Gendern als Ausschlusskriterium: Symbolkämpfe in der Sackgasse

Die Idee, mit dem Gendersternchen eine diskriminierungsfreie Gesellschaft zu erzwingen, ist gescheitert. Die Gendersprache schließt zu viele aus.

Zeiuchung eines Hürdnerläufers,der über Gendersternchen springt

Der Widerstand gegen das Gendern richtet sich gegen die aufgezwungene Sprachpolitik Illustration: Jeong Hwa Min

Das Gendern soll einerseits alle Geschlechter sprachlich „sichtbar machen“, andererseits geschlechtsspezifische Ausdrücke vermeiden. Das Ziel der Übung ist eine diskriminierungsfreie Sprache – oder das, was berufene Geister dafür halten. Die Frage ist: Halten die Annahmen der gendergerechten Sprache einer Überprüfung stand?

Solange es nur darum ging, als Geste der Gleichbehandlung anstelle des generischen Maskulinums (wie in „Mitbürger“) stets die weibliche und männliche Form einzeln zu nennen, erfuhr das Gendern zumindest im professionellen Kontext eine hohe Akzeptanz.

Die zweite Gender-Welle hat das „dritte Geschlecht“ in die Sprache eingeführt und bringt neben der Diversität einen verstörenden Absolutheitsanspruch mit sich. Genderstern und kuriose Wortneuschöpfungen machen Kommunikation zum Hürdenlauf. Die Befürworter des Genderns nehmen die sprachlichen Hürden sportlich, und wollen durch das gelegentliche Stolpern Aufmerksamkeit erzeugen. Die Gegner zeigen weniger sportlichen Ehrgeiz, sie haben einfach keine Lust, sich ihre natürlich gewachsene Sprache zergendern zu lassen.

Die Gegner des Genderns sollen vorwiegend männliche, konservative Privilegierte sein. Im Umkehrschluss müssten die Befürworter tendenziell weiblich oder divers, progressiv und unterprivilegiert sein.

Zumindest Letzteres ist unwahrscheinlich. Immerhin sind sie in der Lage, maskuline Substantive durch Synonyme oder Partizipien zu ersetzen und sich einen Sprachduktus mit hörbarer Gendersensibilität anzutrainieren. Gendern kostet Zeit und Hirnschmalz. Demnach scheinen gendernde Menschen hochgebildet und unterbeschäftigt zu sein, also durchaus privilegiert.

Dazu passt, dass die treibenden Kräfte vor allem an Universitäten und in Behörden zu finden sind. Sie geben Leitfäden zur geschlechtergerechten, diskriminierungsfreien Sprache heraus, die einen angemessenen Umgang empfehlen, in der Konsequenz aber aufgrund ihrer Vormachtstellung anordnen – man denke nur an den Duden, der seinen Ratgeber ungeniert „Richtiges Gendern“ betitelt.

Bedenkenlose Progressive

Es hat in der Geschichte sowohl fiktive als auch reale Versuche gegeben, Sprache von oben zu manipulieren, um dadurch Menschen zu beeinflussen und ihre Eigenständigkeit zu unterdrücken. Es verwundert, wie bedenkenlos sich angeblich progressive Institutionen hier einreihen.

Der bürokratische Umgang mit der Sprache beim Thema Gendern erzeugt Unbehagen. Die Sprachentwicklung im Deutschen ist partizipativ, sie vollzieht sich unkontrolliert im lebendigen Dialog der Sprachgemeinschaft. Das ist ein hoher freiheitlicher Wert.

Der Widerstand gegen das Gendern richtet sich gegen die aufgezwungene Sprachpolitik und ist nicht gleichzusetzen mit der Ablehnung von Diversität, Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit. Diese Werte sind mittlerweile über ein breites politisches Spektrum konsensfähig in einer aufgeklärten, egalitären Gesellschaft. Die Gender-Befürworter vertreten sie nicht exklusiv.

Männlein, Weiblein oder Sternchen

Das generische Maskulinum ist die abstrahierte, geschlechtsübergreifende Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen. Gemeint sind damit jeweils alle, die die bezeichnete Eigenschaft aufweisen – egal ob Männlein, Weiblein oder Sternchen. Ein generisches Femininum (z. B. die Koryphäe) und Neutrum (z. B. das Mitglied) existiert ebenfalls im Deutschen, kommt aber seltener vor. Die generische wird von der spezifischen Form durch den Kontext und bestimmte Indikatoren unterschieden.

In „Alle Bäcker“ erkennen wir die übergreifende Form, neudeutsch „Backende“. „Der Bäcker Heinz“ dagegen bezeichnet einen bestimmten, männlichen Bäcker. Dasselbe Wort kann je nach Zusammenhang geschlechtsneutral oder geschlechtsspezifisch sein. Im Prinzip liegt die Grammatik damit voll im Trend. Sie verfügt schon längst über ein fluides grammatisches Geschlecht.

Ob man zum Bäcker geht oder zur Bäckerin, zum Arzt, zur Ärztin oder zu* A/Ärzt*in, ist gemeinhin irrelevant. Doch die zunehmende Verdrängung des generischen Maskulinums durch die geschlechtergerechte Sprache zwingt zur Präzisierung und stellt das Geschlecht in den Vordergrund – auch da, wo es eigentlich keine Rolle spielen sollte. Die generische Form ist demgegenüber nicht nur praktischer, sondern auch weniger sexistisch.

Wenig wissenschaftlich

Die feministische Linguistik setzt das grammatische Geschlecht mit dem biologischen gleich, was grammatikalisch falsch und sprachhistorisch umstritten ist, und lädt die Sprache symbolisch auf: die Frau sei in der Sprache nicht sichtbar, sondern nur mitgemeint. Die Schreibweise /-in reduziere die Frau auf die Endsilbe. Das große Binnen-I zeige Gleichwertigkeit. Die Queer-Theorie fügt hinzu: Der Unterstrich schaffe Platz für alle Geschlechter. Erstaunlicherweise erfreut sich diese wenig wissenschaftliche Sichtweise ausgerechnet in akademischen Kreisen größter Popularität.

Studien belegen, dass mit der geschlechtsübergreifenden Standardform im Deutschen, dem generischen Maskulinum, eher Männer als Frauen assoziiert werden. Doch Bedeutung entsteht im Kontext, und zwar nicht nur im Satzzusammenhang, sondern auch im außersprachlichen Kontext unserer Erfahrungen und Denkmuster.

So zeigten Vergleichsstudien nur geringfügig verbesserte Quoten beim Gebrauch geschlechtsneutraler Ersatzbegriffe – Studenten durch Studierende und Mitarbeiter durch Mitarbeitende zu ersetzen löst das Problem nicht. Doppelnennung der männlichen und weiblichen Form verschieben unsere Wahrnehmung zugunsten der übersehenen weiblichen Protagonisten, neutrale Bezeichnungen heben den Effekt auf. Insofern ist der Gebrauch neutraler Ersatzbegriffe durchaus antifeministisch.

Das Sternchen als doorkeeper

Aber es kommt noch schlimmer: Die angeblich diskriminierungsfreie Sprache ist nicht nur antifeministisch und sexistisch, sie ist auch diskriminierend. Die Sprache absichtlich zu verkomplizieren bedeutet zwangsläufig auch, die Hürde höher zu legen und Andere aus dem Diskurs auszuschließen.

Schon der Durchschnittsleser stolpert durch gegenderte Texte, für Nichtmuttersprachler sowie Menschen mit Leseschwäche, Hörbehinderung oder kognitiver Einschränkung ist die Herausforderung umso größer, denn gendergerechte Sprache und leichte Sprache folgen gegensätzlichen Regeln. Barrierefreiheit war gestern.

Die verfügbaren Statistiken zeigen, dass der Kreis derjenigen, denen das Gendern potenziell Verständnisschwierigkeiten bereitet, einige Millionen Menschen umfasst, während die Anzahl der nichtbinären oder intergeschlechtlichen Menschen sich prozentual im niedrigen Nachkomma-Bereich bewegt. Zudem ist fraglich, ob ihnen das Gendern überhaupt nützt, während die erschwerte Teilhabe konkrete negative Auswirkungen hat.

Wem Gendern schadet

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist insbesondere das Sternchen-Gendern problematisch, mit maschineller Lesehilfe klingt das etwa so: „Liebe Leser Stern Innen, unser Autor Stern Innen Team freut sich …“ Etwas weniger holprig ist der Doppelpunkt als Gendermarker, er wird als Pause gelesen.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband empfiehlt jedoch, auf das Gendern durch Satz- und Sonderzeichen generell zu verzichten und stattdessen neutrale Begriffe oder Doppelnennung zu verwenden, um die Vorlesbarkeit zu gewährleisten.

Der Widerspruch zwischen der gleichstellungspolitischen Willenserklärung der Deutschen und der tatsächlichen Umsetzung springt ins Auge. Weder neutrale Bezeichnungen wie Abgeordnete (der Frauenanteil im Bundestag beträgt 30,7 Prozent) noch gewagt gegenderte Vor­stän­d*in­nen (der Frauenanteil bei den top 200 Unternehmen beträgt 11,5 Prozent) ändern etwas an der anhaltenden Ungleichheit.

Lieber um Macht als um Zeichen kämpfen

Im Gender-Pay-Gap-Ranking der Europäischen Union belegte Deutschland 2018 Platz 27 von 28, nur Estland war noch schlechter. Soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen, das ist Augenwischerei. Die spitzenverdienenden männlichen Führungskräfte lehnen sich im Sessel zurück und lachen sich ins Fäustchen, wenn wir für das große I und das Gendersternchen kämpfen anstatt für Macht und Geld.

Schauen wir uns zum Vergleich den genderneutralen Idealzustand an. In der türkischen Sprache gibt es gar kein grammatisches Geschlecht. In puncto Gleichstellung gilt die Türkei trotzdem nicht als Vorbild. Sie hat eben erst das internationale Abkommen zum Schutz von Frauen vor Gewalt verlassen.

Unterm Strich fällt die Kosten-Nutzen-Rechnung für das Gendern nicht positiv aus. Zurück zum generischen Maskulinum können wir aber auch nicht. Nachdem wir jahrzehntelang Wählerinnen und Wähler, Kolleginnen und Kollegen waren, wäre es irritierend, die doppelte Sichtbarkeit wieder abzuschaffen.

Andererseits hält sich das generische Maskulinum ungeachtet aller Bemühungen hartnäckig. Ein beachtlicher Teil der Sprachgemeinschaft ist vom Gendern gänzlich unberührt bis genervt, empfindet es als Unsinn oder ist einfach zu bequem dafür. Eine pragmatische Handhabung ist nach wie vor verbreitet und vielleicht eine Überlegung wert: Gendern in der ­Anrede und da, wo es kontextbezogen darauf ankommt, zum Beispiel bei Stellenausschreibungen – sonst nicht.

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