antisemitische Äußerungen aus Funktionärskreisen der Linksjugend.

      Das Problem ist also nicht, dass jemand Palästinenserrechte unterstützt oder Israels Regierung kritisiert. Das ist politische Debatte. Das Problem beginnt dort, wo antisemitische Muster, Gewaltverherrlichung oder die Dämonisierung Israels innerhalb linker Strukturen Raum bekommen