Oben-Ohne-Demo in Berlin: Freie Nippel

Beschriebene Brüste statt Plakate – in Berlin demonstrieren Menschen für die Gleichbehandlung nackter Körper. Anlass ist ein Vorfall am Spielplatz.

Eine Gruppe von Demonstrierenden steht in der Sonne auf einem Platz. Manche von ihnen haben Mikros in der Hand und halten eine Rede während der Kundgebung. Sie sind alle oben ohne, tragen dafür aber Perücken und Masken.

„no nipple is free until all nipples are free“ Foto: Christian Mand/reuters

BERLIN taz | Sorgfältig malt sich eine Frau mit roter Farbe einen Kussmund auf den linken Nippel. Einige Meter neben ihr schmieren sich zwei Frauen den ganzen Oberkörper rot ein. Dahinter legt sich jemand eine lila Federboa um die Schultern – die Vorbereitungen auf die Demo am Samstagmittag am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg erinnern an ein Festival. Wäre da nicht ein Unterschied: Alle anwesenden Frauen und non-binären Personen sind oberkörperfrei. Nur Farbe oder die Haare einiger pastellfarbener Perücken verdecken Teile ihrer Brüste. Die wenigen Männer, die da sind, tragen hingegen meist Bustiers, BHs, Bikinis.

Die Demonstrierenden wollen darauf aufmerksam machen, dass männliche und weibliche Oberkörper nicht gleich behandelt werden. Unter dem Motto „No nipple is free until all nipples are free“ hatte die nur für diesen Zweck entstandene Sektion „Wilde Möpse“ der Hedonistischen Internationalen zur Demo aufgerufen. Auf Fahrrädern zieht der Zug ab Mittag quer durch Kreuzberg und Neukölln bis zum Tempelhofer Feld. Gekommen sind laut Ver­an­stal­te­r*in­nen rund 700 Menschen, laut Polizei rund 350.

Hintergrund des Protests ist ein Ereignis Ende Juni: Weil eine Frau sich oben ohne am Wasserspielplatz Plansche im Plänterwald gesonnt hatte, während ihr Sohn im Wasser spielte, war zunächst die Parkaufsicht und schließlich die Polizei gekommen. Beide hatten sie aufgefordert, einen BH oder ein T-Shirt anzuziehen, weil ihre Brüste „stören“ würden und es „hier Kinder“ gebe. Die Frau namens Gabrielle Lebreton weigerte sich. „Das ist Diskriminierung“, habe sie laut ihrem Gedächtnisprotokoll gesagt. Schließlich sei sie gegangen, weil die Polizei sie des Platzes verweisen wollte. Zur Demo kam Lebreton nicht, sie wolle sich nicht in den Vordergrund drängen. Aber sie hat eine Nachricht geschickt, die bei der Anfangskundgebung zu hören ist.

CDU? Cool damit

Dass die Teilnehmerinnen oben ohne sind, wurde zur Überraschung der Ver­an­stal­te­r*in­nen schon im Vorfeld genehmigt. Für eine der Organisator*innen, die als Rosa Nippel-frei zitiert werden will, bestätigt das nur, wie absurd der Vorfall im Plänterwald war: „Selbst die CDU hat nichts hiergegen. Das zeigt die ungeschriebene Gesellschaftsordnung in Berlin. Der Konsens zu oben ohne ist da.“ Deswegen fordern die Wilden Möpse, das politisch umzusetzen.

Rosa, Demonstrierende

„Brüste sind basically da, um Babys zu füttern. Ich kann nicht nachvollziehen, warum das sexualisiert wird.“

Lebreton war wegen Belästigung der Allgemeinheit gemäß §118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes des Platzes verwiesen worden – dass ihr nackter Oberkörper darunter fällt, sei die persönliche Auslegung des Polizisten gewesen. Damit so etwas nicht wieder vorkomme, sei eine verwaltungsinterne Richtlinie, die diese Auslegung unterbindet, eine Lösung.

Für eine junge Teilnehmerin der Demo ist es damit jedoch noch nicht getan. „Das Gesetz zu ändern reicht nicht, um das gesellschaftliche Bild zu ändern“, sagt Rosa, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Aktuell werde die Brust zu sehr als sexuelles Symbol gesehen. „Brüste sind basically da, um Babys zu füttern. Ich kann nicht nachvollziehen, warum das sexualisiert wird“, sagt sie. „Free the titties“ steht in schwarzer Farbe auf ihrem Oberkörper.

Überhaupt gibt es auf dieser Fahrraddemo nur wenige Plakate aus Pappe, dafür umso mehr Sprüche auf Körpern: „I am not your porn“, „Chill mal deine Nippel“ oder „Free the nipple“.

Am Rande des Fahrradzuges bringt ein männlicher Demoteilnehmer – oben ohne – seiner Begleiterin – auch oben ohne – ein Bier aus dem Späti. Kurz verweilen sie vor dem Geschäft. Da kommt ein Mitarbeiter und bittet die Frau mit eindeutigen Gesten zu gehen. Oben ohne, so normal das heute in der Masse der Protestierenden wirkt, so anstößig ist es noch in der Realität.

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