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Bafög-ReformDie Regierung riskiert sozialen Unfrieden

Anna Klöpper

Kommentar von

Anna Klöpper

Die Bundesregierung verkennt die reale Lage von Studierenden. Oder will sie verkennen – und fördert damit die weitere Spaltung der Gesellschaft.

D er gesellschaftliche Zusammenhalt ist ein schüchternes Pflänzchen, zumal in diesen Tagen. Überall Krieg und Krisen, und die machen nicht mehr nur schlechte Laune in der Insta-Timeline oder bei der „Tagesschau“ um 20 Uhr, sie stören auch ganz real im Alltag: Der Irankrieg macht das Tanken teurer. Bei den Landtagswahlen im Osten stehen die Rechtspopulisten vor absoluten Mehrheiten. Und dazu sitzt da in Berlin eine Regierung, die sich streitet. Angekündigte Reformen bei Rente, Pflege, Steuern könnten tatkräftig wirken, aber was hängen bleibt, ist der Eindruck von Zumutungen: Seid fleißiger (Lifestyle-Teilzeit), geht weniger zum Arzt (Gesundheitsreform), sterbt am besten früher (Pflegereform), dann kriegen wir für eure Kinder die Rente mit 70 vielleicht gesichert.

Wer immer nur geben soll, findet das irgendwann ungerecht. Wer sich unfair behandelt fühlt, neigt zum Populismus. Womöglich macht er im Herbst in Sachsen-Anhalt oder in Mecklenburg-Vorpommern sein Kreuz dann bei der AfD. Man sollte meinen, die noch an der Regierung befindlichen demokratischen Parteien hätten inzwischen eine gewisse Vorsicht im Umgang miteinander entwickelt. Aber nun hat Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) dem verdatterten Koalitionspartner per Zeitungsinterview mitgeteilt: Die bereits verabredete Bafög-Reform stehe, ups, sorry, doch noch unter Finanzierungsvorbehalt. „Wenn Pflegebedürftige sparen sollen und beim Elterngeld Kürzungen vorgenommen werden, dann ist nachvollziehbar, dass man nicht gleichzeitig an anderer Stelle große zusätzliche Leistungen verspricht.“

Große zusätzliche Leistungen? Das Bafög wird auch nach der Reform zum Sterben zu viel und zum Studentenleben zu wenig sein. Der Wohnkostenzuschuss soll von 380 auf 440 Euro steigen. Die WG-Zimmerpreise in deutschen Uni-Städten liegen im Mittel bei über 500 Euro. Über die Armutsgrenze von 1.445 Euro für einen Singlehaushalt käme man mit einem bis zum Ende der Legislatur auf 1.100 Euro gestiegenen Bafög-Höchstsatz immer noch nicht. Dabei müsste es dringend darum gehen, das Bafög attraktiver zu machen: Nur 70 Prozent derjenigen, die eine Förderung bekommen könnten, füllen einen Antrag aus. Weil ihnen der Kosten-Nutzen-Aufwand zu gering scheint. Oder weil sie Angst vor Überschuldung haben. Letzteres hat die Forschungsministerin übrigens in einer Sozialerhebung selbst herausgefunden.

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Wer keine Eltern hat, die das WG-Zimmer zahlen können, braucht Bafög plus einen Nebenjob. 20 Stunden darf man maximal neben dem Studium arbeiten. Wer das tut, bricht sein Studium häufig ab, wie Menschen aus der Beratungspraxis berichten.

1,6 Milliarden Euro für billiges Tanken, aber keine 1 Milliarde für die Bafög-Reform.

Die Bundesregierung findet 1,6 Milliarden Euro, um für ein paar Monate billiger zu tanken. Aber sie findet die 1 Milliarde für die Bafög-Reform nicht mehr, mit der sie langfristig in ein wenig mehr Bildungsgerechtigkeit investieren wollte. Was ist das für eine Prioritätensetzung?

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Anna Klöpper

Anna Klöpper Leiterin taz.eins

Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Sunny Riedel das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung, inklusive der Nahaufnahme - der täglichen Reportage-Doppelseite in der taz. Davor Ressortleiterin, CvD und Redakteurin in der Berliner Lokalredaktion. Themenschwerpunkte: Bildungs- und Familienpolitik.
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11 Kommentare

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  • Versuchen die Regierenden sich so um die Instandhaltung und den Ausbau unserer Universität zu drücken ?



    Klingt nach der bekannten



    " Till Eulenspiegel Methode " die Till als Lösung mit den Kranken und den Krankenhaus angewendet hat...



    Alle klugen Köpfe im Land sollten gefördert werden können, unabhängig von Mama's & Papa's Portemonnaie. Diese Investitionen von uns allen, durch unser Steuergeld sind wichtig für die Weiterentwicklung unseren Landes - Deutschland.



    Was sind da nur für schräge, kurzsichtige Leutz im Bundestag gelandet.

  • "Die Bundesregierung findet 1,6 Milliarden Euro, um für ein paar Monate billiger zu tanken. Aber sie findet die 1 Milliarde für die Bafög-Reform nicht mehr, mit der sie langfristig in ein wenig mehr Bildungsgerechtigkeit investieren wollte. Was ist das für eine Prioritätensetzung?"

    Ganz einfach: Der Mittelstandsbauch muss gepfegt werden. Reih-, Reih-, Reihenhaus! War bei der CDU/CSU schon immer so. Studenten sind für die tendenziell faule Säcke -- es sei denn, sie studieren WiWi oder Jura.

    Erbärmlich ist daran nur, dass sich in den Köpfen dieser Menschen seit den Zeiten des dicken Helmuts nichts geändert hat. Und von denen erwarten wir Lösungen für die Zukunft?

  • Warum sollen nicht auch ALLE die von massiven Kürzungen und erheblichen Verschlechterungen noch länger die Füße still halten? Es betrifft eben nicht nur die Bafög- Empfänger*innen. Es ist wenig einleuchtend Milliarden € für die Ukraine auszugeben, Milliarden € für die Aufrüstung zur Verfügung stellen und gleichzeitig die sozialen Leistungen und Errungenschaften massiv zu kürzen. Da war ja Scholz noch deutlich besser.

  • Reformen wollen alle, nur selbst treffen sollen sie einen nicht. Das kann man wohl mit Fug und Recht aus diesem Kommentar zusammenfassen.

    Sicher, der Bafög-Satz ist nicht sonderlich hoch, aber er wird auf weitere Einkünfte nicht verrechnet. Eine Vorzugsbehandlung, die sich andere Leistungsbezieher wünschen würden.



    Was die Autorin hier mit sozialem Unfrieden anführt, sind weiche Faktoren. An denen ist sogar etwas dran, nur bei Studenten nicht. Insofern ist es ein Totschlagargument, eine Behauptung, das Lobbyisten gerne anführen, wenn ihnen nichts Stichhaltigeres einfällt.

    Es ist nun einmal so, dass in der aktuellen Lage - das Land befindet sich seit vier Jahren im Abschwung - jeder seinen Beitrag geben muss. Auch Studenten.

    Vorschlag: Wie wäre es, den Leistungsbezug auf Studenten zu begrenzen, die ihn wirklich benötigen? Wenn ich hier morgens auf den Uni-Parkplatz schaue, fahren immer noch zu viele Bafög-Empfänger mit dem gebrauchten BMW zur Vorlesung. Weniger polemisch: Schlupflöcher schließen - es ist nicht einzusehen, dass die Tochter des Professors oder Regierungsrates Bafög bezieht.

    Mit Bafög alleine ist es nicht getan. Da sind immer noch die sich wegduckenden Superreichen!

    • @rakader:

      Nur zur Polemik: weniger als 20% der Studierenden bekommt BaföG. Und noch viel weniger sieht man denen an, dass sie BaföG bekommen. Woher weiß man dann, dass die alle mit einem BMW zur Uni fahren?

      Und es ist sehr unwahrscheinlich das die Tochter des Professors BaföG bezieht. Dafür ist das Antragsverfahren zu detailliert.

      Kurz, zuviele Vorurteile.

  • Friedrich Merz steht für die Spaltung, aber vielmehr er will noch mehr spalten, Menschen verarmen, andere privilegieren.



    Das ist seine Kern-Idee von Politik: Eine Gesellschaft von reichen, überversorgten 10 oder 15 Prozent (in Wahrheit sogar eher 5 Prozent) und die anderen müssen rackern, rennen und 20 bis 30 Prozent sind für immer ausgeschlossen.



    Die AfD will das auch, aber noch extremer.



    Beide Parteien haben momentan eine hohe Zustimmung. Die CDU behauptet, sie würde die AfD unter Kontrolle bekommen. Sie würde die langfristig ausknocken.



    ->Indem sie Studenten runter macht, ihnen die Unterstützung verweigert. Das ist wirklich ein Fehler. Gerade in Zeiten, wo Deutschland Fachkräfte benötigt, kann es nicht dämlicher sein, diesen Weg zu gehen.



    Aber dafür steht Merz: Er würgt die Wirtschaft ab, er hat Ideen aus den 1980ern, die das BIP nicht puschen, er will sparen, aber aufrüsten. Seine Wirtschaftslpolitik bringt Deutschland und das biherige Wirtschaftsmodell zum Kollaps. Es sind schon 120.000 Arbeitsplätze in der Industrie verschwunden. Jetzt dreht Merz den Studenten den Saft ab.



    Wohin soll das noch führen?



    Durch Armut wird niemand besser.

  • Das ist trivialer. Die Jugend wird von den Alten einfach nur abgezockt, man versucht bei minimalem Einsatz das Maximale herauszuholen.

  • so wie ich das sehe kümmert sich die Regierung weder um die Studierenden noch um die Unis. Bildung und Forschung scheint denen allen komplett egal zu sein. Sieht man doch schon an der Personalie Bär, komplett unfähig wird aber im Amt gehalten. Wann waren Merz oder Klingbeil denn mal an einer Uni, haben dort geschaut wie es den Studis geht, was für interessante Forshcing da gemacht wird um so auch für den Standort Deutschland zu werben? Nie, wenn ich mich recht erinnere. Merz fährt lieber nach Montenegro bzw überall sonst hin (de.wikipedia.org/w...er_Friedrich_Merz) als sich um das eigene Land zu kümmern. Was für eine Gurkentruppe.

  • In vielen Punkten sehe ich nicht wirklich einen Unterschied zwischen AfD und Union, außer in der angewandten Rhetorik.



    Bei Wirtschafts- und Haushaltsfragen geht es beiden Parteien nur darum die Taschen ihrer reichen Unterstützer zu füllen. Entsprechend kriegen die oberen 1% Milliardengeschenke während die ärmeren Schichten sich um Krümel streiten dürfen. Korrupt und verlogen bis auf Anschlag, bleibt da nur noch zu sagen.

  • Wir haben zu viele Studierende und nicht zu wenig. Bafög muss also scheinbar nicht wirklich attraktiver werden. Vielleicht muss auch nicht jedes Studium in einer Stadt absolviert werden in der die WG-Zimmer so viel kosten? Wir haben hier auch eine Uni und hier kostet eine ganze Wohnung deutlich unter den aufgerufenen Preisen hier im Artikel für ein Zimmer. Ein Recht auf ein Studium im Zentrum von Berlin oder München gibt es halt einfach nicht. Hier hätte gesellschaftlich schon längst gegengesteuert werden müssen, um die Unis und die Studierenden aus den angespannten Mietmärkten zu entfernen.

  • Die Regierung will einfach die Aufstiegschancen für ärmere Menschen verhindern.



    Merz und seine Reichen arbeiten aktiv an der Vertiefung der Spaltung der Gesellschaft.



    Reiche sollen reich bleiben und Arme arm.