Berliner Pröpstin will Waffen liefern lassen: Naiver Glaube

Die Vizechefin der Landeskirche fordert: Waffen in die Ukraine. Theologisch begründen kann sie das nicht.

Pröpstin Bammel auf Kanzel

„Ich weiß, ich weiß, ich weiß“: Christina-Maria Bammel Foto: dpa

Es ist mal wieder Ostern – und Feste wie diese gehören zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen die immer dünner werdende Stimme der christlichen Kirchen zu hören ist. In diesem Fall die Stimme von Christina-Maria Bammel, die sich auf „radioeins“ zu Auferstehung, Mitgliederschwund und Ukrainekrieg äußern durfte. Als Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist sie die Stellvertreterin des Bischofs und sozusagen oberste Theologin der Landeskirche.

Natürlich wurde Bammel die Frage gestellt, wie sich die Kirche in Bezug auf den Krieg im Osten positioniere. Immerhin gibt es traditionell eine starke Verflechtung von Ostermärschen und Protestantismus, und lange hingen die evangelischen Kirchen einem Pazifismus an, der sich nun als Schönwetter-Pazifismus entpuppt. Denn auch Frau Bammel will die ukrainische Armee mit Waffen versorgen bzw. verlangt dies von der Bundesregierung.

Wer jetzt wie VertreterInnen der Friedensbewegung fordere, keine Waffen an die Ukraine zu liefern, „weil wir Gewaltfreiheit wollen, kann das eigentlich nicht ernst meinen“, sagte Bammel: „Schon gar nicht aus unserer eigenen, bequemen und komfortablen Situation heraus.“ Derselben Situation also, aus der die Kirche seit Jahr und Tag ihre „Friedensethiken“ verfasst, die mit einem Mal obsolet sein sollen.

Gewaltfreiheit, so Bammel, könnten nur diejenigen einfordern, die von Gewalt betroffen seien. „Was wir sagen können, ist, wir stehen an der Seite der Menschen, die angegriffen werden“, so die Würdenträgerin, die wie viele andere einen Staat mit den Menschen gleichsetzt, die darin leben, und unbequeme Fragen gar nicht erst stellt – wie die nach dem in der Ukraine für Männer herrschenden Zwang, ihre körperliche und seelische Gesundheit diesem Staat zu opfern, ob sie das nun wollen oder nicht.

Kirche hat heutzutage den Charakter eines Seelen-Spa

Dass die Tür weit offen sein muss für alle, die flüchten, versteht sich von selbst; ob Bammel auch Deserteuren dieses Privileg gönnen würde, bleibt unklar. Noch viel gewichtiger aber ist ihr naiver Glaube, mehr tödliche Waffen würden „Menschen schützen, weitere Gräueltaten verhindern und die Verantwortlichen vor Gericht bringen“. In Wirklichkeit steigt damit das Risiko eines nuklearen Kriegs, den es um jeden Preis zu verhindern gilt. „Ich weiß, ich weiß, ich weiß“, stammelt die Pröpstin, „in welcher Weise da auch Gefahren drin liegen.“ Nur will sie ganz offenbar nicht darüber nachdenken.

Die Kirche steht bei ethischen Fragen nackt da

Wenn eines aber in solchen Äußerungen überdeutlich wird, dann dieses: Gerade in den existenziellen ethischen Fragen stehen die Kirchen völlig nackt da. Eigentlich müssten sie in der Lage sein, klare Positionen auf der Grundlage ihres Glaubens zu vertreten. Aber entweder lassen sich ausgerechnet solche Fragen mithilfe der göttlichen Offenbarung nicht beantworten. Oder das wenige, was sich aus dem Evangelium hierzu ableiten lässt, passt nicht richtig in die aktuelle Agenda („Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen.“)

Einmal nur auf die eigenen Texte Bezug zu nehmen und daraus etwas für die Gesellschaft abzuleiten, ist KirchenvertreterInnen schon seit langer Zeit regelrecht peinlich. Sie äußern sich stattdessen auf einer Ebene, auf der auch jeder andere Mensch mit Sinn und Verstand argumentieren würde. Passt ja auch – nur gibt es damit keinen Grund mehr anzunehmen, die Kirchen seien in ethischen Dingen mit irgendeiner speziellen Legitimität ausgestattet.

Nein, Kirche hat heutzutage den Charakter eines Seelen-Spa – so wie Pröpstin Bammel vom Osterfest mit Kerzen und Vogelgezwitscher und gemeinsamem Frühstücken schwärmt, bei dem einen „dieses Leben durchflirrt“. Das Flirren der Geschosse, die sie liefern will, wird sie nicht hören.

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Jahrgang 1969, lebt seit 1991 in Berlin. Seit 2001 arbeitet er mit Unterbrechungen bei der taz Berlin, mittlerweile als Redakteur für die Themen Umwelt, Mobilität, Natur- und Klimaschutz.

Wir alle wollen angesichts dessen, was mit der Ukraine derzeit geschieht, nicht tatenlos zusehen. Doch wie soll mensch von Deutschland aus helfen? Unsere Ukraine-Soli-Liste bietet Ihnen einige Ansätze fürs eigene Aktivwerden.

▶ Die Liste finden Sie unter taz.de/ukrainesoli

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