Anthroposophie in der Kritik: Zu wenig Anschauung

Die Anthroposophie steht zurzeit heftig unter Beschuss. Aber wie überzeugend sind die Argumente ihrer Gegner? Eine kleine Gegenkritik.

Ein Kügelchen auf einem Esslöffel

Globuli: Besteht die Welt aus mehr als stofflichen Wirkungen? Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Für An­thro­po­so­ph*in­nen kommt es im Moment ziemlich dicke. Innerhalb weniger Tage nimmt sie erst Jan Böhmermann aufs Korn (ZDFMagazin Royale) und dann noch Jochen Breyer in einer weiteren ZDF-Produktion: „Anthroposophie – gut oder gefährlich?“ Zeitgleich, wie konzertiert, noch mehrere kritische Internet-Publikationen etwa von Krautreporter.

Die Welt von Waldorf und Demeter – das sei doch „gefühlt irgendwie gut“. So beginnt Breyer, und man hört das Aber schon mit. Denn was er und Böhmermann vor ihrem Publikum ausbreiten, ist eine vermeintlich bizarre Weltanschauung, in der eine Vielzahl geistiger Wesen, sogar Engel, eine Rolle spielen, alles durch und durch unwissenschaftlich und zudem noch von autoritären Leh­re­r*in­nen schulisch praktiziert.

Kann man Schulen auf dieser weltanschaulichen Grundlage überhaupt dulden? Böhmermann, der sich satirisch als Waldorf-Fan inszeniert, wedelt mehrfach mit dem Grundgesetz und versichert: Wenn die Schulen staatlich genehmigt seien, dann müsse ja wohl alles okay sein. Subtext: Man müsste nur mal genauer prüfen, dann fiele das Ergebnis anders aus.

Beginnen wir der Einfachheit halber mit den Engeln. Wenn die ein Genehmigungshindernis wären, müsste man auch eine Debatte über konfessionelle Schulen führen, spielen doch Engel in der Bibel keine geringe Rolle. Und Jesu Auferstehung ist wahrlich kein kleines Wunder und wissenschaftlich nur schwach belegt. Sind diese Widersprüche niemandem in den Redaktionen aufgefallen?

Dass die Leh­re­r*in­nen an den Waldorfschulen eine starke, autonome Stellung haben, ist wahr. Und gewiss kann dies auch autoritäre Blüten treiben (die es indes auch an Staatsschulen gibt, wie ich als deren Absolvent bezeugen kann). Komplett verschwiegen wird in den Sendungen der Hintergrund solcher Besonderheiten. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, war überzeugt, dass Lernen maßgeblich über Beziehung, übers Persönliche gelingt. Daher auch seine unbequeme Forderung ans pädagogische Personal: Jede Erziehung bedeute zunächst einmal „Selbsterziehung“. Und war nicht eben dies das Ergebnis der riesigen Meta-Studie des Bildungsforschers John Hattie, die vor einigen Jahren Furore machte: dass unter allen pädagogischen Faktoren, vom Schulsystem bis zum Lehrplan, der Wichtigste die „Lehrperson“ ist? Steiner, der „Hellseher“, wie ihn Böhmermann und Breyer ständig sarkastisch nennen, wusste das irgendwie schon vor hundert Jahren. Die Fixierung auf „Programme“ hielt er für einen mechanistischen Aberglauben unserer Epoche, das eigentlich Wirksame vollziehe sich immer geistig und individuell.

Können sich Kritiker etwa die Liebe nur rein stofflich, als hormonellen Vorgang vorstellen?

Dann Corona. Mit Recht thematisieren Kritiker und auch die beiden Sendungen die Corona-Konfusion in Teilen der Anthro-Szene. Kaum geringer ist allerdings die eigene intellektuelle Konfusion. Ihm sei, so Böhmermann, der Klassenbrief eines Waldorf-Lehrers zum Thema Impfen „gesteckt“ worden. Darin schreibt der Lehrer: Diese Frage müssten die Eltern entscheiden. Und die Kinder sollten keine Covid-Angst haben, „weil Kinder fast nie ernsthaft krank daran werden“. Wo ist der Skandal? Das sind völlig richtige Aussagen. Sollte er Kinder, die ohnehin einer halb panischen, maskentragenden Erwachsenenwelt ausgesetzt waren, zusätzlich beunruhigen?

Natürlich, es hat Gründe, dass die Anthroposophie vielfach irritierend wirkt. Sie komme, so Steiner, „als ungeladener Gast in das moderne Leben hinein“, versucht sie doch einen neuen Zugang zu Fragen zu finden, die heute fast verstummt sind. Und tatsächlich verficht sie die (über Jahrtausende selbstverständliche) Anschauung, dass es nicht nur materiell fassbare Wirklichkeiten gibt, sondern auch immaterielle, geistige.

Die Unfähigkeit, sich einem solchen Gedanken überhaupt noch ernsthaft zu nähern, lässt sich in Breyers Sendung in mehreren denkwürdigen Szenen beobachten. Etwa als er mit eisiger Miene einen Demeter-Bauern daraufhin befragt, wie er dazu komme, auf seinem Acker außer mit irdischen auch mit kosmischen Einflüssen zu rechnen. Das Verhör endet mit dem Geständnis des Mannes, er gehe eben davon aus, dass die Welt „aus mehr als aus stofflichen Wirkungen besteht“.

Ein Fall von Wahnsinn oder doch eher Ausdruck dessen, was wir im Alltag ständig voraussetzen? Kann sich Breyer etwa die Liebe nur rein stofflich, als hormonellen Vorgang vorstellen? Aber er fährt ungerührt fort: Solch wissenschaftsfeindliche Einstellungen seien eben das Gefährliche an der Anthroposophie.

Weiß er nicht, dass Steiner die moderne Naturwissenschaft für hoch bedeutend hielt? Er war allerdings überzeugt, dass sie quasi nur die Außenseite der Wirklichkeit erfassen kann und durch eine Wissenschaft vom Geistigen zu ergänzen sei. Die werde selbstverständlich andere Methoden haben und nicht jene fingerzeigenden Nachweise bieten können, auf die man heute fixiert ist.

Nichts davon erfährt man in den Sendungen. Nicht deren kritische Grundhaltung ist das Problem. Sehr wohl aber eine Haltung, die nicht den geringsten Versuch unternimmt, Anschauungen, die in der Tat vom heute Üblichen abweichen, wenigstens ansatzweise zu verstehen. Aber vielleicht ist die Oberflächlichkeit auch kein Zufall.

Jan Böhmermann weist am Ende seiner Sendung auch auf die Website von Krautreporter und deren Artikel hin. Deren Waldorf-Autor hat inzwischen eingeräumt, dass er nie eine solche Schule von innen gesehen hat. Ein sehr eigenes Verständnis von Reportage also. Nicht so viel besser steht es bei dem Anti-Anthroposophie-Blogger Rautenberg, der in den Sendungen viel zitiert wird. Er soll Steiner auch in entstellender Form zitiert haben.

Eigentlich möchte man über all das nur sagen: traurig. Aber weil es so großspurig auftritt, passt doch besser: dreist und am Ende unseriös.

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