Mehrere Personen zeigen ein Victoryzeichen auf einer Demonstration gegen die Coronamaßnahmen.

Foto: Theo Heimann

Ursprünge der Impfskepsis:Eine deutsche Besonderheit

In deutschsprachigen Ländern herrscht Misstrauen gegenüber der Impfung. Das ist auf die Romantik zurückzuführen – aber auch auf Politikversagen.

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20.12.2021, 15:01  Uhr

Ende November schrieb der Verschwörungstheoretiker und AfD-Unterstützer Oliver Ja­nich, was die Notwehr angesichts der drohenden Impfpflicht seiner Meinung nach gebiete: „Jeder Mensch hat das Recht, einen Polizisten über den Haufen zu schießen, der einen zur Zwangsimpfung schleppt.“ Dazu postete er das Foto einer Pistole. Schließlich gehe es hier „um den größten Massenmord in der Geschichte der Menschheit“.

Janichs Telegram-Nachrichten abonnieren 160.000 Menschen, die Coronaproteste haben die Followerzahlen von Hetzern wie ihm explodieren lassen. Trotz der teils enormen Reichweite sind Menschen wie Janich auch unter den „Querdenkern“ eine Minderheit. Doch der Resonanzraum für Impf­angst, die zu befeuern sie sich zum Geschäftsmodell machen, ist groß. Und in deutschsprachigen Ländern ist dieser Raum größer als anderswo.

Beim Impfen stehen diese Länder weit hinten. Unter den 17 westeuropäischen Staaten waren Deutschland, Österreich und die Schweiz am 9. Dezember bei den zweitgeimpften Volljährigen auf den Plätzen 13, 16 und 17. Das Virus breitete sich hier zuletzt aus wie in nur wenigen anderen Regionen der Welt.

Woran liegt das? Gibt es etwas spezifisch Deutsches, das die Angst vor der Spritze erklärt? Als sich im November zeigte, dass die niedrige Impfrate mit einer besonders heftigen vierten Welle einhergeht, schrieb der Spiegel-Journalist Mathieu von Rohr, dies seien die „Spätfolgen der deutschen Romantik: Anthroposophie, Homöopathie, Impfgegnertum“. Eine Hochburg der Schwurbelei also, wo Spitzenforschung und Antirationalismus eng beieinander sind? Oder sind die Gründe banaler? Hat schlechtes politisches Handwerk der Impfkampagne den mageren Erfolg beschert?

Mit dem Falter in Wien und der WOZ in Zürich ist die taz der Frage nachgegangen, ob die Impfskepsis eine Folge der deutschen Geistesgeschichte ist. Die Antworten von Fachleuten aus Geschichtswissenschaft, Soziologie, Gesundheitspsychologie und Demoskopie zeigen: Den einen Grund für Impfskepsis gibt es nicht – ebenso wenig, wie es eine homogene Gruppe von Skep­ti­ke­rn gibt. Nicht alle Anthroposophen sind gegen die Impfung, nicht alle Impfgegner sind Esoteriker oder Rechts­ex­tre­me – auch wenn diese Gruppen die Proteste maßgeblich organisieren. Und: Neben historisch-kulturellen Faktoren sind auch ganz handfeste Gründe für die Impfmisere verantwortlich.

Der Journalist Andreas Speit, der auch für die taz schreibt, hat jüngst das Buch „Verqueres Denken – Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“ herausgebracht. Es trifft einen Nerv: „Ich halte gerade ungefähr einen Vortrag pro Tag.“ Speit pflichtet von Rohrs These bei. Es gebe im deutschsprachigen Raum eine „klare geistesgeschichtliche Linie zwischen der Romantik und der Impfskepsis heute“, sagt er. In der romantischen Literatur sei „das Natürliche unglaublich verklärt und verabsolutiert“ worden. Bei Schiller etwa heißt es: „Selig muß ich ihn preisen, der in der Stille der ländlichen Flur, fern von des Lebens verworrenen Kreisen, kindlich liegt an der Brust der Natur.“ Der Dichter Novalis schrieb: „Der Poet versteht die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf.“

Der Dichter Novalis Foto: imago

Das sind harmlose Sätze, keine Frage. Doch die Romantik habe – anders als in anderen Ländern – im deutschsprachigen Raum politischen Einfluss bekommen, sagt Speit. Sie beförderte eine Mystifizierung der Natur und Respiritualisierung des Denkens, die eine Distanz zur vermeintlich kalten Wissenschaft und sogenannten schulischen Medizin bewirken kann. Diese Position spitzte sich in der modernisierungskritischen Lebensreformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zu. Einer ihrer bekanntesten Vertreter: der österreichische Begründer der Anthroposophie und der Waldorf-Pädagogik, Rudolf Steiner.

Die Lebensreformer sehnten sich nach der Wiederherstellung eines Einklangs mit der Natur. Diese antimoderne Bewegung habe laut Speit „zu Recht die Moderne in ihren Auswüchsen kritisiert. Denn die wirkte sich damals ja tatsächlich dramatisch aus, etwa in Form des Börsencrashs und der Umweltzerstörung“. Doch eine Folge war eine „radikale Abkehr von der Aufklärung“.

Ein Antimodernismus also, für den die Entzweiung von Mensch und Natur nur als Werk eines äußeren Feindes vorstellbar ist. Bis heute werde das Versprechen der Moderne, mit Rationalität und Logik eine bessere Welt aufzubauen, deshalb „von der Rechten bekämpft“, sagt Speit. Sie halte gleichsam an der Vorstellung einer zu verteidigenden ursprünglichen Einheit von Volk und Natur fest.

Wie aber konnten Ideen aus dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart überdauern? Und sind sie mitverantwortlich dafür, dass in Thüringen heute „Gib Gates keine Chance“-Schilder an der Straße stehen, als wollten die Anwohner böse Geister vertreiben?

Die ehemalige Grünen-Politikerin und Soziologin Jutta Ditfurth erforscht die deutschen Esoteriker seit Jahrzehnten. Dass die Romantik hier politisch wirksam werden konnte, habe mit der Abwehr der aus Frankreich kommenden Aufklärung zu tun, sagt sie: „Die Aufklärung kam aus Frankreich und hatte große Mühe in Deutschland.“ Im 19. Jahrhundert sei das Land rückschrittlich und durch die Agrarwirtschaft geprägt gewesen. „Es ist heute schwer vorstellbar, wie sehr deutsche Eliten im ländlichen Raum die Aufklärung und die französische Revolution hassten.“

Jutta Ditfurth, Soziologin

„Die Aufklärung hatte große Mühe in Deutschland“

Zu diesen Eliten zählt auch Ditfurths eigene Verwandtschaft – großgrundbesitzender Adel aus Preußen. „Wenn ich Briefe meiner Verwandten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert lese, dann war ihr Schreckgespenst eine Revolution wie die französische, der Albtraum, als herrschende Klasse zu stürzen“, sagt Ditfurth. Diese Eliten hätten Deutschlands intellektuelle Entwicklung lange aufgehalten, auch wegen ihres Antisemitismus. So sei ein geistiges Klima entstanden, das auch die Wandervogel- und Lebensreformbewegung erfasst habe mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Eugenik, Naturreligiosität, völkischem Denken. Ditfurth sagt, dass Mystizismus, Irrationalismus und Antisemitismus als reaktionären Anteile alternativen Denkens bis heute fortwirken. „Auch so kommt es zur Weitergabe von antisemitischen Bildern, die man tief im Mittelalter vergraben glaubte.“

Auch Speit verweist darauf, dass die Kritiker der Moderne diese schon sehr früh als „jüdisch“ begriffen und sich deshalb auch gegen die moderne, angeblich „jüdische“ Schulmedizin stellten. Der österreichische Publizist Christian Kreil führt den Begriff auf Samuel Hah­ne­mann, den Begründer der Homöopathie, zurück.

Samuel Hahnemann Foto: imago

Die Nazis hatten in der Tat großes, auch wirtschaftlich bedingtes Interesse an Alternativmedizin. Reichsärzteführer Gerhard Wagner betonte 1933 die „Überlegenheit“ der Alternativmedizin gegenüber der „verjudeten Schulmedizin“. Um dieser die Homöopathie entgegenzusetzen, gründeten die Nazis 1935 die „Reichsarbeitsgemeinschaft Neue Deutsche Heilkunde“. Deren Mitglieder waren unter anderem der „Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte“, der „Reichsverband der Naturärzte“ und die „Vereinigung anthroposophischer Ärzte“. 1933 zeigt das NS-Propagandablatt Der Stürmer die Karikatur einer blonden Mutter mit Baby im Arm. Daneben steht ein „naturferner und verirrter Mediziner“ mit einer Spritze in der Hand. Mit der Hakennase des Arztes erfüllt die Karikatur klar antisemitische Klischees. Skeptisch blickt die Mutter auf den Mediziner: „Es ist mir sonderbar zumut, denn Gift und Jud’ tut selten gut.“

Im Zusammenhang mit Impfungen habe der Antisemitismus eine lange Geschichte, sagt der Medizinhistoriker Malte Thießen, der am Institut für Regionalgeschichte Münster und an der Universität Oldenburg forscht. Das Impfen werde teils als „Verschwörung einer Elite“ begriffen, die in den Körper eingreift.

Die bis heute anhaltende Ablehnung der „Schulmedizin“ sei „eine deutsche Besonderheit, die klar auf die Romantik zurückzuführen ist“, sagt An­dreas Speit. Man sehe dies etwa daran, dass es Heilpraktiker als staatlich geregeltes Berufsbild nur in Deutschland (NS-Heilpraktikergesetz von 1939) und Teilen der Schweiz gibt. Die alte Bundesregierung erwog die Abschaffung des Berufs, die Querdenker-Partei „Die Basis“ behauptet, die einzige Partei zu sein, die sich gegen die Abschaffung einsetze. „Die Menschen möchten frei entscheiden, welchen Therapeuten sie aufsuchen. Sie wünschen sich ein Miteinander von traditionellen und konventionellen, schulmedizinischen Therapien“, heißt es auf ihrer Website.

Jutta Ditfurth schrieb 1996 in ihrem Buch „Entspannt in die Barbarei“, die Esoteriker würden „ein Teil der Massenbasis künftiger faschistischer Bewegungen sein“. Damals hätten ihr alle gesagt: „ ‚Übertreib nicht.‘ “ Heute zeige sich die geistige Nähe. Waldorf-Pädagogen treten als Redner auf Querdenker-Demos auf. Der ehemalige Waldorf-Ausbilder Christoph Hueck etwa gilt als Vordenker der Szene. Der Bund der Freien Waldorfschulen allerdings distanziert sich ausdrücklich von ihm. Der Ulmer Waldorf-Lehrer Wilfried Kessler verglich als Demo-Redner Querdenker mit NS-Widerständlern. Anthroposophen seien heute eine „tragende Größe in der Corona-Querfront“, sagt Ditfurth.

Ist also eine jahrhundertealte ideologisch abgedriftete Liebe der Deutschen zum Wald daran schuld, dass heute Mil­lio­nen lieber eine lebensgefährliche Covid-19-Erkrankung riskieren, als sich impfen zu lassen? So einfach sei es natürlich nicht, sagt der Medizinhistoriker Thießen. „Man neigt dazu, in Schwarz-Weiß-Muster zu fallen: Impf­skeptiker werden schnell als rechte Aluhut-Spinner abgetan.“ Es gebe aber noch andere Motive.

Thießen unterscheidet elf Arten von Impfskepsis. Bei Weitem nicht alle ließen sich auf die Romantik zurückführen. Eine Rolle spiele etwa auch die starke liberale Tradition in Deutschland, wegen der in Preußen bis 1874 eine Impfpflicht abgelehnt wurde. „Es geht da auch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: Wer bestimmt über den Körper?“, sagt Thießen.

Die Soziologin Nadine Frei von der Universität Basel hat mit ihrem Kollegen Oliver Nachtwey die Coronaproteste für die Böll-Stiftung untersucht. Frei spricht – ähnlich wie Thießen – von einem „libertären Freiheitsverständnis“ der Impf­geg­ne­r. Dieses hätten solche mit einem anthroposophischen Hintergrund ebenso wie ein bildungsbürgerliches Milieu, in dem Eigenverantwortung und Selbstbestimmung „fast schon absolut gesetzt“ werde.

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An Waldorfschulen würde häufig gar nicht anthroposophisch argumentiert. Stattdessen heiße es: „Der Staat hat hier nichts zu suchen, das ist der Ort, den ich hier gestalte“, sagt Frei. „Das ist auch eine Motivation von Eltern, die ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken: die selbstbestimmte Struktur.“ Die dominierende Einstellung, „der Staat habe einem nichts zu sagen“, könne sich vor allem die Mittelschicht leisten: „Wenn ich schön in meinem Homeoffice sitze und keinem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt bin, ist es schön und gut, wenn ich sage, ich kann mich einfach gesund ernähren und Corona macht mir nichts aus.“ Frei kommt zu dem Schluss, dass die Coronademos in Westdeutschland ein „akademischer Mittelschichtsprotest“ seien – getragen von „anthroposophisch-esoterischer Ablehnung von Impfungen“. Eine „monokausale“ Erklärung gebe es aber nicht.

Zu den Protesten in Ostdeutschland gebe es grundlegende Unterschiede, heißt es in ihrer Studie. Dort seien die Proteste „stärker von der extremen Rechten geprägt und tragen deutlich weniger esoterische und anthroposophische Züge“.

Die AfD habe im Osten die mitunter starke Entfremdung vom politischen System erfolgreich mit einer Impfskepsis verbinden können. „Somit hat sich aus unterschiedlichen soziokulturellen Quellen in Baden-Württemberg und den neuen Bundesländern eine ähnliche Dissidenz gegenüber der Pandemiepolitik herausgebildet.“

Der Medizinhistoriker Thießen nennt die Impfbereitschaft ein „Maß des Vertrauens in den Staat“. Mit dem Impfen lasse sich eine schon bestehende Unzufriedenheit mobilisieren. Die Impf­akzep­tanz in Ostdeutschland sei normalerweise größer – außer eben bei der Corona-Impfung. „Die allgemeine Unzufriedenheit wird hier am Impfen festgemacht“, sagt Thießen.

Ist der Osten also durch die DDR-Geschichte esoterikfrei? Andreas Speit sagt: Nein. „Es gab im Osten sehr wohl auch eine alternative Szene, die in Teilen später eine starke Hinwendung zur Esoterik vollzogen hat.“ Führende Figuren der einstigen Ost-Ökobewegung wie etwa der Autor Michael Beleites finden sich heute im Umfeld des ex­trem rechten Instituts für Staatspolitik in Schnellroda. „Deshalb kann man nicht so ideal­typisch von einer Ost-West-Unterscheidung sprechen“, sagt Speit. Ditfurth sieht das ähnlich: „Die Romantik war im Herzen des staatstragenden Kulturverständnisses in der DDR.“ So sei es nur schlüssig, dass sich ein „extrem rechter schwäbischer Guru“ wie der IfS-Gründer Götz Kubitschek im Osten niederlässt und „eine Geistesgeschichte wiederkäut, die immer schon da war“.

Wie sieht es in den Nachbarstaaten aus? In Österreich demonstrieren seit Wochen trotz explodierender Infektionszahlen Neonazis und Coronagegner; in der Schweiz stimmten zuletzt rund 60 Prozent in einem Referendum für die Beibehaltung eines „Covid-Zertifikats“ als Voraussetzung für den Zugang zu öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Veranstaltungen.

In der Schweiz sei unter den Impfskeptikern „die Esoterik schwächer, aber der Konservatismus stärker“, sagt der Medizinhistoriker und Grünen-Politiker Jo Lang. Ein extremer Individualismus spiele eine große Rolle. Da gibt es Gruppen wie die „Freiheitstrychler“ – eine Art schweizerischer Querdenker, die an apokalyptische Zustände glauben, die nur „ureidgenös­sische“ Gegenwehr verhindern könne. Sie und die ähnlich gesinnten „Freunde der Verfassung“ würden die Schweiz in einem alteidgenössischen Sinn denken, sagt Lang. Sie agierten nicht als Citoyens, die dem Gemeinwesen gegenüber verpflichtet seien. Viele seien „Einzelgänger und Selbstständige“ – und lehnten die Impfung entsprechend ab.

Friedrich Schiller Foto: imago

Der Lausanner Politologe und Föderalismusforscher Sean Müller befindet: „Es ist vor allem die ländliche Deutschschweiz, die sich nicht impfen lässt.“ Wie Lang sieht auch Müller die Gründe dafür in der politischen Kultur: Man wolle sich nicht reinreden lassen, schon gar nicht bei der Gesundheit: „Jeder für sich, sonst die Gemeinde, irgendwann der Kanton, aber sicher nicht der Bund und schon gar nicht die WHO.“

Auch in Österreich hat der Widerstand gegen Impfungen eine lange Tradition. Schon der Tiroler Volksaufstand von 1809 richtete sich auch gegen die von den bayerischen Besatzern eingeführte Pockenimpfung. Die Tiroler fürchteten, dass diese den „Tiroler Seelen bayerisches Denken“ einimpfen solle.

Heute sind esoterische Ideen in Österreich nur ein Faktor unter vielen. Christoph Hofinger ist Gründer des Wiener Sora-­Instituts und einer der führenden Meinungsforscher Österreichs. Er hat die Impfablehnung im Land eingehend untersucht. Diese sei „unter Aka­de­mi­ke­rn nur halb so hoch wie unter der Durchschnittsbevölkerung“, sagt Hofinger. „Natürlich gibt es auch die Gruppe der gebildeten Eso­te­ri­ke­r, die sich nicht impfen lassen wollen.“ Aber das seien vergleichsweise wenige.

Der wichtigste Faktor sei der Zweifel, ob die Impfung wirklich hilft, sagt Hofinger. Diesen Zweifel bestärkten Meldungen, dass auch Geimpfte auf den Intensivstationen liegen. Hinzu komme der Glaube an Verschwörungstheorien. „Für manche Menschen gehört auch die Wissenschaft zu dieser Verschwörung“, sagt Hofinger. Viele seien überzeugt, dass For­sche­r „mit den Eliten gemeinsame Sache machen“. Schließlich sei die Furcht vor Nebenwirkungen verbreitet. 34 Prozent der Nichtgeimpften in Österreich gaben im November 2021 an, auf die Zulassung eines „Totimpfstoffs“ zu warten. „Es ist ein Mix aus Elitenskepsis und der Pseudosicherheit, dass einem selbst schon nichts passieren wird“, sagt Hofinger.

Die Gesundheitspsychologin Nina Knoll von der FU Berlin sagt, dass Ungeimpften mit niedriger Impfbereitschaft vor allem das Vertrauen in die Sicherheit fehlt. Zudem sehen sie eine weniger große Bedrohung durch Corona. „Man müsste Fakten ganz klar und transparent machen, aber auch die Risiken einer Ansteckung mit Covid-19. Und diese Risikoabwägung mit den Menschen gegebenenfalls durcharbeiten.“

Die Impfbereitschaft hängt also von der Güte der Kommunikation der Impfkampagne ab. Bremen bestätigt Knolls Befund: Die Zweitimpfungsquote liegt hier bei 81 Prozent – bundesweite Spitze. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) erklärt dies so: „Wir haben Daten erhoben, wo die Inzidenzen besonders hoch sind: Dort, wo die Arbeits- und Wohnverhältnisse prekärer sind. Und für uns war klar, hier muss man unterstützen, aufklären und Angebote schaffen.“ Dafür habe man mit Menschen zusammengearbeitet, die Kontakte in die Communitys hätten, an Stadtteilprogramme angedockt. „Dieses Vertrauen lässt sich nicht in zwei, drei Tagen herstellen, das muss man langfristig aufbauen. Aber wenn Vertrauen da ist, werden die Angebote auch wahrgenommen“, so Bernhard.

Claudia Bernhard, Bremer Gesundheitssenatorin

„Vertrauen muss man langfristig aufbauen“

In Portugal und Spanien, wo die Impfquote bei fast 100 Prozent liegt, haben die Behörden an Haustüren geklopft, SMS mit einer Impfaufforderung verschickt, die Impfung auch in Zahnarztpraxen oder Supermärkten ermöglicht. „Man hat Solidarität nicht bloß eingefordert, sondern auch erklärt, warum diese wichtig ist“, sagt Suzanne Suggs, Kommunikationswissenschaftlerin in Lugano. Dabei habe sich die lange Tradition „communitybasierter“ Handlungen in diesen Ländern ausgezahlt. In der Schweiz hingegen gelte die Impfung als individueller Entscheid. Auch hätten die Behörden nicht berücksichtigt, dass effektive Kommunikation individuelle Ansprache erfordere. „Wenn man versucht, alle auf die gleiche Weise zu erreichen, erreicht man letztlich niemanden“, sagt Suggs. In der Schweiz werde ab einem gewissen Alter jede Frau zur Krebsvorsorge aufgefordert. Das sei erfolgreich und zeige, dass spezifische Kommunikation funktioniere. „Die Pandemie wurde nicht mit derselben Dringlichkeit behandelt“, glaubt Suggs.

Die Beispiele Bremen sowie Spanien und Portugal zeigen: Neben historischen Faktoren ist die Kampagne entscheidend – und die ließ vielfach zu wünschen übrig. Politische Einstellungen und historische Prägungen lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Die Kommunikationswissenschaftlerin Suggs, die sich seit Jahren mit dem Thema befasst, sagt, man müsse Impf­geg­ne­rn erklären, dass sie zwar auf den Piks verzichten können, dafür aber andere Maßnahmen einhalten müssten. Skep­ti­ke­r gelte es zu überzeugen – und man müsse jenen helfen, die ihre Meinung geändert hätten. „Diese Leute haben Angst, in ihrem Umfeld als Verräter zu gelten.“ Indem man Impfungen an unkonventionellen Orten wie der Post oder dem Friseursalon anbiete, ermögliche man ihnen, sich immunisieren zu lassen, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Dieser Text ist in Kooperation mit dem „Falter“ und der „WOZ“ entstanden.

Mitarbeit: Nina Ho­ra­czek, Anna Jikhareva, Lisa Schneider

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