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Verzwergung der SPDTrugschluss „hart arbeitende Mitte“

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Die SPD-Spitze glaubt, dass ihr Bürgergeld schuld an den Wahlpleiten ist. Dabei dürfte der Niedergang eher am unsicheren Selbstbild liegen.

Die SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil am Montag nach der Wahlniederlage in Rheinland-Pfalz Foto: Christian Mang/reuters

D ie SPD-Spitze und der rechte Seeheimer Kreis haben den Schuldigen für die Wahlniederlagen der Partei dingfest gemacht: Es war das Bürgergeld. Denn seit diesem Sündenfall glaube das Wahlvolk, die SPD interessiere sich nur für das „untere Fünftel“ und andere Nischenthemen. Diese Analyse ist aus zwei Gründen verblüffend: Seit Monaten beteuern die Parteivorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas fast täglich, Politik für „die hart arbeitende Mitte“ zu machen, kurzum für die normalen Leute, und nicht für Transferempfänger. Diese Botschaft stößt aber bei der als „arbeitende Mitte“ ziemlich diffus beschriebenen Zielgruppe auf taube Ohren. Offenbar fühlen sich WählerInnen in einer extrem individualisierten Gesellschaft als Vertreter des Durchschnitts nicht angesprochen, geschweige denn wertgeschätzt.

Ein gravierender Fehler ist die Kopplung von Wahlniederlage und Bürgergeld. Die SPD hat in der Ampelregierung den Kampf darum gegen die Übermacht von Union, AfD und rechten Medien verloren. Deren Propaganda lautete, dass die SPD mit dem Bürgergeld dafür sorge, dass die harte arbeitende Krankenschwester Arbeitslose finanziere, die es sich auf der faulen Haut gut gehen lassen und außerdem oft keine Deutschen seien.

Gegen diese Kampagne war kein Kraut gewachsen. Die Sozialdemokratie war meist stark, wenn sie Interessen von Unterprivilegierten und Mittelschicht verband. Daran war kaum zu denken.

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Dass man Kämpfe verliert, kommt vor. Haarsträubend aber ist, wenn eine Partei nach einer Niederlage die Agitation ihrer Gegner übernimmt – eine Art politisches Stockholmsyndrom. Genau das tut die SPD-Spitze mit den Beteuerungen, nur noch für die arbeitende Mitte da zu sein und nicht mehr für Bürgergeldempfänger. Die Union reißt derzeit vieles ein, wofür die Scholz-Regierung stand. Linken NGOs wird das Geld gestrichen, die Wärmewende wird rückabgewickelt. Die SPD beobachtet diese Abwicklung teils ratlos – und beteiligt sich auch noch daran. Sich Asche auf das Haupt zu schütten, wirkt nicht souverän, sondern verunsichert. Wer wählt eine Partei mit einem unsicheren Selbstbild?

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Stefan Reinecke
Korrespondent Parlamentsbüro
Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
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46 Kommentare

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  • Die "Willy-Wahl" 1972 hatte mit 91% die höchste Wahlbeteiligung in der "alten BRD " und mit 45,8% das höchste Ergebnis für die SPD je. Das war nach dem Warschauer Kniefall von 1971.



    Wem das zweithöchste Amt im Staat nicht gut genug war, wer seinem Nachfolger im Land bei absehbar knappem Ausgang nicht beisteht bekommt solche Ergebnisse.

  • "Wir müssen mehr abschieben" ist in dieser Form natürlich falsch. Denn nicht die Zahl der Abschiebungen ist die Messgröße, dahinter stehen ja immerhin auch Menschen und Schicksale.

    "Wir müssen konsequenter und die Richtigen abschieben!" wäre schon eher der Ansatz.

    Der große Zulauf zu den braunen Menschenfängern an den Urnen liegt vor allem in einem mangelnden subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung begründet und in der Illusion, dass mit Blick auf das Ausländerrecht nicht konsequent gegenüber denjenigen, die hier vor allem durch Kriminalität auffallen, agiert wird.

    Integration kommt, vor allem hinsichtlich des Rechtssystems unseres Landes, auch an einem gewissen Maß an Assimilierung nicht vorbei.

    Seine kulturelle Identität muss wirklich niemand abgeben, der hier zu Gast ist, oder sich hier eine eigene wirtschaftliche Existenz aufbauen will. Aber er darf sich eben auch nicht als über den hiesigen Gesetzen stehend wähnen.

  • Ich verstehe die hier vorgeschlagene Strategie nicht so ganz.



    Die SPD müsste einfach nur das Wahlprogramm der Linken übernehmen und alles wird gut?



    Gibt es dann plötzlich mehr als 10% antisemiten und und Studenten die diese Politik wählen?

  • Jeder Ruf aus dem neoliberalen Kreis in "Seeheim" in Richtung der Freunde in der CDUCSUFDP, zu fördern und zu fordern, sich um das Land zu kümmern, Aufbruchstimmung zu erzeugen (und oder zu missbrauchen), führt ständig dazu, dass es dem Eigentümeradel oben besser geht und den Leuten Unten schlechter. .. Lars, mach mit dem Papst eine Herren-Boutique auf.

  • Tja - Wer seinen Erich Kästner nicht kennt! Woll

    „Was auch immer geschieht: Nie dürft Ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken!“

    Na Mahlzeit



    ( Vorneweg mal Münte Sundern/Westfälisch Sibirien “…wer nicht arbeitet - soll auch nicht essen • ;((

  • "dass die SPD mit dem Bürgergeld dafür sorge, dass die hart arbeitende Krankenschwester Arbeitslose finanziere, die es sich auf der faulen Haut gut gehen lassen und außerdem oft keine Deutschen seien."

    Jetzt mal nüchtern demoskopisch betrachtet:



    Wenn 50% der Bürgergeldempfänger keine Deutschen sind und daher gar nicht wählen dürfen und die anderen 50% nur unterproportional wählen gehen und dann auch eher der AfD zuneigen, ist es wirklich im Sinne der SPD diese Klientel, und sei es auch nur "gefühlt", in den Mittelpunkt zu stellen?

  • Ist schon lustig, die Herden in der Politik. Die AfD treibt die CDU vor sich her und bestimmt deren Politik und die CDU treibt nun die SPD vor sich her und bestimmt deren Politik.

    Gut, dass alle erwachsen sind und nur das Beste für uns Burger wollen!

    • @Edda:

      Bitte Ironie kennzeichnen. Sonst nimmt das noch jemand ernst ;-)

      Aber sie weisen da auf ein ernstes Problem hin. In unserem Grundgesetz gibt es nichts, was die Parteien dazu anhält oder auch nur davon abhält, eine Politik gegen die Mehrheit der Bevölkerung zu machen. Dadurch waren in der letzten Ampel schon 70-80% der Bevölkerung mit der Politik unzufrieden und jetzt auch schon wieder 75%.



      Eine kleine Ergänzung im Grundgesetz würde dies ändern:



      innn.it/diedemokratiemussbesserwerden

  • Sagte Kevin Kuhnert nicht kürzlich im Interview, er wähle keine Partei aus Artenschutzgründen? In Frankreich führt ein neuer politischer Wille sofort zur Gründung einer neuen Partei, mit der Masche kam Macron an die Macht; hätte er nicht geschafft, wenn er versucht hätte, eine bestehende Partei umzugestalten.

  • Es ist bei weitem nicht nur die Abkehr vom Bürgergeld, die die SPD unwählbar macht. Von der Forderung nach einer Bürgerversicherung, der Wiedereinführung der Vermögenssteuer, einer Erbschaftssteuerreform usw. ist nichts mehr zu hören. Stattdessen Abkehr vom Klimaschutz, mehr Straßenbau, Verschwendung des Sondervermögens, Rückbau des Sozialstaats, nicht unbedingt unbedingt unter Führung, aber unter willfähriger Beteiligung der SPD.



    Ruft man sich das Titelbild des Spiegels mit Scholz und dem in vielerlei Hinsicht falschen Satz „Wir müssen mehr abschieben“ und Politik seiner Innenministerin Nancy von Storch, äh Faeser in Erinnerung, stellt sich mir schon die Frage, wofür die SPD überhaupt steht. Wenn ich AfD-Politik möchte, wähle ich AfD, nicht SPD.



    Hinzukommt mit Klingbeil ein Vorsitzender, mit der Aura eines pensionierten Finanzbeamten, der sich bisher vor allem durch die Umsetzung seiner eigenen Karriereplanung ausgezeichnet hat.



    Tucholsky hat die SPD einst als „Partei des kleineren Übels“ bezeichnet, selbst diese Funktion füllt sie nicht mehr aus.

    • @Flix:

      'Aura eines pensionierten Finanzbeamten..', klasse! 😂😂 Nichts gegen Finanzbeamte; Teilnehmer dieser "Branche" hatten sich gegen CumEx gestemmt, oder es gewagt größere Unternehmen zu prüfen.

  • Die SPD hat v.a. keinen Bock, sich mit der Realität zu befassen (die anderen auch nur sehr eingeschränkt):



    - Der größere Teil der Arbeit in Deutschland (in Stunden, siehe Statistisches Bundesamt) ist komplett unbezahlt. Notwendige Arbeit, die v.a. von Frauen gemacht wird und unserer Obrigkeit völlig gleich ist.



    - Unser sozio-ökonomisches System ist hochgradig dysfunktional (auch das "Bürgergeld" hat wenig Verbesserung gebracht): Viele kommen kaum über die Runden (jedenfalls nicht ohne ihre Gesundheit zu ruinieren), einigen wird's im Schlafe gegeben. Alle haben Angst, dass es mal sie erwischen kann. Leistung fürs Gemeinwesen lohnt sich nur sehr eingeschränkt, Spaltung und die Fähigkeit durch die kafkaeske Bürokratie zu navigieren schon.



    - Da unsere "Eliten" den Bürger*innen nicht (mehr) vertrauen (und umgekehrt), müsste man an genau der Stelle ansetzen. Es gibt eigentlich keinen echten Mangel, noch ist sogar der Planet bewohnbar. Umschalten von Angst zu Vertrauen.



    Der Thüringer Theologe und Demokratie-Aktivist Ralf-Uwe Beck hat's verstanden: www.ekmd.de/glaube...rundeinkommen.html

  • Nö. Die langjährigen Versuche der SPD in den Gewässern von Linkspartei und Grünen zu fischen ist gescheitert (weil da ja schon Linkspartei und Grüne sind). Die besten Wahlergebnisse in den letzten 50 Jahren hatte man mit Schmidt und Schröder. Auch ein Blick nach Dänemark gibt einen kleinen Hinweis. 2021 gewann die SPD, weil sie trotz erheblicher Bauchschmerzen einen Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten machte (der dann leider nicht Olaf Scholz lieferte) und keinen aus der linken Riege. Die Schlussfolgerungen der SPD sind schon richtig, spannend wird zu sehen, ob sie auch konsequent umgesetzt werden. Merke: Nur wer Politik für die Mehrheit macht bekommt auch eine Mehrheit

  • Die Probleme der SPD haben doch schon viel früher angefangen.



    Als sie den Kanzler stellten und die Agenda 2010 verabschiedet hatten, sind sie danach hart aufgeschlagen. Dann haben sie versucht, die Agenda wieder zurückzudrehen und sich zu distanzieren. Nun wollen sie die Agenda 2030 wieder mittragen, die diesmal die CDU initiiert. Der Kreis wiederholt sich.

    Die SPD findet kein eigenes Bild. In die Verhandlungen für den Koalitionsvertrag schickt sie den linkeren Anteil der Partei. Die Posten bekommt dann der Wirtschaftsflügel. Das kann man schwer verkaufen.



    Sie könnte wenigstens durch Beobachtung lernen. Die CDU übernimmt die Themen der AfD und erntet keine höhere Zustimmung. Die Leute bleiben bei dem Original. Nun möchte die SPD die Themen der CDU übernehmen. Das wird genauso wenig funktionieren.

    Vor 30 Jahren stand die SPD für mich für einen moderat linken Ansatz. Noch viel Wirtschaft drin, aber mit einer Tendenz, sich für Geringverdiener, Mittelschicht UND Sozialhilfeempfänger einzusetzen.

    Die Themen schließen sich nicht aus, liebe SPD. Es sei denn, man möchte nicht an das Geld wirklich reicher Menschen, die immer reicher werden.

  • "Im Rahmen der geplanten Steuerreform drängt der Finanzminister darauf, auf das bisherige Splittingmodell künftig zu verzichten. [...]. Demnach will Klingbeil mehr Anreize für Ehepartner schaffen, eine Arbeit aufzunehmen oder mehr zu arbeiten."

    So wird es ganz sicher was mit dem Einsatz für die "arbeitende Mitte". Steuerlast erhöhen, damit mehr gearbeitet wird/werden muss.

  • Briliante Analyse!

  • Vielleicht liegt es auch an der medialen Präsentation mit mangelndem Charisma, wenig Emotion und eher staatstragenden Worten ohne Polarisierung, dass mit der SPD wenig Gefühle verbunden werden.



    Vertrauen und Verlässlichkeit sind essenziell.



    b. fr.de



    "Matthias Quent: „Die Zivilgesellschaft kann sich auf die Politik nicht mehr verlassen“



    Weiter äußert Quent dort:



    "Aber bei Wahlentscheidungen spielen Emotionen eine große Rolle, auch Rachegelüste. Das Gefühl, doch irgendwie selbstwirksam zu sein, weil man mit der eigenen Stimme „linke Eliten“ eingrenzen kann. Dabei gilt: Haben rechte Kräfte erst mal die Macht, führt das immer zu Entrechtung und mehr Ohnmacht aller."



    Quent:



    "Was die AfD sehr erfolgreich macht, ist ihre „Kümmerer-Politik“. Sie ist bürgernah und nah dran an den Menschen vor Ort, das merkt man in Ostdeutschland besonders stark. Diese Basisarbeit muss man ihr streitig machen. Die Linke macht Ähnliches, etwa mit Mietpreis- und Sozialberatungen, und war damit etwa in Städten wie Leipzig sehr erfolgreich. In New York hat der demokratische Bürgermeister Mamdani auf diese Weise Trump-Wähler zurückgewonnen. Früher war das auch für die SPD selbstverständlich, in allen Vereinen..."

  • Der Artikel stellte immerhin noch eine Frage.



    Es ist nämlich beachtlich, wie viele "Expert*Innen" derzeit das Ergebnis erklären, obwohl diese vor der Wahl ein Kopf an Kopf Rennen voraus gesagt haben.



    Ein Teil der Erklärung ist, dass Rheinland Pfalz ein recht kleines Bundesland ist. Bei 4 Mio. Einwohnern und noch weniger Wahlberechtigten sind schon 40.000 Wähler, die zu einer anderen Partei wandern, viel.



    Leider ist die Erkenntnis aus den beiden letzten Landtagswahlen, dass die "afd" gewonnen hat.



    Ging es bei den absoluten "WahlsiegerInnen" um wenige Prozentpunkte, verdoppelten die Rechten ihre Ergebnisse.



    Und das, Gott sei's geklagt, im Westen.



    Die Grünen und die Linke konnte nicht profitieren, Häme von dieser Seite ist unangebracht. Tatsache ist, dass die Wählerschaft sich komplett von linken Ideen abwendet.



    Wer Bürgergeld bezieht ist leider auch ein potenzieller "afd" Wähler.



    Was macht also die "afd" richtig?



    Konzepte, Lösungen sind es nicht.



    Die Argumentation "Der Andere ist schuld", ist eigentlich kein Konzept. Dennoch geht es auf.



    Die Fehlersuche von links ist genauso falsch .



    Was können "wir" besser machen? Da steht Kommunikation an erster Stelle, auch auf tiktok...

  • Die SPD hat schon längst den Draht zur Wählerschaft verloren, und macht mittlerweile fast nur noch Politik für das obere Fünftel. Es ist gut, dass die Partei langsam verschwindet, da wir keine weitere Rechtspartei brauchen.

  • Danke. Man kann sich wirklich nur wundern, vor allem über eine SPD-Spitze, die das übernimmt. Dass sie der CDU alles rechtmachen, ist das Problem. Denen sollte man klarmachen, wenn es nur nach ihrer Pfeife geht, dann eben keine Koalition. Es ist wie mit Trump, es wird weiter so getan, als hätte man es mit klassischen Politikern zu tun, die gar was bewegen wollen nicht nur im Interesse von ein paar stakeholdern. Da nicken dann auch die Grünen Sondervermögen ab und wundern sich dann, wenn was ganz anderes gemacht wird. Dabei muss man wie der Iran deutlich machen, wir wissen, wie wir unsere Interessen durchsetzen, deal with it.

  • Offensichtlich wählen Teile dieser mehr oder weniger arbeitenden Mitte jetzt die AfD, weil die so rassistisch ist, wie dieser Teil der mehr oder weniger arbeitenden Mitte,vielleicht schon immer war. Vielleicht ist die interessantere Frage, warum die früher überhaupt die SPD gewählt haben? Vielleicht, weil die attraktive aktuelle "Alternative", einfach andere für alles Verantwortlich zu machen, früher nicht so breit im Parteienspektrum aufgestellt war.

  • Ich behaupte: wer SPD wählt, weiß nicht, was er bekommt. Es gibt einen wortgewaltigen linken Flügel, der Gesine Schwan wegen einer Deadname- Nennung aus der Partei mobben wollte, zu politisch korrekt ist für Clan- oder Islamismus- Kritik, andererseits den Seeheiner Kreis oder Boris Pistorius

  • Nach der Landtagswahl in BW meinten in Nachwahlbefragungen 59% der Leute, die SPD würde sich mehr um Bürgergeldempfänger kümmern als um Leute, die hart arbeiten und wenig Geld verdienen. 57% meinten, die SPD tue zu wenig für die "arbeitende Mitte". Quelle: www.tagesschau.de/.../umfrage-spd.shtml

    Nur, um das klarzustellen: Das Bürgergeld war eine gute und richtige Idee, und ich bin gegen seine Verschärfung. Aber der Eindruck, den die SPD hier wahrnimmt, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern Ausdruck einer realen Stimmung. Aus dieser gäbe es zwei Auswege: Entweder, man stellt sich hin und sagt: "Das Bürgergeld ist gut, und es war eine richtige Sache" - was aber nicht geht, wenn man es gleichzeitig abräumt, was für die Union aber nicht verhandelbar ist. Deshalb bleibt so recht für die SPD nur noch Option 2 - sich so laut und so schnell wie möglich davon zu distanzieren. Ob das fruchtet, wird sich zeigen, eine richtig sinnvolle Alternative sehe ich nicht.

  • Der Niedergang der SPD hatte doch schon vor Jahrzehnten begonnen, sogar noch unter dem Parteivorsitz Willy Brandts. Zwar schleichend, aber es war nicht so, dass das nicht schon registriert und diskutiert wurde (z.B. der Machtverlust in Frankfurt/Main, z.B. die sinkende Attraktivität für Jungwähler). Damit fing es an.



    Dass die SPD unter Schröder dann noch mal so etwas wie einen vorübergehenden Boom erlebte (im Schlepptau übrigens von Blairs New Labour in GB), ist Gegenstand vieler Analysen und Debatten. Danach ging es dann nur noch steil bergab, wer kann sich noch an den hohen Verschleiß an Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten sowie v.a. an deren Namen erinnern?



    Dass die Scholz-SPD sich 2021 noch einmal knapp vor die Union setzen konnte, liegt nur daran, dass auch der Status von CDU und CSU als Volksparteien langsam, aber sicher bröckelt. Die Ampelkoalition unter Scholz hat nicht einmal eine ganze Legislaturperiode gehalten.



    Und jetzt greift der Niedergang sichtbar auch auf die ehemaligen SPD-Hochburgen und die Länderebene über. Auf kommunaler Ebene kann die SPD vereinzelt (wie z.B. in Schweinfurt) durchaus noch Erfolge feiern. Da sollten die Genossen mal genauer hinschauen.

    • @Abdurchdiemitte:

      "Die Ampelkoalition unter Scholz hat nicht einmal eine ganze Legislaturperiode gehalten."

      Das hatte man freilich zuallererst aber Christian Lindner und seiner Bande zu verdanken. Ich glaube, die FDP in diese Regierung zu integrieren, war ein Fehler, der uns zu erheblichen Teilen die heutige Situation eingebrockt hat.



      Besser nicht regieren als mit denen regieren, wäre angesagt gewesen.



      Klar natürlich auch: Die Richtlinienkompetenz des Kanzlers war eher ausbaufähig...

  • "die SPD interessiere sich nur für das „untere Fünftel“ und andere Nischenthemen."

    Der Wähler ist halt leider nicht so vergesslich wie gewünscht. Daran ändern auch 2 Monate der Beteuerungen im Wahlkampf nichts.

    Am Ende geht's doch um die Geldbörse. Die SPD möchte den Armen weiter spendieren, den Arbeitern aber immer neue Belastungen zumuten. Wieso sollten die sie dann wählen? Es gibt dazu wahrlich null Gründe...

    Dazu kommen dann noch die gesellschaftspolitischen Themen.. Die Linkspartei gibts, dazu noch die Grünen. Das reicht.

    Die Mehrheit im Land will schön wohnen, Urlaub machen, nicht zu hart arbeiten, ist in festen hetero-Beziehungen und hätte gern Kinder, die behütet und sicher aufwachsen. Versprich genau das und nichts anderes und werd gewählt SPD..

  • Die SPD schneidet so ab, wie sie abschneidet, weil sie inzwischen nichts weiter als ein Erfüllungsgehilfe für schwarz und blau ist.

  • Wenn die Arbeiter mehrheitlich AfD wählen, dann weil eine SPD nicht ihre Interessen nicht mehr vertritt.

    Da kann man jetzt auf der AfD rumhauen, Bürgergeld fordern usw.



    Es hilft nix.

    Sie wählen keine SPD mehr.

  • Spannend finde ich den Satz, dass "linken NGOs das Geld gestrichen" wird. Als hätten der Staat die Pflicht oder als wäre es auch nur normal, dass in Zeiten, wo vieles nicht mehr finanzierbar ist, "linke NGOs" oder überhaupt "NGOs" Steuergelder bekommen müssen. Wofür steht der Begriff noch mal und betonen diese NGOs nicht immer, sie wären die "Zivilgesellschaft" und stünden für die "Demokratie".

  • Warum sollte man eine spd wählen, die selbst dann massiv einknickte als sie den Bundeskanzler "stellte" (v.a. vor lindners Epressungen).



    Auf Plakaten "Steuerschlupflöcher stopfen"- an der Regierung: Nix.



    Ohne Rückgrat und langfristige Visionen= keine Wählerstimmen.



    zu müde um alles aufzuschreiben.

    • @So,so:

      Langfristige Visionen oder ein glaubwürdiges Narrativ von einer besseren Zukunft hat doch gerade keine Partei zu bieten.

      Bestenfalls noch die AfD für ihre Zielgruppe. (Muss man halt mögen.)

      Das wäre also kein markanter Punkt, der den Absturz der SPD begründen würde.

    • @So,so:

      Ja, das Gefühl von Müdigkeit (und Sprachlosigkeit) stellt sich leicht ein, wenn man an den derzeitigen Zustand der SPD denkt. Ich kann und will dagegen nicht mehr aufbegehren, dazu bin ich der Partei zu lange entfremdet.



      Gibt es unter den immerhin noch über 300.000 SPD-Genoss*innen denn niemanden, der aus diesem Gefängnis der Koalition mit der Merz-CDU entfliehen möchte und sich gegen das eigene Parteiestablishment stellt? Es ist doch eine Schande, dass ausgerechnet ein Markus Söder sich offenbar mehr Sorgen um die Zukunft der SPD macht als die eigene Parteispitze um Bas und Klingbeil.



      Die SPD wird aus dieser Regierung ausgepresst wie eine Zitrone hervorgehen. Zuweilen vermisse ich SPD-Politiker vom Schlage des vor kurzem verstorbenen Marco Bülow.

    • @So,so:

      Knickt die SPD ein oder hat sie nicht bei ihren Handlungen die gleiche Klientel im Sinn wie CDU und FDP?

      Wer hat Still und heimlich die EU Mindestlohnrichtlinie nach Brüssel geschickt? Wer hat behauptet durch die Entlastungen hätten alle mehr,dabei traf das nur auf die besservienenden zu? Wer hat es ermöglicht dass jemand eine Milliarde als steuerfreie Schenkung bekommen konnte?

      Alles die SPD.

      Wobei ich unterscheiden möchte zwischen der Basis und der Führung.der Basis Kauf ich es ab,dass sie die Menschen in der Gesamtheit im Blick hat.

      Leider scheint die Basis auch nicht viel anders als die Mehrheit der Wähler zu sein. Wer sich gut ausdrückt wird gewählt und Worte sind gewichtiger als taten. Das trifft gefühlt auch auf die Medien zu.

      Aber gut meine Sichtweise kann auch totaler Mumpitz sein.

  • " Die Sozialdemokratie war meist stark, wenn sie Interessen von Unterprivilegierten und Mittelschicht verband."



    Ich denke, dass das nicht den Fakten entspricht. Weder Schmidt noch Schröder und selbst Scholz haben Unterprivilegierte im Fokus gehabt. Weder im Wahlkampf noch in der Regierung. Es scheint eher das Gegenteil richtig: Als Schröder Kumpel der Bosse war, da wurde die SPD gewählt, weil eine gute Wirtschaft steigende Löhne versprach.

    • @Tom Farmer:

      Richtig.

    • @Tom Farmer:

      Völlige Zustimmung. Vermutlich hat Gerhard Schröder sogar den Sozialstaat gerettet - hat meine 16jährige Tochter jedenfalls aus dem Politikunterricht so mitgenommen.

      • @Zuversicht:

        Und auch @hans Dampf , bar dieser Offensichtlichkeit kann ich immer nicht verstehen, dass der linke Teil der SPD oder auch JUSO Chef Türmer so renitent darauf bestehen, dass weitere Umverteilungen Wählerstimmen bringen.



        Ich behaupte mittlerweile: Das Wort Umverteilung wirkt mittlerweile allergisch auf 90% der Bevölkerung..... da ein angebliches Rezept für allesund total ausgelutschter Begriff.

        • @Tom Farmer:

          Das Wort Umverteilung wirkt vielleicht allergisch auf viele, weil viele dann gleich Angst haben, dass ihnen etwas weggnommen werden soll.



          Aber das Wort Gerechtigkeit wirkt nicht allergisch auf viele. Und eine höhere Besteuerung für Milliardäre und Superreiche (mehr als 100 Mill. € Vermögen) hat ebenfalls eine große Unterstützung in der Bevölkerung.

  • Dass das Bürgergeld schuld an den Wahlpleiten sei, ist offenkundiger Unsinn. Denn dieses wurde ja kurz zuvor in seiner ursprünglichen Form abgeschafft und durch eine Regelung ersetzt, welche die Grenze der Verfassungsmäßigkeit hart austestet. Weiter rechts hätte hier auch eine schwarz-blaue Regierung kaum noch segeln können. Jenes Narrativ dient nur dazu, die SPD sturmreif zu schießen, damit diese sich auch weiterem Sozialabbau nicht verweigert (etwa im Bereich Gesundheit). Der ginge dann aber sehr wohl zu Lasten der "hart arbeitenden Mitte". Die Bürgergelddebatte war nur der Dosenöffner, um dann später auch die noch größeren Übel aus Pandoras Büchse lassen zu können.

    • @Kohlrabi:

      "Denn dieses wurde ja kurz zuvor in seiner ursprünglichen Form abgeschafft und durch eine Regelung ersetzt, welche die Grenze der Verfassungsmäßigkeit hart austestet. Weiter rechts hätte hier auch eine schwarz-blaue Regierung kaum noch segeln können. "

      Na, jetzt lassen wir die Kirche mal im Dorf. Die neue Grundsicherung ist in etwa die alte Grundsicherung von vor dem Bürgergeld und wahrlich kein rechtsextremes Konstrukt.

    • @Kohlrabi:

      Diese Einschätzung halte ich für richtig.

  • Das Problem der SPD war und ist ein anderes.



    Es ist richtig, dass Bärbel Bas vor den Kameras sagte, dass man nun eine Politik für die arbeitende Mitte machen wolle und dazu habe man ja auch schon die Regeln für Bürgergeld-Empfänger und Migranten verschärft und werde das auch weiter tun.



    Das Problem dabei ist, dass Bärbel Bas und die SPD offensichtlich nicht begriffen haben, dass nur weil die CDU und einige aus der arbeitenden Mitte sich darüber beklagen, dass man zuviel an Bürgergeld-Empfänger und Migranten gebe, diese nicht dadurch wieder SPD wählen, dass man Bürgergled-Empfängern und Migranten Gelder kürzt. Sondern erst dann, wenn man der arbeitenden Mitte mehr gibt. Und der arbeitenden Mitte hat die SPD in der Tat in den letzten Jahren zu wenig gegeben. Sondern eher der Wirtschaft, den Unternehmen und Unternehmern und sonstigen Personen, die sowieso schon viel haben. Z.B. die Stromsteuer wurde zwar für große Konzerne gekürzt, für Privatpersonen war dann aber kein Geld mehr da.



    Die SPD braucht eine Vision aus deinem Guss, mit der sie 50-70% überzeugen könnte. Hier wäre eine solche Vision: demokratieingefahr...ratie-und-die-spd/

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Eine Vision hat man - oder man hat sie nicht. Die spd hat sie nicht.

      Die spd-Funktionäre stammen überwiegend nicht aus der "hart arbeitenden Mitte". Dass sie die Interessen dieser "hart arbeitenden Mitte" vertreten wollen, nimmt man ihnen einfach nicht ab.

      • @test_name:

        Genau das ist das Problem. Man nimmt es ihnen nicht ab. Weil es auch einfach nicht so ist. Sonst hätten sie z.B. die Stromsteuer für die Arbeiter und Privatpersonen gesenkt.

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Danke für den interessanten Link. Schön, dass sich da noch jemand Gedanken zur Rettung der SPD macht. Ich persönlich habe das schon vor längerer Zeit aufgegeben.



      Klar ist aber auch, dass es eine linke Regierungsperspektive ohne bzw. mit einer derart geschwächten SPD niemals geben wird (die Grünen glaubten ja, die SPD beerben zu können, merken jetzt aber, dass ihre Bäume auch nicht in den Himmel wachsen).



      Aber wissen Sie was? Die Ursachen für den Niedergang der SPD sind vielschichtig und sie liegen weit zurück. Selbst mit besserem Personal und Programmatik stünden die Sozialdemokraten heute auch nur mit 15% da.

      • @Abdurchdiemitte:

        Ursachen für solche schwerwiegende Dinge wie den Niedergang einer Partei wie die SPD sind immer vielschichtig. Aber meinen Sie nicht, dass ein der wichtigsten Ursache darin liegt, dass die SPD unter Schröder den Unternehmern und Wohlhabenden unter Schröder mehr gegeben hat in der Hoffnung, dass dadurch es auch den Arbeitern und abhängig Beschäftigten wieder viel besser geht. Aber dass es im Endeffekt nur den Wohlhabendsten unglaublich viel gebracht (deren Vermögen ist seitdem explodiert), aber die unteren 30-70% haben davon nur wenig gehabt.



        Eine Programmatik, die besagen würde, dass alle von den Wohlstandsgewinnen gleichermaßen profitieren müssen (nicht vor allem die reichsten 1-10%), würde der SPD meiner Meinung nach erheblich mehr Stimmen bringen als 15%.



        Natürlich war das nicht nur Schröder, sondern auch Blair mit New Labour etc. Das war damals Mode, weil es die neoliberale Propaganda allen eingebläut hat, dass Deregulation allen hilft. Aber im Endeffekt hat es vor allem den reichsten geholfen und die anderen mussten die Zeche bezahlen durch immer mehr Staatsverschuldung und dadurch immer schlechtere Bildung, Gesundheitsversorgung , Infrastruktur etc.