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Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Der Wohlfühlwahlkampf der AfD

Gastkommentar von

Johannes Hillje

Die AfD weiß, wie man Wähler gewinnt: mit Positivität. Sie verkauft ihre radikale Agenda ohne Radikalität und schafft so eine emotionale Bindung.

U lrich Siegmund ist ein Geschenk für die AfD. Lange Zeit fehlte der Partei eine charismatische Person. Weidel ist zu wütend, Chrupalla zu blass, Höcke zu böse. Insgesamt war die Parteikommunikation vergangener Jahre von düsteren Botschaften und Untergangsrhetorik geprägt. Die Wahlkampagnen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind anders. Eine positive Tonalität und hell-warme Ästhetik überstrahlt die menschenverachtende Ideologie. Dieser strategische Kurswechsel deutete sich schon 2024 im Thüringer Wahlkampf an. Der damalige Claim „Der Osten machts“ sollte eine gemeinsame Gewinneridentität schaffen, Höcke inszenierte sich damals schon mit Simson-Ausfahrten. Aber Höcke ist eben Höcke – zu viele Menschen wollten ihn nicht als Ministerpräsidenten haben. Siegmund ist deutlich populärer, anschlussfähig bis tief in die Mitte.

Es muss auf sein neonazistische Umfeld verwiesen werden, weil man den Typ Schwiegersohn mit Dauergrinsen selbst nicht zu fassen bekommt. Sein Kampagnenslogan lautet „Alles ist möglich“, die Plakate sind mit einem KI-generierten Sonnenaufgang als Hintergrund gestaltet, darauf Botschaften wie „Wieder normal leben“, „Wieder sagen, was man denkt“, „Das Land retten“ oder „Die besten Schulen der Welt“. Wobei man gleichzeitig die Abschaffung der Schulpflicht (genannt „Schulzwang“) fordert. Das Wahlprogramm beschreibt nichts weniger als den Umbau Sachsen-Anhalts hin zu einer illiberalen Enklave innerhalb Deutschlands: Moderne Familienmodelle werden abgelehnt, Bürger mit Behinderung abgewertet und „kulturfremde“ Mitmenschen weitestgehend verbannt.

Johannes Hillje

ist Kommunikationswissenschaftler, Politikberater und Autor zahlreicher Bücher.

Siegmund vertritt diese radikale Agenda, aber tritt nicht radikal auf. Im Gegenteil, er hüllt die radikalen Positionen in persönliche Geschmeidigkeit, demonstrative Freundlichkeit und geübte Relativierung – alles sei nur „gesunder Menschenverstand“. Inhalte spielen bei seinen Auftritten eh kaum eine Rolle, die Verpackung macht das Produkt. Sie lässt sich längst nicht mehr als Selbstverharmlosung abtun, sie ist völkischer Visionismus. Siegmund ist damit der Prototyp des Feel-Good-Rechtsradikalen. Seine Auftritte sind dynamisch, seine gute Laune ist ansteckend und seine Worte sind motivierend.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

In Mecklenburg-Vorpommern hat Leif-Erik Holm nicht dieselbe Strahlkraft, ist aber als ehemaliger Radiomoderator in der Region bekannt und beliebter als der durchschnittliche AfD-Kandidat. Mit Siegmunds Social-Media-Reichweite kann Holm nicht mithalten. Die Clips auf Siegmunds Kanälen, produziert von der rechtsextremen Propagandaagentur Filmkunstkollektiv, schaffen eine moderne Bewegungsästhetik, vermitteln Gemeinschaft, Stärke und Aufbruch. Die positive Bildsprache ist nur ein Element des AfD-Wohlfühlwahlkampfes.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Hinzu kommt die Eventisierung. Die Veranstaltungen heißen „Familien-“, „Bürger-“ oder „Sommerfest“, neuerdings auch „Heimatrausch“. Meist gibt es Musik, Bratwurst, Bier, manchmal Popcorn. Und natürlich den Motivator Siegmund, der sich mit Selfies in den Smartphones unzähliger Anhänger einnistet. Die selbstermächtigende Botschaft lautet nicht mehr nur, dass man „unser Land retten“ werde, sondern Vorhut einer vermeintlichen Demokratiebewegung sei, ausgehend von Ostdeutschland die gesamte Bundesrepublik quasi redemokratisieren werde. Durch Remigrieren und Redemokratisieren in die gute alte Zeit zurück. Siegmund und Holm versprechen beide: „Wir werden Geschichte schreiben.“ Damit gelingt es der AfD, ihre demokratiefeindliche Ideologie zu euphorisieren, ästhetisieren und eventisieren. Doch die AfD präsentiert eben nicht nur sich selbst in einem positiven Licht, sondern macht auch ihre Wählerinnen und Wähler zum Teil dieser Gemeinschaft von Stolz und Zuversicht.

Was in Sachsen-Anhalt derzeit erprobt wird, soll perspektivisch im ganzen Land ausgerollt werden: Laut einem internen Strategiepapier der Bundestagsfraktion will sie mit Blick auf ihre Kernwähler „ein positives Bild dieser Gruppe entwerfen, beispielsweise Arbeiterschaft als eigentliche Leistungsträger, Ostdeutsche als Avantgarde von Demokratie und Freiheit, Landbevölkerung als Träger guter traditioneller Werte, junge Deutsche als Hoffnungsträger einer besseren Zukunft“. Ziel: „Daraus soll ein gemeinsames Zielimage der AfD als freiheitlich-konservative Volkspartei entwickelt werden, das eine Klammer um ihre Wählerkoalition legt.“

Diese emotionale Bindung ist so kraftvoll, dass sie materielle Interessen locker übertrumpfen kann

Strategie der Partei ist das eine, Wirkung bei der Zielgruppe etwas anderes. Daten der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigen, dass die Wählerinnen und Wähler der AfD tatsächlich Hoffnung mit der Partei verbinden. Interessant ist dabei die intensive Ausprägung der AfD-Hoffnung: Bei Vergleichen von Hoffnungswerten kommt die AfD auf den höchsten Wert. Sie ist Hoffnungsträgerin für ihre Anhängerschaft, Gegenentwurf zur Ohnmacht der anderen, kurz: Sehnsuchtsort. Diese emotionale Bindung ist so kraftvoll, dass sie materielle Interessen locker übertrumpfen kann. Es gibt reihenweise Studien, die für die Steuer-, Sozial-, Klima- und Wirtschaftspolitik centgenau nachrechnen, wie viel die AfD-Wählenden weniger im Geldbeutel haben, sollte das Programm ihrer Partei umgesetzt werden. Subtext solcher Studien: „Wie dumm kann man eigentlich sein?“ Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nannte eine solche Studie „Das AfD-Paradox“.

Paradox wäre das Wahlverhalten allerdings nur, wenn die AfD-Wählenden nach rein ökonomischem Nutzen wählen und vollständig informiert sind. Beides muss bezweifelt werden. Denn so verhalten sich die Wählerinnen und Wähler anderer Parteien auch nicht. Kulturelle Themen sind den AfD-Anhängern ohnehin wichtiger als die ökonomischen, und die AfD verwebt in ihrem Kulturkampf beide Felder miteinander. Am Ende dürfte sie vor allem die emotionale Aufwertung anlocken. Das Identitätsangebot ist die Rationalisierungsvorlage für eine Wahlentscheidung, die nach anderen Kriterien irrational sein mag.

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Demnächst erscheint zum Thema im Dietz-Verlag die komplett überarbeitete Neuausgabe des Buchs von Johannes Hillje „Propaganda 4.0 – Wie rechte Populisten Brandmauern einreißen“.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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12 Kommentare

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  • Ricky-13

    taz: *... wie viel die AfD-Wählenden weniger im Geldbeutel haben, sollte das Programm ihrer Partei umgesetzt werden.*

    Da die meisten AfD-Wähler keine Parteiprogramme lesen, sondern nur das hören was der "fesche Sigmund" in Interviews und auf Wahlveranstaltungen sagt - aber Worte sind ja bekanntlich nur "Schall und Rauch" - werden sie das erst begreifen, wenn es schon zu spät ist.

    Dann kommt noch hinzu, dass Friedrich Merz mit seiner unsozialen Politik immer mehr Menschen in die Arme der AfD treibt, denn viele abgehängte Bürger wählen auch aus reiner Wut eine "Alternative", die allerdings alles andere als eine Alternative für sie ist.

    Merz hätte niemals Kanzler werden dürfen, denn er spaltet die Gesellschaft immer mehr durch seine unsoziale BlackRock-Politik, die nur für die Reichen und auch die Rechten von Vorteil ist.

  • Andreas_2020

    Die AfD arbeitet mit Gefühlen. Alles wird emotionalisiert und es werden Gefühle zielgerichtet angesprochen und aktiviert.



    Auf der rational-sachlichen Ebene wäre die AfD im Grunde genommen regelrecht lächerlich, eigentlich versprechen sie einen Sack voller Lügen.



    Und so läuft das auch ab, in Interviews, in Reden, es wird einfach so getan, als ob, es wird versprochen, es wird gefordert.



    Wenn 2026 so viele Menschen auf Rhethorik und Propaganda reinfallen, ist das ein Warnschuss, wo sich unsere Gesellschaft befindet.

  • Thriss

    Das sind ja wahrscheinlich alles keinen neuen Erkenntnisse oder neu entwickelte Strategien der AfD. Die Frage deren Antwort mich interessieren würde und die hier nicht beantwortet wird: Warum verfängt diese Strategie bei der AfD und bei anderen Parteien nicht? Was haben linke Parteien falsch gemacht?

  • Kaboom

    Die Schlussfolgerung dürfte dieselbe sein, die auch schon für MAGA und die Brexiteers zutraf:

    Fakten dringen nicht bis in die AfD-Bubble vor. Also ist das Zerstören der Luftschlösser, die von der Agitprop und Desinformation der AfD gebaut wurden, nur durch die AfD selbst möglich. Und das ist eine ziemlich üble Erkenntnis.

  • Totti

    Nein, mit "Positivismus" lassen sich keine Wahlen gewinnen. Der Begriff ist ideengeschichtlich bereits vergeben und hat nichts mit positiv denken oder Dauergrinsen zu tun...

    "Wohlfühlwahlkampf" trifft's schon besser, aber den machen andere Parteien auch - oder versuchen es zumindest.

    • Vigoleis

      @Totti:

      Danke für die semantische Fingerübung.



      "...den machen andere Parteien auch". Es gibt nichts anderes. Man möge mir einmal die Partei zeigen, die versuchte, mit einem grundehrlichen "Blut, Schweiß und Tränen"-Wahlkampf eine Wahl zu gewinnen.

      • Totti

        @Vigoleis:

        Danke auch. Der "Positivismus" wurde mittlerweile durch "Positivität" ersetzt... Damit lassen sich in der Tat Wahlen gewinnen. So richtig, so banal.

  • Abdurchdiemitte

    War es nicht klar wie Kloßbrühe, dass eines Tages bei der AfD die charismatische Persönlichkeit auf der Bildfläche erscheint, der einen farblosen MP wie Schulze in SAH locker an die Wand spielt?



    Sollte Siegmund sein Ziel erreichen, für die AfD die absolute parlamentarische Mehrheit zu erringen, steht er auf Bundesebene wahrscheinlich sofort für eine Spitzenposition in den Startloechern. Aber auch ein Ergebnis von 40% ohne parlamentarische Mehrheit kann er schon als einen fulminanten Sieg für die AfD verbuchen.



    Und wer wird dann dran glauben müssen an der Parteispitze? Chrupalla oder Weidel? Vorerst allerdings wird man auf interne Macht- und Grabenkämpfe verzichten, um den weiteren Siegeszug nicht zu gefährden.



    Aber die Nacht der langen Messer wird kommen, das gegenseitige ‚Abmurksen‘ (nicht nur das der politischen Gegner) hat schließlich Tradition in faschistischen Parteien.



    Höcke indes wird weiter als graue Eminenz und ewiger Strippenzieher im Hintergrund zur Verfügung stehen.

  • Torsten Andres

    Diese Strahlkraft täte einem Politiker-Typus auch in den anderen Parteien gut, nur haben sie den nicht.



    Alles was sie mit ernster Miene sagen, sagen sie so verschachtelt und in Phrasen erstickt, dass es keine Bindung mehr zum Bürger gibt. Schließlich sei alles so komplex, dass nur der Politiker es versteht und wenn überhaupt, auch nur er es lösen kann. Nicht aber der Bürger. Und mal ehrlich, wer kann sich mit einem Politiker noch identifizieren? Siegmund dagegen ist anders, unabhängig von dem was er inhaltlich vertritt.

  • FtznFrtz

    Ja, der Uli, den muss man einfach gern haben, so ein knuffiger Li-La-Launebär will ja nur das Gute, so wie Bardela in Frankreich oder der Kurz-Basti in Österreich. Die rechtsextreme Scheiße als Schokoladenpudding verkaufen, die braunen Ansichten von vorgestern als strahlende Zukunft.



    Es funktioniert immer wieder, gib den Leuten was sie wollen und du bekommst alles von ihnen. Leider sind wir Menschen so (einfach?) gestrickt.

  • Suryo

    Letzten Endes genau wie PEGIDA und die Querdenker. Eine rein affektbasierte Sache, die nichts mit Fakten zu tun hat.

  • Gerald Müller

    "Die AfD weiß, wie man Wähler gewinnt: mit Positivismus."

    Sehr richtig. Und was machen die anderen? Wahlkampf mit Negativismus. "AfD verhindern" usw. Sie lassen sich ihre Argumentation vom Gegner diktieren und fühlen sich dann auch noch als die Guten, die Antifaschisten haben aber selbst nichts anzubieten. Was ist denn die positive Erzählung von Linken, Grünen und SPD? Die "Klimakatastrophe verhindern" etwa? Das ist ebenfalls Wahlkampf mit einer Angsterzählung, etwas das man gerne der AfD vorwirft, das hier aber beispielhaft vorexerziert wird. Dazu kommt natürlich noch dass die sich an der Macht befindlichen Parteien die derzeitige Lage zu verantworten haben und daher die Argumentation dass ab morgen alles anders werden wird nicht sehr glaubhaft rüberkommt.



    Mir scheint öfters dass die Linke nichts Positives und zukunftsweisendes zur politischen Diskussion mehr beizutragen hat