Massaker in Iran: Die unsolidarische Linke
Links der Mitte tut man sich schwer, mit dem Freiheitskampf der Iraner echte Solidarität zu zeigen. Warum Linken die Unterstützung so schwerfällt.
E s gab diese eine Hoffnung, an der sich die Iraner nach Jahrzehnten der Unterdrückung klammerten: „Wenn wir ausreichend viele Menschen sind, die sich trotz Lebensgefahr auf die Straßen trauen, kann uns dieses Regime nicht alle erschießen – dann sind wir stärker als sie.“
Diese Hoffnung wurde am 8. und 9. Januar auf blutigste Weise zerschlagen. Innerhalb von nur zwei Tagen ließ das Regime zwischen 7.000 und 36.000 Demonstranten systematisch erschießen, eine unabhängige Zählung lässt die Regierung nicht zu.
Zehntausende sitzen jetzt in den Foltergefängnissen, Tausenden droht die Hinrichtung. Angehörige der Toten müssen mehrere Tausend Euro zahlen, damit die Sicherheitskräfte ihnen überhaupt die Leichname übergeben – offiziell um für die verschossene Munition aufzukommen.
ist freier Journalist und hat zwischen 2017 und 2022 zeitweise im Iran gelebt. Während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste wurde er selbst Augenzeuge der Gewalt iranischer Regimekräfte gegen Demonstranten. 2025 veröffentlichte er das Sachbuch „Die fehlgeleitete Islam-Debatte und ihre Folgen“ (Westend).
Angesichts dieses Horrors bleibt vielen Iranern nur noch die Hoffnung auf amerikanische Militärschläge. Nicht aus Naivität, sondern aus der verzweifelten Hoffnung heraus, dass Luftschläge das Mullah-Regime derart schwächen, dass sie wieder auf die Straßen zurückkehren und ihr Land befreien können.
Bitter: Ausgerechnet Trump weckt Hoffnung
Es ist nicht schön, das so zu benennen, aber es ist so: Ein autoritärer, Fakten verdrehender Rabauke wie Donald Trump, der für die Armen und Schwachen dieser Welt nur Verachtung übrig hat, hat einem Volk, das mit unfassbarem Mut gegen Frauenunterdrückung und Klerikalfaschismus Widerstand leistet, mehr zu bieten als alle linke Politiker und Aktivisten der letzten 50 Jahre.
Im Augenblick ist das Schweigen der Aktivisten, Politiker und NGOs links der Mitte besonders laut. Bestenfalls beklagt man in symbolischen Statements die Toten und warnt im selben Atemzug vor militärischen Interventionen. Schlimmstenfalls schweigt man komplett oder sympathisiert sogar offen mit dem Mullah-Regime – immerhin das letzte Bollwerk gegen Israels Expansionismus und westlichen Imperialismus, oder?
Vom französischen Star-Intellektuellen Michel Foucault, der die Machtergreifung der Mullahs 1979 als „politische Spiritualität“ verklärte, bis zur früheren „feministischen“ Außenministerin Annalena Baerbock, die die Einstufung der Revolutionsgarden als Terrorgruppe jahrelang ausbremste: Iran erwies sich schon immer als der Prüfstein, an dem scheinbar progressive Ideologien scheiterten.
Mit ihrer feministischen Stoßrichtung ernteten die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste 2022 in linken Kreisen immerhin noch einige Sympathien. Doch jetzt, wo einfache Working-Class-Iraner nach dem proamerikanischen Sohn des gestürzten Schahs rufen, scheint sich ein Großteil der linken Weltöffentlichkeit endgültig vom Iran abgewendet zu haben. Praktisch keine Demos. Keine Hashtags. Keine Hollywood-Reden. Stattdessen erklärt man den Iranern, dass die Schah-Monarchie doch genauso schlimm gewesen sei wie die Herrschaft der Ayatollahs. Oder dass „regime change“ im Nahen Osten noch nie funktioniert habe.
Das Leid wird relativiert
In Kreisen, wo man – berechtigterweise – ein freies Palästina fordert, ist die Zurückhaltung besonders entlarvend. Als Zohran Mamdani, New Yorks linker Bürgermeister, nach wochenlangem Schweigen zu seiner Meinung befragt wurde, sagte er nur, dass er „den Umgang Irans mit den Protesten nicht unterstütze“.
Linke israelkritische Medien, wie Dropsite News, verbreiten das Regime-Narrativ, dass der Mossad hinter den Demonstrationen stehe. Andere wiederum stellen die hohen Opferzahlen als Manipulation dar, um eine mögliche US-Intervention zu legitimieren. Anstatt den Menschen vor Ort eine Stimme zu geben, spricht man über sie. Anstatt den Betroffenen zuzuhören, relativiert oder leugnet man gar ihr Leid.
Dass es vielen Menschen mit progressiven Werten so schwerfällt, den Widerstand in Iran ohne Wenn und Aber zu unterstützen, hat tiefsitzende ideologische Gründe. Es sind die Glaubenssätze, die einer echten Solidarität von links im Wege stehen.
Die historische Schah-Phobie
Erstens: die historische Schah-Phobie. Der Sohn des gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, ist für viele junge Iraner zu einer politischen Identifikationsfigur geworden. Nicht aufgrund einer diffusen Schah-Nostalgie, sondern weil er als der einzige Oppositionspolitiker mit einem klaren Programm wahrgenommen wird.
Trotz seines Bekenntnisses zur Demokratie und zu einem nationalen Referendum über die künftige Staatsform begreifen ihn ideologische Linke aber weiterhin als Symbol der autoritären Schah-Monarchie vor 1979. Gleichzeitig stellen sie die Herrschaft seines Vaters auf dieselbe Stufe wie die islamistische Mullah-Diktatur („weder Schah noch Mullah“).
Doch diese Gleichsetzung hält keinem historischen Vergleich stand. Der Repressionsapparat des Schahs hat während der ganzen Islamischen Revolution nicht annähernd so viele Menschen getötet, wie die Islamische Republik in nur zwei Tagen. Von den Frauen- und Bürgerrechten, die 1979 abgeschafft wurden, ganz zu schweigen.
Der Feind meines Feindes
Zweitens: Mein Feindesfeind ist mein Freund. Neben der Scharia bildet der „Widerstand gegen Israel und den US-Imperialismus“ das ideologische Fundament der Islamischen Republik. In Teherans Zentrum läuft seit 2017 ein Countdown bis zur angeblichen Zerstörung Israels. Das macht das Mullah-Regime für Teile der antiimperialistischen und israelkritischen Linken anschlussfähig.
Dabei müsste allen klar sein: Ein System, das die eigenen Bürger mit Füßen tritt, hat nicht das geringste Interesse am Wohl der Palästinenser. Für die Mullahs sind die Palästinenser nichts als ein geopolitisches Machtpfand.
Die Islamische Republik ist der Hauptfinancier von Hamas und Hisbollah. Ohne sie fiele das einzige nachvollziehbare Argument weg, das Israel gegen eine Zweistaatenlösung vorbringen kann. Wer also ein freies Palästina will, muss auch ein freies Iran wollen.
Angst vor einem „Regime Change“
Drittens: Die Angst vor dem „Regime Change“. Es ist wahr, dass westliche Militärinterventionen und „Regime Changes“ im Nahen Osten nur selten erfolgreich waren. Doch Iran hat andere Startvoraussetzungen als der Irak, Afghanistan oder Libyen – von der säkularen Zivilgesellschaft bis hin zur dezentralen Verwaltung.
Die Iraner machen sich keine Illusionen darüber, dass die USA nur in ihrem Eigeninteresse handeln. Aber nach dem systematischen Massaker im Januar fragen sie sich auch: „Wie sollen wir mit leeren Händen gegen diese Tötungsmaschinerie ankommen?“
Ein Unterdrückungsapparat, der sich mit Öleinnahmen finanziert und zu äußerster Gewalt bereit ist, kann allein durch Streiks und Straßenproteste nicht besiegt werden. Wer angesichts dieser Realität ausländische Interventionen ablehnt, dient zwar dem eigenen Gewissen, aber nicht den Menschen vor Ort. Und: Haben wir in Deutschland nicht selbst die Rote Armee und die Amerikaner gebraucht, um uns vom Faschismus zu befreien?
Angesichts des Grauens in Gaza war es richtig, auf die Straße zu gehen, auch wenn man die Hamas verurteilt. Menschen, die unfassbare Grausamkeit erfahren, haben bedingungslose Solidarität verdient. Genauso ist es im Iran. Unabhängig davon, wie man zu Reza Pahlavi oder Donald Trump steht: Der Kampf der Iraner für Freiheit und Menschenwürde braucht unsere ganze Solidarität – auch und vor allem von links.
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